Die Tragödie auf Schloss Kleppelsdorf am 14. Februar 1921

 

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Dorothea Rohrbeck, Besitzerin von Schloss Kleppelsdorf,

ermordet am 14. Februar 1921 im Alter von 16 Jahren

 

 

 

Das Geschehen auf Schloss Kleppelsdorf am 14. Februar 1921 ist so interessant, spannend und verworren wie nur wenige Kriminalfälle; es hat mich - vor allem durch die vielen Verstrickungen und merkwürdigen Begebenheiten im Vorfeld des Verbrechens - in seinen Bann gezogen. Was damals wirklich geschehen ist, wird nicht mehr herauszufinden sein, aber trotzdem - oder gerade deshalb - ist es mir ein Bedürfnis, möglichst viele Informationen zusammenzutragen.

 

Dieses sind Berichterstattungen aus „Der Bote aus dem Riesengebirge“, „Neuer Görlitzer Anzeiger“, „Berliner Morgenpost“, „Berliner Illustrirte Zeitung“, „Schlesische Zeitung“,  „Hamburger Nachrichten“, „Hamburger Anzeiger“, „Norddeutsche Nachrichten“, „Hannoverscher Kurier“ und „Vossische Zeitung“. Dadurch sind viele Einzelheiten mehrfach wiedergegeben, aber auch einige Fakten leicht verwirrend, weil es wohl keinem Berichterstatter möglich war, diese Angelegenheit absolut objektiv zu betrachten und mal die eine, mal die andere Tatsache in den Vordergrund gestellt bzw. als unrelevant weggelassen wurde. Auch die Gesamtdarstellung des Journalisten und Schriftstellers Hans Habe ist unter ganz bestimmten Gesichtspunkten ausgearbeitet worden und lässt an manchen Stellen die aus den Berichterstattungen der Zeitungen zu entnehmenden Fakten vermissen. Immerhin hinterlässt er uns die Angabe, er habe - wahrscheinlich Anfang der 1960er Jahre - die Akten des Kleppelsdorfer Prozesses eingesehen.

 

Dagegen ist der Artikel „Einige Betrachtungen zum Kleppelsdorfer Mordprozeß“ in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft“ vom Geh. Sanitätsrat Dr. Moll, der der Verhandlung als Sachverständiger beiwohnte, umso wichtiger, weil hier Details aus den Verhandlungen zum Sittlichkeitsverbrechen genannt sind; dieser Teil des Prozesses wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt und andernorts finden sich keine Fakten zu diesen Vorgängen.

 

Neben der weiteren Zeitungssuche zielt mein Hauptaugenmerk nun auf die Suche nach den Original-Akten; aber auch die Beschäftigung mit der von der Altonaer Staatsanwaltschaft eingeleitete Untersuchung nach der verschwundenen Gertrud Grupen ist im Gesamtumfang gesehen noch eine wichtige Aufgabe.

 

Zusammenstellung der Familienverhältnisse

Quellennachweis

 

 

 

 

Der Bote aus dem Riesengebirge     

 

Die Berichterstattung des „Boten“ ist auch in Buchform erschienen, interessant daran sind in erster Linie die Zeichnungen:

 

 

Bote_Buch_1922_Titel

         Titelseite

 

 

 

 

 

 

Bote_Buch_1922_Z17             Bote_Buch_1922_Z29

                     Seite 17                                                                  Seite 29

 

 

 

 

 

 

Bote_Buch_1922_Z21

Seite 21         

 

 


 

Mittwoch, 16. Februar 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“, S. 4-5

Schrecklicher Doppelmord in Kleppelsdorf bei Lähn

Zwei junge Mädchen ermordet!

Der Schauplatz eines furchtbaren Verbrechens, das in seinen Einzelheiten noch nicht völlig aufgeklärt ist und dem zwei junge Mädchen zum Opfer fielen, wurde Montag am hellen Mittag das dicht an Lähn anstoßende Schloß Kleppelsdorf. In einem an das allgemeine Eßzimmer anstoßende Zimmer fand man um 12 ½ Uhr mittags die 16 Jahre alte Dorothea Rohrbeck, die Besitzerin und alleinige Herrin des Rittergutes Kleppelsdorf, durch mehrere Revolverschüsse in Hals und Brust getötet, neben einem Tische zusammengekauert auf der Diele vor. In ähnlicher Stellung etwas entfernt von ihr wurde die zwölfjährige Kusine der Rohrbeck Ursula Schade aus Berlin, die zu Besuch dort weilte, mit einer Schusswunde über dem rechten Auge aufgefunden. Die kleine Schade lebte zwar noch, ist aber zwei Stunden darauf gestorben, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. In ihren Kleidern befand sich ein Brief an ihre Großmutter, die vor einigen Tagen dort weilte, und in diesem Briefe teilt sie mit, daß sie zuerst ihre Kusine und dann sich selbst erschossen habe. Ueber weitere Einzelheiten des Briefes zu berichten, müssen wir uns im Interesse der Untersuchung versagen.

 

Am Tatort erschien sofort Sanitätsrat Dr. Scholz, der sich um die Schwerverletzte bemühte, sowie eine Gerichtskommission, die aus verschiedenen Umständen schloß, daß ein Mord und Selbstmord der kleinen Schade unwahrscheinlich sei. Fräulein Rohrbeck, die Vollwaise ist und der außer Kleppelsdorf auch noch Gießhübel und ein Gut in Kuttenberg gehören, war gegen 12 Uhr noch in Lähn. Als sie nach Hause kam, gesellte sich die kleine Schade zu ihr, und beide gingen in das oben bezeichnete Zimmer. Die Hausdame von Fräulein Rohrbeck, Frau Zahn, wünschte von Fräulein R. eine Auskunft und wollte sie durch das Dienstmädchen zu sich bitten lassen. Das Mädchen fand die beiden in der geschilderten Weise auf. Im Zimmer lag ein noch gesicherter Damenrevolver. Gleichzeitig mit der Ursula Schade und deren neunjähriger Schwester befand sich deren Stiefvater, ein Herr Peter Grupen aus Berlin, also ein Onkel der Rohrbeck, seit einigen Tagen auf dem Schlosse. Unter dem dringenden Verdacht, mit dem Morde in Verbindung zu stehen, wurde Grupen Dienstag früh verhaftet. Am Vormittag weilte abermals eine Gerichtskommission mit Staatsanwaltschaftsrat Mertens und Amtsgerichtsrat Thomas aus Hirschberg und dem Kreisarzt Dr. Petersen aus Löwenberg auf dem Schlosse, wo an Ort und Stelle Vernehmungen stattfanden.

 

Die auf so schreckliche Weise um ihr junges Leben gebrachte Dorothea Rohrbeck war ein hübsches, lebenslustiges Mädchen und erfreute sich in Kleppelsdorf und Lähn großer Beliebtheit. Sie soll von ihren Verwandten ziemlich knapp gehalten worden sein. Der Vater ist zu Anfang des Krieges gestorben, während sie ihre Mutter schon einige Jahre früher verloren hatte. Verwalter des Gutes ist Direktor Bauer. In Lähn herrscht natürlich über den Vorgang helle Aufregung, und als der verhaftete Grupen heute zum Verhör gebracht wurde, nahm auf der Goldberger Straße eine Menschenmenge eine ziemlich drohende Haltung gegen ihn ein. Nähere Mitteilungen folgen.

 

 

 

Donnerstag, 17. Februar 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“, S. 4

Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf

bildet das Tagesgespräch in der ganzen Gegend. Noch ist nicht festgestellt, ob es sich um Mord oder Selbstmord der beiden Mädchen handelt, worauf der Brief, den man in der Tasche der Ursula Schade fand, hinzudeuten scheint, oder ob ein Verbrechen von dritter Hand vorliegt, wofür allerdings die Wahrscheinlichkeit spricht. An sich sind Kinderselbstmorde ja heute leider keine allzu große Seltenheit mehr, aber sie sind doch stets befremdlich, und besonders in diesem Falle fehlen alle inneren Beweggründe. Die Großmutter der Ursula Schade, an die der Brief gerichtet war, befindet sich übrigens nicht in Berlin, sondern ebenfalls auf dem Gute. Die bei den beiden Ermordeten vorgefundene Waffe ist ein Browning, Kaliber 6,35.

 

Die Verhaftung des Stiefvaters der Ursula Schade, Peter Grupen, bleibt aufrecht erhalten. Ein ungünstiges Geschick scheint über der Familie zu hängen. Der Vater der Schade, der Apotheker war, soll seinerzeit auf der Jagd zu Tode verunglückt sein, wie es heißt, unter Umständen, die noch der völligen Aufklärung bedürfen. Die Mutter soll sich von den Kindern und ihrem zweiten Manne getrennt haben und jetzt in Amerika leben, doch ist es schwer, über alle diese Punkte Gewißheit zu erlangen, da in Berlin vorläufig darüber, wie auch über den hier unter dem Namen Peter Grupen bekannten Mann nichts bekannt zu sein scheint. Man hat den Eindruck, als eröffnete sich hier ein sehr interessantes Feld für einen erstklassigen Detektiv.

 

Klarer liegen die Verhältnisse im Rohrbeckschen Hause. Der Verstorbene Rohrbeck stammte aus Tempelhof und war einer jener Millionenbauern, die vor etwa 30 Jahren bei dem Verkauf von Grund und Boden bei der Ausbreitung Berlins so riesige Gewinne machten. Vor seinem Tode übergab er die Erziehung seiner Tochter Dorothea dem bereits genannten Fräulein Zahn, die in Kleppelsdorf und Umgebung allgemeine Wertschätzung genießt. Vormund des jungen Mädchens war ein Herr Philipp in Berlin, Gegenvormund Direktor Bauer - Kleppelsdorf. Das Gut Kleppelsdorf hatte mit den Vorwerken Gießhübel und Kuttenberg einen Umfang von 315,7 Hektar, wovon 129,1 Hektar Forst sind. Doch soll, wie schon angedeutet, die ermordete Gutsherrin von ihrem schönen Besitz bisher nicht allzu viel Genuß gehabt haben.

 

 

 

Freitag, 18. Februar 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“, S. 4

Zu dem Kleppelsdorfer Doppelmord

kann vorläufig im Wesentlichen nichts Neues berichtet werden. Verschiedene neue Momente haben sich bei der Untersuchung des Falles ergeben, doch erscheint es nicht angebracht, hiervon heute bereits etwas verlauten zu lassen. Der verhaftete Peter Grupen bleibt verhaftet, da er dauernd verdächtig erscheint. Ueber seiner Persönlichkeit schwebt ein gewisses Dunkel. Die Annahme eines Mordes und Selbstmordes durch die kleine Schade erscheint nicht mehr haltbar. Diese soll an ihrem Stiefvater mit großer Liebe gehangen haben. Der Verhaftete wird von der Verwandtschaft als ruhiger, stiller Mensch geschildert, dem man eine derartige Tat kaum zutrauen solle. Wie groß das Rohrbecker Vermögen ist, geht schon daraus hervor, daß die getötete Dorothea Rohrbeck mehrere hunderttausend Mark als Reichsnotopfer hat zahlen müssen. - In einem Berliner Blatte wird Grupen als Grundstücksspekulant bezeichnet, der aus Berlin-Tempelhof stammte und in Berlin viel Geld durch Grundstücksspekulationen verdient habe. Es scheint aber, als liege hier eine Verwechslung mit dem verstorbenen Rohrbeck vor. Seine Ehe mit Frau Schade soll auch seine zweite Ehe gewesen sein.

 

 

 

Sonnabend, 19. Februar 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“, S. 4-5

Zum Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf

Die Sezierung fand am Donnerstag auf Schloß Kleppelsdorf statt. Sie wurde von den beiden Kreisärzten Medizinalrat Dr. Scholz - Hirschberg und Dr. Petersen - Löwenberg im Beisein einer Gerichtskommission vorgenommen. Durch Photograph Blume - Hirschberg wurden die Leichen photographiert. Die Sezierung dauerte von 11 Uhr vormittags bis abends 7 Uhr. bei der Rohrbeck war ein Schuß von der Seite durch den Hals in den Kopf eingedrungen. Dieser Schuß muß den sofortigen Tod herbeigeführt haben. Ein zweiter Schuß saß in der Hüfte. Bei der Schade war die Kugel über dem rechten Auge in den Kopf gedrungen. Die Sezierung ergab weiter, daß die bekanntlich erst zwölfjährige Schade einmal einer Quecksilberkur(*) unterworfen gewesen ist. Die Leiche der Rohrbeck wurde von der Gerichtskommission freigegeben. Die Beerdigung wird am Sonnabend in Kleppelsdorf stattfinden, nachdem den Gutsbewohnern Gelegenheit gegeben worden ist, von der allgemein beliebten Schloßherrin Abschied zu nehmen.

 

Die Erregung unter der Bevölkerung über die furchtbare Tat ist sehr groß. Als abends der Wagen mit den Aerzten zum Bahnhofe fuhr, wäre er beinahe von einer erregten Menschenmenge, die eine drohende Haltung einnahm, angehalten worden. Man glaubte, daß mit dem Wagen die Großmutter der ermordeten Gutsbesitzerin, gegen die sich auch eine starke Missstimmung richtet, abfahren wollte. Erst als man sah, daß in dem Wagen die Aerzte saßen, ließ man ihn unbehelligt weiterfahren. Es bestätigt sich übrigens, daß die Dorothea Rohrbeck auf dem Gute sehr kurz gehalten wurde. Sie mußte sich oft von den Nachbarn Milch und Körner borgen, um auskommen zu können.

 

Neuerdings scheinen folgende Tatsachen vorzuliegen: Der verhaftete Peter Grupen, der 26 Jahre alt ist, stammt aus Oldenbüttel bei Itzehoe, wo auch seit einiger Zeit die Großmutter, Frau Eckhardt, mit den beiden jungen Mädchen Schade wohnte. Frau Eckhardt ist Mutter der Frau Grupen, verwitweten Schade und der verstorbenen Frau Rohrbeck. Grupen scheint von seinem Architektenberuf nicht viel gehabt zu haben, sondern hat sich durch Schiebergeschäfte mit Mühe über Wasser gehalten. Um so weniger wäre es zu verstehen, daß er sich die Last der Erhaltung der Großmutter und der beiden Stieftöchter aufgebürdet hat, wenn man nicht annehmen müßte, daß er sie in seiner Nähe behalten wollte, um seinen Einfluß auf sie geltend zu machen. Diesen Einfluß hat er in anderer Weise auch auf die Dorothea Rohrbeck ausüben wollen, indem er sie mit Heiratsanträgen verfolgte. Sie hat aber den Zudringlichen, der übrigens im Kriege einen Arm verloren hat, stets abgewiesen. Die sämtlichen Verwandten waren etwa acht Tage vor dem Morde zu Besuch nach Schloß Kleppelsdorf gekommen. Es ist anzunehmen, daß Grupen hier zum Ziele kommen wollte. Zunächst sei noch erwähnt, daß auch ein Verdacht hinsichtlich seiner zweiten Frau, der Witwe des Berliner Apothekersohnes Schade, auf ihm lastet. Man nimmt nämlich an, daß diese Frau sich gar nicht in Amerika, sondern in irgendeinem Sanatorium befindet, das man jetzt ausfindig zu machen sucht. Eine Flasche Kognak, welche von Grupen der Rohrbeck geschenkt worden ist, ist aufgefunden worden, und der Inhalt soll vergiftet sein, doch steht das noch nicht sicher fest.

 

Was nun die eigentliche Tat betrifft, so behaupten Berliner Blätter, daß Grupen die beiden Morde selbst nicht ausgeführt habe. Es ist aber sein Revolver, mit dem die Tat ausgeführt wurde. Die Berliner Blätter behaupten nun wieder, daß die zwölfjährige Ursula Schade unter hypnotischem Zwange die Waffe auf die Rohrbeck und dann auf sich selbst abgedrückt habe. Neuerdings neigt man aber der Annahme zu, daß hypnotische Momente wohl in die Angelegenheit hineinspielen, jedoch nach einer anderen Richtung hin. Grupen hat die Dienstboten, die sich in der Nähe des Mordzimmers aufhielten, kurz vor dem kritischen Augenblick weggeschickt, so daß niemand die drei Schüsse hören konnte, und man nimmt an, daß er der Täter ist, besonders bei der Sicherheit, mit der die Schüsse ihr Ziel trafen. Der Brief, der sich bei Ursula Schade fand, und der an die Großmutter Eckhardt gerichtet war, ist möglicherweise unter hypnotischem Einfluß geschrieben worden, denn die Ursula Schade hatte im übrigen ganz andere Gedanken im Kopfe, wie die Tatsache beweist, daß sie kurz vor der Tat zu einem Gutsangestellten von einem für die nächsten Tage geplanten Ausfluge gesprochen hat. Die hinzugezogenen Sachverständigen für Hypnose und Telepathie werden gewiß Näheres auf diesem Gebiete ausfindig machen. Der Charakter Grupens bedarf noch der näheren Erklärung. Er ist kein ruhiger, besonnener Mensch, wie wir gestern berichteten, sondern ein sehr aufgeregter Herr. Eine Haussuchung, die inzwischen in seiner Wohnung in Oldenbüttel vorgenommen worden ist, hat weiteres Material ergeben. Grupen soll schon mehrfach mit den Gerichten zu tun gehabt haben, worüber noch Feststellungen schweben. während er sich in den letzten Tagen auf dem Schloße Kleppelsdorf aufhielt, hat er sich so zurückgezogen, daß ihn die Gutsarbeiter gar nicht zu Gesicht bekommen haben. Ein neues Moment in der ganzen Angelegenheit ist vielleicht von der Persönlichkeit des Vormundes der beiden Mädchen zu erwarten, der noch von der Staatsanwaltschaft gesucht wird, weil bei Grupen Briefe aufgefunden worden sein sollen, die den Vormund schwer belasten.

 

Es sind in den beiden letzten Tagen Gerüchte verbreitet gewesen, welche auch den Gutsdirektor Bauer belasten, dessen Abwesenheit von Kleppelsdorf am Donnerstag man als verdachterregend auffasste. Diese Annahme dürfte haltlos sein, weil Bauer sich als Zeuge zu einem Gerichtsprozeß nach Hirschberg begeben mußte, welcher mit einem Viehdiebstahl auf dem Gute, der vor einige Wochen verübt worden ist, zusammenhängt (man vergleiche hiermit den heutigen Schwurgerichtsbericht). Bauer soll im Gegenteil von dem Verbrechen aufs schwerste erschüttert sein.

 

(*) Anmerkung: die Quecksilberkur wurde gegen Syphilis angewendet!

 

 

 

Dienstag, 22. Februar 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“, S. 5-6

Die erste Leichenfeier im Schloß Kleppelsdorf

Am Sonnabend Nachmittag wurde nun das erste Opfer der ruchlosen Mordtat, die zwölfjährige Ursula Schade, beerdigt. Zu der Trauerfeier, die im Schloß stattfand, hatten sich u. a. auch die Großmutter der Ermordeten, Frau Apotheker Schade - Berlin, sowie der Bruder des früheren Besitzers Rohrbeck, der auf Jagdschloß Hubertus in Zielenzig in der Mark wohnt, eingefunden; ferner nahmen daran teil der Vormund der Dorothea Rohrbeck, Hauptmann Vielhaak, sowie der Gegenvormund, Direktor Bauer. Bei dieser Gelegenheit möchten wir hervorheben, daß ersterer entgegen anders lautenden Mitteilungen, nicht geflüchtet war und auch nicht von der Staatsanwaltschaft besucht worden ist. Er hatte früher ein Gut bei Cottbus und wohnt jetzt in Charlottenburg.

 

Die Trauerfeier begann mit einem von den Schulkindern gesungenen Choral, worauf Superintendent Buschbeck die Trauerrede hielt unter Zugrundelegung von Epheser 3, Vers 14: „Derhalben beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesu Christi, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder besitzet im Himmel und auf Erden.“ Er erwähnte dabei, wie die Kleine sich auf Kinderart auf die Reise gefreut hatte, und wie es doch so ganz anders kommen sollte. Es graut jedem, wenn er das Entsetzliche hört, was die Kleine hier hat erdulden müssen. Mit dem Liede: „In meines Jesu Armen, da ruht es sich so gut.“ schloß die Feier. Dann setzte sich der Trauerzug in Bewegung nach dem Kirchhofe in Lähn. Hier wurde das unglückliche Kind in der üblichen Weise beigesetzt. Die Beteiligung am Zuge war nicht übermäßig stark, und auch auf dem Friedhofe selbst hatten sich nicht allzu viele Leute eingefunden, was erklärlich ist, da die kleine Schade ja fast niemand gekannt hat.

 

Umso stärker war der Andrang nach dem Schlosse, als gegen 5 Uhr bekannt wurde, daß die aufgebahrte Leiche der Dorothea Rohrbeck besichtigt werden dürfe. In Scharen kamen die Bewohner von Kleppelsdorf und Lähn, um ihre „liebe Dörthe“, wie die junge Schloßherrin von jedermann genannt wurde, noch einmal zu sehen, die wegen ihres Reichtums, von dem sie nicht einmal allzu viel gehabt hat, aus schnöder Habsucht unter Mörderhand ihr Leben hatte aushauchen müssen. In einem weißseidenen Kleide, das sie sich immer einmal gewünscht, wenn sie Braut sein sollte, lag sie im Sarge; das Gesicht wie im friedlichen Schlummer, wenn auch um Jahre gealtert. Wohl die Augen jedes, der an ihrem Sarge stand, feuchteten sich, hatten sie doch alle gekannt mit ihrem sonnigen Wesen, das einfache, schlichte Mädchen, das keinen Hochmut kannte. Ihre Beisetzung erfolgt am Montag Nachmittag.

 

Der verhaftete Grupen war im letzten Sommer mehrere Male auf Schloß Kleppelsdorf, immer ohne Frau, so daß diese also schon damals verschwunden gewesen sein dürfte. Von den Dienstboten, gegen die er übrigens mit Trinkgeldern nicht geizte, hätte ihm damals eine solche Tat niemand zugetraut.

 

Eine starke Erregung herrscht in Lähn und der ganzen Umgegend gegen die Vormünder der Dorothea Rohrbeck, die ihr Mündel so knapp gehalten haben sollen. Man spricht allgemein in der Bahn, in den Gasthäusern, in Geschäften und auf der Straße fast nur von dieser Angelegenheit und erzählt hunderterlei Geschichten, von denen wir hier keine wiedergeben wollen, da man bei solchen Sachen ja nie weiß, was Wahrheit und Dichtung, was Tatsachen und was Uebertreibungen sind. So viel aber steht fest, daß diese allgemeine Erregung besteht. Von einer Beteiligung oder auch nur einer Beziehung der Vormünder zur Mordsache spricht kein Mensch. Man ist aber allgemein der Meinung, daß, selbst wenn durch Testament bestimmt gewesen sein sollte, Dorothea Rohrbeck in einfacher, schlichter Weise erzogen werden sollte, es so nicht zu sein brauchte, wie es gewesen sein soll, umsomehr, als heute der Wert des Geldes doch ein ganz anderer ist, als zu der Zeit, wo das Testament verfaßt wurde.

 

 

 

Mittwoch, 23. Februar 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“, S. 4

Die Beisetzung der Dorothea Rohrbeck

Lähn, 20. Februar

Auch das zweite Opfer des grausigen Verbrechens in Schloß Kleppelsdorf, Dorothea Rohrbeck, die 16jährige Besitzerin des Rittergutes, bestattete man heute zur ewigen Ruhe. Ganz Lähn war auf den Beinen, und zu Wagen, zu Fuß und mit der Bahn waren Viele aus der Umgegend gekommen, um dem armen Kinde, dem ein so schlimmes Ende bestimmt war, das letzte Geleit zu geben. Wohl in den weitaus meisten Fällen nicht aus müßiger Neugierde, sondern aus wirklicher Teilnahme, denn die „Dörthe vom Schloß“ hatte es verstanden, sich die Liebe aller zu erringen. Durch den frühen Heimgang ihrer Eltern - ihre Mutter, die ein Vierteljahr nach der Entbindung starb, hat sie überhaupt nicht gekannt -, hat sie den Ernst des Lebens schon zeitig kennen gelernt, und hat vielen Gutes und Liebes erwiesen, obwohl ihr trotz ihres Reichtums große Mittel nicht zur Verfügung standen.

 

Auf dem Schloßhofe, der zum Teil ebenso wie der Verbindungsweg von der Chaussee nach dem Gute frisch betieft und mit Tannengrün belegt war, hatten sich schon lange vor der Trauerfeier viele Leute eingefunden, und bereitwilligst wurde dem Wunsche, die Tote noch einmal zu sehen, stattgegeben, soweit dies den Umständen nach möglich war. Die um 3 Uhr im Schlosse mit dem Liede „Unter allen Wipfeln ist Ruh“ beginnende Trauerfeier gestaltete sich sehr kurz. Superintendent Buschbeck sprach ein Gebet und dankte der Verstorbenen noch einmal für all das, was sie trotz ihrer Jugend an Vielen Gutes getan. In einem eichenen Sarge fuhr man sie dann unter den Klängen von „Jesus meine Zuversicht“ von ihrer Besitzung fort. Ein endlos langer Trauerzug folgte und unterwegs schlossen sich noch viele an, so daß man den Zug wohl auf 700 bis 800 Teilnehmer schätzen konnte. Auf dem Friedhofe wurde Dorothea Rohrbeck dann neben ihrer Kusine, der am Sonnabend beerdigten Ursula Schade, beigesetzt. Superintendent Buschbeck hielt die Trauerrede über das Bibelwort: „So ich im Finstern sitze, so ist doch der Herr bei mir.“ Tiefes Dunkel, so hob er dann hervor, hat seit acht Tagen über den Verwandten im Schlosse gelegen, wo es doch hätte so hell sein können, denn die Besitzerin, ein junges, frohes Menschenkind mit heiterem Sinn und sonnigen Wesen, hätte Licht und Helle dorthin verpflanzt, wenn sie nicht vorzeitig die Hand des Mörders getroffen hätte. Er streifte dann kurz den Werdegang der Verstorbenen, bis zu ihrer vor einem Jahr erfolgten Konfirmation. Welche Pläne mögen das Herz des jungen, von allen geliebten Mädchens bewegt haben, wie man sie sich schon im Geiste als Haus- und Gutsfrau gesehen und den Zeitpunkt herbeigesehnt haben, wo sie auf ihrem Gute nach Belieben Schalten und Walten konnte. Und nun ist es ganz anders gekommen. Die weiteren Beisetzungsfeierlichkeiten waren die üblichen und mit den Klängen „ich bete an die Macht der Liebe“ fand die Feier ihren Abschluß, die durch keinerlei Zwischenfall gestört wurde. Lange verweilten die Teilnehmer noch am Grabe der Toten, und erst nach geraumer Zeit leerte sich der Gottesacker.

 

Leider kommt zu dem furchtbaren Drama auf Schloß Kleppelsdorf in diesem Augenblick noch ein neuer Todesfall. Ein Vetter der Dorothea Rohrbeck, ein Herr Pingel, hat sich erschossen. Der 29jährige P., der sich in Folge einer Verschüttung im Krieg ein schweres Leiden zugezogen hat und seitdem sehr zum Schwermut neigte, hat, offenbar infolge der Aufregungen der letzten Tage, Hand an sich gelegt. Der Vater des P., ein Schwager des verstorbenen Rohrbeck, nahm an der Beerdigung teil und erhielt dabei die traurige Nachricht. Er besitzt in der Nähe von Hannover ein größeres Waldgut.

 

Nach einem am Beerdigungstage in Lähn aufgetretenen Gerücht soll bei Itzehoe eine weibliche Leiche angeschwemmt worden sein, die man für die der Frau Grupen hält. Ob an dem Gerücht etwas Wahres ist, konnte bisher nicht festgestellt werden. An amtlichen Stellen ist jedenfalls davon nichts bekannt. - Der Vater der 12jährigen Ursula Schade ist, wie bereits berichtet, vor acht Jahren auf tragische Weise ums Leben gekommen. Er war der frühere Besitzer der Löwenapotheke in Perleberg. Schade verunglückte, wie es damals hieß, auf der Jagd dadurch, daß sich beim Besteigen des Wagens das ungesicherte Gewehr entlud und ihn tödlich verletzte. Er befand sich an einem Herbsttage in der Umgebung von Perleberg vollkommen allein in einem Jagdrevier, das einem ihm eng befreundeten dortigen Fabrikbesitzer gehörte. Man fand Schade seinerzeit verblutet in seinem Jagdwagen vor. An den Vorfall knüpften sich in Perleberg allerlei unkontrollierbare Gerüchte, aber das Gericht stellte einen Unglücksfall fest. Frau Schade verpachtete zunächst die Apotheke, verkaufte sie aber später und verließ mit ihren beiden Kindern Perleberg. Sie führte dann ein ziemlich unstetes Leben und heiratete schließlich den Grupen in Oldenbüttel bei Itzehoe. Im Herbst vorigen Jahres verlautete dann in bekannten Kreisen, sie hätte ihre Familie im Stich gelassen und sei mit einem anderen Mann nach Amerika gegangen.

 

 

 

Freitag, 25. Februar 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“,

Zum Kleppelsdorfer Doppelmord

Im Schaukasten der Firma von Bosch am Boten sind Bilder der beiden ermordeten Mädchen Rohrbeck und Schade, sowie des verstorbenen Vaters der Rohrbeck, die seinerzeit von Herrn Photograph Blume aufgenommen worden sind, ausgestellt.

 

 

 

Sonnabend, 26. Februar 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“, S. 4

Dorothea Rohrbeck hat auch im Grabe keine Ruhe!

Raub an der Leiche?

Ein neues Verbrechen ist im Anschluß an den Kleppelsdorfer Doppelmord verübt worden. Als am Freitag Nachmittag ein Steinmetz auf dem Friedhofe in Lähn erschien, um am Grabe der Dorothea Rohrbeck Maß für eine Steineinfassung zu nehmen, fand er die Kränze von dem Grabe entfernt. Am Kopfende bemerkte er einen Schacht, durch den man das Sargkissen erblickte. Auch wurde festgestellt, daß das Kruzifix auf dem Sarge zertrümmert ist. Neben dem Grabe lag ein Stück Holz von dem Sarge. Wie weiter festgestellt wurde, war das Leichenhaus erbrochen und Spaten und sonstiges Handwerkszeug daraus gestohlen, das jedenfalls zum Oeffnen des Grabes benutzt worden ist. Ob und was von der Leiche geraubt worden ist, konnte bisher noch nicht festgestellt werden, da man das Grab bis zum Eintreffen eines Polizeihundes in unverändertem Zustande belassen wollte. So läßt sich noch nicht sagen, ob die Grabschändung irgendwie mit der Mordtat in Zusammenhang steht, oder ob sie etwa auf irgend einem törichten Aberglauben beruht. Der Friedhof ist abgesperrt.

 

 

 

Sonntag, 27. Februar 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“, S. 4-5

Zur Leichenschändung in Lähn

Ueber das bereits gestern mitgeteilte neue Verbrechen in Lähn ist heut zu melden, daß die Leiche der Dorothea Rohrbeck tatsächlich in schändlicher Weise beraubt worden ist. Bei Oeffnung des von dem Täter nur wenig zugeschaufelten Grabes fand man, daß in den Sargdeckel gewaltsam eine größere Oeffnung gemacht worden ist, die mit einem Kissen zugedeckt war, das man von außen durch das Loch im Grabe sehen konnte. Beim vollständigen Oeffnen des Sargdeckels sah man, daß der oder die Täter der Leiche das seidene Kleid mit Schärpe ausgezogen und die Spitzen des Unterrockes abgetrennt hatten; ferner ist ein zweites Kissen geraubt worden. Jedenfalls sind die Verbrecher beim Zuschaufeln des Grabes gestört worden und haben dabei die Flucht ergriffen, ehe sie alles wieder in den früheren Zustand versetzen konnten.

 

Die Leiche wurde später wieder neu bekleidet und dann zum zweiten Male der Erde übergeben, in der sie nun hoffentlich Ruhe finden wird. Der herbeigeholte Polizeihund konnte leider nicht mehr in der gewünschten Weise arbeiten, da, wie das bei solchen Gelegenheiten ja meist der Fall ist, die Umgebung des Tatortes zu viel belaufen worden war. Anzunehmen ist, daß der Täter die Zugangswege zum Friedhof vermieden hat und durch das Gehölz dorthin gekommen ist, von der Promenade oder dem Sanatorium her, denn man fand nach der Promenade zu ein Stück der geraubten Spitze. Durch den Hund wurden mehrere Spuren verfolgt, verschiedene Stellen markiert und schließlich die Spur auch noch auf ein anderes Verbrechen gelenkt. Der Täter hatte, jedenfalls vor der Beraubung der Rohrbeckschen Leiche, auch die Gruft der Rentner Seifertschen Eheleute erbrochen und dort die Särge revidiert, die verstellt waren: auch lagen einige Sargschrauben neben den Särgen. Geraubt wurde aber nichts. Gegen 2 Uhr nachmittags traf eine Gerichtskommission aus Hirschberg ein. Die Vernehmungen dauerten bis abends 9 Uhr. Wie verlautet, soll man dem Täter bereits auf der Spur sein.

 

 

 

Dienstag, 08. März 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Zum Kleppelsdorfer Doppelmord

und seiner Vorgeschichte wird uns aus Itzehoe gemeldet, daß die Leiche der Frau Grupen verw. Schade bisher noch nicht gefunden worden ist. Anders lautende Meldungen haben sich als unwahr erwiesen.

 

Ueber die Persönlichkeit des verhafteten Grupen schreibt der in Itzehoe erscheinende „Nord. Kurier“: Von Itzehoer Geschäftsleuten, mit denen Grupen oft in Verbindung standen, erfahren wir, daß er hier mehrmals als Architekt auftrat, während er in Wirklichkeit nur ein besserer Maurerpolier war. Er soll längere Zeit hindurch mit seinem Bruder in Hamburg ein Baugeschäft betrieben haben und dann nach Berlin übergesiedelt sein. Alle, die ihn kennen, bezeichnen ihn als einen ruhigen, einfachen Menschen, dem man eine solche schreckliche Tat kaum zutrauen kann.

 

 

 

Donnerstag, 11. August 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

(Das Dominium Kleppelsdorf),

deren Besitzerin, die junge Dorothea Rohrbeck im Februar ermordet worden ist, ist jetzt durch Kauf in den Besitz des Herrn Pinge (richtig: Pingel), eines Verwandten der Rohrbeckschen Familie, übergegangen.

 

 

 

Donnerstag, 10. November 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

(Geschworene im Kleppelsdorfer Mordprozeß.)

Für die am 5. Dezember beginnende außerordentliche Schwurgerichtsperiode zur Verhandlung des Kleppelsdorfer Mordprozesses wurden als Geschworene ausgelost: Gemeindevorsteher Wilhelm Weimann-Kauffung, Maschinenwärter Heinrich Tautz-Rothenbach, Geschäftsführer Flassig-Cunnersdorf, Oberstleutnant Dulitz-Cunnersdorf, Schriftsteller Bölsche-Schreiberhau, Malzmeister Angermüller-Rudelstadt, Gemeindevorsteher Männich-Steine, Mühlendirektor Reinsberg-Landeshut, Landwirt Siebelt-Langneundorf, Fabrikbesitzer Tzschaschel-Ruhbank, Rentner Julius Liebig-Schreiberhau, Gutsbesitzer Heinrich Dittrich-Grunau, Brauer Konrad Olbrich-Grüssau, Kaufmann Karl Radisch-Schönau, Berginspektor Kummer-Rothenbach, Futtermeister Wilhelm Grosser-Cunnersdorf, Kaufmann Hugo Niepold-Hirschberg, Buchhalter Jendrusch-Bohrauseifersdorf (Gut), Kaufmann Johannes Springer-Friedeberg a. Qu., Graf Eberhard Saurma-Jeltsch-Schloß Wilhelmsburg, Bauergutsbesitzer Reinhold Weirauch-Michelsdorf, Oberförster Rath-Altkemnitz, Maurermeister Otto Jäkel-Wiesa, Gemeindevorsteher Hermann Scholz-Schosdorf, Steinmetz Arthur Seifert-Löwenberg, Buchhalter Albert Bräuer-Rudelstadt, Kaufmann Gormille-Hohenfriedeberg, Studiendirektor Dr. Faust-Hirschberg, Rittergutspächter von Sydow-Fischbach.

 

 

 

Mittwoch, 16. November 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

(Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf)

wird vom 5. Dezember an vor dem Hirschberger Schwurgericht verhandelt. Der Bote wird über den ganzen Verlauf dieses Riesenprozesses, der das Interesse von ganz Deutschland und darüber hinaus erregen wird, ausführlich berichten. Deshalb raten wir dringend, den   B o t e n   s o f o r t   bei unseren Zeitungsausträgern, Ausgabestellen oder bei dem in Frage kommenden Postamt zu   b e s t e l l e n ,   damit nachher keine Stockung im Bezuge eintritt.

 

 

 

Freitag, 25. November 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

(Für den Kleppelsdorfer Mordprozeß)

sind   z e h n   T a g e   in Aussicht genommen, nicht drei Wochen, wir früher berichtet. 

 

 

 

Sonnabend, 3. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Zum Kleppelsdorfer Prozeß

Der Bote wird ersucht, die in auswärtigen Blättern veröffentliche Meldung, gegen Grupen sei auch eine Anklage wegen versuchten Giftmordes erhoben, als falsch zu bezeichnen. Wir kommen diesem Wunsche gern nach und fügen hinzu, daß ein in Breslau, Berlin usw. von einem Berliner Berichterstatter verbreiteter Bericht eine Fülle von Unrichtigkeiten enthält.

 

 

 

Sonntag, 4. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf.

Das Verbrechen von Kleppelsdorf, das, wie kaum je eins zuvor, die Gemüter in unserer Gegend erregt  und die Phantasie der Bevölkerung beschäftigt hat, wird von morgen, Montag ab das zu einer Sondertagung einberufene Schwurgericht beschäftigen. Ein Apparat von einer Größe, wie ihn die Kriminalgeschichte nur selten zu verzeichnen gehabt hat, ist aufgeboten worden, um Klarheit in die furchtbaren Vorgänge zu bringen, die sich in der Mittagsstunde des 14. Februar auf Schloß Kleppelsdorf abgespielt haben. Auch heute, dreiviertel Jahre nach der Tat, liegt trotz angestrengtester Aufklärungsarbeit noch ein dichter Schleier über den blutigen Vorgängen. Die Verhandlung, zu der erheblich mehr als hundert Zeugen und Sachverständige geladen sind, wird, soweit sich die Dinge heute überblicken lassen, die Geschworenen vor eine Fülle schwierigster Fragen stellen.

 

Vor dem Geschworenengericht wird der siebenundzwanzigjährige Architekt   P e t e r   G r u p e n   aus Oldenbüttel am Kaiser-Wilhelm-Kanal in Holstein unter der   A n k l a g e   d e s   z w e i f a c h e n   M o r d e s ,   d e s   S i t t l i c h k e i t s v e r b r e c h e n s   a n   s e i n e r   d r e i z e h n j ä h r i g e n   S t i e f t o c h t e r   und der Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung erscheinen. Die Verhandlung findet unter Leitung des Oberlandesgerichtsrats   K r i n k e   aus Breslau statt, die Anklage vertritt Oberstaatsanwalt   R e i f e n r a t h   aus Hirschberg und als Verteidiger fungieren zwei der bekanntesten Anwälte Schlesiens, Justizrat   A b l a ß   aus Hirschberg und Justizrat   M a m r o t h   aus Breslau.

 

Am Montag, den 14. Februar wurde, um noch einmal zum Verständnis die

Ereignisse des Mordtages

kurz dazustellen, auf dem Landgute Kleppelsdorf, das dicht bei Lähn liegt und von diesem nur durch den Bober getrennt ist, die 16 Jahre alte Besitzerin des Gutes,   D o r o t h e a   R o h r b e c k ,   und deren 13 Jahre alte Base   U r s u l a   S c h a d e   um die Mittagszeit in einem Zimmer des Gutes erschossen aufgefunden.

 

Dorothea Rohrbeck war eine Waise. Von ihrer Wiege hinweg riß der Tod die Mutter, und als Zehnjährige stand sie an der Bahre des Vaters. In Kleppelsdorf geboren, wuchs Dorothea hier auf. Ein hübsches, freundliches Mädchen, war sie der Liebling der Ortsbewohner, die heute noch mit viel Liebe von ihrer „Dörte“ sprechen. Die Einsamkeit des Schlosses teilte sie mit ihrer Erzieherin Fräulein Zahn, mit ihrer 74 Jahre alten Großmutter, Frau Eckert, einer geborenen Booß, und den Angestellten des kleinen Haushalts. In den Ferienmonaten kamen Verwandte von mütterlicher Seite zu Besuch, namentlich die in zweiter Ehe mit dem 27 Jahre alten Architekten Peter Grupen verheiratete, jetzt verschollene Tochter der Frau Eckert aus zweiter Ehe und deren Kinder, die ermordete Ursula Schade und deren jüngste Schwester Irma. Die beiden kleinen Schade waren also die Stiefkinder des Peter Grupen und die Stiefbasen der Rohrbeck.

 

An ihrer Erzieherin, Fräulein Zahn, hing die Dörte mit kindlicher Liebe: kühler war das Verhältnis zur Großmutter. Hin und wieder ließ sich auch Peter Grupen, Dörtes Stiefonkel, auf Schloß Kleppelsdorf sehen. Dieser Architekt Grupen war mit einer Stiefschwester der verstorbenen Mutter der ermordeten Dörte Rohrbeck verheiratet.   D i e s e   F r a u   i s t   s e i t   d e m   1 9 .   S e p t e m b e r   1 9 2 0   s p u r l o s   v e r s c h w u n d e n .   Seitdem soll sich Grupen der sechzehnjährigen Dorothea Rohrbeck mit Liebesanträgen genähert haben, die aber, wie erzählt wird, mit Abneigung erwidert wurden. Dorothea unternahm zwar einmal mit ihrer Erzieherin eine Reise nach Grupens Heimat, nach Oldenbüttel bei Itzehoe, und besuchte mit ihm von dort aus auch Hamburg, Sonst aber soll sie bestrebt gewesen sein, des Onkels Gesellschaft zu meiden. Wenn Grupen auf Schloß Kleppelsdorf kam, soll Dorothea ihre Erzieherin gebeten haben, in deren Zimmer schlafen zu dürfen. Am 8. Februar d. J. fand sich Grupen wieder mit der Großmutter, den beiden Stieftöchtern und der Stütze Mohr in Kleppelsdorf ein.

 

Montag, den

14. Februar, um die Mittagsstunde

waren die Großmutter der beiden Mädchen, Frau Eckert, ihr Schwiegersohn Peter Grupen und die Stütze Marie Mohr, die ein Verhältnis mit Grupen gehabt haben soll, nebst der kleinen Irma Schade, der dritten Enkelin der Frau Eckert und Schwester der Ursula Schade, im Winterwohnzimmer   i m   e r s t e n   S t o c k   des Schlosses versammelt. Um 12 ¼ Uhr ging das Hausmädchen Mende, das kurz zuvor von einem Gange nach der Post zurückgekehrt war, aus der Küche in dieses Winterwohnzimmer hinauf, um die dort Anwesenden zu Tisch zu bitten. Fräulein Zahn, die Erzieherin Dorothea Rohrbecks, welche im Nebenzimmer beim Briefeschreiben beschäftigt war, beauftragte die Mende gegen 12 ½ Uhr, die beiden Mädchen, Dorothea Rohrbeck und Ursula Schade, zu suchen und zum Essen zu holen. Die Mende begab sich in das im   E r d g e s c h o ß   liegende   G a s t z i m m e r ,   dessen beide Fenster nach dem Park hinausgehen, und gewahrte dort Dorotheas Gestalt vor dem Liegesofa an der auf der Skizze mit 1 X bezeichneten Stelle auf dem Boden liegend, und in der Ecke zwischen einem Schrank und der zur benachbarten Rollstube führenden Türe (auf der Skizze mit 2 X bezeichnet) die Gestalt der Ursula Schade auf dem Boden. Die Menge glaubte, die beiden Mädchen spielten Verstecken. Als sie auf ihren Anruf keine Antwort erhielt, und näher hinzutrat, gewahrte sie   z u   i h r e m   E n t s e t z e n ,   d a ß   D o r o t h e a   e n t s e e l t   i n   e i n e r   B l u t l a c h e   l a g   und die aus einer Stirnwunde blutende   U r s u l a   m i t   d e m   T o d e   r a n g .   Entsetzt rannte die Mende zunächst nach der Küche, wo sie die   K ö c h i n   H i r s c h   verständigte, die dann nach dem Gastzimmer lief, und eilte dann selbst wieder die Treppe nach dem ersten Stockwerk hinauf, wo ihr Peter Grupen, Frau Eckert, die kleine Irma und die Mohr entgegenkamen, denen sie die Kunde von dem Unglück zurief und rannte dann in das Zimmer zu Fräulein Zahn, die sofort die Treppe hinuntereilen wollte, wo ihr Grupen mit der Schreckenskunde entgegengetreten sein soll.

 

Im Mordzimmer   b e m ü h t e   m a n   s i c h   n u n   u m   d i e   b e i d e n   O p f e r .   Dorothea Rohrbeck hatte einen Schuß in den Hals und in die Brust und war bereits tot, während Ursula Schade durch Kopfschuß tödlich verletzt war, aber noch lebte.

 

A n   d e r   l i n k e n   S e i t e   d e r   S c h a d e   l a g   e i n   R e v o l v e r .

 

Die Köchin Hirsch soll ihn zuerst bemerkt haben.   G r u p e n   n a h m   d i e   W a f f e   a u f   und legte sie auf den Tisch. Die Körper der Dorothea Rohrbeck und der Ursula Schade wurden mit Hilfe Grupens   a u f   B e t t e n   g e l e g t .   Der sofort telephonisch herbeigerufene Sanitätsrat Dr. Scholz aus Lähn fand Dörte Rohrbeck schon tot vor. Der Ursula, die noch röchelte, gab er Kampherspritzen zur Belebung der Herztätigkeit. Grupen soll zu Dr. Scholz gesagt haben:   „ K ö n n e n   S i e   d e r   U r s u l a   n i c h t   e t w a s   g e b e n ,   d a ß   s i e   z u m   B e w u ß t s e i n   k o m m t   u n d   s a g e n   k a n n ,   w i e   e s   g e w e s e n   i s t ? “   Während Dr. Scholz noch mit der tödlich verwundeten Ursula (die um 3 Uhr nachmittags starb) beschäftigt war, traf gegen 1 Uhr der telephonisch herbeigerufene Postamtsvorsteher Grimmig aus Lähn am Tatorte ein. Er stellte fest, daß die Waffe aus dem Tisch eine Selbstladepistole System „Walter“ Kal. 6.33 war. In der Meinung, die Waffe zu sichern,   l e g t e   e r   d e n   S i c h e r u n g s f l ü g e l   n a c h   v o r n h e r u m   und übergab die vermeintlich so gesicherte Pistole dem Justizobersekretär Klapper aus Lähn. Er untersuchte dann die Waffe in seiner Wohnung in Gegenwart jenes Justizbeamten und   s t e l l t e   d a b e i   f e s t ,   d a ß   d i e   P i s t o l e   e n t s i c h e r t   war. Es wird nun angenommen, daß   n a c h   dem letzen tödlichen Schuß

d i e   W a f f e   s c h o n   v o n   a n d e r e r   H a n d   g e s i c h e r t

sein müsse. Ein Punkt, der in der Verhandlung weiterer Aufklärung bedarf. Auf die Frage von Grimmig,   w e m   d i e   S c h u ß w a f f e   g e h ö r e ,   soll im zunächst erwidert worden sein, daß sie nicht aus dem Hause sei. Der Eigentümer der Waffe stellte sich aber bald heraus. Bei den Bemühungen um die sterbende Ursula stieß die Krankenschwester, die dem Sanitätsrat Scholz behilflich war, das Kleid herunterzuziehen, auf eine   U n t e r b i n d e t a s c h e   unter dem Kleide. Dr. Scholz fand in dieser Tasche   e i n   K ä s t c h e n   m i t   1 9   P a t r o n e n   Kal. 6.33   u n d   e i n   weißes

Briefkuvert „An Großmutti!“

adressiert. Grimmig verlas sofort den Inhalt des Briefes.   D i e   U r s u l a   b i t t e t   i n   d i e s e m   v o m   9 .   F e b r u a r   d a t i e r t e n   S c h r e i b e n   d a r i n   d i e   G r o ß m u t t e r ,   n i c h t   b ö s e   z u   s e i n ,   d a ß   s i e   d e m   V a t e r   d i e   W a f f e   g e n o m m e n   h a b e   u n d   e r k l ä r t ,   d e r   G r o ß m u t t e r   h e l f e n   z u   w o l l e n ,   d a m i t   s i e   s i c h   a n   D ö r t e   n i c h t   m e h r   ä r g e r e .   Nach Verlesung des Briefes erklärte Grupen:

„ D a   i s t   e s   d o c h   m e i n e   P i s t o l e . “

Nach Verlesung des Briefes an „Großmutti“ (Frau Eckert), der einen Mord an Dorothea und einen Selbstmord durch die Ursula hinstellte, war die Tatsache, daß die Pistole aus dem Hause Peter Grupen stammte, unzweifelhaft. Grupen will die Schußwaffe kurz vor der Abreise nach Kleppelsdorf zum Selbstschutz für seinen Bruder Wilhelm gekauft und in Oldenbüttel zurückgelassen haben. Peter Grupen soll seinem Bruder den nicht einfachen Mechanismus der Waffe erklärt haben. Wilhelm G. will dazugekommen sein, wie Ursula in Oldenbüttel die Pistole in der Hand gehabt habe. Als er abends die ins Schubfach zurückgelegte Pistole habe herausnehmen wollen, sei sie nicht mehr dort gewesen. Ueber das auffällige Verschwinden der Pistole und warum er seinem Bruder nach Kleppelsdorf davon nichts berichtet hat, wird Zeuge Wilhelm Grupen in der Verhandlung Auskunft geben müssen. Hat Ursula die Schußwaffe und die Patronen mit nach Kleppelsdorf genommen oder Peter Grupen?

 

Die Waffentechnik in Verbindung mit der Art der Schusswirkungen werden bei Beantwortung der Frage:   W e r   w a r   d e r   T ä t e r ?   eine sehr große Rolle spielen, ebenso die Beschaffenheit der Schußwunden und die

Fundstellen der Patronenhülsen

im Zimmer usw. Es wird behauptet, daß es schon   n a c h   d e r   L a g e   d e r   i m   M o r d z i m m e r   a u f g e f u n d e n e n   G e s c h o ß h ü l s e n   u n m ö g l i c h   s e i ,   d a ß   U r s u l a   d i e   z w e i   S c h ü s s e ,   die von der Ofenseite her auf Dörte abgegeben worden sind,   a b g e f e u e r t   h a b e n   k a n n ,   auch nicht den tötlichen Schuß auf sich selbst, da die Hülse dabei nur in den Raum zwischen Wäscheschrank und Sofa am Fenster, niemals in die entgegengesetzte, etwa 6 Meter entfernte Zimmerecke gelangt sein könnte. Ueber all diese Fragen werden die Sachverständigen Gutachten abgeben auf Grund von angestellten Schießversuchen usw. Darüber hinaus erhebt sich die natürliche Frage, ob ein dreizehnjähriges Mädchen wie Ursula Schade, die gelegentlich vielleicht einmal mit einem Kinderspielzeug geschossen hat, mit einer so schwierigen Waffe, wie sie der Mechanismus der Selbstladepistole darstellt, treff- und totsicher umzugehen wissen konnte. Dagegen soll Grupen ein sehr sicherer Schütze sein. Er soll beim Preisschießen oft Preise davongetragen und im Kriege seine Schießfertigkeit und seine starken Nerven erprobt haben. 1916 ist Peter Grupen der linke Unterarm durch einen Granatsplitter zerrissen worden, sodaß der Arm amputiert werden mußte, aber der rechte Arm blieb gebrauchsfähig. Dann erhob sich die Frage:   W e l c h e n   G r u n d   s o l l t e   d i e   U r s u l a   z u   d e r   f u r c h t b a r e n   T a t   g e h a b t   h a b e n ?   Man stand vor einem Rätsel.

 

Bald trat das Gerücht auf, Dorothea Rohrbeck, die alleinige Erbin der Herrschaft Kleppelsdorf, deren Vermögen mehrere Millionen Mark betrug, sei das

O p f e r   i h r e s   O n k e l s   P e t e r   G r u p e n

geworden, der gleichzeitig auch gegen sein Stiefkind Ursula die Waffe gerichtet habe. Grupen wurde als des Doppelmordes verdächtig, am Morgen nach der Tat verhaftet. Bei seiner Ueberführung nach Hirschberg war es nur mit List möglich, ihn der Lynchjustiz einer großen aufgeregten Menschenmasse zu entziehen. Man nahm an, daß Grupen durch den Mord

K l e p p e l s d o r f   a n   s i c h   z u   b r i n g e n

hoffte und gleichzeitig das an seiner Stieftochter begangene Verbrechen vertuschen wollte. Aus dem Verwandtschaftsverhältnis ist ersichtlich, daß, wenn Dorothea starb, ihre Großmutter, Grupens Schwiegermutter, ihre Erbin sein mußte, und es heißt, daß Grupen auf die alte Frau einen starken Einfluß ausgeübt haben soll. Er soll auch unmittelbar nach der Auffindung der Toten zu Frau Eckert gesagt haben:   „ W e i ß t   D u   a u c h ,   d a ß   D u   j e t z t   H e r r i n   v o n   K l e p p e l s d o r f   b i s t ? “

 

Wer ist nun Peter Grupen?

Soweit bisher bekannt ist, steht Grupen im Alter von 27 Jahren und war zuletzt Architekt in Oldenbüttel bei Itzehoe. Er ist verheiratet mit einer verwitweten Frau Apotheker Schade, Tochter der Frau Eckert, welche in erster mit dem Apotheker Schade in Charlottenburg verheiratet gewesen ist. Aus dieser Ehe stammen die beiden Kinder Ursula und Irma. Ihr Vater, der Apotheker Schade ist   a u f   e i n e r   J a g d   v e r u n g l ü c k t   und es haben sich an dieses Unglück auch manche Vermutungen geknüpft, welche indeß bisher zu keiner Klarheit geführt haben.

 

F r a u   G r u p e n   i s t   s p u r l o s   v e r s c h w u n d e n ,

seitdem sie am 19. September 1920 mit dem Angeklagten nach dem Bahnhof Itzehoe gefahren ist. Sie soll, obgleich ein Passvisum nach Amerika, nach Angabe des amerikanischen Konsulats für sie nicht erteilt ist, nach Amerika ausgewandert sein. Das Dunkel über das Verschwinden der Frau Grupen ist bis heut noch nicht gelüftet. Zwei Tage vor der Abreise der Frau Grupen ist diese sowie ihre Mutter mit ihrem Manne, Peter Grupen, bei einem Notar in Itzehoe erschienen und dem Ehemanne sind die auf dem Perleberger Apothekengrundstück ruhenden Hypotheken in recht beträchtlicher Höhe abgetreten worden, als Gegenwert sollte der Mann Barzahlung leisten. Am Tage vor ihrer Abreise hat Frau Grupen bei der   L a n d e s s p a r k a s s e   in Sude ihr gesamtes   G u t h a b e n   und auch das Sparguthaben ihrer   b e i d e n   Kinder   a b g e h o b e n   und sich nach   L ü b e c k   abgemeldet. Seitdem ist die Frau verschwunden. Man hat vermutet, daß Grupen seine Frau ermordet hat und glaubte auch einmal eine Frauenleiche, die bei Hamburg ans Land geschwemmt worden ist, als die der Frau Grupen erkannt zu haben, doch wurde diese Annahme widerlegt auf Grund einer Aussage eines Zahnarztes, der Frau Grupen kurz vor ihrem Verschwinden behandelt hat und nicht den Beweis an der Leiche feststellen konnte, daß es sich um Frau Grupen handeln konnte. Neuerdings wird behauptet, daß Briefe, in denen Frau Grupen ihre Absicht, nach Amerika zu reisen. kundgibt, vorhanden sind.

 

1921-12-04-2-Zeichnung-A

 

Dieses rätselhafte und ungeklärte Verschwinden der Frau hat Grupen, der schon durch die Auffindung der Waffe verdächtig erschien, in Verbindung mit seinen augenscheinlichen Absichten auf Dorothea Rohrbeck stark verdächtig gemacht. Außerdem nimmt, wie schon erwähnt, die Anklagebehörde an, daß Grupen ein   S i t t l i c h k e i t s v e r b r e c h e n ,   welches er an seinem Stiefkinde Ursula begangen haben soll,   d u r c h   d i e   T a t   v e r d e c k e n   w o l l t e ,   während er gleichzeitig durch seine Einwirkung auf die alte Frau Eckert sich   V e r f ü g u n g   ü b e r   d a s   r e i c h e   E r b e   v o n   M i l l i o n e n   s i c h e r n   w o l l t e .   Ebenso wie die alte Frau Eckert, soll auch die   S t i e f t o c h t e r   U r s u l a ,   die ihrem ganzen Wesen nach ein frühreifes und krankes Kind war, unter   d e m   E i n f l u ß   G r u p e n s   g e s t a n d e n   h a b e n .   Sie hat auch am 9. Februar (demselben Tage, an dem der Brief an die Großmutter geschrieben ist) in einem Briefe an eine Frau in Oldenbüttel geschrieben, wie schön es in Kleppelsdorf sei, bei allerlei Spielen, guter Ernährung und in der Unterschrift des Briefes ist nachträglich in die Worte „Deine Ursula“ das zu dem ganzen Inhalt des Briefes nicht passende Wort   „ t r a u r i g e “   eingefügt worden. Die Anklage nimmt an, daß Ursula bei dieser Einführung auf   G e h e i ß   G r u p e n s   g e h a n d e l t   h a t ,   w i e   e r   a u c h   b e i   d e r   A b f a s s u n g   d e s   B r i e f e s   a n   d i e   G r o ß m u t t e r   s e i n e n   E i n f l u ß   g e l t e n d   g e m a c h t   h a b e n   s o l l .   Am 8. Februar, also einen Tag vor Abfassung der beiden Briefe war Grupen nach Kleppelsdorf gekommen.

 

Grupen bestreitet

der Täter zu sein oder mit der Tat irgendwie in Verbindung zu stehen und führt zum Beweise dafür, daß er nicht der Täter sein   k a n n ,   die alte Frau Eckert, die Stütze Mohr, mit der er, wie die Anklage behauptet, ein Verhältnis gehabt haben soll, und die kleine Irma Schade als Zeugen an.   A l l e   d r e i   s o l l e n   b e k u n d e t   h a b e n ,   d a ß   G r u p e n   i n   d e r   Z e i t ,   i n   d e r   d i e   T a t   g e s c h e h e n   i s t ,   d a s   i m   e r s t e n   S t o c k   d e s   S c h l o s s e s   g e l e g e n e   W i n t e r z i m m e r   a u c h   n i c h t   e i n e n   A u g e n b l i c k   v e r l a s s e n   h a t ,   also

nicht am Tatort gewesen sein kann.

 

Trotzdem ist die Anklage aufrecht erhalten worden und zwar mit der Behauptung,   d a ß   d i e   Z e u g e n

i m   h y p n o t i s c h e n   B a n n e   G r u p e n s

gestanden haben, daß Grupen das Zimmer tatsächlich verlassen, oder den unter seinem Einflusse stehenden Zeugen das Bewußtsein suggeriert hat, den Raum   n i c h t   verlassen zu haben.   I s t   d a s   m ö g l i c h ?   Die Anklage scheint die Frage zu bejahen. Um von dem in ersten Stock gelegenen Winterzimmer, in dem sich die drei Zeugen und mit ihnen angeblich Grupen zurzeit der Tat befunden haben, nach dem Mordzimmer zu gelangen und wieder zurückzukommen, bedurfte es für jemand, der die Verhältnisse kannte, nur weniger Minuten. Ist aber die Beeinflussung der Zeugen durch Hypnose in dem Umfange, daß sie in der vollen Ueberzeugung, die Wahrheit zu sagen, die Unwahrheit bekunden, möglich? Ging der Einfluß Grupens auf seine Umgebung so weit? Darauf soll die Verhandlung und vor allem Professor Moll aus Berlin, ein hervorragender Sachverständiger auf dem Gebiet der Hypnose, Antwort geben. Was, wenn nicht Ursula Schade und nicht Peter Grupen

e i n   a n d e r e r   d e r   T ä t e r ?

In das Mordzimmer war, wie die Zeichnung auf den ersten Blick zeigt, auf die verschiedenste Weise zu gelangen, sowohl vom Park aus, wie von der Vorder- und Hinterseite des Schlosses aus, allerdings nicht durch die Fenster, da diese mit Eisenstäben vergittert sind, sondern nur durch die … Türen, die in das Haus führen. Der Park, auf den das Mordzimmer hinausgeht, ist nicht groß, und sowohl der eiserne Zaun vor dem Hauptportal, wie die Mauer, die den Park umgibt, können leicht über(klettert) werden. Indessen deutet bis jetzt, soweit wir unterrichtet sind, nichts daraufhin, daß irgendjemand dies getan oder auch nur versucht hat. Die belastenden Anzeichen liegen vielmehr innerhalb des Hauses.

 

War Peter Grupen der Mörder oder war es, wie es nach dem Briefe an die Großmutter scheint, Ursula Schade? Wenn es die letztere war, stand sie dann dabei unter hypnotischem Einfluß ihres Stiefvaters und reichte dieser Einfluß auch auf die Großmutter sowie auf das Mädchen Marie Mohr, oder kommt als Täter eine dritte Person in Frage, die in entfernteren Beziehungen zu dem ganzen Verhältnis stand, aber von Peter Grupen beeinflußt war, oder ist dieser ganz frei von Schuld zu sprechen und liegt hier nicht vielmehr eine reine Kindertragödie vor? Kam außer der aufgefundenen Waffe noch eine zweite, genau derselben Art, in Frage?

 

 

 

Dienstag, 6. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf.

Beginn der Verhandlung.

Hirschberg, 5. Dezember 1921

Mit einem sonnenhellen, aber bitterkalten Wintertag beginnen die Verhandlungen gegen  P e t e r   G r u p e n ,   den Angeklagten im Kleppelsdorfer Mordprozeß. Die Kälte hat offenbar den Andrang des Publikums stark eingedämmt; nur spärlich kamen Neugierige und harrten an der Pforte des Gerichtsgebäudes des Einlasses, der nur den Inhabern von Ausweiskarten gestattet wurde. Ein großes Polizeiaufgebot sorgte dafür, daß ohne Erlaubnisschein niemand den Zuhörerraum betrat.

 

Langsam füllte sich der Schwurgerichtssaal. Auf einem Tische vor der Anklagebank lagen der Revolver, der am Tatort gefunden worden war, Revolvergeschosse, die Leibwäsche der Dorothea Rohrbeck und der Ursula Schade und einige andere Beweisstücke.

 

Am Richtertisch nahmen Platz der Vorsitzende, Oberlandesgerichtsrat   K r i n k e   aus Breslau, Landgerichtsrat   W i e t e r ,   Landgerichtsrat   H e r z o g ,   Assessor   H u b r i c h   (als Ersatzrichter), Oberstaatsanwalt   D r .   R e i f e n r a t h .   Der Berichterstatter-Tisch ist stark besetzt. Eine größere Zahl auswärtiger, namentlich Berliner Journalisten, ist erschienen.

 

Ansprache des Vorsitzenden.

Pünktlich um 10 Uhr eröffnet der   V o r s i t z e n d e   die Verhandlung mit der Begrüßung der Geschworenen. Die Tagung, sagte er in   s e i n e r   A n s p r a c h e ,   werde an die Arbeitskraft und Pflichttreue, Aufmerksamkeit und geistige Tätigkeit der Geschworenen erhebliche Anforderungen stellen. Die Geschworenen hätten das Amt eines   R i c h t e r s   auszuüben und seien wie der Richter an das Gesetz gebunden. Wie der Richter, so habe auch der Geschworene seine Ueberzeugung hinsichtlich der Schuldfrage auf freie Beweiswürdigung aus dem gesamten Ergebnis der Hauptverhandlung zu stützen. Hierauf müsse in diesem Prozeß besonders hingewiesen werden; denn die Strafsache habe weit über die Grenzen Hirschbergs hinaus berechtigtes Aufsehen erregt, sie sei Gegenstand öffentlicher Erörterungen gewesen und auch in der Presse ausgiebig besprochen worden. Die Geschworenen müßten ihren Spruch auch ohne Ansehen der Person fällen. Ein Verstands-, kein Gefühlsurteil werde von ihnen erwartet. Es wäre ein Eingriff in das dem Staatsoberhaupt zustehende Begnadigungsrecht, wenn die Geschworenen lediglich aus Mitleid oder sonstigen unbestimmten Gefühlswägungen heraus einen Freispruch fällen und sich dadurch über das Gesetz stellen würden. Er, der Vorsitzende, hoffe, daß es gelingen werde, in der vorliegenden umfangreichen und schwierigen Sache das Recht zu finden, das der wahren Gerechtigkeit dient.

 

Angeklagter Grupen.

Der Vorsitzende ordnet nunmehr an, daß der   A n g e k l a g t e   P e t e r   G r u p e n   in den Saal zu führen ist. In Begleitung eines Gefängnisbeamten erscheint der Angeklagte, gekleidet in einem grauen Anzug. Ruhig, ohne daß ihm irgendwelche innere Erregung anzumerken wäre, antwortet er auf die Frage des Vorsitzenden, ob er der Architekt Peter Grupen aus Ottenbüttel sei, mit „Jawohl!“ Grupen nimmt auf der Anklagebank Platz, den Blick fast unablässig auf den Richtertisch gerichtet, hinter ihm ein Polizeibeamter. Als seine Verteidiger melden sich die Justizräte   D r .   A b l a ß -   Hirschberg und   D r .   M a m r o t h -   Breslau.

 

Die Geschworenenbank.

Vor der Bildung der Geschworenenbank wird das mit Schwerhörigkeit und Unabkömmlichkeit begründete Entlassungsgesuch des zum Geschworenen berufenen Maschinenwärters Tautz aus Rothenbach genehmigt. Ausgelost werden als Geschworene Mühlendirektor  R e i n s b e r g - Landeshut, Graf   S a u r m a - J e l t s c h   auf Schloß Wilhelmsburg, Kaufmann   G o r m i l l e - Hohenfriedeberg, Kaufmann Karl   R a d i s c h - Schönau, Rentier Julius   L i e b i g - Schreiberhau, Arbeiter Karl   H e i n z e - Schmiedeberg, Bankdirektor   B e c k e r t - Hirschberg, Kaufmann Gustav   F r i e s e - Alt-Reichenau, Fabrikbes. Ernst   T z s c h a c h e l - Ruhbank, Buchhalter Albert   B r ä u e r - Rudelstadt, Kaufmann Johannes   S p r i n g e r - Friedeberg, Oberstleutnant   D u l i t z - Cunnersdorf, ferner als Ersatzgeschworene: Gemeindevorsteher Weimann-Kauffung, Kaufmann Degenhardt-Hirschberg und Futtermeister Grosser-Cunnersdorf. Der Vorsitzende macht die Geschworenen darauf aufmerksam, daß sie den Geschworeneneid sowohl in der alten Form, als auch in der nach der Verfassung zulässigen Form ohne religiösen Zusatz zu leisten berechtigt sind. Zwei Geschworene machen hiervon Gebrauch.

 

Die Zeugen.

Es beginnt der Aufruf der Zeugen und Sachverständigen, die den Schwurgerichtssaal buchstäblich bis auf den letzten Platz füllen, so daß eine junge Dame in Ohnmacht fällt. Unter den Zeugen befinden sich u. a.: Erzieherin Fräulein   Z a h n ,   I r m a   S c h a d e   (die jüngere Schwester der ermordeten Ursula), Frau Bankdirektor Agnes   E c k e r t ,   Frau Apothekenbesitzer   M a r g a r e t e   S c h a d e ,   Apothekenbesitzer   S c h a d e ,   Alfred   R o h r b e c k ,   Wilhelm und Heinrich   G r u p e n ,   Fräulein   M o h r   und Frl.   M e n d e .

 

Die mit dem Angeklagten und mit den ermordeten Mädchen verwandten Zeugen erklären, von ihrem Recht der Zeugnisverweigerung keinen Gebrauch machen zu wollen. Auch die Zeugen weist der Vorsitzende auf die Zulässigkeit hin, den Eid ohne religiöse Formel zu leisten.

 

Angekl.   G r u p e n   stellt den Antrag, den von der Staatsanwaltschaft als   S a c h v e r s t ä n d i g e n   f ü r   S u g g e s t i o n   geladenen Gaswerksdirektor   W r o b e l   a b z u l e h n e n .   Dem Ablehnungsantrage wird nach längeren Auseinandersetzungen zwischen dem Staatsanwalt und den Verteidigern stattgegeben.

 

Hierauf begann die   V e r n e h m u n g   d e s   A n g e k l a g t e n   über seine persönlichen Verhältnisse.

 

Sodann Mittagspause bis 3 Uhr.

 

(Fortsetzung folgt.)

 

 

 

Mittwoch, 7. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf.

 

Die Vernehmung Grupens.

 

Hirschberg, 6. Dezember 1921.

Der erste Tag der Verhandlung war ausschließlich dem Verhör des Angeklagten gewidmet. Noch aber ist die Vernehmung nicht beendet. Am heutigen Dienstag wird sie, teilweise unter Ausschluß der Oeffentlichkeit, fortgesetzt.

 

Grupen, ein breitschultriger, kräftig gebauter junger Mann, tritt sicher und gewandt auf. Auch an guten Formen fehlt es ihm nicht. Er verbeugt sich, wie er in den Saal geführt wird, nach allen Seiten, er „bittet“ den Vorsitzenden, ihn unterbrechen oder auf dies oder jenes noch einmal zurückkommen zu dürfen.

 

Grupen ist aber auch zweifellos ein Mann von zielklarem festen Willen und hoher Intelligenz. Seine Antworten auf die Fülle der vom Richter-, Staatsanwalt- und Verteidiger-Tisch auf ihn eindringenden Fragen sind klar und werden meist ohne Stockung gegeben. Ab und zu sucht Grupen nach dem Ausdruck.

 

Peinlich sucht er alles, was als Ausreden gedeutet werden könnte, zu vermeiden. Als ihm vorgeworfen wird, schon im vorigen Jahre bei der Ruderpartie auf der Alster in Hamburg die Dorothea Rohrbeck absichtlich in Lebensgefahr gebracht zu haben, und ihm die Frage vorgelegt wird, ob er beim Kentern des Bootes nicht selbst des Ertrinkens ausgesetzt gewesen wäre, erwidert er ohne Stocken, die Bejahung der Frage läge nahe, aber trotz des Verlustes des einen Armes sei er der Ueberzeugung, sich schwimmend über Wasser halten zu können. Auch Widersprüche zwischen den Aussagen der Zeugen und seiner Erklärung erschüttern ihn nicht. Er bleibt bei seinen Behauptungen.

 

Nur ganz vereinzelt versagt Grupen. Auf die Frage, wer ihn plötzlich, als er mit Fräulein Rohrbeck und Fräulein Zahn in Hamburg weilte, um sein Vermögen gebracht habe, verweigert er in höflicher Weise die Auskunft. Auf eine andere Frage, weshalb er erst jetzt mit der Behauptung auftrete, daß Ursula in den letzten Tagen vor dem Morde auffällig traurig gewesen sei, weiß er keine Antwort zu geben. Im Allgemeinen aber gibt Grupen auf alle Fragen fest und ruhig Antwort, nur in den Erwiderungen auf die Anfragen des Staatsanwaltes klingt ein Ton feindseliger Erregung durch.

 

Trotzdem: Die Vernehmung des Angeklagten hat noch vieles unklar gelassen. Das Geheimnis, das das Verschwinden der Frau Grupen umlagert, ist um nichts geklärt worden. Der Angeklagte deutet in öffentl. Sitzung nur an, daß seine Frau abnorme sexuelle Anforderungen gestellt hat und unzufrieden wegen der Nichterfüllung ihrer Wünsche gewesen wäre. Unklar bleibt auch das Verhältnis zwischen Grupen und den beiden Kleppelsdorfer Damen. Frl. Zahn wie auch Frl. Rohrbeck fühlten sich vom Vormund über Gebühr kurz gehalten. Daraus entstand ein Prozeß. Grupen spielte sich als Helfer und Beschützer der Damen auf, verhandelte hinter ihrem Rücken aber mit dem Vormund. Dies und noch manche Einzelheit, die merkwürdige Gelassenheit und Untätigkeit, mit der die Nachricht von dem Verschwinden der Frau Grupen durch die Nächstbeteiligten aufgenommen wurde, bleiben zunächst noch völlig ungeklärt.

 

Im Einzelnen ist zu berichten:

 

Das Sachverständnis in Hypnose.

 Die Verteidigung stellte den Antrag, den von der Anklagebehörde als Sachverständigen für Suggestion geladenen Gaswerksdirektor   W r o b e l - Hirschberg abzulehnen, weil Herrn Wrobels Vernehmung im Vorverfahren gegen das Gesetz zustandegekommen sei und weil Herr Wrobel auf dem Gebiete der Suggestion ein Amateur sei, der ein Urteil von wissenschaftlichem Wert nicht abgeben könne. Herr Wrobel erklärt, sich seit zwanzig Jahren theoretisch und praktisch mit Hypnose und Suggestion beschäftigt zu haben. Die Bücher namhafter Gelehrter auf diesem Gebiete habe er studiert, auch hätten ihn Hirschberger Aerzte zur Anwendung von Hypnose und Suggestion im Heilverfahren herangezogen. Irgend ein Examen habe er nicht gemacht. Oberstaatsanwalt Dr.   R e i f e n r a t h   widersprach dem Ablehnungsantrage. Die Anklagebehörde sei berechtigt gewesen, Herrn Wrobel im Ermittelungsverfahren zu vernehmen. Das Gericht beschloß zunächst, den Kreisarzt Medizinalrat Dr.   S c h o l z - Hirschberg und den Geh. Medizinalrat Dr.   M o l l - Charlottenburg über die Eignung des Herrn Wrobel als Sachverständigen zu vernehmen. Beide Herren verneinen die Eignung. Das Gericht gibt nach langer Beratung dem Ablehnungsantrage statt. Oberstaatsanwalt Dr.   R e i f e n r a t h   behält sich vor, Herrn Wrobel, der nunmehr den Saal verläßt,   a l s   Z e u g e n   vernehmen zu lassen.

 

Der Vorsitzende beginnt mit der

Vernehmung des Angeklagten.

 

Mit leiser, aber sicherer Stimme und spitzem Akzent schildert Grupen seinen Lebenslauf. Am 20. August 1894 in Haseldorf bei Pinneberg geboren, habe er dort die dreiklassige Volksschule besucht. Nach vollendeter Schulzeit sei er zunächst in einem landwirtschaftlichen Betriebe tätig gewesen und dann zu einem Maurermeister in die Lehre gegangen. Bei seiner Gesellenprüfung sei seine Arbeit als die beste anerkannt worden. Während seiner Ausbildungszeit habe er sich an Vergnügungen nicht beteiligt. Er habe die besten Zeugnisse aufzuweisen. 1914 sei er als Kriegsfreiwilliger bei den Königsulanen in Hannover eingetreten. Im Felde sei er an Typhus erkrankt und vor Verdun habe er den linken Unterarm verloren. Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett habe er die staatliche Baugewerksschule in Hamburg besucht und im Sommer praktisch gearbeitet. Auch im Maschinenbaufach habe er sich Kenntnisse angeeignet: einige Monate sei er auf der Vulkan-Werft beschäftigt gewesen. Dort habe er freiwillig seine Entlassung genommen, um sich dann als Bauführer in Hamburg zu betätigen.

 

Zweimal verlobt.

Vorsitzender: Es wird behauptet, daß Sie mehrmals verlobt gewesen seien. - Angekl.: Das ist richtig. - Vorsitzender: Die erste Verlobung ist aufgehoben worden, von wem? - Angeklagter: Von meiner Seite, weil mich die Aeußerung meiner Braut: „Was soll ich mit dem Kriegskrüppel?“ verletzt hatte. - Vorsitzender: Auch Ihre zweite Verlobung ist auseinander gegangen? und Sie sollen dem Mädchen gedroht, ihm sogar einmal einen Drohbrief geschrieben haben? - Angeklagter: Ich habe niemals gedroht. Ich habe nur geschrieben, daß ich die Verlobungsgeschenke zurückhaben möchte, sonst müßte ich gerichtlich vorgehen. - Vorsitzender: Sie sollen das Mädchen, nach dem es sich mit einem Anderen verlobt hatte, mit Erschießen bedroht haben? - Angeklagter: Das ist frei erfunden! - Vors.: Hüten Sie sich, etwas auszusprechen, das Ihnen dann von den Zeugen widerlegt werden könnte. - Oberstaatsanwalt   R e i f e n r a t h :   Als das Mädchen geheiratet hatte, ist der Angeklagte nicht dann zu dem Ehemann gegangen und hat ihm in die Hand versprochen, die Frau in Ruhe zu lassen? - Angekl.: Davon ist mir nichts bekannt. - Vorsitzender: Warum ist nun die zweite Verlobung aufgelöst worden? In der Voruntersuchung haben Sie gesagt, das junge Mädchen sei viel gereist und nicht wirtschaftlich gewesen. - Angeklagter: Nein, ich war selbst schuld daran.

 

Frau Schade = Frau Grupen.

Vorsitzender: Sind Sie damals nicht schon zu Frau Gertrud Schade in Beziehungen getreten? - Angeklagter: Ich lernte Frau Schade im August 1919 kennen. Veranlassung dazu hat eine Zeitungsannonce gegeben, die ich aus Scherz hatte veröffentlichen lassen.

 

Vorsitzender, zu den Geschworenen gewendet: Frau Gertrud Schade war die Tochter der Frau Bankdirektor Eckert aus zweiter Ehe, Frau Rohrbeck die Tochter aus erster Ehe. Frau Rohrbecks Tochter ist die verstorbene Dorothea Rohrbeck, diese also eine Enkelin der Frau Eckert und eine Nichte der Frau Schade. Frau Schade soll ihren Ehemann, der Apothekenbesitzer in Perleberg war, durch ein Jagdunglück verloren haben, stand aber nicht alleine, hatte vielmehr ihr beiden Kinder Ursula und Irma, sowie eine Pflegetochter Ruth bei sich.

 

Angeklagter: Frau Schade wohnte in Itzehoe. Während des Krieges hatte sie ein Verhältnis mit einem Stabsveterinär.

 

Vors.: Frau Schade war 13 Jahre älter. Das wußten Sie. Warum haben Sie sich mit ihr verlobt? Es ist doch selten, daß ein Mann von Ihren Lebensjahren eine um 13 Jahre ältere Witwe mit drei Kindern heiratet. - Angekl.: Ich hatte die Ueberzeugung, daß es eine wirklich gute Frau sei; später bin ich anderer Ansicht geworden. - Vorsitzender: Sie sind also zur Heirat geschritten aus Liebe, nicht aus Berechnung in Hinblick auf das Vermögen der Frau Schade oder um Ihr gesellschaftliches Ansehen zu heben? - Angeklagter verneint das letztere.

 

Vors.: Bei Frau Schade wohnte auch deren Mutter, die Frau Eckert? War Frau Eckert mit der Heirat einverstanden? - Die Antwort des Angeklagten ist unverständlich. Der Tag der Hochzeit sei der 22. Dezember 1919 gewesen. Wir wohnten in Itzehoe im eigenen Hause, das ich einem Umbau unterzog. - Der Vorsitzende stellt fest, daß Grupen schon als Bräutigam Generalvollmacht sowohl von Frau Schade, wie auch von Frau Eckert erhalten habe. Auf Grund dieser Generalvollmacht hat er sich 17 000 Mark aus einer Hypothek abtreten lassen, das Geld aber, das den Kindern der Frau Schade gehörte, an sich genommen. - Angeklagter: Ich habe auf der Quittung ausdrücklich vermerkt, daß ich diese Summe den Kindern zur Verfügung stellen will. Wir haben anfangs glücklich mit einander gelebt. Das Verhältnis trübte sich, als meine Frau mit Forderungen auf ehelichem Gebiete kam, die ich nicht erfüllen konnte. Meine Frau beschäftigte sich auch wenig mit dem Haushalt; sie war bestrebt, viel herum zu reisen. - Vorsitzender: Sie haben in der Voruntersuchung gesagt, daß noch ein anderer Grund mitgewirkt hätte, das Verhältnis nicht zum Besten zu gestalten. - Angeklagter: Meine Frau hatte mir gestanden, ein Verhältnis mit einem Fabrikbesitzer Schultz gehabt zu haben. Dieser Mann gehörte einer Freimaurerloge an, bei der auch der verunglückte Schade Mitglied war. Mit dem Fabrikbesitzer hatte meine Frau als Witwe eine Reise nach Köln gemacht und dort mit ihm mehrere Tage in einem Hotel gewohnt. Ich habe ihr dieses Verhältnis nicht besonders übel genommen. (Da der Angeklagte schwer verständlich wird, muß er auf Anordnung des Vorsitzenden in der Mitte des Saales Platz nehmen.)

 

Vorsitzender: Was waren das für Forderungen, die Ihre Frau an Sie stellte? - Angekl.: Meine Frau hatte stets Bier, Wein und Liköre im Hause gehabt. Einmal hatte sie zu viel getrunken und im Rausch stellte sie an mich Anforderungen, die kein Mensch erfüllen kann. Da sagte sie mir, was der Fabrikbesitzer konnte, mußt Du auch tun können. Weiter hat sie mit Angaben gemacht über das   J a g d u n g l ü c k   ihres Mannes, das gar kein Jagdunglück gewesen sei. - Vorsitzender: Es wird behauptet, daß auf der Jagd auch jener Fabrikbesitzer zugegen gewesen sei. Darauf beziehen sich wohl die Andeutungen, daß es sich nicht um einen Unglücksfall, sondern um einen absichtlichen Mord handele. - Angeklagter: Meine Frau hat, wie ich schon sagte, die Andeutungen im Rauschzustande gemacht. - Vorsitzender: Sie sind später mit Ihrer Frau von Itzehoe nach Ottenbüttel gezogen. Die Anregung soll von Ihnen ausgegangen sein? Angeklagter: Ich habe den Umzug nicht angeregt. Der Umzug war aber notwendig geworden, weil das Wohnungsamt zur teilweisen Beschlagnahme der Räume in Ottenbüttel schreiten wollte und es unzulässig war, daß wir über zwei Wohnungen verfügten. - Vorsitzender: Während Sie im Umzuge begriffen waren, traf der

 

der erste Besuch von Fräulein Dorothea Rohrbeck

 

und Fräulein Zahn ein. - Angeklagter: Wir hatten nach Kleppelsdorf unsere Verheiratung mitgeteilt, die Mitteilung ist aber kühl aufgenommen worden. Ich wollte daher anfangs den Besuch ablehnen. - Vorsitzender: Der Besuch galt ja nicht Ihnen, sondern der Großmutter der Dorothea Rohrbeck, der Frau Eckert. Angeklagter: Fräulein Zahn sagte: sie mach eine Reise zu sämtlichen Verwandten, weil es deren Pflicht sei, ihm im Prozeß gegen den Vormund Vielhack beizustehen.

 

Der   V o r s i t z e n d e   bemerkt aufklärend: Der Vater von Dorothea Rohrbeck hatte im Testament eine gewisse Summe zum Unterhalt seiner Tochter ausgesetzt, aber mit dieser Summe konnte Frl. Zahn wegen der Teuerungsverhältnisse, die inzwischen eingetreten waren, nicht auskommen. Fräulein Zahn hat sich infolgedessen genötigt gesehen, die Hilfe der Verwandten in Anspruch zu nehmen. Der Vormund hatte Fräulein Zahn gekündigt und es war einen Anzahl Prozesse zwischen ihm und Fräulein Zahn entstanden. Fräulein Zahn bestand darauf, daß sie im Testament als Erzieherin der Dorothea Rohrbeck eingesetzt sei. - Angekl.: Fräulein Zahn hat mir gesagt, daß sie sich einschränken und Schulden machen müsse. Ich habe ihr erwidert, sie möchte sich an die Herren Pinge und Alfred Rohrbeck wenden, dann werde ich ihr ebenfalls aushelfen. - Vorsitzender: Haben Sie sich nicht gleich angeboten, aus Ihrem überreichen Einkommen einen Zuschuß zu geben? - Der Angeklagte bestreitet das. - Vors.: Sie sollen bei der Unterredung mit Fräulein Zahn geäußert haben, daß Ihre Frau krebsleidend sei. - Angeklagter: Das hat mir meine Frau selbst gesagt. Ob ich es Fräulein Zahn gesagt habe, ist mir nicht erinnerlich. - Vorsitzender: Sind nicht auch die Briefe zur Sprache gekommen, die Frau Eckert an das Vormundschaftsgericht in Lähn geschrieben hat? - Angeklagter: Das mag sein. - Vorsitzender: Ihre Schwiegermutter, die Frau Eckert, hat in diesen Briefen gegen Fräulein Zahn Stellung genommen, später aber widerrufen und schließlich den Widerruf ebenfalls widerrufen.

 

Vorsitzender: Fräulein Zahn behauptet, Sie hätten ihr auf einem Ausfluge nach Ottenbüttel gesagt, Sie wollten sich von Ihrer Frau scheiden lassen und wollten sie heiraten. - Angeklagter: Es ist möglich, daß ich über das Verhältnis zu meiner Frau gesprochen habe, bestreite aber, Fräulein Zahn einen Heiratsantrag gemacht zu haben.

 

Vors.: Sind Sie nicht mit den Damen auch nach Hamburg gefahren? - Angekl.: Ja! - Vors.: Haben Sie den Damen dort Geschenke gemacht? - Angekl.: Ich habe Fräulein Rohrbeck ein Paar Schuhe geschenkt. Dem Fräulein Zahn habe ich das Geld für ihre Einkäufe ausgelegt. Sie hatte mich darum gebeten und mir gesagt, sie würde es mir in Itzehoe zurückerstatten, hat es aber nicht zurückgegeben.

 

Vors.: Sie hatten den Damen einen Gegenbesuch in Aussicht gestellt und wollten mit Ihrer Frau nach Kleppelsdorf fahren! - Angekl.: Ich bin am 6. September 1920 allein nach Kleppelsdorf gereist. - Vors.: Wenn man verheiratet ist, macht man Gegenbesuche mit seiner Frau. - Angekl.: Der Besuch galt in erster Linie der materiellen Hilfe für Fräulein Rohrbeck. Ich habe auch in Kleppelsdorf die dringendsten Rechnungen bezahlt. - Vors.: Ja, Fräulein Zahn spricht von 850 und 2000 Mark. - Angekl.: Die Summen weiß ich nicht mehr genau.

 

Vors.: Bei dieser Gelegenheit sollen Sie geäußert haben, Sie möchten sich in Kleppelsdorf oder Umgegend als Naturfreund niederlassen? Sie wollten mit Fräulein Bauer, der Tochter des Gegenvormundes, in Verkehr treten und die Stimmung der Vormünder erkundigen. - Angekl.: Fräulein Zahn sagte mir, Fräulein Bauer könne keinen Mann bekommen. - Vors.: Hatten Sie nicht auch geäußert, daß Sie die Verwaltung des Gutes Kleppelsdorf übernehmen würden? - Angekl.: Davon ist keine Rede gewesen. Als ich hörte, daß die Felder nicht richtig abgeerntet würden, habe ich nur gesagt, daß ich die Bewirtschaftung anders machen würde. Zur Verwaltung des Gutes fehlten mir aber die nötigen Kenntnisse vollkommen. Ich war zwei Tage in Kleppelsdorf und bin nach Hause gefahren, nachdem ich den Besuch meiner Frau in Aussicht gestellt hatte.

 

Das Verschwinden von Frau Grupen.

Vors.: Was ist dann in Ottenbüttel passiert? Hatte Ihre Frau irgend etwas angedeutet, was sie beabsichtigte? - Angekl.: Meine Frau machte Andeutungen, daß   s i e   n a c h   A m e r i k a   fahren wolle.

 

Vors.: Wir kommen nun zu dem   V e r s c h w i n d e n   I h r e r   F r a u .   Da möchte ich Sie bitten, sich möglichst ausführlich zu äußern. Es ist doch an und für sich ganz wunderbar, daß eine Frau, die erst kurze Zeit verheiratet ist, Ihren Mann und ihre Kinder verläßt, um nach Amerika zu gehen. - Angekl.: Sie hat keinen Grund angeführt. - Vors.: Was sagten Sie als Ehemann? - Ich habe das nicht ernst genommen. Ich habe es als Scherz aufgenommen.

 

Vors.: Am 17. September sind Sie mit Ihrer Frau und Ihrer Schwiegermutter zum Notar nach Itzehoe gefahren. - Angekl.: Dort hat meine Frau zwei Hypotheken im Betrag von 52 000 Mark auf meinen Namen schreiben lassen. - Vors.: Haben Sie sich nicht auch von Frau Eckert Generalvollmacht erteilen lassen? - Angekl.: Nur auf Wunsch meiner Frau.

 

Vors.: Sie waren also jetzt im Besitz einer Generalvollmacht von Ihrer Frau, von Ihrer Schwiegermutter und ließen sich auch noch Hypotheken abtreten. Haben Sie denn vor dem Notar erklärt, daß Sie den Gegenwert für die Hypotheken gegeben haben? - Angekl.: Der Notar hat die Frage aufgeworfen, ob der Gegenwert erledigt sei. Darauf hat meine Frau gesagt: Ja, also eine Antwort gegeben, die nicht mit den Tatsachen übereinstimmte.

 

Vors.: Am 18. September sind Sie mit Ihrer Frau wieder beim Notar gewesen. Was haben Sie da gemacht? - Angekl.: Da haben wir die   G ü t e r t r e n n u n g   erklärt. - Vors.: Es ist doch wunderbar, wenn Sie auf einmal ohne gerichtlichen Grund Gütertrennung vereinbaren, nachdem Sie sich von Ihrer Frau und Schwiegermutter Generalvollmacht hatten geben lassen. - Angekl.: Die Gütertrennung ist von meiner Frau gewünscht worden. Ueber den Grund bin ich mir heute noch nicht klar. - Vors.: Ich auch nicht.

 

Was passierte am 19. September,

der ein Sonntag war? - Angekl.:   D a   i s t   m e i n e   F r a u   a b e n d s   n a c h   I t z e h o e   g e f a h r e n .   - Vors.: Wollen Sie sich nicht näher darüber auslassen?

 

Angekl.: Meine Frau wollte angeblich   n a c h   K l e p p e l s d o r f   fahren. - Vors.: Wie verabschiedete sich Ihre Frau von den Kindern und ihrer Mutter? - Angekl.: Nach meiner Ansicht hat sie sich wie immer verabschiedet. Ich habe dabei nichts beonderes gefunden.

 

Vors.: Hat Frau Eckert nicht eine Aeußerung getan: ach, es sei so traurig, daß die Tochter wegfahre, und hat Ihre Frau darauf nicht geantwortet: ach, ich fahre ja bloß nach Kleppelsdorf und bin bald wieder da? - Angekl.: Das ist mir nicht erinnerlich.

 

Vors.: Nun fuhren Sie im Wagen mit Ihrer Frau nach Itzehoe, acht Kilometer von Ottenbüttel. Nahmen Sie noch jemand mit? - Angekl.: Ja, die beiden Dienstmädchen, die Kläschen und die Gnierakowski. - Vors.: Lenkten Sie das Fuhrwerk selbst? - Angekl.: Ja. - Vors.: Wie war Ihre Frau bekleidet? - Angekl.: Sie hatte einen grünen Hut. Ob sie einen Mantel hatte, kann ich nicht genau sagen, aber einen Pelzkragen hatte sie mit. - Vors.: Wie war die Frau unterwegs? - Angekl.: Es ist mir nichts aufgefallen.

 

Vors.: Unterwegs haben Sie Kläschen und dann die Gnierakowski abgesetzt? Hat Ihre Frau auf dem Wege der Kläschen irgend etwas gegeben? - Angekl.: Ich habe gesehen, daß meine Frau der Kläschen einen Brief übergab. Sie äußerte dabei, daß in dem Briefe etwas bezüglich der Wäsche enthalten sei. Ich habe mich infolgedessen um den Brief nicht weiter gekümmert.

 

Vors.: In welchem Zuge ist Ihre Frau gefahren? - Angekl.: Das kann ich nicht sagen, weil ich am Bahnhof bei den Pferden geblieben bin. - Vors.: Also Sie haben Ihre Frau nicht auf den Bahnsteig begleitet? Hatte Ihre Frau nichts im Wagen zurückgelassen? - Angekl.: Ja, den Pelzkragen.

 

Vors.: Sie sind dann nach Ottenbüttel zurückgefahren. In der Voruntersuchung haben Sie ausgesagt, daß Sie eines der Dienstmädchen, das Sie während der Fahrt abgesetzt hatten, im Vereinshause abholen wollten? - Angekl.: Es kann möglich sein, daß ich dies dem Mädchen versprochen habe, aber weil es spät geworden war, bin ich allein nach Hause gefahren.

 

Vors.: Sie behaupten also, daß Sie vom Bahnhof Itzehoe sofort nach Hause gefahren und dort geblieben sind. Was passierte am nächsten Morgen? Ich möchte bemerken, daß   s e i t   d e m   1 9 .   S e p t e m b e r   F r a u   G r u p e n   v e r s c h w u n d en   i s t .   A l l e   N a c h f o r s c h u n g e n   n a c h   i h r   h a t t e n   k e i n e n .   Auch auf die Nachrichten in den Zeitungen über den Tod ihrer eigenen Tochter hat sie kein Lebenszeichen gegeben. - Angekl.: Frau Eckert sagte, sie glaube nicht, daß meine Frau nach Kleppelsdorf gefahren sei. Daraufhin habe ich nach Kleppelsdorf telegraphiert: „Trude nach dort abgereist.“

 

Vors.: Was hatte die Kläschen auf dem Abort gefunden? - Angekl.: Einen Brief von meiner Frau. - Vors.: Was stand in dem Briefe? - Angekl. zögernd: In dem Briefe waren Angaben gemacht,   d a ß   s i e   n i c h t   n a c h   K l e p p e l s d o r f   f a h r e ,   sondern verreisen wolle. - Vors.: Hat nichts von den Kindern und der Mutter daringestanden und davon, daß sie nach Amerika gehe und daß die Mutter und die Kinder unbesorgt sein könnten? - Angekl.: Das weiß ich nicht.

 

Vors.: Am 20. September war Ihr Geburtstag. War da nicht eine kleine Feier in Aussicht genommen? - Angekl.: Nein, meine Frau hat vor ihrer Abreise zum Ausdruck gebracht, daß der Geburtstag acht Tage später gefeiert werden soll.

 

Der Inhalt der Stahlkassette.

Vors.: Sie sind in dieser Zeit zu dem Steuerbeamten Lange gegangen und haben ihm erzählt, daß Ihnen ein Schlüssel zur   S t a h l k a s s e t t e   fehle. Was hatten Sie in der Kassette? - Angekl.: Mein Geld. - Vors.: Lange hat Ihnen einen Rat gegeben, wie man die Kassette ohne Schlüssel öffnen könne. Diesen Rat haben Sie auch befolgt. - Angekl.: Ja, ich habe die Mädchen aus der Küche gerufen. Die Mädchen haben die Kassette gehalten, ich habe dagegen geschlagen und da sprang die Kassette auf. Ich sah, daß kein Geld darin war, sondern nur ein Kouvert und mehrere kleine Zettel. Das Kouvert war an den Rechtsanwalt und Notar Reinicke in Itzehoe gerichtet. - Vors.: Haben Sie sonst noch etwas gefunden? - Angekl.: Es lag ein Zettel darin, eine   A b r e c h n u n g   v o n   d e r   S p a r k a s s e .

 

Vors.: Es ist festgestellt worden, daß   F r a u   G r u p e n ,   bevor sie verschwand, die   E i n z a h l u n g e n   f ü r   i h r e   K i n d e r   I r m a   u n d   U r s u l a   u n d   d a s   P f l e g e k i n d   R u t h   v o n   d e r   S p a r k a s s e   a b g e h o b e n   und daß sie sich dann persönlich am 18. September von Itzehoe   n a c h   L ü b e c k   a b g e m e l d e t   hat. Frau Grupen hatte sich vor ihrer Abreise auch bemüht, einen Anteilschein der Handelsgesellschaft deutscher Apotheker über 17 000 Mk. abzusetzen. - Angekl.: Der Anteilschein ist für 12 000 Mk. angeboten worden, meine Frau hat also unbedingt Geld haben müssen.

 

Verteidiger Justizrat Dr.   M a m r o t h   wirft die Frage auf, ob Frau Grupen vor ihrer Abreise sich hat Kleider ausbessern und Kostüme anfertigen lassen, und ob sie viel in Schauspielerkreisen verkehre. - Vors.: Ist Ihre Frau während der Kriegszeit Vereinen beigetreten und wollte sie nicht zur Bühne gehen? - Angekl.: Schon in ihrer Jugendzeit wollte sie zur Bühne, hat aber von den Eltern nicht die Erlaubnis erhalten. Vor ihrer Abreise hatte sie sich fünf Kleider machen lassen und die Sachen in einen Koffer verpackt.

 

Vors.: Sie nehmen an, daß diese 60 000 Mk. Ihre Frau mitgenommen hat? - Angekl.: Ja, meine Frau war immer bestrebt, sich viele Barmittel zu verschaffen.

 

Vors.: Was geschah mit dem Kouvert, das Sie in der Kassette gefunden haben? - Angekl.: Ich habe es zu dem Notar Reinicke geschafft, der hat das Kouvert geöffnet, da waren verschiedene Briefe drin. Die Briefe hat dann der Notar geöffnet. Es stand darin,   d a ß   m e i n e   F r a u   m i c h   v e r l a s s e n   h a t   und die Briefe waren gerichtet an Boos, Schade, Dorothea Rohrbeck, Frau Eckert, an einen Amtsrichter und an noch zwei Personen.

 

Vors.: Haben Sie nun sofort der Frau Eckert mitgeteilt, daß ihre Tochter nach Amerika gegangen sei? - Angekl.: Nein, mit diesen Briefen bin ich nach Berlin gefahren zum Herrn Schade, dem Vater des verunglückten ersten Mannes meiner Frau. Von Berlin fuhr ich nach Kleppelsdorf. - Vors.: Sie hatten aber gehört, daß Ihre Frau in Kleppelsdorf nicht eingetroffen sei? - Angekl.: Ich habe angenommen, daß sie sich verspätet und inzwischen doch dort angelangt sei.

 

Der Koffer der Frau Grupen.

Staatsanwalt: Warum schickten Sie ihr nicht bald den Koffer nach? Die Frau hatte doch kein Stück Wäsche mit. - Angekl.: Das konnte ich nicht wissen. - Vors.: Sie haben aber Ihrer Frau nach Kleppelsdorf telegraphiert: Koffer noch hier. - Verteidiger Dr. Ablaß: War irgend etwas über die Dauer der Reise nach Kleppelsdorf gesprochen worden? - Angekl.: Es waren acht Tage vorgesehen. - Staatsanwalt: Der Angeklagte wußte ganz genau, daß der Koffer in eine Waschanstalt nach Hamburg geschickt werden sollte und daß über den Koffer gar nicht mehr zu verfügen war. Der Vorsitzende verliest den Brief, den Frau Grupen auf der Fahrt zum Bahnhof Itzehoe dem Dienstmädchen übergeben hatte und der an den Knecht Raske gerichtet war. Der Brief lautet: „Otto soll morgen früh, den 20. 9. 20, wenn die Kinder zur Schule gefahren werden, den Rohrplattenkoffer, der im Schlafzimmer steht, Inhalt schmutzige Wäsche, als Eilgut auf meinen Namen nach Itzehoe-Bahnhof senden, wo derselbe abgeholt wird.“ Staatsanwalt: Der Koffer hatte also für die Frau gar kein Interesse mehr. Warum telegraphiert der Angeklagte: „Koffer noch hier.“ Warum ist der Koffer, der als Eilgut abgesandt werden sollte, 14 Tage stehen geblieben? - Angekl.: Der Transport des Koffers war mit dem Wagen, mit dem die Kinder zu Schule fuhren, nicht möglich. Ich hätte einen besonderen Wagen stellen müssen, aber die Pferde fehlten.

 

Vors.: Wann ist Ihnen der Zettel an Raske ausgehändigt worden? - Angekl.: Meines Wissens habe ich ihn erhalten, bevor der Abschiedsbrief bekannt wurde.

 

Vors.: Es ist auffallend, daß Sie, obwohl Sie und Ihre Frau Bankkonten hatten, einen so großen Betrag von 60 000 Mark in der Kassette verwahrten. - Angekl.: Der Betrag war kurz vorher eingegangen aus dem Verkauf von Vieh.

 

Vors.: Von Berlin fuhren Sie nach Kleppelsdorf. Am 26. September waren Sie dort. Was wollten Sie in Kleppelsdorf? - Angekl.: Ich wollte Dörte bitten, zur alten Großmutter zu kommen. Ich nahm an, daß Dörte als Enkelin der Großmutter etwas zur Seite stehen könnte.

 

Vors.: Was sagten Sie den Damen über das, war in Ottenbüttel passiert war? - Angekl.: Ich habe erzählt, daß meine Frau mich verlassen habe und daß sie Geäußert habe, nach Amerika zu wollen. - Vors.: Haben Sie auch gesagt, daß die Frau nach Kleppelsdorf fahren sollte, um den Damen Geld zu bringen? - Angekl.: Das kann möglich sein.

 

Vors.: Warum veranlaßten Sie Dorothea Rohrbeck, zur Großmutter zu fahren, warum sollte Fräulein Zahn nicht mit? - Angeklagter: Weil Fräulein Zahn mit Frau Eckert nicht gut stimmte.

 

Staatsanwalt: Ist es wahr, daß Ihre Frau 10 000 Mach nach Kleppelsdorf bringen wollte? - Angekl.: Das hat sie mir gegenüber zum Ausdruck gebracht.

 

Mit Dorothea Rohrbeck in Berlin.

Vors.: Sie fuhren also mit Fräulein Rohrbeck nach Berlin. Was haben Sie dort gemacht? - Angekl.: Ich habe Fräulein Rohrbeck zunächst im Christlichen Hospiz untergebracht und bin dann gegangen, eine Wohnung zu suchen. Als ich zurückkam, ging ich mit Fräulein Rohrbeck und einer Freundin von ihr in ein Restaurant. - Vors.: Als Sie mit den Damen in dem Restaurant saßen, sollen Sie plötzlich aufgesprungen sein und gesagt haben:   D a   g e h t   m e i n e   F r a u   v o r ü b e r !   - Angekl.: Ich habe damit zum Ausdruck bringen wollen, daß die vorübergehende Frau Aehnlichkeit mit meiner Frau hatte. - Vors.: Warum sind Sie aber sofort weggegangen? - Angekl.: Weil ich mit meinem Anzug nicht für das vornehme Lokal paßte.

 

Vors.: Nun sollen Sie bei einer Frau in Altona ein Zimmer für Sie und Ihre Nichte bestellt haben. - Angekl.: Ich habe nur für Dörte für den   T a g   ein Zimmer bestellt, damit sie sich von der Fahrt ausruhen konnte, während ich auf dem Versorgungsamt zu tun hatte.

 

Vors.:   D o r o t h e a   R o h r b e c k   h a t   o f f e n b a r   e i n e   g r o ß e   A n t i p a t h i e   g e g e n   S i e   a u f   d i e s e r   F a h r t   b e k o m m e n   u n d   v o n   B e r l i n   a u  s   a n   F r ä u l e i n   Z a h n   g e s c h r i e b e n ,   s i e   m ö c h t e   s o f o r t   n a c h k o m m e n ,   s o n s t   v e r z w e i f l e   s i e .   - Angekl.: Ich bestreite, Fräulein Dorothea Rohrbeck Veranlassung gegeben zu haben, diesen Brief zu schreiben.

 

Der Abschiedsbrief von Frau Grupen an ihre Mutter.

Vors.: Sie kamen nun mit Dorothea Rohrbeck bei der Großmutter in Itzehoe an. Was machten Sie dort? - Angekl.: Dort habe ich Frau Eckert den Abschiedsbrief gegeben. - Der Vorsitzende legt dem Angeklagten den Brief vor, der ihn wieder erkennt.

 

Vors.: Der Abschiedsbrief, den eine Tochter, die nach Amerika geht, an ihre Mutter schreibt, lautet:

 

„Ottenbüttel, 12. September 20.

Meine liebe Mutter!

Wenn Du in den Besitz dieser Zeilen gelangst, bin ich auf dem Wege nach Amerika, den ich ja schon des öfteren in Gedanken zurückgelegt habe, wie Du aus meinen Bemerkungen entnehmen konntest. Lange genug habe ich die Fessel in Deutschland getragen, und hat sich endlich mein Künstlerblut dagegen aufgelehnt, indem ich Deutschland den Rücken kehre. Du darfst nicht denken, daß Peter die Veranlassung zu diesem Schritt war, respektive unser Zusammenleben. Denn den Plan hatte ich schon, bevor ich Peter kennen lernte, und waren mir nur durch die Verhältnisse und meinen Besitz die Hände gebunden. Peter wird für die Kinder sorgen und Dir helfen. Es küßt Dich in Liebe

Deine Tochter Trude.“

 

Vors. zum Angeklagten: Haben Sie einen Abschiedsbrief von Ihrer Frau bekommen? - Angekl.: Nein.

 

Vors.: War nun die Großmutter sehr erfreut über den Besuch ihrer Enkelin? - Angekl.: Meines Erachtens war sie nicht sehr erfreut, aber auch nicht traurig. - Vors.: Sie sind mit Fräulein Rohrbeck drei oder vier Tage bei der Großmutter geblieben? Was geschah dann?

 

Die Fahrt auf dem Alster - Bassin.

Angekl.: Wir fuhren nach Hamburg. Fräulein Zahn war inzwischen nachgekommen. - Vors.: Auf dieser Reise haben Sie die beiden Damen auf dem Alsterbassin gerudert? Es wird Ihnen zum Vorwurf gemacht, daß Sie Dorothea Rohrbeck zweimal in Lebensgefahr gebracht haben. - Angekl.: Dörte hat schon immer für eine Alsterfahrt geschwärmt. Ich habe ihr daher den Vorschlag gemacht, nicht ins Theater zu gehen, sondern den Nachmittag zu einer Ruderpartie zu benutzen. - Vors.: Es wird Ihnen zur Last gelegt, daß Sie immer in die Wellen der Dampfer hineingefahren sind und dadurch das Boot in Gefahr gebracht haben, so daß sogar einmal vom Dampfer gerufen wurde: Vorsicht! Es kommen zwei Vorfälle in Betracht, einmal war Fräulein Zahn dabei. - Angekl.: Fräulein Zahn war ängstlich, während die Dörte scherzte. - Vors.: Sie sollen einmal das Ruder weggeworfen und sich dann lang in das Boot hingelegt haben, so daß Fräulein Rohrbeck um Hilfe gerufen habe. - Der Angeklagte bezeichnet den Vorfall als harmlos. Um das Ruder zu haschen, das dem Fräulein Rohrbeck entfallen war, habe er sich stark nach vorn gelegt; sich lang hinzulegen, sei bei der Konstruktion des Bootes ganz unmöglich. - Vors.: Fräulein Rohrbeck hat sich zu einer ganzen Anzahl Personen ausgelassen, daß der Vorgang nicht so harmlos gewesen sei. Sie will das sichere Gefühl gehabt haben,   d a ß   S i e   i h r   n a c h   d e m   L e b e n   t r a c h t e t e n .   - Angekl.: Ich kann nicht glauben, daß Fräulein Rohrbeck so etwas gesagt hat. - Verteidiger Dr. Mamroth: Haben Sie etwa das Mädchen mit seiner Angst geneckt? Der Angeklagte gibt dies als möglich zu. Ueberdies sei er ein guter Schwimmer, aber die Vorgänge seien ganz ungefährlich gewesen.

 

Vors.: Warum hatten Sie in Hamburg den Damen erklärt, Sie müßten plötzlich zu Ihrer kranken Mutter? - Angekl.: Ich hatte Fräulein Zahn 7500 Mark übergeben und ihr gesagt, daß ich unmöglich länger dableiben könne. Bald würde ich aber in der Lage sein, ihr weitere Mittel zu übersenden. Augenblicklich wäre ich wegen der Mitnahme der Gelder durch meine Frau hierzu nicht in der Lage. Fräulein Zahn sagte, ich solle auf keinen Fall Gelder an das Postamt in Lähn, sondern an die Post in Hirschberg adressieren, denn in Lähn dürfe kein Mensch etwas davon wissen.

 

Eine neue Reise Dorotheas.

Vors.: Nach Oldenbüttel zurückgekehrt, haben Sie am 1. November Fräulein Rohrbeck 500 Mark übersandt mit der Aufforderung, am nächsten Tage nach Berlin zu kommen. - Angekl.: Ich habe nach Kleppelsdorf ein Telegramm gesandt und angefragt, ob eine Zusammenkunft in Berlin erwünscht wäre. Darauf ist eine bejahende Antwort eingegangen.

 

Vors.: Bereits am 30. Oktober telegraphierten Sie: Erwarte Dich bestimmt Dienstag abend 10 Uhr Wartesaal zweiter Klasse Görlitzer Bahnhof. Sie kamen auf einmal auf dem Görlitzer Bahnhof mit dem Auto vorgefahren und sagten, Sie müßten sofort nach Hamburg. Was sollten die Damen mit Ihnen in Hamburg? - Angekl.: Dort hatte ich von einem Geschäftsfreund Geld zu erwarten, mit dem ich Fräulein Zahn helfen wollte.

 

Vors.: Haben Sie den Damen nicht gesagt, Sie müßten sie auch mitnehmen nach Itzehoe, dort brauchten Sie ihre Unterschrift in einem Familienrat im Kampfe gegen den Vormund? - Angekl.: Fräulein Zahn hat mich gebeten, an dem Familienrat teilzunehmen.

 

Vors.: Warum sind Sie aber von Hamburg nach Kiel gefahren? - Angekl.: Weil bei den großen Ausgaben, welche Frl. Zahn machte, der Aufenthalt in Hamburg teurer gewesen wäre, als die Fahrt nach Kiel.

 

Vors.: Haben die Damen auf dem Rückwege von Kiel nach Hamburg davon gesprochen, daß Sie ihnen Geschenke machen wollten? Ob sie etwa einen Weihnachtswunsch hätten? - Angeklagter: Ja! Die Dörte hat einen Wunschzettel geschrieben und mit ausgehändigt. Fräulein Rohrbeck wünschte sich verschiedene Kleiderstoffe. Dem Fräulein Zahn wollte ich eine jährliche Rente von 10 000 Mark aussetzen.

 

Der Vorsitzende ersucht den Angeklagten um nähere Angaben über die angeblichen großen Ansprüche des Fräulein Zahn und ersucht ihn, sich dabei nicht in Widerspruch zu setzen mit den Aussagen, die Fräulein Zahn beeiden werde. In der Voruntersuchung habe der Angeklagte auf viele Fragen die Antwort verweigert, auf andere Fragen erklärt, darüber erst mit Auskunft zu geben, wenn er sich mit seinem Verteidiger beraten habe. - Verteidiger Dr. Ablaß bemerkt, er habe in der Voruntersuchung dem Angeklagten gesagt, wenn er etwas nicht genau wisse, solle er angeben, sich darüber erst später erklären zu wollen, um sich nicht in Widersprüche zu verwickeln und dadurch einen ungünstigen Eindruck zu machen. - Vorsitzender: Man kann aber aus dieser Erklärung andere Schlüsse ziehen. Welche Schlüsse die Geschworenen ziehen, unterliegt nicht meiner Beurteilung.

 

Vors.: Weiß der Angeklagte nicht anzugeben, wie groß die Ausgaben waren, die Fräulein Zahn gemacht? - Staatsanwalt: Warum hat der Angeklagte die Damen überhaupt nach Berlin eingeladen, und warum ist er nach Kiel anstatt nach Hamburg gefahren? - Angekl.: Ich bin nach Kiel gefahren, weil mir der Aufenthalt der Damen in Hamburg zu teuer geworden wäre, außerdem wollte ich in Kiel meine kranke Mutter besuchen.

 

Vors.: In Hamburg sollen Sie mit den Damen in ein Absteigequartier gegangen sein? - Angekl.: Ich wußte nicht, daß es ein solches Quartier ist und ich glaube es auch nicht. - Vors.: Die Damen sollen sich hier aber gar nicht wohlgefühlt haben, auch das Zimmer gefiel ihnen nicht. Wohnten Sie übrigens in derselben Wohnung? - Angekl.: Jawohl, aber in einem anderen Zimmer. - Vors.: Sie sollen abends weggegangen sein und nachts an die Tür der Damen geklopft haben? - Angekl.: Ich sah noch Licht in ihrem Zimmer und wünschte ihnen „Gute Nacht“. Dabei habe ich an die Zimmertür geklopft. - Der Angeklagte bestreitet dann, daß er, wie man ihm zum Vorwurf macht, in Hamburg überhaupt ein Absteigequartier gehabt habe.

 

Vors.: Am anderen Morgen sollen Sie nun den Damen erklärt haben, daß Sie ihnen finanziell nicht helfen könnten. - Angekl.: Jawohl, ich schickte Fräulein Zahn eine Visitenkarte. - Der Inhalt der Karte wird verlesen und lautet: „Liebe Berti! Ich werde um 10 Uhr nicht hier sein können, da ich zu meinem Bruder zu einer notwendigen Besprechung muß.“ - Vors.: Und zwei Stunden später schrieben Sie dann einen Brief, daß Sie in der ganzen Voruntersuchung nichts darüber geäußert, daß Sie Ihr ganzes Vermögen verloren hätten, und schickten ihnen 200 Mark, damit sie nach Hause fahren konnten. - Der Angeklagte bejaht dies.

 

Grupen nach der Abreise seiner Frau.

Vors.: Was haben Sie in Oldenbüttel über den Verbleib ihrer Frau mitgeteilt? Haben Sie überhaupt Ermittelungen angestellt? - Angekl.: Ich habe geglaubt, daß sie sich bei dem Fabrikbesitzer Schulz, mit dem sie ein Verhältnis hatte, aushalte.

 

Vors.: Der Frau Eckert haben Sie gesagt, Ihre Frau sei nach Hamburg, bei Vielhaak haben Sie gesagt, daß Sie mit Ihrer Frau schiedlich friedlich auseinander gegangen seien. Einer anderen Frau haben Sie gesagt, daß sie zu einer Freundin gefahren sei, und wieder einer anderen Frau, daß sie zur Bühne gegangen sei.

 

Verteidiger   D r .   A b l a ß   fragt, ob es richtig sei, daß der   F a b r i k b e s i t z e r   den ehebrecherischen Verkehr mit   G r u p e n s   F r a u   auch nach dem Tode ihres ersten Mannes fortgesetzt habe, und ob Frau Grupen aus Perleberg gegangen sei, weil sie von der Gesellschaft gemieden wurde, und ob ein Verfahren gegen den Fabrikbesitzer wegen des angeblichen Jagdunglücks des Schade geschwebt habe. Der Angeklagte bejaht das erstere, ob aber ein Ermittelungsverfahren gegen den Fabrikbesitzer geschwebt hat, weiß er nicht.

 

Ein Geschworener: Wie ist es möglich, daß der Angeklagte innerhalb dreier Stunden sein ganzes Vermögen verloren hat? - Angekl.: Ich hatte einem Geschäftsfreund großes Vertrauen entgegengebracht. - Vors.: Wie groß war der Verlust? - Angekl.: Das weiß ich nicht genau.

 

Grupen und Fräulein Zahn.

Vors.: Wir kommen jetzt zu einem anderen Kapitel. Nachdem, was Sie uns bisher erzählt, Angeklagter, haben Sie für Fräulein und Fräulein Rohrbeck sehr freundschaftliche Gefühle gehegt. Hinter deren Rücken haben Sie aber ganz anders gehandelt. Am 14. September haben Sie an   V i e l h a c k   geschrieben, daß Sie mit ihm in Verbindung treten wollen. Was erzählten Sie nun dem Vormund? - Angekl.: Ich mußte annehmen, daß die Sache mit dem Vormund nicht so schlimm sei. - Vors.: Haben Sie dem Vormund nicht auch erzählt, daß Fräulein Zahn für die Erziehung der Dörte nicht geeignet sei? - Angekl.: Jawohl, in einigen Punkten war ich auch der Ansicht. - Vors.: Wieso? - Angekl.: Fräul. Zahn erzählte dem Kinde ihre Liebesgeschichte. - Vors.: Was war das für eine Liebesgeschichte? - Angekl.: Sie hätte zu Rohrbeck in näheren Beziehungen gestanden.

 

Vors.: Es ist richtig, daß sie in sehr nahen Beziehungen zur Familie Rohrbeck gestanden hat, denn sie hat sich des Kindes nach dem Tode der Mutter angenommen, und Rohrbeck hat sie noch auf dem Sterbebett heiraten wollen. Angeklagter, Sie scheinen auch hier den Mund recht voll genommen zu haben. - Angekl.: Ich möchte hier keine weiteren Erklärungen abgeben.

 

Vors.: Sie haben weiter dem Vormund erklärt, daß Fräulein Zahn zu viel ausgebe. Sie hätten ihr bereits 3000 Mk. gegen Quittung gegeben, und nun wollte sie noch 8000 Mk. haben. Eine Quittung ist aber tatsächlich nicht vorhanden. - Der Angeklagte erklärt hierzu, daß in der Tat eine solche Quittung nicht vorhanden sei, daß ihn aber der Vormund deshalb als Zeugen vorschlagen wollte in einem Prozeß, der zwischen dem Vormund und Fräulein Zahn schwebte. Er habe aber gebeten, davon abzusehen, weil er erst nach Kleppelsdorf fahren und Erkundigungen einziehen wollte.

 

Vors.: Auf der einen Seite machen Sie also Geschenke, auf der anderen Seite stellen Sie sich dem Vormund zur Verfügung. Sie haben dann dem Vormund geschrieben, daß Sie kommen wollen, tatsächlich sind Sie aber erst am 12. Januar zu ihm gefahren und haben hier Fräulein Zahn schlecht gemacht. U. a. haben Sie erzählt, daß Fräulein Rohrbeck zuviel Zigaretten rauche usw. - Der Angeklagte erklärt hierzu, daß er es nicht für recht gehalten habe, daß Fräulein Zahn es billigte, daß Dörte sich von dem Taschengeld, das er, Grupen, ihr gegeben, sich sofort eine Zigarettenspitze gekauft habe.

 

Die Reise nach Kleppelsdorf.

Weiter wird festgestellt, daß Grupen nach Kleppelsdorf geschrieben hat, Vielhack wolle ihn in dem Prozeß als Zeugen nennen, die Dörte und Fräulein Zahn möchten deshalb nach Hamburg kommen. Inzwischen hatte man in Kleppelsdorf erfahren, daß Grupen tatsächlich als Zeuge benannt war, und Dorothea Rohrbeck fragte ihn deshalb brieflich, ob dies wahr sei. Grupen schrieb dann, daß er eventuell auch nach Hirschberg kommen könne, um mit dem Notar Rechtsanwalt Dr. Pfeiffer die Sache zu besprechen. Fräulein Zahn teilte Grupen mit, er solle nach Hirschberg zum Notar kommen. Darauf telegraphierte Grupen, er komme; ob die Großmutter vorübergehend mitkommen dürfe.

 

Vors.: Was wollten Sie mit dem Rechtsanwalt besprechen? - Angekl.: Ich war mißtrauisch geworden, ob die Angaben von Fräulein Zahn auch stimmten. Der Vormund erzählte mir, daß man in Kleppelsdorf zu große Ausgaben mache, während man mir dort gesagt hatte, der Vormund habe den Wald, das Auto und die Pferde verschleudert, sodaß sie nicht einmal Pferde hätten, um das Korn vom Felde abzufahren. Von Kleppelsdorf war die Antwort gekommen: „Besuch willkommen.“

 

Darauf reiste der Angeklagte mit Frau Eckert, der Ursula und Irma Schade, sowie der Stütze Mohr nach Kleppelsdorf.

 

Vors.: In Kleppelsdorf war der Empfang wohl etwas kühl, weil fünf statt zwei Personen kamen. - Angekl.: Als wir in Kleppelsdorf ankamen, haben wir lange warten müssen, ehe man uns ein Zimmer anwies. Frau Eckert war darüber ehr ärgerlich, ebenso Ursula. Wie der Angeklagte weiter erzählt, war Frau Eckert so erregt, daß sie sagte: Sie werde es der Kleppelsdorfer Gesellschaft noch abgewöhnen, und es würde in Kleppelsdorf, wie der Vormund gesagt hätte, noch ein Ende mit Schrecken nehmen.

 

Hierauf wurden zum besseren Verständnis für die Geschworenen zwei Tafeln aufgestellt, auf denen die Grundrisse des Schlosses aufgezeichnet waren. An Hand dieser Zeichnungen zeigte der Angeklagte dann, daß seiner Familie im Erdgeschoß eine Wohnung angewiesen wurde und zwar im sogenannten Schlafzimmer. Aus diesem führt eine Tür in die Plättstube, daran anstoßend war das sogenannte Amtszimmer. Der Angeklagte selbst schlief im zweiten Stock in einem anderen Flügel.

 

Keine falsche eidesstattliche Versicherung.

 Am 9. Februar fuhr Grupen zum Rechtsanwalt Dr. Pfeiffer in Hirschberg. Dort sollte er eine eidesstattliche Versicherung abgeben, daß ihm nichts davon bekannt sei, daß die Rohrbeck für Fräulein Zahn einen Revers unterschrieben habe. Der Angeklagte bemerkt weiter, daß er Frau Eckert nicht beeinflußt habe und daß er keine falsche eidesstattliche Versicherung fallen gelassen.

 

Vors.: Womit vertrieben Sie sich in Kleppelsdorf die Zeit? - Angekl.: Ich habe gelesen und hielt mich in der Regel in den Räumlichkeiten des ersten Stockes auf. - Der Angeklagte gibt dann eine nähere Erklärung der Räumlichkeiten im ersten Stock. Diese bestanden in einem Schlafzimmer, einem Kinderzimmer, an das sich das sogenannte   W i n t e r - W o h n z i m m e r   schloß. Dieses hatte einen Ausgang nach dem Kinderzimmer und einen durch ein Schrankzimmer auf den Flur. - Vors.: Haben Sie in Kleppelsdorf Ausflüge gemacht? - Angekl.: Blos einmal, sonst war ich immer zu Hause.

 

Die Traurigkeit Ursula Schades.

Vors.: Was machten die Kinder? - Angekl.: Die haben gelesen. Nachdem der Vorsitzende bemerkt, daß die Kinder recht vergnügt gespielt haben sollen, fragt er den Angeklagten: In welcher Gemütsverfassung war   U r s u l a ?   - Angeklagter: Sie war in Itzehoe manchmal sehr traurig und hat öfter geweint. Ich habe wiederholt versucht, den Grund zu erforschen, sie sagte ihn mir aber nicht. Auf der Fahrt hierher, - wir fuhren zweiter Klasse, - hatte ich auch den Kindern gesagt, sie möchten sich etwas hinlegen. Ursula tat es aber nicht. Während der Fahrt äußerte Ursula, sie freue sich gar nicht mehr auf den Besuch, habe auch Dörte nicht mehr lieb, weil sie so häßlich zur Großmutter sei. Ich glaube nicht, daß, wie man sagt, Ursula auf der Fahrt vergnügt gewesen sei. - Vors.: Haben Sie bemerkt, daß Ursula eine sogenannte Untertasche trug. - Angekl.: Das weiß ich nicht. - Der Angeklagte gibt dann noch an, daß ihm Frau Eckert gesagt, Ursula habe in der Nacht vom 12. zum 13. sehr unruhig geschlafen und sogenannte Angstzustände gehabt. Weiter erklärt er, daß   z w i s c h e n   d e m   9 .   u n d   1 4 .   F e b r u a r   Ursula der Stütze Mohr einen   B r i e f   gegeben habe, der eine Ueberraschung für die Großmutter sei. Er weiß nicht, ob Ursula gesagt habe, sie möchte den Brief erst morgen abgeben. Weiter wird festgestellt, daß Ursula einen   B r i e f   a n   e i n e   F r a u   B a r t e l s   in Itzehoe geschrieben hat. In dem Briefe teilt sie mit, daß sie sich   f r e u e ,   in Kleppelsdorf zu sein. Zum Schluß heißt es:   „ E s   g r ü ß t   S i e   I h r e   U r s e l . „   Darüber stand das offenbar erst später hineingeschriebene Wort:   „ t r a u r i g e “ .   Der Angeklagte weiß keine Erklärung dafür, warum Ursula geschrieben hat: „Ihre   t r a u r i g e   Ursel.“ Dieser Brief ist aber   n i c h t   a b g e s c h i c k t   worden, sondern der Angeklagte hat ihn in seine Gesäßtasche gesteckt. - Vors.: Warum haben Sie in der ganzen Voruntersuchung nichts darüber geäußert, daß Ursula traurig war. - Angekl. schweigt.

 

Der Angeklagte über den Mordtag.

Ueber die   E r e i g n i s s e   a m   1 4 .   F e b r u a r ,   dem Mordtage, gibt der   A n g e k l a g t e   f o l g e n d e   S c h i l d e r u n g :   Im Laufe des Vormittags ist Fräulein   R o h r b e c k   mit   I r m a   in der Stadt gewesen, von wo sie gegen ½ 12 Uhr zurückkamen. Fräulein Rohrbeck ging in das Kinderspielzimmer, während er sich im Nebenzimmer befand. Die Verbindungstür zwischen den beiden Zimmern stand offen. Ich habe nicht gehört, daß Fräulein Zahn das Dienstmädchen   M e n d e   mit einem Auftrage zur Stadt sandte. Ich habe Mühle gespielt mit   U r s u l a ,   die aber sehr unaufmerksam dabei war, dann mit Irma.   U r s u l a   h a t   d a n n   d a s   Z i m m e r   v e r l a s s e n   u n d   s o l l   F r ä u l e i n   R o h r b e c k   n a c h   u n t e n   g e r u f e n   h a b e n .   Fräulein   Z a h n   hat sich aus dem Nebenzimmer mit mir über den Stand der Spielpartie der Mühle unterhalten. Kurze Zeit darauf habe Fräulein Zahn Irma nach unten geschickt, um Dörte zu holen. Irma hat erst die Mühlepartie zu Ende spielen dürfen. Ich sagte darauf zu Fräulein Zahn: „Irma wird gleich gehen, wir sind sofort fertig.“ Irma ging auch nach unten,   f a n d   a b e r   D ö r t e   n i c h t .   Sie kam zurück und wollte einen Apfel in den Ofen werfen, konnte aber die Tür des Ofens nicht aufbekommen. Irma ging dann nach dem Abort und warf den Apfel dort hinein, während ich mit der Stütze Mohr weiter Mühle spielte.

 

Staatsanwalt: Der Angeklagte gibt also zu, zeitweilig mit Frau Eckert und Fräulein Mohr   a l l e i n   im Zimmer gewesen zu sein.

 

Angekl.: Jawohl. Irma war zweimal kurze Zeit außerhalb des Zimmers, das zweite Mal, nachdem die Mende uns zu Tisch gerufen hatte. - Vors.: Fräulein Zahn wird bekunden, daß wiederholt die Tür geklinkt hat?

 

Angekl.: Ja, Irma hat zweimal das Zimmer verlassen und ist zweimal wieder hereingekommen.

 

Vors.: Das kann Fräulein Zahn nicht gemeint haben. Sie selbst hatte ja das eine Mal Irma beauftragt, Fräulein Rohrbeck zu suchen.

 

Vors.: Sind Sie nicht auch im Zimmer hin- und hergegangen? - Angekl.: Ich habe Fräulein Zahn gebeten, von den Apfelsinen, die ich im Mühlespiel verloren hatte, zwei zurückzugeben. Bloß zu diesem Zweck ging ich   i n   d a s   N e b e n z i m m e r .   Darauf habe ich gemeinschaftlich mit Irma und der Mohr weitergespielt. Das Dienstmädchen   M e n d e   kam herauf und sagte: „Es ist angerichtet.“ Als wir uns zum Essen begeben wollten,   k a m   u n s   d i e   M e n d e   a u f   d e r   T r e p p e   e n t g e g e n   mit den Worten:   D i e   K i n d e r   l i e g e n   u n t e n ! “   Der Angeklagte will nicht gehört haben, daß Fräulein Rohrbeck zu Ursula, als diese sie, die Rohrbeck, aus dem Zimmer geholt hat, sagte: „Ursel, ich komme gleich mit.“ Er will auch das Aufstehen und Weggehen der Rohrbeck nicht gesehen haben.

 

Angekl.: Nachdem die Mende uns entgegenkam mit dem Schreckensruf, sind wir alle sofort nach unten gelaufen. Ich habe im ersten Moment das Bedürfnis gehabt, einen Arzt herbeizurufen, deshalb lief ich zum Telephon. Unterwegs traf ich Fräulein Zahn und sagte dieser, sie solle einen Arzt rufen lassen. Ich ging dann in das Zimmer zurück und legte Dörte aufs Bett.

 

Die Sicherung der Mordwaffe.

Der Angeklagte gibt dann eine Beschreibung des Zimmers und seiner Einrichtungsgegenstände. Daß ich aufgeregt war, ist bei diesem Vorfall wohl verständlich. Als der Arzt kam, habe ich gebeten: Herr Doktor, helfen Sie Ursel zuerst. - Vors.: Wo lag die Ursula? - Angekl.: Sie kauerte am Schrank. - Vors.: Haben Sie Verletzungen gesehen? - Angekl.: Ja. Von einem der Anwesenden wurde dann gesagt:   D o r t   l i e g t   d i e   P i s t o l e .   - Vors.: Haben Sie die Pistole aufgehoben? - Angeklagter: Ich glaube, daß ich sie aufgehoben und auf einen in der Nähe stehenden Rohrplattenkoffer gelegt habe.

 

Vors.:   H a b e n   S i e   d i e   P i s t o l e   g e -   o d e r   e n t s i c h e r t ?   - Angekl.: Das weiß ich nicht. - Vors.: Die Pistole soll gesichert gewesen sein! - Angeklagter: Es ist möglich, daß ich die Pistole ganz mechanisch gesichert habe. Ich kann mich auf die Vorgänge nicht mehr so genau besinnen. - Vors.: Wissen Sie nicht mehr, ob Sie den Sicherungsflügel herumgelegt haben?  Angekl.: Das ist möglich, denn im Krieg ist uns ja immer und immer wieder gesagt worden, daß man die Waffe sichern soll. - Vors.: Haben Sie sofort erkannt, daß dies Ihre Waffe war? - Angekl.: Nein, weil ich die Pistole noch nicht lange hatte.

 

Der Brief „an Großmutti“.

 Bei der   U r s u l a   wurde bekanntlich eine   S c h a c h t e l   m i t   1 9   P a t r o n e n   in einer   U n t e r b i n d e t a s c h e   und ein   B r i e f   gefunden. Der Brief kommt zur Verlesung. Er lautet:

 

„Kleppelsdorf, 9.

Liebe Großmutti!

Sei mir nicht böse, daß ich Vati den Revolver aus dem Schreibtisch genommen habe. Ich will Dir helfen, Du sollst Dich nie mehr an Dörte ärgern. Als Vati Onkel Wilhelm das zeigte, habe ich zugesehen, wie es gemacht wurde, da hab ich mir ihn nachher heimlich mitgenommen. Es grüßt Dich und Vati.            Ursel.“

 

Die Adresse des Briefes lautete:   „ A n   G r o ß m u t t i . “

 

Vors.: Es soll dies derselbe Brief sein, der schon mehrere Male von der Mohr der Großmutter gegeben werden sollte.

 

Vors.: Sie sollen zu Frau Eckert gesagt haben:   „ D a   s o l l   e s   j a   m e i n e   P i s t o l e   s e i n . “   - Angekl.: ich habe am Nachmittag zu Frau Eckert gesagt: „An der ganzen Sache bin ich schuld, weil ich die Pistole nicht eingeschlossen habe.“ Frau Eckert sagte mir darauf: „Beruhige Dich doch,   D u   w a r s t   d o c h   d i e   g a n z e   Z e i t   b e i   m i r .“

 

Der Angeklagte gibt auf Befragen zu , daß er zu Sanitätsrat Dr. Scholz gesagt hat: „Können Sie Ursel nichts mehr geben, damit sie wenigstens aussagen kann, was sie dazu bewogen hat?“ - Vors.: Das soll geschehen sein,   n a c h d e m   Ihnen der Arzt gesagt hatte, daß hier alle ärztliche Kunst vorüber sei. - Angekl.: Wenn schon ich auch wußte, daß Ursel vielleicht nicht mehr zu retten sei, so hatte ich den Arzt doch gebeten, ob er sie nicht doch wenigstens noch einmal zum Bewußtsein erwecken könne.

 

Ein Geschworener; Wie lange Zeit mag vergangen sein, bis der Arzt gekommen ist? - Angekl.: Das können ungefähr 20 Minuten gewesen sein.

 

Justizr.   A b l a ß :   Ist die Wunde und das Gesicht der Ursula abgewischt worden? - Angekl.: Ja, die Schwester hat mit einem nassen Handtuch der Ursula das Gesicht abgerieben.

 

Vors.: Wie ist es möglich, daß die Pistole dahin gekommen ist? - Angekl.: Ich habe mir den Revolver gekauft, weil meine alte (hier fehlt Text, aber das Schriftbild geht ununterbrochen weiter) Ich habe die Pistole im Schreibtisch in Ottenbüttel aufbewahrt und habe sie meinem Bruder übergeben, der mich während meiner Abwesenheit vertreten sollte.   I c h   w e i ß    n i  c h t ,   w e r   d e n   R e v o l v e r   m i t   n a c h    K l e p p e l s d o r f   g e n o m m e n   h a t .   Das Fach, in dem der Revolver lag, hatte ich für meinen Bruder offen gelassen.   I c h   h a b e   U r s u l a   e i n m a l   b e i   d i e s e m   F a c h   g e s e h e n   und ihr einen Verweis erteilt und sie aus dem Zimmer gewiesen. Ich nehme an, daß sie den   R e v o l v e r   a n   s i c h   g e n o m m e n   und mit nach Kleppelsdorf genommen hat.

 

Auf die Frage, wie Ursula den Revolver wohl transportiert habe, sagte der Angeklagte: Ich weiß es nicht. Ich vermute, daß sie ihn im Mantel getragen hat und folgere dies daraus, daß sie sich im Kupee nicht hinlegen wollte.

 

Sachverständiger Kreisarzt   D r .   P e t e r s -   Löwenberg: War die Waffe   g e l a d e n ,   als Sie sie dem Bruder übergaben? - Angekl.: Ja. - Verteidiger   D r .   A b l a ß :   Kann der Angeklagte selbst laden? - Angekl.: Wir haben uns beide daran beteiligt.

 

Darauf wird die Verhandlung um 8 Uhr abends auf Dienstag vertagt.

 

 

*

Dienstag-Sitzung.

Zu Beginn der heutigen Sitzung wird die kommissarische Vernehmung einer in Ottenbüttel wohnenden Entlastungszeugin beschlossen, die an Grippe erkrankt ist. Die Zeugin soll bekunden, daß Grupen, als ihm nahegelegt wurde, nach dem Verschwinden seiner Frau seine Stiefkinder zu verlassen, erklärt habe: „Nein, das tue ich nicht, ich habe die Kinder lieb.“

 

Auf Anregung des Sachverständigen, Geheimrat   L e s s e r ,   wird beschlossen, bei der morgen in Kleppelsdorf stattfindenden Verhandlung   S c h i e ß v e r s u c h e   an einem lebenden Tier vorzunehmen, um festzustellen, ob eine Geschwulst bei Schußwunden nur dann entsteht, wenn der Schuß aus nächster Nähe abgegeben worden ist.

 

Als Zeugen sind heute vorgeladen: Fräulein   Z a h n ,   Herr   V i e l h a c k ,   Rechtsanwalt   D r .   P f e i f f e r ,   Frau   E c k e r t ,   Frl.   M o h r ,   Landgerichtsrat   D u b i e l   und Photograph   B l u m e .

 

Die Erbschaft von Kleppelsdorf.

Grupen wird hierauf aufgefordert, nochmals eine Erklärung abzugeben über seine nach der Entdeckung des Doppelmordes angeblich geplante Aeußerung zu Frau Eckert: „Weißt Du auch, daß Du jetzt Erbin von Kleppelsdorf bist?“

 

Angekl.: Ich habe diese Aeußerung nicht getan. Wir saßen abends gegen 8 Uhr im unteren Eckzimmer. - Vors. (unterbrechend): Sie sollen die Aeußerung bereits nachmittags 3 Uhr getan haben. - Angekl.: Das ist ausgeschlossen. Als wir abends zusammensaßen, hat Frau Eckert davon gesprochen, daß Herr Alfred Rohrbeck jetzt nicht mehr so große Sorge zu haben brauche, da er Erbe geworden sei. - Vors.: Hat Frau Eckert mit Ihnen nicht davon gesprochen, wie im Falle eines Todes der Dorothea Rohrbeck sich die Erbschaftsverhältnisse gestalten würden? - Angekl.: Ich habe Frau Eckert an jenem Abend gesagt, daß sie Miterbin sei, daß ich ihr aber gesagt hätte, wieviel auf sie entfalle, ist mir nicht bekannt. - Vors.: Es wird behauptet, daß Sie kurz nach 3 Uhr, als Amtsgerichtsrat Thomas aus Lähn am Tatort eingetroffen war, gesagt haben: „Die ganze Schuld an dem Verhängnis liegt daran, daß ich die Pistole nicht eingeschlossen habe.“ - Angekl.: Ja, und Frau Eckert beruhigte mich, indem sie sagte, ich könne doch nichts dafür, daß die Ursula die Pistole an sich genommen habe.

 

„ B l e i b t   b e i   E u e r e r   A u s s a g e ! “

Dem Angeklagten wird vorgehalten, daß er, als der Landjäger Klopsch im Flur des Schlosses Telefonierte, hinzugetreten sei, und als ihn der Landjäger aufgefordert habe, wieder in sein Zimmer zurückzugehen, geantwortet habe, „ich werde wohl bewacht?“

 

In der Nacht zum 15. wurde dem Angeklagten seine Verhaftung mitgeteilt. Der Landjäger Klopsch verbot dem Angeklagten, sich mit Frau Eckert und dem Fräulein Mohr zu unterhalten. - Vors.: Haben Sie bei der Abführung nicht gesagt:   „ W e n n   I h r   a u s s a g t ,   d a ß   I h r   w i ß t ,   d a ß   i c h   o b e n   i m   Z i m m e r   w a r ,   k o m m e   i c h   m o r g e n   w i e d e r   f r e i “ ?   - Angekl.: Ich habe nur gesagt, daß sich meine Unschuld sicherlich in einigen Tagen herausstellen wird. - Vors.: Am nächsten Tage wurden Sie vom Gefängnis in Lähn wieder nach Kleppelsdorf zurück- und von dort nachmittags nach Hirschberg gebracht. Da haben Sie vom Landjäger Klopsch verlangt, sich von Frau Eckert und der Irma verabschieden zu dürfen. - Angekl.: Ich bin mir nicht bewußt, daß ich das verlangt habe. Man hat mich aber unten zum Abschied erwartet. - Vors.: Sie sollen beim Abschied gesagt haben:   B l e i b t   b e i   E u e r e r   A u s s a g e !   - Angekl.: Das ist möglich! - Vors.: Landjäger Klopsch soll Ihnen verboten haben, von der Sache mit Ihren Angehörigen zu sprechen. Dieses Verbot sollen Sie aber nicht beachtet, Sie sollen trotzdem weiter gesprochen haben, und zwar in   P l a t t d e u t s c h .   - Angekl.: Es ist möglich, daß ich mit Fräulein Mohr plattdeutsch gesprochen habe; sie solle sich vollkommen an die Wahrheit halten und auch sagen, daß wir uns näher gestanden haben.

 

Vors.: Sie sollen vor Ihrem Transport nach Hirschberg den Amtsgerichtsrat Thomas gefragt haben, ob Frau Eckert, Fräulein Mohr und die kleine Irma bei ihrer Angabe bleiben, daß Sie   d i e   g a n z e   Z e i t   n i c h t   v o n   I h r e m   T i s c h e   w e g g e g a n g e n    seien? - Angekl.: Eine solche Frage hätte ich nur stellen können, wenn mir bekannt geworden wäre, daß eine neue Vernehmung der Drei stattgefunden hat, ich habe aber davon nichts gehört.

 

Ein Heiratsantrag?

Vors.: Nun will ich Ihnen die bestimmte Frage vorlegen: Haben Sie jemals Fräulein Dorothea Rohrbeck einen Heiratsantrag gemacht? - Angekl. (mit Entschiedenheit): Nein. - Vors.: Es werden aber Zeugen auftreten, die bekunden werden, daß Fräulein Rohrbeck ihnen mitgeteilt und auch geschrieben habe, daß Sie ihr einen Heiratsantrag gemacht haben. - Angekl.: Ich bin fest überzeugt, daß dies die Zeugen nicht bekunden können. Es wird ja auch möglich sein, einen solchen Brief, wenn er existiert, vorzulegen. - Vors.: In der Voruntersuchung ist festgestellt worden, daß Fräulein Rohrbeck der Oberschwester Grube, dem Frl. Zahn und auch Herrn Dr. Baier Mitteilungen von Ihren Heiratsanträgen gemacht hat. - Angekl.: Einen feststehenden Heiratsantrag habe ich Dörte Rohrbeck nicht gemacht. Ich habe mich nur bereit erklärt, dem Fräulein Rohrbeck auf ihre Bitten hin meine Unterstützung zuteil werden zu lassen, aber einen Heiratsantrag wollte ich daraus nicht verleiten.

 

Ursula.

Sachverständiger Geheimrat   D r .   L e s s e r   wünscht Aufklärung über das Temperament der Ursula Schade und ihr Verhältnis zu dem Angeklagten. Der Angeklagte erklärt, Ursula sei häufigem Stimmungswechsel unterworfen gewesen. Er habe schon 1919 von ihr den Eindruck gewonnen, daß sie zu Schwermut neide, Zeitweise sei sie auch lustig gewesen.

 

Ueber das Verhältnis der Dorothea Rohrbeck zu ihrer Großmutter Eckert äußert sich der Angeklagte dahin, daß, wenn der Großmutter das Benehmen der Dörte nicht gefallen habe, dies auf Fräulein Zahn zurückzuführen sei. - Vors.: Wenige Tage vor der Tat soll eine Unterhaltung über das Verbleiben der Ursula auf Schloß Kleppelsdorf stattgefunden haben. - Angekl.: Fräulein Zahn hat gesagt, die Kinder könnten in Kleppelsdorf bleiben. Sie hat jedenfalls angenommen, daß dann die Kündigung vom Vormund nicht durchgeführt werden würde.

 

Hypnose?

Verteidiger   D r .   A b l a ß :   H a t   d e r   A n g e k l a g t e   s i c h   j e m a l s   m i t   H y p n o s e   b e s c h ä f t i g t ?   - Angekl.:   N e i n ,   n i e m a l s !

 

Der Schütze Grupen.

Vors. zum Angeklagten: Sind Sie ein guter Schütze? - Angekl.: Ich habe vor meiner Militärzeit kein Gewehr in Gebrauch genommen. Im Felde wurde ich mit dem Infanteriegewehr ausgebildet und nachher habe ich in Itzehoe einen Revolver gehabt. Man kann annehmen, daß ich verhältnismäßig gut schieße. Ich bin Ehrenmitglied der Schützengilde in Ottenbüttel und habe erste und zweite Preise bekommen. - Vors.: Haben Sie sich im Pistolenschießen geübt? - Angekl.: Davon ist mir nichts bekannt.

 

Ein Geschworener: War Ursula Schade Linkshänderin? - Angekl.: Nein, Rechtshänderin.

 

Die Verhandlung wendet sich nunmehr dem zweiten Teil der Anklage, dem von Grupen an seiner Stieftochter verübten   S i t t l i c h k e i t s v e r b r e c h e n   zu. Die   O e f f e n t l i c h k e i t   wird während dieses Teiles der Verhandlung   a u s g e s c h l o s s e n .   Der Antrag des Staatsanwalts, die Presse zuzulassen, wurde vom Gerichtshof abgelehnt. Auch die Pressevertreter müssen den Saal verlassen.

(Fortsetzung folgt.)

 

 

 

Donnerstag, den 8. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf.

 

Beendigung der Vernehmung Grupens.

Frl. Zahn als Zeugin.

Hirschberg, 7. Dezember 1921.

Am Dienstag wurde die Vernehmung des Angeklagten Grupen zu Ende geführt. Der Eindruck, den man zu Anfang seiner Vernehmung von ihm erhalten und den wir gestern geschildert, bleibt weiterhin bestehen. Mit größter Spannung sah man am Dienstag nachmittag der Vernehmung einer Hauptzeugin, der Erzieherin Fräulein   B e r t h a   Z a h n ,   entgegen. Sie macht ihre Aussagen mit großer Sicherheit, so weit ihr Gedächtnis reicht. Besonderes Interesse beanspruchten einmal ihre Angaben über die angesichts des großen Vermögens der Dorothea Rohrbeck geradezu empörend geringen Mittel, welche dieser und ihrer Erzieherin zur Bestreitung des größten Teiles des Haushalts zur Verfügung gestellt worden waren, und dann die Inszenierung der Reisen, zu denen Grupen die beiden Damen unter Anknüpfung an ihre Geldverlegenheiten zu bestimmen wußte. 100 bis 150 Mark wöchentlich erhielt die Millionenerbin von Kleppelsdorf zur völlig ungenügenden Bestreitung von Ausgaben, die jeder noch so wirtschaftlich denkende Mensch unter diesen Umständen für höchst bescheiden und selbstverständlich halten mußte. Der Vorsitzende, dessen Verhandlungsführung ihm bereits allgemeine Sympathien verschafft hat, nahm auch Gelegenheit, diesen Punkt besonders zu unterstreichen. Das Kapitel „Konfirmationskleid“ insbesondere ist schwer zu begreifen. Daß der Angeklagte über manche Aussagen von Frl. Zahn weinig erbaut ist, erscheint nahe liegend, indessen weiß er sich zu beherrschen. Ungeklärt bleiben die Gründe, die Grupen veranlaßt haben, die beiden Kleppelsdorfer Damen, angeblich um ihnen Geld zu geben, nach Berlin gelockt und von dort nach Hamburg und Kiel, um den Ausdruck des Vorsitzenden zu gebrauchen, „verschleppt“ hat und sie dann dort unter der falschen Angabe, sein Vermögen verloren zu haben, plötzlich allein hat sitzen lassen. Zwischen den Aussagen Grupens und denen des Frl. Zahn über diese dunklen Vorgänge klaffen mancherlei Widersprüche. Bis zum Hauptereignis am Mordtage sind die Aussagen von Frl. Zahn am Dienstag noch nicht vorgedrungen. am heutigen Mittwoch finden Besichtigungen und Verhandlungen in   K l e p p e l s d o r f   statt, worauf die Vernehmung von Frl. Zahn am Donnerstag fortgesetzt werden dürfte.

 

Wir berichten über den weiteren Verlauf der Verhandlung:

 

Die Verhandlung wendet sich nunmehr dem zweiten Teil der Anklage, dem von Grupen an seiner Stieftochter verübten   S i t t l i c h k e i t s v e r b r e c h e n   unter

 

Ausschluß der Oeffentlichkeit

 

zu. Grupen bestritt das ihm zur Last gelegte Sittlichkeitsverbrechen an der 13 Jahre alten Stieftochter Ursula. Es steht andererseits fest, daß die Ursula schwer geschlechtskrank war und auch der Stiefvater ein Leiden hatte. Grupen konnte einen der Aerzte, wo das Kind in Hamburg behandelt wurde, nicht näher bezeichnen. Ein anderer Arzt, Dr. Georg Reyer-Hamburg, ist als Zeuge zur Stelle. Grupen behauptet im übrigen, daß die Mutter das Kind anormal behandelt habe, was wohl ein Grund für ihr späteres Verschwinden sei.

 

Grupens Vermögensverhältnisse

werden nach Wiederherstellung der Oeffentlichkeit erörtert. Der Angeklagte, der bekanntlich das Maurerhandwerk gelernt hat, macht folgende Angaben: Sein erstes Geld verdiente er 1913 als Bauführer; er habe damals sparsam gelebt und etwas zurückgelegt. 1919 erhielt er das väterliche Grundstück in Haseldorf zum Geschenk, wogegen er sich zur Zahlung einer jährlichen Rente von 1000 Mk. am seine Eltern verpflichtete. Auf der Vulkanwerft hat er sich insofern gut gestanden, als er sich die Lebensmittel zum Teil von Hause kommen lassen konnte. Dann ist er einige Zeit in der Bootsbauerei seines Vaters tätig gewesen. In jener Zeit sind ihm vom Reiche 9000 Mk. für den im Kriege verlorenen Unterarm ausgezahlt worden. Später hat er durch Gutachten bei Grundstücksverkäufen Nebenverdienste gehabt. Als er Frau Schade heiratete, hatte er ungefähr 20 000 Mark Vermögen.

 

Vors.: Sie haben aber in Hamburg verschiedentlich Darlehen aufgenommen. - Angekl.: Ja, der plötzlichen Verlegenheiten habe ich mir einmal 700 und dann 2000 Mk. geborgt. - Vors.: Haben Sie sich vor der Verlobung mit Frau Schade als sehr begütert ausgegeben? - Angekl.: Ich habe nur den Eindruck erweckt, daß ich meine Zukunft nicht besorgt zu sein brauche. - Der Angeklagte gibt eine eingehende Darstellung der Vermögensverhältnisse seiner Frau und seiner Schwiegermutter, der Frau Eckert. Mit Angaben über seine persönlichen Vermögensverhältnisse ist er sehr zurückhaltend.

 

Vors.: Sie haben Wertpapiere Ihrer Frau verkauft. - Angekl.: Ich habe mich dazu für berechtigt gehalten, weil meine Frau mein Vermögen mitgenommen hat. - Vors.: Haben Sie nicht auch den   B r i l l a n t s c h m u c k   I h r e r   S c h w i e g e r m u t t e r   verkauft? - Der Angeklagte setzt auseinander, daß er den Schmuck bei einem Pfandleiher in Hamburg nach seiner Meinung für 5000 Mk. verpfändete; er wollte den Schmuck wieder abholen und dann auf der Bank deponieren. - Vors.: Nachdem Ihre Frau fort war, haben Sie auch ihr Pelzjackett und ihren Regenmantel in Hamburg verpfändet. - Der Angeklagte bestätigt dies.  - Staatsanwalt: Wie kommt es denn, daß der Angeklagte den Regenmantel versetzen konnte; seine Frau hatte ihn doch bei ihrem Verschwinden angehabt. - Angekl.: Meine Frau hatte bei der Abreise den Regenmantel, der aus Zeltbahnstoff gefertigt war, über die guten Kleider angezogen. Ich sagte bereits, daß sie den Pelzkragen im Wagen zurückgelassen hatte. Beim Ausziehen des Regenmantels hat sie jedenfalls den Pelzkragen abgelegt und ihn vergessen. - Staatsanwalt: Bisher hat der Angeklagte nie etwas davon gesagt, daß auch der Regenmantel im Wagen zurückgelassen worden ist. Ich werde auch unter Beweis stellen, daß der Angeklagte auch die   R i n g e   seiner verschwundenen Frau verkauft hat. - Auf die Frage des Vorsitzenden gibt der Angeklagte zu, das   S i l b e r   seiner Frau, etwa 5 bis 8 Kg., verkauft zu haben.

 

Es tritt eine Mittagspause ein.

 

In der Nachmittagssitzung bemühen sich der Vorsitzende und der Staatsanwalt, vom dem Angeklagten eine bestimmte …rung über seinen   j e t z i g e n   V e r m ö g e n s s t a n d   zu erhalten. Der Angeklagte erklärt, hierüber genaue Auskunft nicht geben zu können, fügt aber hinzu, daß er die Verteidigerhonorare aus eigenen Mitteln bezahle. Nach Erörterung eines Testaments, das der Angeklagte einmal gemacht hat, wird die Vernehmung des Angeklagten geschlossen und in die

 

Beweisaufnahme

 

eingetreten. Als erste Zeugin wird

d i e   E r z i e h e r i n   F r ä u l e i n   B e r t a   Z a h n

aufgerufen. Die 42jährige Dame erscheint in Trauerkleidung. Sie bekundet:

 

Im Frühjahr 1905 kam ich als Hausdame und gleichzeitig als Erzieherin der Dorothea Rohrbeck, die 1 ¼ Jahr alt war, nach Kleppelsdorf. Damals lebte Herr Rohrbeck noch. Dörtes Mutter war ein Vierteljahr nach der Geburt ihres Töchterchens gestorben. Vorher war Frau Eckert ein Jahr im Hause. Ich hatte das Gefühl, daß Frau Eckert mich nicht gern kommen sah. 1914 erkrankte Herr Rohrbeck. Wir begleiteten ihn nach Schandau in ein Sanatorium, wo ich seine Pflege übernahm. Als er starb, hinterließ er als Erbin seine einzige Tochter.

 

Das Erbe

bestand aus dem Rittergut Kleppelsdorf nebst Vorwerken sowie einer Besitzung in Tempelhof. Etwa 1 300 000 Mk. Barvermögen waren vorhanden. Herr Rohrbeck hatte in seinem Testament vom März 1912 Herrn   V i e l h a c k   a l s   V o r m u n d   seiner Tochter eingesetzt. Das Testament enthielt auch einen Nachtrag ungefähr folgenden Inhalts: „Ich bestimme hierdurch, daß über die Ausbildung, Erziehung und den Aufenthalt meiner Tochter Dorothea lediglich Fräulein Zahn zu bestimmen hat und zwar im Einverständnis mit dem Vormund.“

 

Verteidiger Dr.   A b l a ß :   Es wird behauptet, daß Frau Eckert befürchtete, daß Herr Rohrbeck Sie heiraten würde. Frau Eckert soll aber gewollt haben, daß ihre Tochter Gertrud, die spätere Frau Schade, Herrn Rohrbeck heirate. - Frl. Zahn: Ja. Frau Eckert hatte den Wunsch. So viel ich weiß, bestand auch eine ganz kurze Verlobungszeit. - Dr. Ablaß: Frau Eckert soll auch die Befürchtung gehabt haben, daß Ihr Bruder die Dörte heirate. Als Herr Rohrbeck erkrankt war, soll Frau Eckert Ihnen vorgehalten haben, Sie sollten keine Erbschleicherei trieben. - Frl. Zahn: Frau Eckert hat mir allerdings Erbschleichereigeschichten erzählt, ich entnahm daraus, daß sie es nicht ohne Absicht getan hat. - Verteidiger Dr.   M a m r o t h :   Ist es richtig, daß davon die Rede war, daß Herr Rohrbeck Sie heiraten wollte. - Fräulein Zahn: Jawohl. In Schandau äußerte er den Wunsch, daß wir als Verheiratete nach Hause fahren möchten. Darauf habe ich gesagt, ich würde es gern tun. - Verteidiger Dr.   A b l a ß :   Nach dem Tode des Herrn Rohrbeck soll Frau Eckert Sie sehr unfreundlich empfangen haben, weil Herr Rohrbeck ihr sein Erbe ausgesetzt hatte. - Frl.   Z a h n :   Ja. - Vors.: Sie kamen mit dem Vormund in Differenzen. - Frl. Zahn: Den ersten Anlaß hierzu gab der Wunsch des Vormundes, die Hauslehrerin zu entfernen, weil er deren Unterricht für Dörte nicht haben wollte. Ich war damit nicht einverstanden, denn es war eine vorzügliche Lehrerin, und auch sonst eine angenehme Hausgenossin. - Vors.: Der Vormund hat Ihnen auch den Vorwurf gemacht, daß Sie zu viel Geld ausgeben. - Frl. Zahn: Ja. Er setzte

das Haushaltsgeld

auf   m o n a t l i c h   1 0 0 0   M a r k   fest. Davon mußte ich sämtliche Ausgaben des Haushaltes, der Erziehung, des Unterrichts und die Gehälter der Hausangestellten, die Kleidung, die Reisen usw. bezahlen. Die Lehrerin bekam damals, es war im Sommer 1916, 100 Mark monatlich. Die Gehälter machten die Hälfte meiner gesamten Ausgaben aus. - Vors.: Sie haben früher gesagt, Fräulein Rohrbeck sei nicht ganz gesund gewesen, wegen ihrer Schwäche hätte sie viel Fettes bekommen müssen. - Frl. Zahn: Das ist richtig. Obwohl die Lebensmittelpreise stiegen, wurden meine Ausgaben auf   w ö c h e n t l i c h   1 2 0   M a r k   festgesetzt. Davon brauchte ich allerdings die Gehälter nicht zu bezahlen. Vom 1. Oktober 1920 ab erhielten wir   w ö c h e n t l i c h   s o g a r   n u r   1 0 0   M a r k .

 

Vors.:   D i e   M i l l i o n e n e r b i n   v o n   K l e p p e l s d o r f   e r h i e l t   a l s o   w ö c h e n t l i c h   1 0 0   M a r k   f ü r   d e n   H a u s h a l t ,   und es wurde von Ihnen verlangt,   d a v o n   n o c h   d i e   W i r t s c h a f t e r i n   u n d   z w e i   M ä d c h e n   z u   b e z a h l e n !   - Frl. Zahn: Die Gehälter machten monatlich 250 Mark aus, so daß mir   g a n z e   1 5 0   M a r k   f ü r   d e n   H a u s h a l t   ü b r i g   blieben.

 

Vors.: Wie kam der Vormund dazu, zu sagen, daß Sie verschwenderisch gelebt hätten. - Frl. Zahn: Das weiß ich nicht. - Vors.: Haben Sie sich nicht einmal an den Gegenvormund gewendet? - Frl. Zahn: Ja, an Herrn   B a u e r ,   der in den letzte Jahren Verwalter des Gutes war. - Vors.: Es ist wunderbar, daß der Gegenvormund ein Angestellter des Vormundes ist. - Frl. Zahn: Ich habe dies auch bei dem Vormundschaftsgerichts zur Sprache gebracht, und da wurde mir gesagt: Sie sehen, daß es geht! Herr Bauer hat mir mit Rat beigestanden und war sehr freundlich, als er sich noch in Neuhof befand. Als er nach Kleppelsdorf kam, machte er mir zum Vorwurf, daß ich nicht vorsichtig genug in meinem Verhältnis zu den Familienangehörigen des Rohrbeckschen Hauses wäre.

Hier   e r l i s c h t   p l ö t z l i c h   d a s   e l e k t r i s c h e   L i c h t   im Saale. Es werden Petroleumlampen herbeigebracht, die den Tisch des Gerichtshofes und den Platz der Verteidiger spärlich beleuchten. Der Vorsitzende ordnet an, auch für den Pressetisch Lampen herbeizuschaffen. In der Dunkelheit wird die Verhandlung fortgesetzt.

 

Verteidiger Dr.   A b l a ß   zu Frl. Zahn: Ist Ihnen bekannt, daß das Vormundschaftsgericht an seinem Standpunkt festgehalten hat, daß Sie die Zerwürfnisse mit den Vormündern durch Ihr taktloses Verhalten herbeigeführt haben. Der   V o r s i t z e n d e   wirft die Bemerkung dazwischen, es sei aber auch bekannt, daß das Landgericht sich auf einen entgegengesetzten Standpunkt gestellt habe. - Frl. Zahn: Ja, das Landgericht Hirschberg hat allen meinen Klagen stattgegeben. - Vors.: Der Vormund hat Ihnen auch das   G e h a l t   g e s p e r r t .   - Frl. Zahn: Das Landgericht hat aber im Wege der einstweiligen Verfügung angeordnet, daß das Gehalt weiter gezahlt werden solle. - Verteidiger Dr.   A b l a ß :   Diese Angelegenheit ist durch den Tod der Dörte Rohrbeck unentschieden geblieben.

 

Vors.: Wie sind Sie zu den Beziehungen mit dem Angeklagten gekommen? - Frl. Zahn: Dörte wurde 1920 konfirmiert. - Vors.: Hatten Sie vorher etwa davon gehört, daß   F r a u   S c h a d e   sich mit dem Angeklagten verheiratet hatte?  Fräulein Zahn: Ja, sie hatte es mir selbst geschrieben. Wir hatten die Verwandten gebeten, zur Konfirmation zu kommen, aber sie sind nicht erschienen, ebenso wenig der Vormund. Wir hatten   d e n   V o r m u n d   g e b e t e n   u m   M i t t e l   z u r   A n s c h a f f u n g   e i n e s   Konfirmationskleides.

 

D a s   h a t   e r   z u r ü c k g e w i e s e n .   Da gingen wir aufs   V o r m u n d s c h a f t s g e r i c h t ,   und es wurde mir gesagt,   i c h   s o l l t e   a u s   d e n   a l t e n   G e s e l l s c h a f t s a n z ü g e n   d e s   V a t e r s   e i n   K o n f i r m a t i o n s k l e i d   m a c h e n !   - Vors. (erstaunt): Aus den alten Gesellschaftsanzügen des Vaters? Wer hat Ihnen das gesagt? Der Vormundschaftsrichter? - Fräulein Zahn: Ja. Ich habe nun einen Antrag gestellt und mit Unterstützung des Vormundschaftsrichters haben wir schließlich 800 Mark erhalten. Mit den 800 Mark habe ich nicht gereicht, denn Dörte brauchte außer dem Konfirmationskleid ein Paar Stiefel und einige Wäschestücke, Leibwäsche hatte ich ihr selbst aus Kinderbettwäsche gemacht. Dann wollten wir auch dem Geistlichen etwas geben, aber

d a s   V o r m u n d s c h a f t s g e r i c h t

schrieb, das sollte ich alles von dem Haushaltsgeld nehmen. Ich habe die noch notwendigen Sachen zum Teil aus eigenen Mitteln bestritten. - Vors.: Haben Sie sich in Ihrer Not nicht an Verwandte gewendet? - Frl. Zahn: Ja, ich hatte an Herrn   P i n g e l   geschrieben. Der hat es nicht für richtig gefunden, daß ich mir Geld borge. Aber ich wußte nicht, was ich machen sollte. Er hat mir auch einmal Geld geschickt. - Die Frage eines Geschworenen, ob Frl. Zahn in ihrer Not und Bedrängnis sich auch an einen ehemaligen Offizier in Lähn gewandt habe, ihr ein Darlehen gegen Bürgschaft zu verschaffen, bejaht die Zeugin, und fährt fort: Im Juli 1920 wollten wir eine Verwandtenreise antreten, weil Dörte noch niemals zu ihren Verwandten gekommen war, außer zu ihrer Großmutter in Berlin.   W i r   b a t e n   d e n   V o r m u n d   u m   R e i s e g e l d .   D a s   l e h n t e   e r   a b .   Da wandten wir uns an den jungen Herrn Pingel, der uns 2000 Mark sandte. Am Tage vor der Beerdigung Dörtes hat sich der junge Herr Pingel, der aktiver Offizier in Hannover war, erschossen.

 

In Itzehoe und Ottenbüttel.

Wir fuhren am 27. oder 29. Juli zunächst zur Großmutter nach Itzehoe. Wir wurden sehr herzlich, ganz gegen mein Erwarten, aufgenommen. Am nächsten Tage entschloß sich Grupen, mit uns einige Tage nach Hamburg zu fahren, um uns die Stadt zu zeigen. Auch damit waren wir gern einverstanden. Ich hatte den Eindruck, von Grupen, daß an Geld nicht gespart zu werden brauchte. Dörte bekam gleich am ersten Morgen in Itzehoe ein Paar Stiefel.  Ich sollte mir auch Geschenke wünschen. Als ich mir in Hamburg eine Bluse kaufte und sie an der Kasse bezahlen wollte, bat mich der Angeklagte, ihm die Freude zu bereiten, die Bluse zu bezahlen.

 

Vors. (zur Zeugin): Sind Sie mit Dörte und mit dem Angeklagten in der Zwischenzeit nicht mal nach einem anderen Orte gefahren? - Frl. Zahn: Ja, nach Ottenbüttel, wo uns der Angeklagte sein Landgut zeigen wollte. Es war das letzte Haus am Ende der Dorfstraße. Ich wunderte mich, daß Frau Grupen in dieser Einsamkeit leben wollte, noch mehr aber darüber, daß ein seinen Beruf ausübender Mann dorthin gehen konnte.

 

Vors.: Hat Ihnen der Angeklagte in Ottenbüttel nicht erzählt, es wäre sein Wunsch, daß Sie seine Frau würden. - Frl. Zahn: Ich weiß nicht, ob das in Ottenbüttel war. - Vors.: Hat der Angeklagte in Hamburg nicht erzählt, er habe einen   r e i c h e n   O n k e l   i n   A m e r i k a ,   den müsse er spätestens in den nächsten Tagen aufsuchen wegen Erbschaftsverhältnissen, und es wäre sehr schön, wenn Sie ihn begleiten würden. - Frl. Zahn: Ja, davon hat er gesprochen, aber er wollte auch seine Frau mitnehmen. - Angekl.: Wir haben damals am Hamburger Hafen von den schlechten Verhältnissen in Deutschland gesprochen; daß ich einen direkten Vorschlag gemacht habe, nach Amerika zu fahren, ist nicht der Fall. - Frl. Zahn: Es schien aber ein fester Plan des Angeklagten zu sein, denn er sagte, daß eine Erbschaft geregelt werden müsse.

 

Vors.: Hat Ihnen der Angeklagte oder seine Frau nicht einen Gegenbesuch versprochen? - Frl. Zahn: Ja, beide wollten im September kommen. Anfang September kam aber nur Grupen. Er sagte, seine Frau wäre mit dem Umzuge nach Ottenbüttel noch nicht fertig. In Kleppelsdorf gab er mir 1000 Mark zur Bezahlung von zwei dringenden Rechnungen. Später habe ich Geld in Raten von ihm erhalten, zusammen 4200 oder von 4800 Mark. Grupen wollte sich als Sommerfrischler in Kleppelsdorf niederlassen und sich dem   F r l .   B a u e r   nähern, um die Verhältnisse der beiden Vormünder zu erkunden. Nach zwei Tagen fuhr er aber wieder weg. Er sagte, in nächster Zeit würde seine Frau kommen. Am 20. September erhielt ich auch die Nachricht:   „ T r u d e   g e s t e r n   a b g e r e i s t . “   Wir erwarteten Frau Grupen am 20. nachmittags 4 Uhr in Hirschberg. Da sie aber nicht eintraf, nahmen wir an, daß sie sich in Berlin verweilt habe und später kommen würde. Auf unsere Mitteilung an Grupen, daß seine Frau nicht gekommen sei, erhielten wir von ihm die telegraphische Antwort:   „ K o f f e r   n o c h   h i e r . “   Einige Tage später erschien der Angeklagte wieder in Kleppelsdorf und erzählte mir, daß seine Frau häufig von Amerika gesprochen habe und wahrscheinlich nach Amerika gegangen sei. Er brachte Abschiedsbriefe seiner Frau zum Vorschein, darunter ein an Dörte gerichtetes Schreiben. Der Vorsitzende ordnete die Verlesung des Briefes an, welcher lautet:

 

„Ottenbüttel, 12. 9. 1920.

Liebe Dörte!

Ich sende Dir vor meiner Abreise nach Amerika noch einen Abschiedsgruß, und wünsche Dir, daß sich Dein Leben in Zukunft sonnig gestalten möge. Es wäre wohl das Beste ein lieber, guter Mann, der Dir mit Rat und Tat zur Seite steht.   N i m m   D i r   O n k e l   P e t e r   a l s   g u t e s   B e i s p i e l ,   der sehr viel verloren hat und jetzt viel verlieren wird und dennoch alle Lebensstürme überwindet.

            Die herzlichsten Grüße von Deiner

Tante Gertrud.“

 

Es werden dann die

Abschiedsbriefe der Frau Grupen

verlesen, die in der Kassette des Angeklagten gefunden wurden. Sie sprechen sämtlich von der Absicht der Frau, nach Amerika zu gehen.

 

Diese Schriftstücke sollen den Schreibsachverständigen zur Begutachtung vorgelegte werden, ob sie von der Hand der Frau Grupen herrühren. Auf Antrag des Staatsanwalts wird zu dieser Begutachtung auch der Geheimrat Dr.   M o l l   hinzugezogen, um festzustellen, ob, wenn Frau Grupen diese Briefe selbst geschrieben habe, die Schreiberin sich nicht in einem Zustande der   „ s e e l i s c h e n   U n f r e i h e i t “   gefunden habe.

 

Bei ihrer weiteren Vernehmung bekundet Fräulein Zahn noch: Bald nachdem Frau Grupen verschwunden war, kam Grupen nach Kleppelsdorf. Er erzählte, seine Frau habe ihm gesagt, sie sei am Vormittag des 19. September von Kleppelsdorf angerufen worden, sie solle bald nach dem Gelde dort erscheinen. Infolgedessen sei die Frau schon am Nachmittag abgefahren und habe sich offenbar sehr viel Geld eingesteckt. Von Kleppelsdorf ist aber Frau Grupen nicht angerufen worden. Der Angeklagte war anscheinend über das Verschwinden seiner Frau sehr gefaßt. Als Grupen wegfuhr,   b a t   e r ,   d a ß   D ö r t e   m i t f a h r e   damit sie die Großmutter über den Verlust der Tochter tröste. Da mir immer der Vorwurf gemacht worden war, daß ich Dörte der Großmutter entfremde, ließ ich Dörte allein mitfahren. Auch tat uns Frau Eckert leid, weil sie die Tochter verloren hatte. Allerdings bin ich dann auf die Bitte der Dörte Rohrbeck nachgefahren.

 

Die Zeugin schildert dann

die Fahrt mit Grupen und Dörte

von Berlin aus nach   H a m b u r g   und die gestern mit dem Angeklagten eingehend geschilderte   F a h r t   a u f   d e m   A l s t e r b a s s i n .   Sie hat zunächst den Eindruck gehabt, daß sie der Angeklagte mit dem Rudern gegen die Dampferwellen nur aus Spaß ängstigen wollte. Deshalb habe sie auch Dörte das zweite Mal allein mit Grupen fahren lassen. Nach dieser zweiten Fahrt habe ihr allerdings Dörte gesagt, daß   s i e   e i n e   f u r c h t b a r e   A n g s t   g e h a b t   u n d   G r u p e n   e i n   g a n z   m e r k w ü r d i g e s   W e s e n   g e z e i g t   h a b e .   Aber damals sei auch Dörte noch der Ansicht gewesen, daß Grupen diese Gefahr nicht absichtlich herbeigeführt habe. Im November hat allerdings dann   D ö r t e   gesagt:

 

„Paß auf, Grupen trachtet uns nach dem Leben.“

 

In Hamburg erklärte plötzlich der Angekl., er müsse nach Kiel zu seiner kranken Mutter fahren, er werde das Geld, das er den Damen versprochen hatte, mit der Post senden. Dieses Geld ist aber nie angekommen, denn der Angeklagte hat es (wie er auch gestern zugegeben hat), gar nicht abgesandt. Trotzdem hat er dann noch immer behauptet, er habe den Betrag auf der Bank erhoben und bei der Post eingezahlt, es müsse also auf der Post verloren gegangen sein.

 

Die zweite Reise nach Hamburg.

Wie die Zeugin weiter behauptet, sandte Grupen am 1. November telegraphisch 500 Mk. mit der Aufforderung, am nächsten Tage nach Berlin zu kommen. Auf dem Görlitzer Bahnhof kam Grupen sehr spät an, als die Damen schon in der Stadt Quartier suchen wollten. Es war im Auto und nötigte die Damen fast gewaltsam zum Einsteigen. Unterwegs erklärte der Angeklagte, sie   m ü ß t e n   s o f o r t   m i t   n a c h   H a m b u r g   und von dort nach   I t z e h o e   fahren, da der dortige Rechtsanwalt für ihn eine „Vollmacht zu einem Familienrat“ ausstellen solle, was aber „nur in ihrer Gegenwart“ geschehen könne. Auf dem Lehrter Bahnhof stiegen sie in ein Abteil, das verschlossen war, das Grupen aber öffnete, sodaß die drei in einem Abteil allein waren, was der Zeugin nicht gefiel. Als Grupen mit Dörte allein reiste, hat er dasselbe getan, er wurde aber damals von dem Schaffner aus dem Abteil verwiesen. In Hamburg erklärte Grupen, daß er in geschäftlicher Angelegenheit   n a c h   K i e l   fahren müsse, und er forderte sie zur Mitfahrt auf, damit sie sich allein in Hamburg nicht zu sehr langweilten. Der Angeklagte bleibt dabei, die Damen nach Hamburg nur deshalb mitgenommen zu haben, weil er nur dort das Geld flüssig machen konnte und die Damen nicht die Zusendung des Geldes durch die Post oder die Bank gewünscht hätten.

 

Vors.: Der Angeklagte behauptet, daß er deshalb mit Ihnen nach Kiel gefahren sei, weil ihm der Aufenthalt mit Ihnen in Hamburg zu teuer gewesen, da Sie zu hohe Ansprüche stellten. - Die Zeugin bestreitet dies entschieden.

 

Auf der Fahrt nach Kiel waren die Drei in vergnügter Stimmung und Dörte schrieb für das bevorstehende Weihnachtsfest einen Wunschzettel an Grupen auf, der aber, wie der ganze Inhalt erweist, nur scherzhaft gemeint war. Demgegenüber behaupten der Angeklagte und die Verteidiger, daß es sich dabei um ernsthafte Wünsche der Dörte gehandelt habe, was aber die Zeugin ganz entschieden bestreitet. Es hat den Damen auch mißfallen, daß Grupen den Wunschzettel mit auffälliger Hast zu sich steckte.

 

Auf Veranlassung der Verteidigung wird hier noch einmal die Frage der angeblich hohen   A n s p r ü c h e   der beiden Damen und ihr Geldverbrauch erörtert. Die Zeugin Zahn erklärt, daß sie   9 0 0 0   M a r k   S c h u l d e n   gemacht habe, sie weist aber im einzelnen nach, daß es sich dabei um durchaus notwendige Ausgaben handelte, deren Höhe durchaus nicht zu beanstanden ist.

 

In der Hasselbrookstraße.

Frl. Zahn erzählt dann weiter: Als wir von Kiel nach Hamburg zurückgekehrt waren,   f ü h r t e   u n s   G r u p e n   i n   s e i n e   P r i v a t w o h n u n g ,   was Dörte und mir nicht gefiel, aber wir fürchteten, daß wir die Hotelrechnung nicht würden bezahlen können, wenn wir seiner Einladung nicht folgten. Die Pension Hasselbrookstraße 37 machte auf die Damen einen sehr befremdenden und unheimlichen Eindruck. Als Grupen dort in der Nacht nach Hause kam, klopfte er an unsere Zimmertüre, wir haben aber nicht geantwortet. Am nächsten Morgen sandte er mir eine Visitenkarte, auf der stand, daß er zu einer wichtigen Besprechung müsse. Später erhielt dann Dörte einen Brief von ihm, in dem er mitteilte, daß er   s e i n   g a n z e s   V e r m ö g e n   v e r l o r e n   habe und uns nicht mehr helfen könne. (Grupen gibt übrigens zu, daß diese Schilderung stark übertrieben war.) Zweihundert Mark für unsere Rückreise hatte er beigelegt. Wir fuhren sofort nach Kleppelsdorf zurück und bedauerten Grupen. Wir boten auch Grupen und der Großmutter mit den Kindern Wohnung auf Kleppelsdorf an, bis Grupen sich wieder eine neue Existenz gegründet haben würde. Die Großmutter schrieb aber, sie könnte jetzt im Winter nicht reisen und die Kinder müßten in die Schule gehen. Von Grupen selbst hörten wir lange Zeit nichts, bis wir erfuhren, daß er vom Oberlandesgericht

als Gegenzeuge gegen uns

benannt sei. Seitdem hatten wir natürlich eine große Abneigung gegen Grupen, der sich bis dahin als unser Helfer aufgespielt hatte. Dörte hatte allerdings   s c h o n   i m m e r   e i n e   A n t i p a t h i e   g e g e n   G r u p e n ,   und sie erklärte wiederholt, daß ihr sein ganzes Verhalten unsympathisch sei.

 

Angekl.: Wie kommt es dann, daß sich sowohl Fräulein Zahn wie Fräulein Rohrbeck gegenüber Bekannten sehr lobend über mich ausgesprochen haben. - Verteidiger Dr. Mamroth:   Widerstrebte es eigentlich nicht dem Fräulein Rohrbeck und Ihnen, von einem Manne, der Ihnen so unsympathisch war, Geld anzunehmen und darum zu bitten? - Zeugin: Das Geld hat uns Grupen angeboten. Ich kann nur wiederholen, daß der Angeklagte dem Fräulein Rohrbeck   d i r e k t   u n h e i m l i c h   war und sie wiederholt äußerte, daß sie3 das Gefühl habe, daß er   i h r   n a c h   d e m   L e b e n   t r a c h t e .   - Verteidiger Dr. Mamroth: Vielleicht begann Ihre Antipathie erst, als Sie erfuhren, daß der Angeklagte als Gegenzeuge gegen Sie in Betracht kam. - Zeugin: Nein, Dörte hatte schon immer eine Abneigung gegen Grupen.

 

Der letzte Besuch auf Kleppelsdorf.

Im Januar schrieb Grupen zu unserem Erstaunen einen Brief. Er meldete sich für den 9. Februar an, es kam aber nicht nur Grupen und die Großmutter, sondern auch noch die Stütze Mohr und die beiden Kinder Irma und Ursula. Da dieser Besuch aber eher eintraf, als angenommen, waren die Vorbereitungen für die Aufnahme nicht getroffen und die Stimmung war deshalb kühl. Mit dem

Besuch beim Anwalt

wollte Grupen wahrscheinlich den schlechten Eindruck verwischen, den die Kenntnis von seinem Gegenzeugnis in Kleppelsdorf gemacht hatte. Von einer eidesstattlichen Versicherung wurde nicht gesprochen. Grupen bekundete bei dem Anwalt Dr. Pfeiffer, daß er von den Angaben im Schriftsatz des Oberlandesgerichts nichts wüßte. Er machte dann den Eindruck, als sei ihm eine große Last von der Seele genommen, als habe er sich in unseren Augen wieder rehabilitiert. Bis zum 14. Februar war er fast ständig im Hause. Er äußerte, es sei ihm unangenehm, daß man in Lähn von dem Verschwinden seiner Frau wüßte, denn man würde sagen, er sei schuld daran. In diesen Tagen kam viel Besuch nach Kleppelsdorf, und Grupen hielt sich dabei immer   i m   H i n t e r g r u n d e ,   blieb nur auf unseren besonderen Wunsch da oder kam wieder dazu. Am Sonntag veranlaßte er uns zu einem Besuch der Lehnhausburg und wollte mit uns auf den Turm. Wir erwiderten, dazu müsse man erst den Schlüssel aus dem Schlosse holen, aber Grupen verschaffte sich gewaltsam Zugang zum Turm, was uns wegen unseres Verkehrs mit der Familie Haugwitz sehr unangenehm war, so daß Dörte und ich zurückblieben.

 

Ein   G e s c h w o r e n e r   fragt, auf welche Weise sich Grupen denn den Zugang zum Turme verschafft habe, denn es sei schon das zweite Mal, daß man von einem gewaltsamen Oeffnen verschlossener Türen durch ihn höre. - Fräulein Zahn weiß nichts darüber. Er hat gelegentlich gefragt, ob wir denn immer unsere Zimmer zuschlössen? Wir haben seitdem stets die Haustüren, die Schlafzimmertüren und die Türen zu den Nachbarzimmern neben unseren Zimmern geschlossen gehalten. Grupen hat gesagt, er könne jede Tür aufmachen, ein Fußtritt, und sie sei offen. - Der Angeklagte behauptet, zum Turme in Lehnhaus führe eine Gittertür, durch die man hindurchgreifen könne.

 

Angekl.: Wenn ich Fräulein Zahn so unheimlich erschien, wie kann sie dann von einem so unheimlichen Menschen 1000 Mk. annehmen? - Zeugin: Wenn so viel Besuch kam, wie diesmal, kommen wir mit unserem geringen Haushaltsgeld erst recht nicht aus. Ich habe das Geld, was er uns anbot, mehrere Tage hindurch zurückgewiesen, aber er drängte es uns geradezu auf, und ich sagte schließlich zu, um den Besuch wenigstens möglichst gut zu verpflegen. Aber schließlich wurde das Geld doch nicht angenommen, denn ich wollte kein Entgeld beanspruchen, um Frau Eckert zu beweisen, daß ich nicht die egoistische Person sei, für die sie mich hielt.

 

Der Vorsitzende schließt nun kurz vor ½ 9 Uhr die heutige Sitzung. Mittwoch Besichtigung und Vernehmungen in Kleppelsdorf.

 

*

Lokaltermin in Kleppelsdorf.

Lähn, 7. Dezember. (Drahtm.)

Am Mittwoch vorm. ½ 10 Uhr versammelte sich das Schwurgericht im Hirschberger Gerichtsgebäude. Da ein Autoomnibus erst mit einstündiger Verspätung erschien, konnte die Abfahrt erst eine Stunde später erfolgen, so daß man in Kleppelsdorf erst um ¾ 12 Uhr ankam.

 

Im ersten Wagen befanden sich der Angeklagte und mehrere Polizeibeamte. Vor dem Schlosse in Kleppelsdorf hatte sich eine Anzahl Zuschauer eingefunden, die Grupen mit Verwünschungen empfingen.

 

Bei dem Eintreten in das Schloß veränderte sich die Gesichtsfarbe des Angeklagten in ganz merklicher Weise. Die Verhandlungen begannen dann in einem im oberen Stockwert des Schlosses gelegenen kleinen Saale.

 

1921-12-08-4-Zeichnung3

 

Grupen behauptet, den Platz 1 in der Zeit, in der die tat geschehen ist, nicht verlassen zu haben, während die Anklagebehörde behauptet, daß er unbemerkt von Frl. Zahn, durch das Schrankzimmer (C) das Winterzimmer verlassen hat und auf demselben Wege zurückgekehrt ist.

 

 

 

Freitag, den 9. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf.

 

Die Verhandlung am Tatort.

 

Hirschberg, 8. Dezember.

Die Abfahrt aller zur Gerichtsverhandlung gehörigen Persönlichkeiten nach Kleppelsdorf am Mittwoch Vormittag vollzog sich nicht völlig glatt, denn, wie bereits berichtet, der eine Autoomnibus erschien erst mit einstündiger Verspätung, so daß eine Stunde der sehr kostbaren Zeit verloren ging, und dann hatte sich diesmal doch einiges Publikum angesammelt, welches neugierig den Wagen umdrängte, in dem sich der Angeklagte befand.

 

Endlich ging die Fahrt los. Nach zwei Sitzungstagen sind die Beteiligten eines Prozesses Mitglieder einer eigenartigen, nur durch geistige Fäden verbundene Gemeinschaft. Richter, Geschworene, der Angeklagte, die Zeugen, Sachverständige, Berichterstatter, sind wie die Figuren eines Schachbretts mitten in der Entwicklung eines Spiels in gewissem Sinne von einander abhängig geworden. Der Mittelpunkt, um den sich aller Gedanken drehen, ist der Angeklagte. Man spricht nicht mit ihm, aber beobachtet ihn in seiner merkwürdigen, nach keiner Seite ausdeutbaren Ruhe. Das frisch gesunde Gesicht, der jugendlich energische Mund und die beiden scharfen wachsamen Augen, - alles strotzt von Leben und Geistesgegenwart, und ist dennoch gebändigt von einem Willen, dem es vielleicht nicht schwer wird, fest zu bleiben. Denn die Nerven dieses Mannes - schuldig oder nicht - sind sicherlich eisern, das hat auch wieder der Verlauf des heutigen Tages gezeigt.

 

Die Wagen rollen durch die hügelige schneefreie Landschaft, die im Frühjahr, Sommer und Herbst von so intimem Liebreiz ist und auch heute noch, am grauen Dezembertage, seine zeichnerische Reize aufweist. Nach einer Stunde ist Lähn erreicht und sofort auch Schloß Kleppelsdorf. Ein paar Dutzend Dorfbewohner erwarten die Gäste, - dem Angeklagten wird das Wort „Mörder“ nachgerufen. Alle Teilnehmer an der Fahrt betreten das Haus, zu dem auch das Publikum in zulässigem Umfange Zutritt hat. Noch wird das verschlossene Mordzimmer nicht betreten; man begibt sich in den Saal des ersten Stockes, wo durch Tische und Stühle die Szenerie des Gerichtssaales hergestellt ist. Die Gerichtspersonen ziehen ihre schwarzen Talare über Pelze und Wintermäntel. Kurz konstituiert sich die Sitzung, und man begibt sich wieder in das unsere Erdgeschoß, zunächst in das Speisezimmer, das auf unserer in der Sonntagsnummer veröffentlichten Skizze als Gartenzimmer bezeichnet ist, dem die Veranda vorgelagert ist. Dann wird das Mordzimmer aufgeschlossen, das vom Tage der Tat an bis heute unter Verschluß geblieben ist.

 

Im Mordzimmer.

G r u p e n   ersucht beim Betreten des Zimmers den Vorsitzenden, ihn gegen eine Zuhörerin zu schützen, die ihn „Mörder“ genannt hatte. O. L. R.   K r i n k e   entsprach sofort seinem Wunsche mit den Worten: „Die Tat ist furchtbar, die Erregung verständlich, eine Angeklagter ist aber noch kein Verurteilter.“

 

Im Zimmer liegen noch die Kissen auf den Betten, auf die man die jungen Leichen gelegt hatte. Noch zeigt der Teppich große schwarze Flecke: die Blutlachen. Noch liegt der Stuhl umgestürzt da. Mit völliger Ruhe behält der Vorsitzende auch hier in dem engen Raume die Leitung in der Hand.

 

Die Lage der Leichen und die Wunden.

Zunächst wird durch die Dienstmädchen   M e n d e   und   H i r s c h   dargestellt, wie die Körper gelegen haben.

 

Kreis-Medizinalrat   D r .   P e t e r s -   Löwenberg äußert sich über den Leichenbefund. Die Kleidung der Dörte Rohrbeck war   d r e i m a l   d u r c h l ö c h e r t .   Eine Schussöffnung befand sich an der rechten Brust unter der Achselhöhle. Das Geschoß war quer durch die Brust in den Hals gedrungen, wo an der linken Halsseite eine Ausschußöffnung festgestellt wurde. Der zweite Schuß auf Fräulein Rohrbeck war ein Kopfschuß mit der Einschußöffnung überm Genick. Das Geschoß ist am hinteren Nasenrachenraum stecken geblieben. Dorothea Rohrbeck muß, so sagt Dr. Peters, als sie erschossen wurde, sich nach links geneigt haben; hätte sie auf einem Stuhl gesessen, hätte ihre Kleidung stark beblutet sein müssen. Als Todesursache kommt Ersticken in Frage. Die Ursula Schade hat einen Schuß in die rechte Stirn erhalten. Es war ein Steckschuß, die Kugel wurde im Gehirn unter der Schädeldecke gefunden. Eine Kopfverletzung rührt vom Sturz gegen den Schrank her.

 

Lange Zeit erforderten die Feststellungen über die Lage der Leichen. Fräulein   M e n d e ,   die als erste die Bluttat entdeckt hatte, behauptet, sie habe die Dörte nur am Arm gefaßt und beim Namen gerufen. Dörte habe in der Mitte des Zimmers quer über dem Läufer gelegen, die linke Wange in einer Blutlache, das Gesicht nach der Tür zum Speisezimmer gerichtet. Ursula Schade befand sich, zusammengekauert, am Schrank, der neben der Rollstube führenden Tür steht. Die Zeugin bestreitet, als sich Zweifel über die Lage der Leichen ergaben, diese Lage verändert zu haben. Medizinalrat   D r .   P e t e r s   hält es für wahrscheinlich, daß Dorothea Rohrbeck im Todeskampfe ihre Lage verändert habe.

 

Frl.   H i r s c h   unterstützt die Bekundungen der Mende. Beide Zeuginnen und auch Frl.   Z a h n   sagen aus, daß Dörte Rohrbeck, als man sie fand, noch geatmet habe. Sie haben die Dörte und die Ursula auf die Betten gelegt.

 

Sanitätsrat   D r .   S c h o l z -   Lähn ist als erster Arzt am Tatort gewesen. Er fand Frl. Rohrbeck bereits tot vor. Der   A n g e k l a g t e   stellt die Zwischenfrage, ab Frl. Hirsch wisse, daß, als sie ins Mordzimmer kam, Dorothea Rohrbeck sich noch bewegt habe. Frl.   H i r s c h :   Dörte war noch warm und hat noch geatmet. Gerüttelt habe ich sie nicht.

 

Vert.   D r .   M a m r o t h   stellt nach dem Hinweis des Staatsanwalts auf den umgestürzten Stuhl, auf dem möglicherweise Dorothea Rohrbeck gesessen hat, fest, daß 10 Personen unmittelbar nach der Tat im Mordzimmer versammelt waren und sich dort bewegt haben. Auf seine Frage, ob am Tage nach der Bluttat in dem Zimmer Veränderungen vorgenommen worden seien, erklärt Frl.   Z a h n :   Am Tage nach der Tag wurden die Leichen aus den Betten genommen, entkleidet und auf Tische in der Rollstube gelegt. Im Mordzimmer wurde nichts aufgeräumt, es wurde bald vom Amtsvorsteher verschlossen. Grupen und seine Schwiegermutter haben seit der dritten Nachmittagsstunde das Zimmer nicht mehr betreten. Die Nacht nach dem Morde bin ich mit Schwester Auguste bis etwa früh 5 Uhr bei den Toten geblieben.

 

Der   A n g e k l a g t e   bittet, den Sachverständigen Dr. Peters veranlassen zu wollen, sich die Stellen der Blutspritzer genau anzusehen. Er selbst nimmt die Blutspritzer in Augenschein.

 

Die Schußwaffe.

Frl.   M e n d e   gibt an, daß die Pistole am linken Knie der Ursula Schade gelegen habe. Frl.   H i r s c h   bestätigt dies.

 

Frl.   Z a h n :   Als Grupen ins Mordzimmer kam und die Leichen sah, sagte er:   „ D a   i s t   j a   g e s c h o s s e n   w o r d e n ! “   Ich rief: „Wo ist die Waffe?“ Grupen ging zur Leiche der Ursula und hob den Revolver auf. Frau Eckert fragte vorwurfsvoll: „Wie kommen die Kinder zu der Waffe?“

 

Postverwalter   G r i m m i g -   Lähn: Etwa um 12 ¾ Uhr war ich am Tatort. Dörte Rohrbeck lag tot auf dem Bett. Als ich das Röcheln aus dem anderen Bett vernahm und erschreckt dorthin sah, stand Frau Eckert, die neben Schwester Auguste auf einem Stuhl saß, auf und sagte: „Ja, ich verliere   z w e i   Enkelkinder.“ Ich fragte nach der Waffe. Die lag auf dem vor dem Liegesofa stehenden   T i s c h .   Grupen selbst daß auf dem Sofa. Als alter Jäger hielt ich es für meine Pflicht, den Revolver sofort zu sichern. Das machte mir Schwierigkeiten, weil mir dieses Browningsystem nicht bekannt war. Mit Mähe gelang es mir, den Sicherungsflügel herumzulegen. Ich beschlagnahmte die Waffe und stellte zu Hause fest, daß ich sie nicht   g e sichert, sondern   e n t sichert hatte. Der Revolver hat also   g e s i c h e r t   auf dem Tisch gelegen. In dem Magazin befanden sich noch zwei Patronen. Während ich am Tatort war, wurde in den Kleidern der Ursula Schade eine Patronenkästchen und der Brief an die Großmutter gefunden. Der Brief wurde verlesen. Vor der Verlesung hatte auf meine Frage, wem die Pistole gehöre, niemand eine Antwort gegeben. Nachher aber brach Grupen in weinerlichem Tone in die Worte aus: „Es ist   m e i n e   Waffe, da bin ich schuld an dem Verhängnis!“ Die Großmutter Eckert beruhigte ihn: „Du kannst ja nicht dafür, Du hast ja die Waffe für Bruder Wilhelm gekauft.“

 

Der   A n g e k l a g t e ,   vom Vorsitzenden befragt, ob   e r    die Waffe vom Fußboden aufgehoben und wohin er sie gelegt habe, erklärt: „Wenn ich überhaupt die Waffe aufgehoben habe, was ich heute nicht genau weiß, so habe ich sie   a u f   d e n   R o h r p l a t t e n k o f f e r   a m   O f e n   g e l e g t . “   Er gibt zu, mit der Handhabung der Sicherung Bescheid gewußt zu haben, weil er diese seinem Bruder erklärt habe. Mit dem Revolver aber habe er nie geschossen.

 

Vert.   D r .   M a m r o t h   richtet an Frl. Zahn die Frage, wann die Patronenhülsen gefunden worden seien. Frl.   Z a h n :   Noch am Mordtage.

 

Angekl.   G r u p e n :   Ich bitte, durch Befragen der Zeugin Hirsch festzustellen, daß dies nicht stimmt. - Vors.: Wollen Sie damit sagen, daß Frl. Zahn uns anlügt? - Vert.   D r .   M a m r o t h   (einlassend): Der Angeklagte will wohl nur sagen, daß ein Irrtum vorliegt. - Frl.   Z a h n :   Ich weiß, daß nach den Patronen gesucht wurde, als Dörte noch auf dem Bett lag. - Frl.   H i r s c h :   Die Patronen wurden am Mordtage gesucht. Herr Grimmig hat die Anregung dazu gegeben.

 

Verschlossen oder nicht?

Ein   G e s c h w o r e n e r   bittet um Aufklärung, ob die hinter dem Mordzimmer liegende Rollstube verschlossen war. Fräulein   M e n d e :   Ich hatte in der Rollstube den Ofen geheizt und sollte schon um 11 ½ Uhr den Tisch zum Essen decken, weil Frl. Dörte, wie immer Montags, nach Hirschberg fahren wollte. Sie ist aber nicht gefahren, weil schlechtes Wetter war. Ich habe die Tür zur Rollstube nicht verschlossen. - Frl.   H i r s c h :   N a c h   der Tat war die Tür verschlossen,   v o r h e r   war sie aber offen. - Vors.: Man nimmt an, daß ein Mörder die Türe hinter sich verschließt, damit ihm das nicht getötete Opfer nicht nachlaufen kann. - Frl.   M e n d e   bleibt bei ihrer Behauptung, die Tür nicht verschlossen zu haben. - Frl.   Z a h n :   Es ist möglich, daß Frl.   M o h r ,   die in der Rollstube mit Staubwischen beschäftigt war und die das Staubtuch im Mordzimmer hat liegen lassen, die Tür verschlossen hat. - Ein   G e s c h w o r e n e r :   Wo hat der Schlüssel gesteckt? In der Tür nach innen (nach dem Mordzimmer zu) oder auf der anderen Seite? - Frl.   Z a h n   und die beiden Dienstmädchen   M e n d e   und   H i r s c h   erwidern, daß der Schlüssel nach innen, also auf das Mordzimmer zu, gesteckt habe.

 

Die Zeugin   M e n d e   bestätigt, daß Grupen, als er die Treppe herunterkam, gerufen hat: „Berti, die Kinder!“ Der Angeklagte bemerkt hierzu, daß er als erster nach Aerzten telephonieren wollte. Da er aber die Fernsprechnummer nicht sogleich finden konnte, habe dies Frl. Zahn getan.

 

Der   S t a a t s a n w a l t   wünscht von Frl. Zahn zu wissen, ob die nach dem Park führende Tür der an das Speisezimmer angebauten Veranda verschlossen gehalten worden sei. - Frl.   Z a h n :   Die Verandatür war gewohnheitsmäßig verschlossen, es wurde aber nicht täglich nachgesehen, ob dies auch wirklich der Fall war. Die Verandafenster sind nur von innen aus zu öffnen, alle übrigen Fenster im Erdgeschoß sind vergittert.

 

Die Verhandlung im Mordzimmer schließt damit, daß   a u f   A n t r a g   d e s   A n g e k l a g t e n   die Entfernungen zwischen den Leichen und den Fundstellen der Patronenhülsen mit dem Metermaß genau festgestellt werden. Es ergibt sich, daß die Fundstellen von der Leiche der Ursula 5,66 Meter entfernt sind.

 

Hierauf begibt sich das Gericht in die   H a u p t k ü c h e .   Dort lehrt die Besichtigung, daß es bei der starken Bauart des Schlosses unmöglich sei, die im Mordzimmer gefallenen Schüsse über den Flur hinweg durch die Vorküche zu hören.

 

Genau wie zur Stunde des Mordes.

In den Räumen des ersten Stockwerkes wurden Feststellungen getroffen, wo Grupen sich vor der Bluttat aufgehalten habe. Er, Frau Eckert, Frl. Mohr und die kleine Irma mußten dieselben Plätze einnehmen, die sie in der kritischen Stunde inne hatten. Dasselbe tat Frl. Zahn in ihrem Zimmer, während Frl. Hirsch den Platz markierte, den Dorothea Rohrbeck eingenommen hatte, bevor sie von Ursula Schade nach unten gerufen wurde. Frl.   M o h r   wurde bei dieser Gelegenheit auf ihre Zeugenpflicht aufmerksam gemacht, und vom Vorsitzenden gefragt, ob sie mit dem Angeklagten verlobt sei. Sie   v e r n e i n t e   das. Als auch der   A n g e k l a g t e   dies verneint, bemerkt ihm der Vorsitzende: „Sie wissen ja, Sie hatten ihr die Heirat versprochen.“   I r m a ,   die zu weinen begann, sich aber auf das gütige Zureden des Vorsitzenden bald beruhigte, machte Angaben über das Mühlespiel mit Grupen. Sie habe dabei Aepfel gegessen und einmal Aepfelreste nach der Toilette getragen.

 

Staatsanwalt: Ich bitte den Angeklagten Grupen zu entfernen und durch ein Phantom (Ersatzperson) zu ersetzen.   G r u p e n   steht sofort auf und sagt: Das ist mir auch sehr angenehm! An seine Stelle setzt sich ein Polizeikommissar. Nun geht ein Dienstmädchen hinaus. Eine Weile darauf hörte man die Türe klinken und die Worte:   D ö r t e ,   k o m m   d o c h   m a l   und die Antwort Dörte´s:   G l e i c h   k o m m e   i c h .   In der beinahe gespenstischen Stille hörte man dieses Zwiegespräch, die letzten Worte, die vor acht Monaten zwei unglückliche Menschenkinder sprachen, wie aus weiter Ferne. Dann hört man die etwas deutlichere Stimme des Fräulein Zahn:   I r m a ,   s i e h   d o c h   m a l ,   w o   D ö r t e   i s t . -   Grupen konnte alle diese Worte aus dem Zimmer hören.

 

Auch die Zeitdauer des Verweilens der kleinen Irma, als sie auf den Wunsch des Fräulein Zahn sich in das Erdgeschoß begeben hatte, um nachzusehen, wo Dörte sei, wurde festgestellt. Sie brauchte dazu 1 ½ Minuten. Ein Erwachsener brauchte 59 Sekunden, um im gewöhnlichen Schritt von Grupens Platz bis zum Tatort und zurück zu gelangen.

 

Dann ist der eigentliche Lokaltermin beendet. Es ist ½ 3 Uhr. Der Vorsitzende verkündet, daß der gegenwärtige Besitzer des Hauses allen Anwesenden einen Teller Suppe anbiete. Man nimmt dankend an und begiebt sich zurück in den unteren Stock … … ..zimmer.

 

Schießversuche.

Nach der Mittagspause ersuchte zu Beginn der Verhandlung im Saal der Schießsachverständige   W a l t e r ,   daß in dem Mordzimmer Schießversuche mit der Mordwaffe gemacht werden möchten zur Vorbereitung seines Gutachtens. Dem Antrage wird stattgegeben, auch der Angeklagte ist damit einverstanden, bittet sogar darum. Die Schießversuche wurden dann gemacht und dauern mehrere Stunden.

 

Die Stimmung der Ursel.

Zeugin   M e n d e   wird dann eingehend über ihre Wahrnehmungen gefragt, die sie vom Eintreffen Grupens vom 8. Februar an bis zum Mordtage hatte. Die Zeugin bekundet, daß der Empfang kühl und daß Grupen bei seiner Anwesenheit fast immer im Zimmer war und gelesen oder Mühle gespielt habe. Die kleine   U r s u l a   war bei Tisch   m e i s t   t r a u r i g   und aß sehr wenig, sie war   a b e r   a u c h   w i e d e r   l u s t i g   und tollte im Garten herum. Von einer Verstimmung der Ursula gegen Dorothea Rohrbeck hat die Zeugin nichts bemerkt, auch nichts von einem Revolver oder Patronen. Die Zeugin kam gegen ½ 1 Uhr von der Post und rief bald darauf zum Essen. Im Uebrigen machte sie dieselben Angaben wie am Vormittage.

 

Eine neue Bekundung.

Vors.: War der Angeklagte nach dem Auffinden der Leichen sehr aufgeregt? - Zeugin: Ja. Er sagte gleich zur Großmutter:   „ D a   w e r d e   i c h   w o h l   d i e   S c h u l d   k r i e g e n . “   Dann setzte er sich aufs Sofa. - Verteidiger Dr. Ablaß: Diese Aeußerung ist neu. Ich bitte, die Zeugin zu fragen, warum sie früher davon nie etwas gesagt hat. - Zeugin: Ich wurde ja früher nie darum gefragt. Auf eingehende Ermahnung, sich die Sache richtig zu überlegen, gibt die Zeugin dann an, nicht mehr genau zu wissen, ob diese Worte vor oder nach Verlesung des Briefes an die Großmutter gefallen seien. Der Zeugin ist aufgefallen, daß, als sie Grupen nach der Tat gegen 3 Uhr zu der Vernehmung durch den Amtsrichter rufen sollte, die Tür im Eßzimmer, wo sich   G r u p e n   u n d   F r a u   E c k e r t   befanden, verschlossen war und auch auf Klopfen nicht gleich geöffnet wurde. Sie will   h i n t e r   d e r   T ü r   P a p i e r g e r ä u s c h e   gehört haben.

 

Die Zeugin   H i r s c h   bekundet im wesentlichen dasselbe wie am Vormittag. Sie hat sich, ebenso wie die Zeugin Mende, gewundert, daß der Angeklagte am Tage vor dem Morde ihr 50 und der Mende 20 Mark Trinkgeld gegeben habe für die Mehrarbeit, die sie durch den Besuch zu leisten hatten. Eine besondere Erregung hat sie dem Angeklagten nicht angemerkt. Er war wie immer, auch kurz vor dem Morde. Die Zeugin hat gehört, wie Fräulein Zahn nach dem Revolver fragte und wem er gehöre. Sie hat auch gehört, daß Grupen sagte: das ist doch der Revolver, den ich gekauft habe! Hierbei kam es bei einer kurzen Bemerkung des Verteidigers Dr. Ablaß: Sehr richtig! zu einem Zusammenstoß zwischen dem Staatsanwalt und den Verteidigern. Der Staatsanwalt wollte einen Gerichtsbeschluß herbeigeführt haben, daß solche Bemerkungen unzulässig seien. Die Verteidiger stellten einen gleichen Antrag, da der Oberstaatsanwalt mit einem Geschworenen während der Verhandlung gesprochen habe. Der Vorsitzende bat, davon abzusehen, da doch alle lediglich das Bestreben haben, die Wahrheit zu finden. Schließlich wurden denn auch von beiden Seiten die Anträge zurückgezogen.

 

Der   V o r s i t z e n d e   fragt die Zeugin   H i r s c h   dann, ob sie noch sonst etwas Verdächtiges gemerkt habe. Die Zeugin verneint das.

 

Das Zeugnis des Arztes.

Zeuge Sanitätsrat   D r .   S c h o l z   machte Angaben über seine Wahrnehmungen bei seinem Erscheinen im Schlosse, in das er sogleich gerufen worden war. Er hörte, daß Grupen nach Verlesung des Briefes sagte: „Da bin ich also doch schuld!“ Die Großmutter beruhigte ihn, was dem Zeugen auffiel, da sie im Anblick ihrer erschossenen Enkel den Schwiegersohn tröstete. Der Zeuge bestätigt, daß Grupen ihn gebeten, doch Ursel etwas zu geben, damit sie sagen könne, wer es gewesen sei. - Vors.: Ist Ihnen das aufgefallen? - Zeuge: Ja. - Wie Dr. Scholz weiter bekundet, hat er, der Zeuge, sofort gesagt: Hier liegt Mord vor, kann hier niemand Aufschluß geben? Er hat dann Fräulein Zahn gefragt, was sie darüber denken. Diese sagte ihm:   A c h   G o t t ,   e s   g i b t   s o   b ö s e   M e n s c h e n   i m   H a u s e !   Von diesem Augenblicke an, so sagt der Zeuge, hatte ich   d e n   A n g e k l a g t e n   i m   V e r d a c h t .

 

Ein Beisitzer: Wollte der Angeklagte mit seiner Ruhe das gute Gewissen zeigen, oder war das fingiert? - Zeuge: Das letztere nahm ich an.

 

zeuge Postverwalter Grimmig: Ich verkehre seit zehn Jahren im Rohrbeckschen Hause und war in alle Verhältnisse eingeweiht. Ich bin   m i t   d e r   v o r g e f a ß t e n   M e i n u n g   am Mordtage hierher gekommen, daß der Angeklagte   G r u p e n   d e r   M ö r d e r   ist. Ich hatte mir meinen Browning in die Tasche gesteckt mit der Absicht, den Täter niederzuschießen, wenn er mir entgegentritt. Wäre ich   n i c h t   mit der vorgefaßten Meinung hierher gekommen, dann hätte ich   G r u p e n   n i c h t   f ü r   d e n   T ä t e r   gehalten,   d e n n   e r   w a r   r u h i g .   Dagegen konnte ich mir das   V e r h a l t e n   d e r   F r a u   E c k e r t   nicht erklären, die beim Anblick der beiden niedergeschossenen Enkel so ruhig war. - Vors.: War Ihnen bekannt, daß der Angeklagte dem Fräulein Zahn und dem Fräulein Rohrbeck unsympathisch war? - Der Zeuge bejaht dies, ebenso sie andere Frage, ob davon gesprochen worden sei, daß Grupen der Dörte nach dem Leben getrachtet hat, und daß sich die Damen vor ihm fürchteten.

 

„Dann bin ich beruhigt.“

Amtsgerichtsrat   T h o m a s   gibt als Zeuge an, daß ihn der Angeklagte vor seinem Transport nach Hirschberg gefragt hat, ob die Untersuchung etwas Neues ergeben habe. Der Zeuge hat erwidert: Eigentlich nichts. Die weitere Frage des Angeklagten,   o b   F r ä u l e i n   M o h r   u n d   s e i n e   S c h w i e g e r m u t t e r   b e i   i h r e n   A u s s a g e n   g e b l i e b e n   s i n d ,   hat der Zeuge bejaht. Darauf sagte der Angeklagte:   „ D a n n   i s t   e s   g u t ,   d a n n   b i n   i c h   b e r u h i g t . “   Etwas Auffälliges hat der Zeuge, als er im Schlosse eintraf, bei Grupen nicht gefunden. Er setzte sich zunächst aufs hohe Pferd, wurde aber sehr kleinlaut, als ihm mit der Verhaftung gedroht wurde.

 

Zeuge Kriminalbeamter   L a c h n i t t -   Hirschberg hat die Umgebung genau untersucht und dabei keine Spuren gefunden, die darauf hindeuten konnten, daß jemand von außen in das Mordzimmer gekommen sei.

 

Zeuge Justizobersekretär   K l a p p e r -   Lähn ist auf Wunsch des Zeugen Grimmig mit nach dem Schlosse gegangen. Grimmig zeigte ihm dort den Revolver. Auf die Frage des Zeugen, wem die Waffe gehöre, hat der Angeklagte gesagt: „Die Waffe gehört mir, ich bin an allem Schuld, warum habe ich sie nicht in den Schreibtisch eingeschlossen.“ Dem Zeugen fiel auch das   m e r k w ü r d i g e   B e n e h m e n   d e r   G r o ß m u t t e r   auf, die den Angeklagten am Aermel streichelte und sagte: „Aber Peter, wie kannst Du das sagen, Du kannst doch nichts dafür.“ In der Wohnung des Zeugen Grimmig hat der Zeuge den Revolver entsichert. Dabei hat er festgestellt, daß Herr Grimmig am Mittag den Revolver   n i c h t   g e s i c h e r t ,   s o n d e r n   e n t s i c h e r t    hat.

 

Zeuge Oberlandjäger   K l o p s c h   hat bald, nachdem er ins Schloß gerufen worden war, den Eindruck gehabt, daß hier ein Mord vorliegt. Es fiel ihm   d a s   g l e i c h g ü l t i g e   B e n e h m e n   G r u p e n s   u n d   d e r   F r a u   E c k e r t   auf. Erst als die Krankenschwester gegen 3 Uhr nachmittags sagte: „Ursula hat ihren letzten Atemzug getan,“ da schien es den Beiden nahe zu gehen.   D e r   Z e u g e   h i e l t   d a s   f ü r   K o m ö d i e ,   weil sie jeden Augenblick den Amtsgerichtsrat erwarteten, der die Untersuchung einleiten sollte. Auf die Frage, wer wird   d e n   s c h ö n e n   B e s i t z   n u n   e r b e n ,   sagte   F r a u   E c k e r t :   „ D i e   H ä l f t e   R o h r b e c k ,   d i e   H ä l f t e   i c h . “

 

„Ihr bleibt bei Eurer Aussage!“

Zeuge   K l o p s c h   bestätigt, daß   G r u p e n ,   als er weggebracht werden sollte, zu   F r ä u l e i n   M o h r   u n d   s e i n e r   S c h w i e g e r m u t t e r   g e s a g t   h a t :   „ I h r   b l e i b t   b e i   E u e r e r   A u s s a g e ! “   Trotz seines Verbotes an Grupen, so bekundet der Zeuge weiter, das Sprechen zu unterlassen, hat Grupen der Mohr dann noch etwas   i n   p l a t t d e u t s c h e r   S p r a c h e   gesagt, was ich aber nicht verstand.

 

Zeugin   Z a h n   wird darüber befragt, wie sich   d e r   A n g e k l a g t e   i m   M o r d z i m m e r   verhielt. - Zeugin: Er war sehr aufgeregt und hat geweint. Ich konnte nur nicht begreifen, daß ich erst dreimal habe Grupen bitten müssen, er möge mir helfen, Dörte aufs Bett zu legen. Es machte dies auf mich einen merkwürdigen Eindruck, und ich hatte das Gefühl, daß   d e r   T ä t e r   w o h l   s e i n   O p f e r   n i c h t   a n f a s s e n   w o l l t e . -   Angekl.: Hat die Zeugin nicht zu Fräulein Hirsch gesagt, ich solle bei Dörte nicht mithelfen? - Zeugin: Das habe ich nicht gesagt. Ich hatte den Eindruck, es wäre Grupen unangenehm, bei Dörte zu sein, denn   e r   k a m   n i c h t   e i n   e i n z i g e s   M a l   z u r   L e i c h e .

 

Sanitätsrat   D r .   S c h o l z   gibt dann noch Auskunft, wie die Wunde bei der Schade behandelt worden ist. Es ist der Verwundeten ein   U m s c h l a g   a u f   d e n   K o p f   gelegt worden. Daß die   W u n d e   a b g e w a s c h e n   worden wäre, hat er nicht gesehen, er hat es auch der Krankenschwester verboten. Wenn an der Wunde   P u l v e r s c h l e i m   gewesen wäre, hätte er ihn sehen müssen.

 

Krankenschwester   A u g u s t e   H ö h n k e :   Ich habe Ursula einen Umschlag um den Kopf gemacht.   D i e   W u n d e   h a b e   i c h   n i c h t   a b g e w i s c h t .   Der Angeklagte war unruhig und war nur besorgt um Ursula. Beide, Grupen sowohl wie Frau Eckert, waren ruhig, aber traurig. Daß gesagt worden sei: „Nun bist Du ja Erbin von Kleppelsdorf“, habe ich nicht gehört. - Verteidiger Dr. Mamroth: Hatten Sie den Eindruck, als ob Grupen bei der Traurigkeit im Innern nicht recht dabei war? - Zeugin: Ich habe nicht darauf geachtet.

 

Damit war die Verhandlung in Kleppelsdorf beendet.

 

Bei der Abfahrt des Angeklagten aus dem Gutshofe kurz nach 8 Uhr abends nahm eine   g r o ß e   M e n s c h e n m e n g e ,   die sich dort angesammelt hatte, eine   d r o h e n d e   H a l t u n g   g e g e n   G r u p e n   an. Man drängte gegen das Auto, und es wurden viele Verwünschungen gegen ich laut.

 

*

Die Sitzung am Donnerstag.

Mit der Begutachtung der Echtheit der   A b s c h i e d s b r i e f e   der verschwundenen Frau Grupen sind Geheimrat   M o l l   und Professor   S c h n e i d e m ü h l   beauftragt worden. Der   V o r s i t z e n d e   bemerkt heute zu Beginn der Sitzung, daß Grupen viele Briefe von seiner Schwiegermutter, Frau Eckert, habe schreiben lassen, die er aber selbst unterschrieben habe. Der Angeklagte habe sich in der Untersuchungshaft viel mit Dichten beschäftigt. Geheimrat Moll lehnt es ab, diese dichterischen Ergüsse zur Schriftvergleichung zu benutzen, bittet vielmehr um möglichst harmlose Briefe des Angeklagten. Diesem Wunsche wird entsprochen. Auf besonderen Wunsch des Sachverständigen erhält er zur Schriftvergleichung auch noch den Brief, den Frau Grupen an den Angeklagten auf die bekannte Zeitungsanzeige hin geschrieben hat und der mit den Worten beginnt: „Sehr geehrter Herr, zwar widerstrebt es mir, auf diesem Wege eine Bekanntschaft zu machen . . . . . „

 

Schlussvernehmung der Erzieherin Frl. Zahn.

Frl. Zahn: Am Sonntag (der Mord war Montags) waren wir vormittags auf dem Lehnhausberg. Nach dem Mittagessen haben wir uns wie gewöhnlich bis zum Kaffee zurückgezogen. Nach dem Kaffee saßen wir im Kinderzimmer in ersten Stock. Die Tür nach dem Winterwohnzimmer war eingeklinkt. Zwischen 2 und 3 Uhr hörten wir im Nebenzimmer sprechen, und Dörte machte mich darauf aufmerksam, daß die   O f e n t ü r   s e h r   h ä u f i g   a u f -   u n d   z u g e m a c h t   w u r d e .   Dörte begann Klavier zu spielen, und wir haben gemeinschaftlich gesungen. Ursel stand scheu beiseite und schien sehr wenig fröhlich zu sein. Grupen kam hinzu. Er war sehr lebhaft und redete vom Tanzen. Dörte wollte tanzen, aber nicht mit Grupen. Auch ich lehnte es ab, mit ihm zu tanzen. Daher hat er mit der Großmutter Eckert getanzt. Im Winterwohnzimmer zog mich Grupen in ein Gespräch über Dörtes Charakter. Ich konnte ihm nur Gutes mitteilen. Dörte selbst hat mich in jenen Tagen fast keinen Schritt verlassen, weil sie in Unruhe war. Bei dem Gespräch mit Grupen hatte ich den Eindruck, daß er wünschte, wir sollten uns seinen freieren Ansichten anschließen. Die Unterhaltung gestaltete sich zu einem   R e l i g i o n s g e s p r ä c h .   Ich schlug daher abends vor, etwas aus Maltzahns Erbauungsbuch vorzulesen, um Grupen zu überzeugen, daß man doch an Gott glauben könne und müsse. Ich las das erste Kapitel, Dörte das zweite. Im Laufe des Abends fragte mich Grupen, ob es vielleicht vorteilhaft wäre, wenn Ursel längere Zeit in Kleppelsdorf bleibe, meine Erziehungsmethode gefalle ihm. Ich sagte zu, zumal Dörte die Ursel sehr gern hatte. Für den nächsten Tag (Montag) war eine Autofahrt nach Schreiberhau vorgesehen. Da aber Schneewetter war, wurde die Fahrt verschoben. Dörte ging wie immer im Laufe des Vormittags die Postsachen holen, und zwar mit   I r m a   S c h a d e .

 

Staatsanwalt: Hatten Sie den Eindruck, daß die Kinder (Dörte und Ursel) gut miteinander standen? - Frl. Zahn: Die Kinder standen sich immer gut. Dörte hatte beobachtet, daß Ursula ein auffallend scheues und gedrücktes Wesen hatte. Dörte meinte, Ursel müsse eine Sorge haben. Jedenfalls hatte die Traurigkeit der Ursula mit etwaigen Unstimmigkeiten der Kinder nichts zu tun.

 

Ursulas Krankheit.

Vors.: Frl. Zahn, wußten sie, daß Ursula krank war? - Frl. Zahn: Ich glaube, beim ersten Besuch in Hamburg sprach Grupen flüchtig davon, daß Ursula an Furunkeln leide. Später hat auch die Großmutter über die Furunkeln zu mit gesprochen und auch gesagt, wo sie sitzen. Dies geschah in Dörtes Anwesenheit, was mir sehr unangenehm war. Ursula sagte mir auch:   „ D e r   g u t e   V a t e r   f ü h r t   d i e   B e h a n d l u n g   s e l b s t   a u s . “

 

Die Stunde der Tragödie.

Fräulein Zahn: Montag in der 12. Stunde saß ich mit Dörte im Kinderzimmer. Ich rechnete an meinem Tisch.   D ö r t e   saß an ihrem Tisch am Fenster und beschäftigte sich mit einer Modenzeitung. Wir hatten eine Hochzeitseinladung erhalten, und für Dörte sollte ein Hochzeitskleid angefertigt werden. Dörte war in dieser Stunde sehr vergnügt, schon monatelang hatte sie sich auf die Hochzeit gefreut.   G r u p e n   kam zweimal aus dem Nebenzimmer zu uns, sah sich um und ging zurück.

 

J.-R. Dr. Ablaß (unterbrechend): Sie hatten sich mit dem Angeklagten über religiöse Fragen unterhalten. Der Angeklagte soll dabei erklärt haben, er glaube nicht an einen persönlichen Gott: er glaube an ein höheres Wesen in dem Sinne, daß er „es“ die   L i e b e   nenne. - Frl. Zahn: Ja, das hat der Angeklagte gesagt. - Vert. Dr. Mamroth: Ist es richtig, daß der Angeklagte abends Nachtgebete mit den Kindern verrichtet hat? - Frl. Zahn: Das ist in Itzehoe geschehen; ob auch in Kleppelsdorf, das weiß ich nicht.

 

Frl. Zahn fortfahrend: Gegen 12 Uhr sandte ich das Hausmädchen mit der Einschreibquittung, die mir Dörte von der Post gebracht hatte, weg, um das Paket zu holen. Um diese Zeit kam Ursula an die Tür meines Zimmers, machte die Tür auf und sagte:   „ D ö r t e ,   k o m m   d o c h   m a l ! “ ,   worauf Dörte ging. Ursula sprach etwas hastig, aber freundlich. Ich hatte ein ganz   m e r k w ü r d i g e s   E m p f i n d e n   dabei; denn erstens   h a b e n   s i c h   d i e   K i n d e r   n i e   u n t e n   a u f g e h a l t e n ,   und zweitens hörte ich im Nebenzimmer, wo Grupen, Irma, die Großmutter und die Mohr saßen,   d i e   T ü r   a u f -   u n d   z u m a c h e n .   Schritte hörte ich von meinem Zimmer aus   n i c h t ,   weil überall   T e p p i c h e   liegen. Nach einer Minute ging ich ins Nebenzimmer und veranlaßte Irma, nach Dörte zu sehen. Grupen sagte: „Irma wird gleich gehen.“ Irma ging. Sie kam auch gleich wieder und sagte: „Ich kann Dörte nicht finden. „ Ich hatte das Gefühl, daß Irma nicht weit gegangen war. Kurze Zeit darauf mußte ich eine Gemüseschüssel besorgen und zu diesem Zweck durch das Zimmer gehen, wo Grupen, Irma und die Mohr in Anwesenheit der Großmutter Mühle spielten. Ob Ursula bei den Spielenden saß, weiß ich nicht. Als Dörte noch mit mir im Zimmer saß, hat Grupen versucht, durch die offene Tür eine Unterhaltung mit mir anzuknüpfen. Ich war darüber ärgerlich. Es waren ganz nichtige Sachen, von denen er sprach. Als ich durch das Zimmer nach der Gemüseschüssel ging, hat mich der Angeklagte sehr genau angesehen. Als ich der Mende aufgetragen hatte, die Kinder zum Essen zu rufen, kam diese bald eiligst zurück, riß die Tür auf und rief:   „ D i e   K i n d e r   l i e g e n   i m   F r e m d e n z i m m e r ! “   Frl. Zahn gibt nun die bekannte Schilderung von dem Auffinden der Leichen. Als sie Grupen und seine Schwiegermutter veranlaßt hatte, das Zimmer zu verlassen, habe ihr Grupen beim Hinausgehen die Hand entgegengestreckt, die sie aber nicht angenommen habe. Die Zeugin bestätigt, daß Grupen den Revolver mitten auf den Tisch gelegt habe.

 

Angeklagter: Ich habe an dem kritischen Tage keine Halbschuhe, sondern die Stiefel getragen, in denen ich hier vor Gericht stehe.

 

Grupen und Frau Eckert.

Frl. Zahn:   D a s   V e r h ä l t n i s   z w i s c h e n   F r a u   E c k e r t   u n d   G r u p e n   war besonders herzlich. Ich habe ein solch inniges Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn nie kennen gelernt. Auch anderen Personen ist dieses außerordentliche Verhältnis aufgefallen. - Staatsanwalt: Haben Sie gesehen, daß der Angeklagte auch seine Schwiegermutter auffallend zärtlich gestreichelt hat? - Zeugin: Das Verhältnis war jedenfalls ganz außergewöhnlich. Die zu Dörte getane Aeußerung des Angeklagten:   „ W a s   w ü r d e t   I h r   s a g e n ,   w e n n   i c h   d i e   G r o ß m u t t e r   h e i r a t e ?   habe ich allerdings nicht ernst genommen.

 

Sachverständiger Geheimrat Dr. Lesser: Bestanden Differenzen zwischen Großmutter und Frl. Rohrbeck? - Frl. Zahn: Bei dem Besuch in Itzehoe war das Verhältnis zwischen beiden sehr herzlich. Im November 1919 war der Geburtstagsbrief von Großmutter an Dörte auffallend kühl und das Verhältnis wurde ungünstiger. Allerdings lag in dieser Zeit der Widerruf und die Zurücknahme dieses Widerrufs durch Frau Eckert.

 

Auf Befragen des Geheimrats Dr. Kesser sagt Frl. Zahn dann   ü b e r   d i e   U r s u l a :  Das Mädchen war nach meiner Ansicht nicht von übermäßiger Intelligenz. Als sie im November mitkam, war sie gegen früher merkwürdig verändert. Während sie früher fröhlich war, erschien sie jetzt   s e h r   g e d r ü c k t   u n d   s c h e u .   Sie aß auch wenig. Ursel war nicht frühreif und vorlaut, sondern ein artiges Kind. Das   V e r h ä l t n i s   z w i s c h e n   D ö r t e   u n d   U r s e l   w a r   s e h r   gut. Ich kann mir nicht erklären, wie Ursel in dem Abschiedsbriefe an die Großmutter schreiben konnte, sie solle sich nicht mehr über Dörte ärgern. Dörte hat jedenfalls die Großmutter nicht schwer gekränkt. Ursel war ein gutartiges Kind, das ich einer moralisch niedrigen Handlung nicht für fähig halte.

 

J.-R. Dr. Ablaß: Wie war Ursel   k ö r p e r l i c h   entwickelt?  Frl. Zahn: Sie war zart und schwächlich, langaufgeschossen und hager, so daß man Mitleid mit ihr haben mußte. Ich hielt Ursel für ein leicht zu beeinflussendes Kind, sie war sehr kindlich. Ich glaube, daß Ursel auch leicht umzustimmen war.

 

Auf Befragen des Staatsanwalts sagt die Zeugin noch, daß Ursel, aber auch die kleine Irma, anscheinend mit schwärmerischer Liebe an ihrem Stiefvater, also dem Angeklagten, hingen.

 

Schreibsachverständiger Professor   S c h n e i d e m ü h l   verlangt von der Zeugin Auskunft über den Eindruck, den sie von den Briefen der verschwundenen Frau Grupen hatte. Die Verteidiger beantragen, diese Frage erst dann zuzulassen, wenn auch Professor Dr. Jeserich anwesen sei. Der Sachverständige bemerkt dazu, daß Professor Dr. Jeserich kein Gegensachverständiger für ihn sei, denn er habe sich schon seit 40 Jahren mit Schriftenvergleichung beschäftigt. Der Gerichtshof beschließt, die weiteren Fragen zuzulassen.

 

Aus den Antworten der Zeugin auf die vielen Fragen des Sachverständigen geht hervor, daß sie eine wesentlich   A b w e i c h u n g   i n   d e n   S c h r i f t z ü g e n   der Briefe der Frau Grupen der früheren und letzten Briefe bemerkt haben will. Die Schriftzüge in den letzten Briefen waren gegen früher zu regelmäßig und immer kehrten dieselben Redewendungen wieder. Es schien der Zeugin, als ob Frau Grupen auch geistig eine andere geworden, nicht mehr so selbständig als früher war. Auch in ihrem Aeußeren war sie nicht mehr so gepflegt als früher. Zwischen ihr (Zahn) und Frau Grupen habe kein gespanntes Verhältnis bestanden.

 

Damit sie die Vernehmung der Zeugin Zahn beendet. Es tritt eine Mittagspause bis 3 Uhr ein.

 

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Freitag, den 9. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Hypnose und Verbrechen.

Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf stellt die Richter vor eine ganze Anzahl der schwierigsten, aber auch interessantesten Probleme. Vor allem wird es sich darum handeln, durch Sachverständige festzustellen, inwieweit ein hypnotischer Einfluß die Triebfeder für ein Verbrechen sein kann, denn die Anklage behauptet ja, daß der Peter Grupen seine Stieftochter Ursula durch Hypnose völlig unter seinen Willen gebracht habe, und daß auch verschiedene Zeugen, wie die Großmutter der Ermordeten und das Dienstmädchen, unter dem hypnotischen Banne des Angeklagten stehen.

 

Damit wird eins der dunkelsten Kapitel unseres Seelenlebens und eine der umstrittensten Fragen auf dem Gebiet der forensischen Psychiatrie aufgerollt, denn so wenig wie die Wissenschaft überhaupt bisher weiß, worauf die Wirkung der Hypnose beruht, so wenig ist sie sich klar über die Stärke und über die Grenzen des Einflusses, der durch Hypnose ausgeübt werden kann. Der vor kurzem verstorbene Göttinger Psychologe Verworn hat ausgeführt, daß das Wesen der Hypnose in einer gesteigerten Suggestibilität besteht.

 

„Eine Suggestion“, so erklärt er, „ist eine Vorstellung, die bei einer Person künstlich erweckt wird, ohne von ihr in dem normalen Umfange der Kontrolle der Kritik unterworfen zu werden. Suggestibilität ist die Fähigkeit, solche Suggestionen anzunehmen, und die Suggestibilität ist groß, wenn die Vorstellungen, die wir auf diese Weise einem Menschen geben, ganz besonders leicht und kritiklos angenommen werden. Das ist das eigentliche Wesen der Hypnose.“

 

Suggestionen sind im täglichen Leben so weit verbreitet, daß wir uns gar nicht über sie klar werden; sie spielen beim Kind eine besondere Rolle, da es sich sehr leicht dem Einfluß solcher Suggestionen hingibt und hauptsächlich auf diese Weise erzogen wird. Aber auch Massensuggestionen wirken auf jedes Theaterpublikum, auf jede versammelte Menge ein. Diese gewöhnliche Suggestibilität erscheint uns als etwas ganz Natürliches; sie fällt erst auf, wenn sie einen unnormalen Grad erreicht, und dann fangen wir an, von einem hypnotischen Zustand zu reden. Wie aber nun die Hypnose einen so hohen Grad der Suggestion erreicht, daß sie den Willen ganz ausschaltet, ist noch nicht genügend erklärt. Auch da gibt es gewisse Grenzen, und in der Bestimmung dieser Einschränkung hypnotischer Macht liegt die Hauptfrage bei ihrer Ausnützung für Verbrechen. „Verbrecherische Suggestionen“, sagt der Wiener Gelehrte Wagner-Jauregg in seinem Buch „Telepathie und Hypnose im Verbrechen“, „werden nur dort   e r n s t l i c h   verkommen, wo sie auf gleichberichtete Ansätze und Anlagen treffen. Die Theaterverbrechen, die bei Versuchen und Vorstellungen gelingen, sind keine Prüfsteine, denn das „moderne“ und „stehlende“ Medium weiß doch zumeist irgendwie um den wahren Sachverhalt“. Jedenfalls ist man bei neuesten englischen und amerikanischen Versuchen nicht imstande gewesen, eine sittlich gefestigte Persönlichkeit durch Hypnose zur Verübung ungesetzlicher Handlungen zu bringen.

 

Das „Hypnose-Verbrechen“ hat zunächst durch seine Verwendung in der Literatur Aufsehen erregt, am meisten durch du Mauries Roman „Trilby“. Doch schon im Jahre 1863 behandelt ein Schauspiel „Der polnische Jude“ von Erdmann Chatrian dies Thema, in dem ein Mörder durch Hypnose in diesem Stück zum Geständnis gebracht wurde. Der bekannte und auch im Grupen-Prozeß als Sachverständiger fungierende Psychiater Albert   M o l l   hat jedoch einen derartigen Fall für unglaublich erklärt, und jedenfalls ist der Versuch, durch Hypnose Geheimnisse herauszulocken, ebenso unsicher wie verwerflich. Die Richter verwerten auf diese Weise erzwungene Geständnisse nicht. In verschiedenen großen Prozessen ist der Zusammenhang zwischen Hypnose und Verbrechen eingehend behandelt worden, ohne daß bisher unter den Sachverständigen Einstimmigkeit erreicht wurde. Wie A. Memminger in seinem Buch „Hakenkreuz und Davidstern“ hervorhebt, fand der erste Hypnose-Prozeß in Deutschland im Jahre 1894 in München statt. Es handelte sich um einen polnischen Hypnotiseur Czinski, der eine 38jährige, sehr hübsche Millionären, die Baronin Helene von Zedlitz-Neukirch, zunächst wegen ihres Kopfwehs behandelte und dann so völlig in seine Gewalt brachte, daß sie sich mit ihm trauen ließ. Bei der Verhandlung erklärten verschiedene Psychiater, es sei durchaus möglich, daß Czinski die Dame durch Hypnose vollkommen in seine Gewalt gebracht habe; dem aber trat der Bonner Professor Fuchs entgegen, und der Verteidiger erklärte, die Verliebtheit der Baronin in den interessanten Polen sei durchaus nichts so Ungewöhnliches, daß sie nur durch den geheimnisvollen Vorgang der Hypnose erklärt werden könne. Das Gericht verzichtete denn auch darauf, den in einem Liebesverhältnis möglichen hypnotischen Einfluß abzugrenzen, und sprach den Polen von diesem Teil der Anklage frei.

 

Am eingehendsten ist wohl das hypnotische Problem vor Gericht in dem Pariser Mordprozeß   B o m p a r d   besprochen worden. Die Lebedame Bompard hatte die Ermordung eines reichen Freundes auf das genaueste vorbereitet und sollte ihren Geliebten Eyraud durch hypnotische Mittel zur Ausführung des Mordes angestiftet haben. Unter den Sachverständigen standen sich zwei „Schulen“ gegenüber: die Pariser Aerzte unter der Führung Charcots erklärten die Möglichkeit einer derart suggerierten Mordtat für ausgeschlossen; die Professoren von Ranch, in ihrer Spitze Bernheim, hielten die Verübung eines Mordes durch Suggestion durchaus für möglich. Die Pariser Zeitungen erklärten damals, daß dadurch überhaupt jede sittliche und rechtliche Verantwortung der Uebelthäter aufgehoben werde, daß dann auch Adam beim Sündenfall schuldlos gewesen sei, „der Prozeß des ersten Menschenpaares revidiert und das Menschgeschlecht wieder ins Paradies eingesetzt werden müsse“. Die Geschworenen lehnten die Möglichkeit der Hypnose ab und verurteilten Eyraud zum Tode.

 

 

 

Sonnabend, den 10. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf.

 

Dramatische Zwischenfälle.

Der Vormundschaftsrichter als Zeuge.

 

Hirschberg, 9. Dezember.

Die Verhandlung am Donnerstag war reich an bewegenden Momenten. Irma, der toten Ursel kleine Schwester, belastete ihre Stiefvater schwer. Sie bekundete, überraschen für alle Prozeßbeteiligten,   d a ß   G r u p e n   in der Zeit, da Dörte und Ursel den Tod gefunden haben,   d o c h   d a s   W i n t e r z i m m e r   i m   e r s t e n   S t o c k   v e r l a s s e n   h a t .   Die starke Bewegung, die dabei durch den Zuschauerraum ging, erschien durchaus begreiflich, wurde doch hier zum ersten Male eine fühlbare Bresche in die Mauer gelegt, mit der der Angeklagte sich bisher zu umgeben gewußt hat. Er suchte die Aussage der kleinen Irma dadurch zu entkräften, daß er das Kind als verlogenen Charakter hinstellte, doch wurde diese Unterstellung durch weitere Zeugenaussagen zurückgewiesen.

 

Von ganz andrer Art waren die Aussagen des Amtsgerichtsrats   T h o m a s -   Lähn, welcher hier weniger als die den Tatbestand des Mordes feststellende und verhaftende Amtsperson erschien, als vielmehr als   V o r m u n d s c h a f t s r i c h t e r ,   der seine Ansichten über das, was ein junges Mädchen in der Lage von Dorothea Rohrbeck mindestens beanspruchen durfte, äußern mußte. Ohne seinem guten Glauben irgendwie nahe treten zu wollen, müssen wir doch gestehen, daß wir selten ein solches Maß von Weltfremdheit gefunden haben, wie es sich hier offenbarte. Vom 1. April 1919 ab sollte Frl. Zahn den Haushalt ausschließlich der Gehälter mit 120 Mark wöchentlich bestreiten, und vom 1. Oktober 1920 ab einschließlich der Gehälter mit 100 Mark! Das geht an sich schon über die Hutschnur, aber noch viel weiter geht, daß es Herrn Vormundschaftsrichter Thomas nicht möglich war, einzusehen, daß hier ein Widerspruch klaffte, dem nachzugeben und den zu beseitigen doch wohl einiger Grund vorlag. Der Vorsitzende machte kein Hehl aus seiner Verwunderung, und es wird wohl nicht viel Menschen im Saale gegeben haben, die ihm darin nicht zu folgen vermochten. Daß besonders die Damen des Zuschauerraumes nicht damit einverstanden waren, daß man aus seidenen Herrensporthemden seidene Mädchenkonfirmationsblusen machen soll, wenn man Millionenerbin ist, kann man ihnen ebenfalls nicht verdenken. Zur Entdeckung des Täters dienten ja alle diese Dinge nicht, aber sie warfen ein sehr grelles Licht auf die Verhältnisse, unter denen Dörte Rohrbeck samt ihrer Erzieherin zu leben genötigt war, und aus diesen Verhältnissen heraus werden ja erst beider Beziehungen zu dem Angeklagten verständlich.

 

Dörtes Angst.

In der Nachmittagssitzung wurde zunächst Oberschwester Emma   K u b e   aus Lähn vernommen. Dörte Rohrbeck hat ihr im Dezember die Erlebnisse bei der   A l s t e r f a h r t   erzählt und schon damals von den Heiratsanträgen gesprochen, die ihr Grupen gemacht habe. Dörte sagte zur Oberschwester: „Weißt Du,   G r u p e n   ist ein   g a n z   s c h l e c h t e r   K e r l .   Ich habe dir vor einigen Monaten von dem reichen Onkel erzählt, über den wir uns freuten, aber das ist ja alles anders. Bei der Alsterfahrt hat er die Ruder fortgeworfen, daß ich Angst bekamt. Ich glaube, es war auf mein Leben angesehen.“ Als die Oberschwester einwandte: „Dörte, du machst Scherz“ erwiderte Dörte in bestimmtem Tone: „Nein nein. Und die   H e i r a t s a n t r ä g e !   Es ist mir direkt unheimlich geworden. Ich dankte Gott, als ich wieder fort war.“ Die Zeugin bekundet weiter: Grupen hat in Kleppelsdorf nicht den Eindruck eines gebildeten Mannes gemacht. Im Februar ist die Zeugin krank gewesen. Da habe Dörte sie eines Tages aufgeregt besucht und ihr mitgeteilt, daß Grupen mit der Großmutter, Ursula, Irma und einer Stütze auf Schloß Kleppelsdorf eingetroffen sei. Die Zeugin hat sich über Grupens Besuch in Kleppelsdorf deshalb gewundert. weil ihr bekannt geworden war, welche zweifelhafte Rolle Grupen in dem Prozeß der Erzieherin Zahn gegen den Vormund gespielt haben soll. Der Dörte hat sie den Rat gegeben, nicht allein im Hause zu bleiben und die   S i l b e r s a c h e n   w e g z u s c h l i e ß e n .   Dörte sagte: „Denke dir, er will unser Gut bewirtschaften, und er hat mir wieder einen   H e i r a t s a n t r a g   gemacht. Grupen döst so vor sich hin und tut gar nichts. Ach, du liegst geborgen in deiner Ecke, und mich   g r u s e l t s ,   wenn ich in mein Haus gehe!“ - Die Zeugin bekundet weiter: Dörte liebte Frl. Zahn mit kindlicher Anhänglichkeit. Als neunjähriges Kind hat sie ihr zum Geburtstag für 1,50 Mk. einen Fingerhut und noch etwas Schönes kaufen wollen. Ich sagte: „Für 1,50 Mk. wirst du nicht viel bekommen.“ Da antwortete Dörte: „Mehr darf ich nicht ausgeben. Es ist von meinem Taschengeld, und wenn ich mehr ausgebe, würde Frl. Zahn sich nicht freuen.“ Frl. Zahn hat keinen Luxus getrieben, und die Dörte ist durch ihre Schlichtheit aufgefallen. Die Zeugin hat, weil der verstorbene Rohrbeck sie gebeten, nach seinem Tode ihre Hand über Dorothea zu halten, stille Erkundigungen darüber eingezogen, wie Frl. Zahn wirtschaftet. Sie hat aber nie etwas für Frl. Zahn Ungünstiges feststellen können. Von der Großmutter sagte die Zeugin: Ja, das war nicht das Ideal einer Großmutter. Von Liebe kann ich da gar nicht sprechen; ein zärtliches Verhältnis bestand nicht zwischen Dörte und Frau Eckert. Dörte, ein sein empfindendes Kind, hat zu mir sehr wenig von ihrer Großmutter gesprochen.

 

Die Aussagen der Irma Schade.

Als nächste Zeugin wird die zwölfjährige   I r m a   S c h a d e ,   Schwester der Ursula, aufgerufen. Der Staatsanwalt beantragt, während dieser Vernehmung den

Angeklagten aus dem Saale zu entfernen,

weil die kleine Irma in Tränen ausgebrochen sei, als sie sich beim Lokaltermin neben Grupen setzen sollte. Verteidiger Dr. Ablaß widerspricht dem Antrage, dem aber das Gericht nach kurzer Beratung stattgibt mir der Begründung, es sei zu befürchten, daß die jugendliche Zeugin nicht die Wahrheit sagen werde, wenn der Angeklagte, ihr Stiefvater, im Saale verbleibe. Der Angeklagte wird abgeführt.

 

I r m a   S c h a d e   macht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht keinen Gebrauch. Sie hat ihren Stiefvater schon in Kellinghusen gesehen, bevor er sich mit ihrer Mutter verheiratete. Grupen ist gut zu den Kindern gewesen, haben ihnen aber manchmal auch Schläge gegeben, besonders dann, wenn sie auf seine Fragen nicht gleich antworteten. Die Ursel hat der Stiefvater besonders gern gehabt.

 

Ueber das   V e r s c h w i n d e n   d e r   M u t t e r   weiß Irma nicht viel zu sagen. Nach dem Kaffee ist die Mutter plötzlich aufgestanden mit den Worten: „Ich muß schnell weg!“ Sie hat sich von den Kindern so verabschiedet, wie zu einer Reise von ein paar Tagen. Ueber Ursulas Eigenart befragt, äußert sich Irma dahin, daß Ursel immer ein bißchen traurig gewesen sei und immer gleich geweint habe. - Vorsitzender: War es eine Heulliese? - Zeugin: Ja. Sie weinte immer über jedes kleine Bischen. - Die Zeugin bejaht auch die Frage, ob der Stiefvater abends mit den Kindern gebetet habe.

 

Auf der Fahrt nach Kleppelsdorf mit dem Stiefvater, der Großmutter, Ursula und der Stütze Mohr habe letztere nicht schlagen können. weil Irma, wie sie aussagt, mit dem Kopfe auf dem Schoße der Ursula geruht habe. - Vors.: Hast Du dabei etwas bemerkt, daß Ursula etwas Hartes in der Unterbindetasche hatte? - Zeugin: Nein. - Vors.: Weißt Du, was ein Revolver ist, kennst Du auch Patronen? - Zeugin: Ja. - Vors.: Hast Du bei Ursula jemals einen Revolver und Patronen gesehen? - Zeugin: Nein.

 

Bei der Ankunft in Kleppelsdorf hat die Großmutter sich darüber gewundert, daß niemand nach dem Bahnhof gekommen war, weder Dörte, noch Fräulein Zahn. Irma erzählt, wie sie am Tage vor dem Morde mit Ursula und Dörte im Garten gespielt habe. Dörte hat sich über Ursel sehr gefreut. - Vors.: Wer hat Euren Reisekoffer gepackt? - Irma: Die Großmutter. Den Schlüssel zum Koffer hatte der Vater. Wir brachten die Sachen, die mitgenommen werden sollten, einzeln an, und Großmutter packte sie ein. Anfangs hat Irma mit Ursula in einem Zimmer geschlafen, später mußte Ursula bei der Stütze Mohr schlafen. Am Montag (dem Mordtag) bin ich mit Dörte zur Post gegangen. Auf dem Rückwege haben wir uns Apfelsinen gekauft. Wieder im Schlosse angelangt, ist Dörte sofort zu Fräulein Zahn ins Zimmer gegangen, ich in das Zimmer, wo Grupen mit der Großmutter und der Mohr saß. Ursula kam mir auf dem Korridor entgegen mit der Frage: „Wo seid Ihr so lange geblieben?“ Sie hatte auf die Apfelsinen gewartet, ist aber gar nicht traurig gewesen. Ursula ist darauf nach unten gegangen. Als ich mich an den Tisch zum Mühlespiel setzte, hörte ich, daß Fräulein Zahn mir sagte, ich solle Dörte und Ursula suchen. Ich ging hinunter zum Eßzimmer, rief Ursel und Dorte, erhielt aber keine Antwort. Dann ging ich in die Küche, wo mir die Mädchen sagten, daß sich auch dort Ursel und Dörte nicht befänden.

 

Eine schwerwiegende Aussage.

Ich ging dann wieder hinauf und wollte einen Apfel essen, da er aber schlecht war, wollte ich ihn in den Ofen werden. Auf Veranlassung von Ihm trug ich den Apfel zum Abort und warf ihn dort hinein.

 

We kam dann hinter mir der

ins Schrankzimmer

(große Bewegung im Saale), wo Er dann geblieben ist, weiß ich nicht. Ich kam allein zur Stube zurück. Wann Er zurückgegangen ist, weiß ich nicht. Ich weiß aber, daß er vorher eine Apfelsine in das Nebenzimmer trug und auf Dörtes Schreibtisch legte.

 

Der Vorsitzende fragt die Zeugin wiederholt und eindringlich, unter Hinweis auf das achte Gebot, ob sie bei der Behauptung bleibe, daß   G r u p e n   i h r   n a c h g e g a n g e n   sei. Sie bleibt dabei. Auf die Frage eines Geschworenen, ob der Stiefvater sie mit dem Apfel zum Abort   g e s c h i c k t   habe, antwortete sie mit einem bestimmten   „ J a “ .

 

Verteidiger Dr. Mamroth: Du bist schon dreimal vernommen worden. hast aber davon nichts gesagt. - Vors. (zur Zeugin): Warum hast Du früher nichts davon gesagt, daß Dein Vater Dich mit dem Apfel weggeschickt hat und daß er Dir gefolgt ist? - Zeugin: Ich hatte es vergessen.  Aber gestern beim Termin im Schlosse ist es mir eingefallen. Niemand hat es mir eingeredet.

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Ist Dir Dein Vater oder Deine Mutter lieber gewesen? - Zeugin: Ich habe beide gern gehabt. - Vors.: Warum hast Du gestern im Schlosse geweint?

 

Zeugin: Weil ich Angst vor ihm hatte.

 

Der Angeklagte wird hierauf wieder in den Saal geführt und es wird ihm die Aussage der Irma verlesen. Er erklärt darauf: Als Irma den Apfel wegwerfen wollte, habe ich nur die Tür zum Schrankzimmer aufgemacht, bin aber   i m   Z i m m e r   g e b l i e b e n .   Die Irma ist schon als kleines Kind eine   v e r s t o c k t e   L ü g n e r i n   gewesen. Sie hat einmal der Großmutter ein Portemonnaie weggenommen, das Geld vernascht und die Tat erst nach langen Ermahnungen nach vier Tagen eingestanden.

 

Grupens stechender Blick.

Verteidiger Dr. Ablaß regt an,   d e m   V a t e r   i n s   G e s i c h t   zu sagen, daß er ihr nachgefolgt sei. -   D e r   S t a a t s a n w a l t   w i d e r s p r i c h t   dieser Anregung und bittet den Sachverständigen Geheimrat Dr. Moll zu befragen, ob gegen die Anregung des Verteidigers nicht Bedenken bestehen. Im Zuhörerraum entsteht große Aufregung.   I r m a   b e g i n n t   z u   w e i n e n ,   läuft von dem in der Nähe der Anklagebank stehenden Zeugenstuhle weg und klammert sich wie Schutz suchend an einen vor der Geschworenenbank sitzenden Sachverständigen. - Verteidiger Dr. Ablaß stellt den   f o r m e l l e n   A n t r a g ,   daß Irma ihre Bekundung dem Angeklagten ins Gesicht sage. - Staatsanwalt: Der Antrag ist unzulässig. Es steht nirgends im Gesetz, daß ein Zeuge dem Angeklagten Bekundungen ins Gesicht sagen muß. - Geheimrat Dr. Moll: Bei dem stechenden Blick des Angeklagten muß ich mich   g e g e n   den Antrag des Verteidigers aussprechen.

 

Der Gerichtshof zieht sich zur Beschlußfassung zurück und verkündet nach längerer Beratung die   A b l e h n u n g   des Antrages des Verteidigers unter Berufung auf die Strafprozeßordnung und auf die Ansicht des Sachverständigen Dr. Moll, daß sonst die Wahrheit beeinträchtigt werden könnte.

 

Die Vernehmung der Irma Schade schließt damit, daß sie auf Veranlassung des Geheimrats Lesser sich die   U n t e r b i n d e t a s c h e   mit Patronen und Revolver anlegen muß, um festzustellen, ob Ursula Schade die Tasche mit diesem Inhalt getragen haben kann, ohne daß es auffallend gewesen wäre. Irma sagt, daß die Tasche sie im Gehen belästige und immer gegen die Beine schlage.

 

Irmas Charakter.

Es folgt die Vernehmung von   F r a u   E r n a   L u x ,   Schwägerin der verschwundenen Frau Grupen. Die kleine Irma ist von ihr als Pflegekind angenommen worden. Die Zeugin verneint die Frage des Vorsitzenden. ob der Irma die Bekundung, Grupen sei ihr beim Forttragen des Apfels nachgegangen, eingeredet worden sei. Als Irma vor 14 Tagen die Zeugenvorladung erhalten habe, habe sie ihr erzählt, daß Grupen ihr in der grauen Jacke gefolgt sei. - Vors.: Was ist die kleine Irma für ein Kind? - Zeugin: Ein sehr liebes Kind. Ich habe sie seit Februar im Hause, aber auch schon früher kennen gelernt. - Vors.: Haben Sie die Irma auf Lügen ertappt? - Zeugin: Auf kleinen Kinderlügen, eine wirkliche Schlechtigkeit habe ich bei ihr noch nicht bemerkt. - Vors.: Hat sie auch mal was genommen? - Zeugin: Ein paar Blaubeeren hat sie genascht.

 

Hier   e r l i s c h t   wieder das   e l e k t r i s c h e   L i c h t .

 

Der Vormundschaftsrichter.

Amtsgerichtsrat   T h o m a s -   Lähn wird jetzt bei fast völliger Dunkelheit des Saales vernommen, so daß die Berichterstattung über den ersten Teil seiner Vernehmung sich keine genaueren Aufzeichnungen machen kann. Es entwickelt sich eine von sehr verschiedener Weltanschauung zeugende Wechselrede zwischen dem Vorsitzenden und dem Zeugen, deren Inhalt im Wesentlichen die

 

Ernährungs- und Kleidungsverhältnisse

 

der Millionenerbin   D o r o t h e a   R o h r b e c k   ist. Der Zeuge war mit mehreren Unterbrechungen während der Kriegszeit, wo er mehrfach eingezogen war,   V o r m u n d s c h a f t s r i c h t e r .   Er war in Uebereinstimmung mit dem Vormund Vielhack der Ansicht, daß in Kleppelsdorf unter Fräulein Zahn zu große Ausgaben gemacht würden. Zum Erstaunen des Vorsitzenden bekennt der Zeuge, daß er tatsächlich der Meinung war, daß sich   a u s   d e n   S a c h e n   d e s   v e r s t o r b e n e n   R o h r b e c k    hätten   K l e i d u n g s s t ü c k e   f ü r   D o r o t h e a   machen lassen, -   a u s   s e i d e n e n   S p o r t h e m d e n   eines Herren ließen sich doch   B l u s e n   für den Konfirmationstag eines jungen Mädchens machen! (Starke Bewegung beim weiblichen Element im Zuschauerraum worauf wieder eine Rüge des Vorsitzenden erfolgt.) Der Zeuge bestreitet aber ausdrücklich, daß er der Meinung gewesen sei, aus den Kleidern des Herrn Rohrbeck hätte das   K o n f i r m a t i o n s k l e i d   für Dorothea selbst gemacht werden sollen, denn dafür seien 800 Mark ausgeworfen worden.

 

Wie der Zeuge weiter bekundet, kamen dann die neuen Steuern und rund 621 000 Mark Reichsnotopfer, so daß sich das Kapital verringerte. Der Vormund bekam zunächst jährlich 2000 Mark und Ersatz der Reisekosten, sowie 15 Mark Tagegelder bei Reisen. - Vors.: Und wie oft kam da der Vormund nach Kleppelsdorf? - Zeuge: Jährlich höchstens zweimal. Später stellte der Vormund den Antrag, seine Entschädigung auf 4000 Mark zu erhöhen, was aber zu hoch erschien, so daß ich die Festsetzung auf nur 3000 Mark durchsetzte. - Vors.: Ist es eigentlich nicht bedenklich, daß der Gegenvormund Bauer, der doch die Rechte des Mündels gegen den Vormund vertreten soll, als Gegenvormund gewissermaßen der Untergebene des Vormundes war? - Zeuge: Diese Bedenken habe ich auch gehabt: da aber keine Beschwerden kamen, habe ich mich damit abgefunden. - Vors.: Von dem Mündel und der Erzieherin lagen jedenfalls viele Beschwerden vor.

 

Der Zeuge macht dann nähere Angaben über die Gelder, die Fräulein Zahn für den Haushalt und die Erziehung erhielt. Im Jahre 1915/16 wurden an Fräulein Zahn 26 000 Mark gezahlt, wofür sie Gärtner, Köchin und die beiden Dienstmädchen bezahlten mußte. Fräulein Zahn selbst erhielt monatlich (200) Mk. 1916/17 waren es rund 24 000 Mark, dann wieder 24 000, dann 21 000, dann 29 900. Im ersten und im letzten Falle sind die Naturalien eingerechnet, in den anderen Fällen nicht. - Vors.: Es ist doch merkwürdig: je größer die Teuerung wurde, desto niedriger wurden die dem Mündel zugebilligten Unterhaltungsgelder. Und mit 100 Mark wöchentlich wollten die beiden Damen auskommen? - Zeuge: Sie erhielten ja auch noch Naturalien. Herr Rohrbeck hatte 10 000 Mark für die Erziehung seiner Tochter ausgesetzt. - Vors.: Damit hatte er doch sicherlich nur die Ausgaben für die   E r z i e h u n g   gemeint, aber nicht die Kosten für den gesamten Unterhalt. - Zeuge: Der Vormund und ich waren jedenfalls der Meinung, daß damit der   g a n z e   U n t e r h a l t   gemeint sei. Jedenfalls war der Vormund der Ansicht, daß die beiden Damen mit diesem Gelde auskommen konnten. - Vors.: Wie erklären Sie aber dann die Tatsache, daß die beiden Damen von Verwandten und Bekannten Geld borgen mußten? - Zeuge: Ich habe von dieser Tatsache erst kurz vor dem Tode der Dorothea Rohrbeck erfahren. Jedenfalls haben die Damen wohl über die Verhältnisse gelebt. Rohrbeck hatte bestimmt, daß seine Tochter   e i n f a c h   b ü r g e r l i c h   erzogen werden sollte. (Heiterkeit im Zuschauerraum, die vom Vorsitzenden wieder gerügt wird.) - Vors.: Können Sie bestimmte Tatsachen angeben, daß die beiden Damen zu viel Geld ausgegeben haben? - Zeuge: Bestimmte Tatsachen kann ich hierfür nicht anführen, aber die Zahl der Dienstboten war wohl zu groß. - Vors.: Um das Schloß im Stande zu halten, mußten doch auch Leute da sein. Und die 120 Mark, die die beiden Damen zuletzt für ihren Haushalt erhielten, mußten sie sich noch wöchentlich von Herrn Bauer holen? - Zeuge: Das gefiel mir ja auch nicht.

 

Vors.: Der Vormund hat dann Fräulein Zahn wiederholt gekündigt, obwohl in dem Testament stand, daß sie die Erziehung des Fräuleins bis zu deren Mündigkeit leiten sollte. Glaubten der Vormund und Sie, daß Sie hierzu ein Recht hatten? - Zeuge: Das war jedenfalls die Ansicht des Vormundes und meine auch. - Vors.: Ihre Ansicht, aber die oberen Gerichte waren jedenfalls anderer Ansicht. (Heiterkeit, die der Vorsitzende rügt.) Weshalb wollte der Vormund Fräulein Zahn entlassen? - Zeuge: Er war der Ansicht, daß ihm Fräulein Zahn das Mündel   e n t f r e m d e .   - Vors.: Aber der Vormund hatte doch gar keine persönlichen Beziehungen zu Fräulein Rohrbeck! Er was doch nur ein früherer Jagdgast des Herrn Rohrbeck.

 

Vors.: Nach den bei den Akten befindlichen Attesten des Dr. Kreisel in Breslau war Dorothea Rohrbeck leidend und sollte gute Verpflegung und Aufenthalt auf dem Lande haben. Trotzdem wollte der Vormund, daß sie in ein Pensionat nach der Stadt gehen sollte, was ihr gewiß gesundheitlich nicht zuträglich gewesen wäre. - Zeuge: Ich hatte auch dagegen Bedenken, deshalb war ich gegen diesen Plan, zum mindesten war ich dafür, daß dann nur ein Pensionat in Frage komme, in welchem alle Vorbedingungen für ärztliche Beaufsichtigung vorhanden waren. Dabei muß ich aber erwähnen, daß Fräulein Zahn selbst die Absicht hatte, mit Dorothea in die Stadt zu ziehen, da war ihr der Stadtaufenthalt nicht bedenklich; der Widerstand kam erst, als Dorothea Rohrbeck allein in die Stadt gehen wollte. - Vors.: Stand es nicht im Widerspruch mit den Bestimmungen des Testaments, wenn man Fräulein Zahn von Fräulein Rohrbeck trennen wollte, zumal zwischen den beiden doch das innigste Verhältnis bestand? - Zeuge: Der Vormund war jedenfalls der Ansicht, daß er dies tun dürfe. - Vors.: Das war seine persönliche Ansicht. - Zeuge: Der Vormund hielt die Erziehung durch Fräulein Zahn nicht für ganz unbedenklich. Fräulein Zahn hat z. B. alle Streitigkeiten, die sie mit dem Vormund hatte, der Dorothea erzählt. - Vors.: Das war doch bei dem innigen Verhältnis zwischen den beiden ganz natürlich. Es ist auch die Rede, daß Fräulein Zahn sich taktlos gegen den Vormund benommen haben soll. - Zeuge: Ich habe diesen Ausdruck gebraucht, weil bei Anwesenheit des Vormundes die beiden Damen nach Hirschberg fuhren, wie er annahm, zu einer Musikstunde. Später stellte sich allerdings heraus, daß eine zahnärztliche Behandlung der Grund der Reise war, so daß sich der Vorwurf der Taktlosigkeit nicht aufrechterhalten läßt.

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Der Zeuge hat nach bestem Gewissen pflichtgemäß gehandelt, da er die Darstellung des Vormundes, den er für einen durchaus glaubwürdigen Ehrenmann halten mußte und in dessen Angaben er natürlich nicht den geringsten Zweifel setzen konnte, für richtig hielt. Eine Verpflichtung für ihr, die Verhältnisse im einzelnen zu prüfen, hatte er als Vormundschaftsrichter nicht. - Vors.: Er hätte sich doch wohl selbst Gewißheit über die Verhältnisse verschaffen können, zumal die vielen Beschwerden kamen. - Zeuge: Ich hatte keine Veranlassung, an der Richtigkeit der mir vom Vormund gegebenen Unterlagen zu zweifeln.

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Wie haben sich die Einnahmen gegenüber den Ausgaben gestellt? Es ist doch so, daß der Vormund und der Zeuge der Ansicht waren, daß die Ausgaben nicht in dem richtigen Verhältnis zu den Einnahmen standen, so daß zu der Zeit, wo mit dem Alter des Mündels die Ausgaben größer wurden, nicht mehr das nötige Kapital vorhanden war. Die Herren waren der Ansicht, daß sich wohl eine Herabsetzung der Kosten für den Haushalt erzielen ließe. - Vors.: Es wäre wohl die Pflicht des Zeugen gewesen, genaue Erkundigungen einzuziehen, zumal so viele Beschwerden eingingen, darunter sogar eine vom Waisenrat.

 

Die Kastanienbäume als „Grund zum Selbstmord“.

Zeuge: Es sollten im Park einige alte Kastanienbäume geschlagen werden, weil sie morsch waren und ihr Sturz drohte. Dorothea Rohrbeck, die sehr in diesen Bäumen hing, kam nicht zu mir, sondern ging zu dem Waisenrat und ließ durch diesen für die Bäume bitten. Ich habe dies dem Vormund geschrieben und erhielt die Antwort, daß die Bäume doch beseitigt werden müßten, weil sie beim Sturz das Dach beschädigen konnten. Am Tage vor der Tat wurde dies Fräulein Rohrbeck mitgeteilt. Als ich am nächsten Tage nachmittags gegen 3 Uhr auf dem Bahnhof von der Tat hörte, ging mir durch den Kopf, ob nicht Fräulein Rohrbeck aus Schmerz über die Nichterfüllung ihrer Bitte Selbstmord verübt haben könnte. Ich gab daher, als ich in dem Schlosse, in das ich mich sofort begab, zu Fräulein Zahn diesem Gedanken Ausdruck. Auf dem Wege zum Schlosse gaben allerdings die Herren, die mich abholten, auch anderen Vermutungen Ausdruck. Auch wurde mir damals schon Grupen als wahrscheinlicher Täter genannt. - Vors.: Der Gedanke, daß ein junges Mädchen wegen einer solchen Sache Selbstmord verüben könnte, ist dich eigentlich wohl etwas sehr fernliegend.

 

Der Vormundschaftsrichter über Fräulein Zahn.

Zeuge: Es war ja auch nur eine Vermutung, die mir damals durch den Kopf ging. Fräulein Zahn war   k u r z   n a c h   d e r   T a t   n i c h t   d i e   g e r i n g s t e   E r r e g u n g   anzumerken, während ich selbst angesichts der Leichen in einer furchtbaren Aufregung war. Ich habe nie eine Frauensperson gesehen, die in einer solchen Situation so ruhig war. Da kam mir der Gedanke, ob denn die Liebe des Fräulein Zahn zu Fräulein Rohrbeck vielleicht doch nicht so groß war.

 

Fräulein   Z a h n ,   die im Zuschauerraum ist, ruft aus: Das ist zuviel! Ich kann nicht mehr! und bricht in heftiges Weinen aus. Mit Erlaubnis des Vorsitzenden verläßt sie den Saal.

 

Zeuge Thomas: Ich kann nur erklären, daß ich an Fräulein Zahn keine Erregung bemerkt habe, war mir auffiel. Er gibt allerdings auf Vorhalten des Vorsitzenden zu, daß es sich bei Frl. Zahn auch um die Starrheit des Schmerzes handeln konnte. - Verteidiger Dr. Ablaß bezeichnet den Zeugen als in Fragen des Taktes geradezu vorbildlich.

 

Ein   G e s c h w o r e n e r   wünscht Aufklärung, welche Vermutungen der Zeuge über die Tat gehabt hat, ob ihm auf dem Wege vom Bahnhof nicht auch schon mitgeteilt worden sei, daß hier ein Mord vorliege. - Zeuge: Auch diese Vermutung wurde geäußert; ich habe ja dann auch in der Nacht Grupen verhaftet. Zeuge erklärt nochmals, daß Fräulein Zahn eine bewunderungswürdige Ruhe an den Tag gelegt habe. - Vors.: Ich habe vorhin nach dem Ton Ihrer Aussage die Empfindung gehabt, als wollten Sie an Fräulein Zahn eine üble Kritik üben.

 

Eine Erklärung der Geschworenen.

Ein   G e s c h w o r e n e r :   Im Namen aller Geschworenen wünsche ich zu erklären, daß wir uns der Beurteilung des Herrn Vorsitzenden über die Aussage des Zeugen anschließen. - Verteidiger Dr. Ablaß: Ich beantrage die   P r o t o k o l l i e r u n g   des Beschlusses der Geschworenen. - Es entspinnt sich eine Debatte zwischen dem   S t a a t s a n w a l t ,   der meint, daß hier kein richtiger Beschluß der Geschworenen vorliegt, und dem Verteidiger   D r .   A b l a ß ,   der betont, daß die Tatsache, daß die Geschworenen diese Erklärung abgegeben haben, doch nicht zu leugnen sei. - Der Gerichtshof berät darüber, nachdem er sich zurückgezogen, und der Vorsitzende verliest die nach Wiedererscheinen erfolgte   E i n t r a g u n g   i n   d a s   P r o t o k o l l ,   welche dem Wunsche des Verteidigers entspricht und feststellt, daß der Zeuge an Frl. Zahn keine ungünstige Kritik üben, sondern nur sein Erstaunen über ihre Selbstbeherrschung zum Ausdruck bringen wollte.

 

Nochmals das Haushaltsgeld.

Zeugin   Z a h n   gibt dann nochmals die Beträge an, die ihr der Vormund mit Genehmigung des Vormundschaftsrichters als Haushaltsgeld zugebilligt hat. Vom 1. Juli 1916 bekam ich monatlich 1000 Mk., wovon ich alle Ausgaben zu decken hatte. Auf einer Konferenz der Vormünder und des Vormundschaftsrichters war dieser Betrag festgesetzt worden. Es wurden als Gesamtausgaben 18 000 Mk. festgesetzt, 12 000 Mk. erhielt ich in bar, 6000 Mk. wurden für Naturalbezüge aus dem Gut gerechnet. Vom 1. April 1920 ab bekam ich wöchentlich   1 2 0   M a r k   a u s s c h l i e ß l i c h   der Gehälter, vom 1. Oktober 1920 wöchentlich   1 0 0   M a r k   e i n s c h l i e ß l i c h   der Gehälter! Das reichte natürlich nicht aus.

 

Dann wird noch Güterdirektor   B a u e r -   Kleppelsdorf, der Gegenvormund, vernommen, aber nur über seine Beobachtungen am Mordtage. Er kam erst später hinzu, da er an diesem Tage in Löwenberg war. Er hat dann als Amtsvorsteher das Mordzimmer versiegelt. Sonst bekundet der Zeuge nichts wesentliches. Ueber seine Tätigkeit als Gegenvormund wird er nicht vernommen.

 

Hierauf wird die Weiterberatung auf Freitag vertagt.

 

*

Sitzung am Freitag.

Vernehmung von Marie Mohr.

Die Sitzung am Freitag wird mit der Vernehmung der Stütze   M a r i e   M o h r   eingeleitet. Die 21 Jahre alte Zeugin wird unter Aussetzung der Vereidigung vernommen.

 

Vors.: Sie haben in der Voruntersuchung gesagt, Sie glaubten alles, was der Angeklagte sage. Vor dem Untersuchungsrichter haben Sie auf erklärt, daß Sie gar nicht wüßten, warum alles niedergeschrieben werde, Sie hielten das für eine große Papierverschwendung. Mit Rücksicht auf diese Aeußerungen und auf Ihr Verhältnis zu dem Angeklagten muß ich Sie ganz besonders darauf aufmerksam machen, daß Sie hier die reine Wahrheit zu sagen haben. - Oberstaatsanwalt   D r .   R e i f e n r a t h   beantragt, während der Vernehmung der Zeugin den   A n g e k l a g t e n   a u s   d e m   S a a l   z u   e n t f e r n e n .   - Die   V e r t e i d i g e r   erheben   E i n s p r u c h .   Sie befürchten keine Beeinflussung der Zeugin durch den Angeklagten. - Geheimrat   D r .   M o l l   hält die Besorgnis einer Beeinflussung für   b e g r ü n d e t .   Es handle sich um ein junges Mädchen, das zu dem Angeklagten in sehr intimen Beziehungen gestanden habe. - Das   G e r i c h t   l e h n t   d e n   A n t r a g   d e s   S t a a t s a n w a l t s   a b ,   es behält sich aber vor, den Angeklagten abführen zu lassen, sobald die Befürchtung einer Beeinflussung begründet erscheint. Geheimrat Moll wird gebeten, dem Gerichtshof mitzuteilen, wann etwa dieser Zeitpunkt eintreten sollte. Der Vorsitzende ersucht die Zeugin, zu den Geschworenen gewendet zu sprechen.

 

Frl.   M o h r ,   die an einer Mandelentzündung erkrankt ist und daher schwer verständlich ist, bekundet: Im Dezember 1920, also nach dem Verschwinden der Frau Grupen, bin ich in Grupens Haus als Stütze gegangen, und zwar auf Wunsch meiner Mutter, während der Vater dagegen gewesen ist. Die Ursel ist ein liebenswürdiges Kind gewesen; die Leute erzählten, daß Ursel auf ungesatteltem Pferde geritten sei. In der Hand des Kindes habe ich nie eine Schußwaffe gesehen, auch nicht ein ähnliches Spielzeug. Auf der Reise nach Kleppelsdorf habe ich keinerlei Wahrnehmungen gemacht, daß Ursula   e i n e n   R e v o l v e r   o d e r   e i n   P a t r o n e n k ä s t c h e n   u n t e r   d e n   K l e i d e r n   trage. Auch beim Spielen und Schaukeln der Kinder im Park habe ich nie wahrgenommen, daß Ursula einen harten Gegenstand bei sich trage. In Kleppelsdorf ist Ursula   n u r   z e i t w e i s e   t r a u r i g   gewesen. Frau Eckert hat sich über den kühlen Empfang in Kleppelsdorf aufgeregt. Der Empfang ist deshalb so unfreundlich gewesen, weil Grupen und Frau Eckert mit den Kindern unangemeldet gekommen waren. Frau Eckert hat auch gesagt: „Ich habe schon recht, daß ich in Kleppelsdorf nicht gern gesehen bin. Dörte ist ebenso verschwenderisch wie Frl. Zahn, und es kann schon stimmen, was Herr Vielhack geschrieben habe, daß es einmal ein Ende mit Schrecken nehmen werde.“ Erst habe ich mit Irma, dann mit Ursula im Amtszimmer geschlafen. Ursula hatte die ersten Nächte bei der Großmutter Eckert zugebracht. Frau Eckert klagte aber, daß Ursula schwer träume und unruhig schlafe. Frau Eckert erzählte auch, daß Ursel sie einmal nachts geweckt habe mit der Frage: „Wo ist der Karton?“ Ursel hat damit den Bücherkarton gemeint. Wenige Tage nach der Ankunft in Kleppelsdorf schrieb Ursel an eine Frau Bartel einen Brief. Da er nicht richtig war, habe ihn Ursel zerrissen und noch zweimal geschrieben und sich dann sehr gefreut, als er ihr gelungen war. Am 9. oder 10. Februar hat mir Ursula

 

einen Brief an Großmutter

 

übergeben und gesagt, das wird

 

eine große Ueberraschung für Großmutti

 

sein. Ursula forderte aber den Brief zurück und sagte, Großmutter solle ihn erst übermorgen erhalten. Am nächsten Tage wollte Ursula, daß ich den Brief noch nicht abgebe, weshalb ich ihr ihn wieder zurückgab.

 

Staatsanwalt: Was hatten Sie für einen Eindruck, als die Ursel sagte: das soll eine Ueberraschung für Großmutter sein? - Zeugin: Ursula war   s e h r   v e r g n ü g t   d a b e i . -   Vors.: Hat damals der Angeklagte von dem Brief etwas gehört? - Zeugin: Nein.

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Ist die Ursula einmal nachts an das Bett der Großmutter gegangen und hat sie dabei geweint? - Der Staatsanwalt weist darauf hin, daß dieser Vorgang im Zusammenhang stehe mit Dingen, die in geheimer Sitzung zu beraten seien. - Der Verteidiger ist damit einverstanden.

 

Die   Z e u g i n   bestreitet, die Rollstube jemals verschlossen zu haben.

 

Hat Grupen das Zimmer verlassen?

Vors. (mit erhobener Stimme):   I s t   d e r   A n g e k l a g t e   d e r   k l e i n e n   I r m a ,   als sie den Apfel nach dem Abort trug,   n a c h g e g a n g e n ?

Zeugin:   N e i n !

Vors.: Ist Grupen aber nicht aufgestanden und hat er der Irma nicht die Tür zum Schrankzimmer aufgemacht?

Zeugin:   N e i n .  -   Vors..: Der Angeklagte hat es gestern selbst gesagt! Ist Grupen im Zimmer hin und her gegangen?

Zeugin:   N e i n ,   wir haben Mühle gespielt.

Verteidiger Dr. Mamroth: Sie haben schon in der Voruntersuchung erklärt, Sie seien bereit, jederzeit zu beschwören, daß Grupen das Zimmer nicht verlassen habe.

 

Ein Beisitzer macht die Zeugin darauf aufmerksam, daß sie in ihrem heutigen Verhör verschiedene Fragen nicht mit derselben Genauigkeit beantwortet hat, wie die, ob Grupen das Zimmer verlassen habe. Die   Z e u g i n   erwidert, sie habe andere Sachen vergessen, weil sie unwichtig seien.

 

Vors.: Hat der Angeklagte später nicht gesagt:   e s   i s t   g u t ,   d a ß   w i r   a l l e   g e s a g t   h a b e n ,   d a ß   i c h   i n   m e i n e m   Z i m m e r   w a r ? -   Zeugin: Ich kann mich darauf nicht erinnern.

 

Verteidiger Dr. Ablaß weist darauf hin, daß die Zeugin schon in früheren Vernehmungen erklärt habe: „Ich weiß, daß Grupen nicht hinausgegangen ist, weil wir Mühle gespielt haben.“

 

Sachverständiger Dr. Moll (zur Zeugin): Haben Sie die Unterhaltung gehört, die der Angeklagte mit Fräulein Zahn im Nebenzimmer geführt hat? Der Angeklagte soll Fräulein Zahn dabei gefragt haben, was Küßchen auf plattdeutsch heißt.

Zeugin kann sich hierauf nicht erinnern.

Angeklagter: Ob sie wisse. daß er die von Irma gebrachten Apfelsinen zu Fräulein Zahn in das Nebenzimmer getragen und diese gefragt habe, ob sie die Apfelsinen schälen und zuckern wolle. - Zeugin: Das kann sein. - Vors.: Ich mache Sie darauf aufmerksam. daß Sie in der Voruntersuchung erklärt haben,   a l l e s   z u   g l a u b e n ,   w a s   d e r   A n g e k l a g t e   s a g e .    Ueberlegen Sie sich Ihre Aussagen.

 

Angeklagter: Ich bitte darum, daß die Zeugin jede Rücksicht auf mich fallen läßt. - Vors.: Das ist ganz selbstverständlich. Die Zeugin hat gar keine Rücksicht auf Sie zu nehmen.

 

Frl.   M o h r   bekundet weiter, daß sie sich gegen Abend im sog. Amtszimmer mir Frau Eckert, der kleinen Irma und Grupen eingeschlossen habe. - Vors.: Warum ist zugeschlossen worden? - Zeugin: Das weiß ich nicht.

 

Vors.: Hat der Angeklagte nicht gesagt: Es ist doch gut, daß wir zusammen waren, da wird meine Unschuld bald an den Tag kommen.

 

Zeugin: Kann sein, daß er es gesagt hat. - Auf wiederholtes Befragen erklärt die Zeugin:   I c h   w e i ß   e s   n i c h t .  

 

Vors.: Was hat Grupen zu Ihnen gesagt, als er abgeführt wurde?  Zeugin: Ich solle die Wahrheit sagen, dann wird sich seine Unschuld bald herausstellen. Vors.: Hat er nicht gesagt, daß er, wenn Sie bekunden, daß er oben war, bald wieder frei sein werde? - Zeugin: Das weiß ich nicht! - Vors.: Aber überlegen Sie es sich genau. Ein anderer Zeuge bekundet diese Aeußerung. - Zeugin: Ich weiß es nicht.

 

Plattdeutsch.

Vors.: Was sagte Grupen zu Ihnen, als er am nächsten Tage nach einer nochmaligen Vernehmung im Schloß nach Hirschberg abgeführt wurde? - Zeugin: Das weiß ich nicht. - Auf wiederholtes Befragen erklärte die   Z e u g i n ,   daß der Angeklagte gesagt habe, ich solle die Wahrheit sagen, daß wir oben im Zimmer zusammen waren. - Vors.: Als der Landjägermeister Klopsch dem Angeklagten das weitere Sprechen verbot, hat da der Angeklagte nicht   p l a t t d e u t s c h   g e s p r o c h e n ,   und was? - Zeugin: Ich weiß es nicht. - Auf wiederholtes Befragen des Vorsitzenden sagt die Zeugin schließlich: Der Angeklagte wird seine Ermahnung, die Wahrheit zu sagen, wiederholt haben. - Vors.: Da brauchte doch der Angeklagte nicht plattdeutsch zu sprechen. Hat er wirklich das gesagt? - Zeugin: Es kann sein.

 

Die   Z e u g i n   muß dann die Worte: Sag die Wahrheit, dann komme ich bald heraus! in Plattdeutsch sprechen. Sie spricht dies aber so aus, daß alle Anwesenden die Wort verstehen, während der Landjägermeister Klopsch die Worte des Angeklagten damals nicht verstanden hat. - Der Angeklagte spricht die Worte plattdeutsch aus, die er damals gesprochen haben will: „Segg de Wohrheet un gif man tau, dat wi tausamen verköhrt hebben.“ Diese Worte kann, besonders bei dem Tonfall des Dialekts, niemand im Gerichtssaal verstehen. - Sachverständiger Dr. Peters: Ich verstehe auch plattdeutsch. Diese Worte lauten: Sag die Wahrheit, und gib nur zu, daß wir zusammen verkehrt haben. - Zeugin: Ja, das hat er gesagt. - Vors.: Es ist doch merkwürdig, vorhin habe ich Sie so eingehend gefragt, was der Angeklagte gesagt hat, und Sie haben immer und immer wieder versichert, daß Sie es nicht mehr wüssten, und jetzt wissen Sie es auf einmal.

 

Weiter gibt die Zeugin an, daß Frau Eckert das Gepäck für Kleppelsdorf eingepackt hat. Sie hat nicht bemerkt, daß die Ursula etwas unter ihrer Kleidung versteckt hatte. Während die Zeugin immer behauptet hatte, daß die Sachen in einem Reisekorb gewesen sind, bekundet Frl. Zahn, daß dies nicht richtig ist, es sei ein Rohrplattenkoffer gewesen. Die Zeugin Mohr gibt dies dann auch zu.

 

Es folgen dann eine Reihe von Fragen der Sachverständigen nach dem   G e m ü t s z u s t a n d   d e r   U r s u l a .   Auch diese Zeugin bekundet, daß Ursel oft traurig war.

 

Auf Befragen des Schießsachverständigen gibt die Zeugin an. daß der Angeklagte in Ottenbüttel   S c h i e ß ü b u n g e n   m i t   e i n e m   R e v o l v e r   angestellt hat.

 

Als wieder nach einer Aussage eine Bewegung im Zuschauerraum entsteht, bittet der Verteidiger   D r .   A b l a ß   den Vorsitzenden, gegen solche Kundgebungen einzuschreiten. - Vors.: Ich habe schon wiederholt solche Kundgebungen gerügt und werde unnachsichtlich bei jeder Kundgebung des Beifalls oder Mißfallens den Zuschauerraum   r ä u m e n   lassen.

 

Der   A n g e k l a g t e   b e a n t r a g t   s e l b s t   kurz vor 1 Uhr den   A u s s c h l u ß   d e r   O e f f e n t l i c h k e i t ,   der auch erfolgt.

 

(Fortsetzung folgt.)

 

 

 

Sonnabend, 10. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

(Woher Kleppelsdorf seinen Namen hat)

Für Geschichtsforscher dürfte es nicht uninteressant sein, zu hören, daß der Kleppelsdorfer Hof, in alten Schriften auch Klöppelsdorfer Hof oder Klepperhof genannt, davon seinen Namen hat, daß einst auf demselben die schweren Rüstpferde, - Klepper genannt - standen, die zur Burg Lehnhaus gehörten.

 

 

 

Sonnabend, den 10. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Peter Grupen.

Wer als Zuhörer und Zuschauer in einen Schwurgerichtssaal geht, in dem ein Mordprozeß zur Verhandlung steht, pflegt sich auf Grund von Berichten, aus Lebenserfahrungen aller Art und auch nach seinem Phantasie- und Empfindungsvermögen heraus schon ein Bild von der Persönlichkeit des Angeklagten in einer Art Strichmanier entworfen zu haben. Mit vorgefaßter Meinung von dem „Kerl“, der´s wohl gewesen sein wird, gehen sehr viele in den Saal. Neugierig, wie er wohl aussehen und wie er sich benehmen wird gegenüber der Wucht der Anklage, sind alle und interessant ist ein des Mordes Angeklagter immer besonders für denkende und fühlende Menschen, die über seelische und soziale Probleme nachsinnen und wissen, daß die Handlungen, ja die Worte und Gedanken der einzelnen immer in einem gewissen Zusammenhange mit dem Charakter der Zeit stehen, und jeder, auch der ärgste Verbrecher, doch immer noch ein Bruchteil des Volkes ist. In einem völkischen Zustande, bei dem man tagtäglich auf Habgier stößt, in einer Nachkriegszeit, in welche die natürlichen Wirkungen der Nichtschätzung von Menschenleben noch nachzittern, wird ein Mord und ein dieses Verbrechens angeklagter Volkgenosse wahrscheinlich etwas anders angesehen, wie in ganz normalen Zeiten, und dennoch: das Wörtlein Mord! wird immer die Spannung hervorrufen, die z. B. Schiller in einem Satze seiner „Räuber“ zum Ausdruck bringt: „Wie eine ganze Hölle von Furien um das Wort flattert!“ Gespannt sind die Leute immer, ob dem den Mordes Angeklagten etwas anzumerken ist von der Angst, in der er ja nach dem „allgemeinen Empfinden“ befangen sein muß. Man erwartet jedenfalls „Szenen“ und auf das Auftreten des Hauptakteurs in der Tragödie menschlicher Verirrungen ist jedermann neugierig, wißbegierig.

 

Es ist eine alte Erfahrung, daß zu allen Zeiten sich Frauen ganz besonders lebhaft für energische willensstarke Männer interessieren. Im Kleppelsdorfer Mordprozeß haben wir die erwartete Zusammensetzung des Publikums, d. h. vorwiegend Frauen. „Ganz anders“ haben sich zweifellos viele Besucher des Saales den des Mordes an zwei jungen Mädchen angeklagten Peter Grupen vorgestellt. Man erwartete wohl einen durch zehnmonatliche Untersuchungshaft mitgenommenen Mann mit funkelnden „Hypnotiseur-Augen“ etc. „Andere sehen doch so blaß aus.“ hörte ich eine Dame hinter mir flüstern. Nun, Peter Grupen sieht erstaunlich blühend aus, mit roten Backen im runden Gesicht, das ein blondes Schnurrbärtchen ziert, das für den strammen 27jährigen Mann fast zu klein geraten ist. Er erinnert in seiner ganzen militärischen Haltung noch an den ehemaligen Hannoverschen Ulanen, der den Krieg mitgemacht hat. Im linken Aermel steckt der Oberarmstumpf des zerschossenen Armes, mit dem rechten Arm stützt sich Peter Grupen bei stundenlangem Stehen leicht auf eine Stuhllehne, wenn er im Raume vor den Geschworenen steht, die seine etwas dünne und hohe Stimme bei dem schnellen Sprechen so besser verstehen als von der Anklagebank her. In seiner eleganten, hellen Gürteljoppe, mit dem blendend weißen Stehkragen und dem modernen Schlips, in den tadellosen hohen Ledergamaschen, kurz in der gesamten „Aufmachung“, könnte Peter Grupen, wenn er nicht in seiner Bewegungsfreiheit und Abreise durch den fatalen Mordverdacht behindert wäre, sich getrost in ein Auto setzen, z. B. nach Krummhübel oder Schreiberhau fahren, um dort als kreditfähiger und anspruchsvoller Fremder von einem Obergastwirtsgehilfen sofort freudig taxiert und bedient zu werden. Ja, so „forsch“ sieht Peter Grupen aus, der ehemalige Maurerpolier, Vulkanwerftzeichner, Bauführer, Kleingutsbesitzer aus Ottenbüttel, dieser blonde Holsteiner, geboren am 20. September 1894 als Sohn eines Bootsbauers in Haseldorf bei Pinneberg, in der Gegend von Altona, der „eheverlassene“ Gatte, der … seit seinem Geburtstage 1920 verschollenen Frau, der angeblich nach Amerika ausgewanderten ehemaligen Apothekerwitwe und Mutter der erschossenen Ursula. Dies Stiefkind des Glücks ist ganz gewiß von einer Kugel aus der kleinen Selbstladepistole Grupens tödlich getroffen worden. Ob sie Selbstmord verübt, auch die Dörte Rohrbeck erschossen hat, wie der bei ihr aufgefundene Brief an Großmutti Eckert besagt, das ist die große Rätselfrage.

 

Peter Grupen aber, der Angeklagte, kämpft jetzt um sein Leben vor den Geschworenen. Eine Hundertschaft von Indizien aus der Anklageschrift des Staatsanwalts zielt und schießt auf ihn, Peter Grupen wehrt sich sehr gewandt und läßt sich nie verblüffen, er versucht Zug um Zug Verdachtsgründe zu widerlegen mit häufig ohne weiteres einleuchtenden, wenn auch nicht immer überzeugenden Darlegungen, die durch ein erstaunliches Gedächtnis von Einzelheiten gestützt werden. Mit einer gewissen Eleganz, ja stellenweise mit einer juristisch-logischen Sicherheit des Ausdrucks, weiß er kniffliche Fragen zu beantworten, ja kennzeichnet sogar zuweilen mit kritischer Schärfe gegnerische Wendungen, wendet mit Vorliebe das Wort logisch an. Er benimmt sich wie ein geschulter Diskussionsredner und hält sich dabei an die durchaus berechtigte Weisung seines Verteidigers Justizrats Dr. Ablaß, der selbst betont, daß er dem Angeklagten dringend geraten habe, nie die Lehre zu vergessen: Was bei einem Zeugen als Irrtum ausgelegt werden kann, kann dem Angeklagten, wenn der sich widerspricht, als Schuldbekenntnis in die Wagschale fallen und ihn zu Unrecht belasten. Also der Angeklagte hält sich in den Grenzen vorsichtiger Abwägung. Mit gesellschaftlich üblichen Umgangsformen weiß Peter Grupen Bescheid, er hat sich bisher stets bei Einwendungen oder Unterbrechungen angemessener Wendungen bedient, nur zuweilen gegenüber dem Staatsanwalt zeigt er eine gereizte Schärfe. Alles in Allem: Bei der Vernehmung zeigt der Angeklagte Peter Grupen eine große rednerische Gewandtheit, die jedenfalls geeignet ist, das Interesse an seiner Persönlichkeit und an dem Prozesse überhaupt zu vertiefen. Die Bekundungen der Zeugen und Sachverständigen werden ja vermutlich manche Behauptung erschüttern, aber der erste Eindruck, wie sich auch das Ergebnis der Verhandlung des schwierigen Indizienprozesses weiter gestalten mag, wird sicherlich bei sehr vielen Zuhörern haften bleiben: Dieser Peter Grupen erleichtert seinen beiden bewährten Verteidigern das Leben, er ist selbst ein hervorragender Verteidiger in eigener Sache.

 

 

 

Sonntag, den 11. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“:

Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf.

 

Der Vormund.

Hirschberg, 10. Dezember.

In der Verhandlung am Freitag sollte anfänglich Frau Eckert vernommen werden, und man sah dieser Vernehmung mit Spannung entgegen, doch mußte sie auf Sonnabend vertagt werden. Einen sehr breiten Raum nahm statt dessen die Vernehmung des Vormundes   V i e l h a c k   ein.

 

Am heutigen Vormittag wurde dann Frau   E c k e r t   vernommen und machte dabei hochbedeutsame Aussagen.

 

Im Einzelnen ist zu berichten:

 

Die Nachmittagssitzung beginnt mit der Vernehmung von Dörte Rohrbecks Vormund, dem 65 Jahre alten Hauptmann a. D.   E r i c h   V i e l h a c k   aus Charlottenburg. Der verstorbene Rohrbeck ist mein Jagdfreund gewesen. Daß ich zum Vormund der Dorothea bestellt war, habe ich erst durch Fräulein Zahn erfahren. Diese schrieb mir, daß Rohrbeck krank in einem Sanatorium in Schandau liege und bat mich, ihn zu besuchen.

 

Rohrbecks Testament.

Der Zeuge schildert nun, unter welchen Umständen das Testament des sterbenden Rohrbeck zustande kam, und wie er, der Zeuge, sich bemühte, dabei Frl. Zahns Stellung zu sichern, weil er sich sagte, es werde mit ihr ein leichteres Arbeiten sein als mit den Verwandten.

 

Vors.: Die 10 000 Mark sollten für die   E r z i e h u n g   sein? - Zeuge: Dieser Ansicht war ich nicht. Ich nahm an, daß mit den 10 000 Mark der   g a n z e   U n t e r h a l t   bestritten werden sollte. Mit Einwilligung des Vormundschaftsrichters wurde die Summe für den gesamten Haushalt auch auf 18 000 Mk. erhöht. Damit sollte sie schalten und walten, wie sie wollte, aber sich auch unter allen Umständen begnügen.

 

Vors.: Sie hätten aber berücksichtigen müssen, daß alles teurer geworden ist. Warum haben Sie nicht beim Vormundschaftsgericht beantragt, das Haushaltsgeld zu erhöhen. - Zeuge: Weil ich dieser Ansicht nicht war. Wir alle haben uns einschränken müssen.

 

Vors.: Wußten Sie, daß Fräulein Rohrbeck leidend war? - Zeuge: Ja, deshalb wollte ich auch Fräulein Rohrbeck bald in eine Pension geben. Aber Frl. Zahn wollte durchaus nicht. Anfangs dachte ich gar nicht daran, sie zu entfernen. Aber Dörte wurde von mir gewaltsam fern gehalten. Kleppelsdorf, Gieshübel und Kuttenberg waren 1200 Morgen, wovon 600 unter dem Pfluge. An Barvermögen waren allerdings 1 1/3 Millionen Mark vorhanden. Frl. Zahn kam nie mit dem Gelde aus und hat nach meiner Ansicht sehr schlecht gewirtschaftet.

 

Vors.: Mit der Bewirtschaftung des Gutes hatte Frl. Zahn ja nichts zu tun, davon verstand sie auch nichts. Es kommt uns darauf an, von Ihnen zu wissen, ob Fräulein Zahn mit den 18 000 Mark auskommen konnte. - Zeuge: Ich hielt es für unbedingt notwendig, daß Fräulein Zahn damit auskomme.

 

Der Vormund über Dörtes Erziehung.

Vors.: Warum wollten Sie das Kind von Fräulein Zahn entfernen? - Zeuge: Weil sie es nicht so erzog, wie ich es wünschte. Ich wollte Dörte möglichst lange ihre Kindlichkeit erhalten und dafür sorgen, daß sie möglichst mit ihresgleichen in Verkehr trete.

 

Vors.: Warum haben Sie Fräulein Zahn gekündigt? - Zeuge: Weil sie mir immer entgegenarbeitete und ich dem Vater versprochen hatte, daß das Kind zu einer tüchtigen, soliden Hausfrau erzogen werden solle.

 

Vors.: Inwieweit hat Frl. Zahn Ihren Intentionen nicht entsprochen? - Zeuge: Auf direktem Wege konnte ich keine Aufklärung über die Erziehung in Kleppelsdorf erhalten. Ich mußte mich auf Hintertüren verlegen. Infolgedessen schrieb ich an Fräulein Christians, die früher ein Vierteljahr lang Erzieherin in Kleppelsdorf war. Fräulein Christians erzählte mir allerlei Kleinigkeiten von Kleppelsdorf, es würde schlecht gegessen und schlecht gewirtschaftet. Fräulein Zahn sei aber stolz auf eine unglaubliche Menge Konserven, die sie eingeweckt hatte und die noch für drei Jahre reichen. - Vors.: Die Konserven waren wohl vorbereitet, weil Dörte in Pension gehen sollte. - Zeuge: Zucker sei nie auf den Tisch gekommen, obwohl Fräulein Zahn 10 Zentner gekauft hatte. - Vors.: Durch das Einwecken ist sicher viel Zucker draufgegangen.

 

Zeuge: In Erziehungsfragen war Fräulein Zahn sehr merkwürdig. Auf dem Spazierwege ist Dörte immer 20 Schritt vor und 20 Schritt hinter ihr gegangen. Auf eine Frage von Fräulein Christians äußerte Fräulein Zahn: Lassen Sie nur das Kind gehen, es grübelt gern. - Vors.: Hören Sie mal, das ist doch aber alles Klatsch!

 

Dörtes „Verlobung“.

Zeuge: Fräulein Christians hat auch erzählt, daß   D ö r t e   m i t   e i n e m   L e u t n a n t   M a t t h ä i   v e r l o b t   sei. Dieser ist dann gefallen, was Dörte nicht erfahren sollte, aber sie erfuhr es in Lähn doch, kam heulend nach Hause und ist wochenlang nicht fähig gewesen, dem Unterricht zu folgen. - Vors.: Eine richtige Verlobung wird es wohl nicht gewesen sein? - Zeuge: Das Bild des Leutnants hat auf ihrem Schreibtisch gestanden. - Der Vorsitzende bestätigt, daß dies noch nach dem Tode der Dörte der Fall gewesen sei. - Zeuge: Ich habe es für unverantwortlich gehalten, daß Fräulein Zahn ein vierzehnjähriges Kind, von dem sie wußte, daß ihre Verwandtschaft leidenschaftlich veranlagt war, in Liebesaffären verwickelte. - Vors.: Haben Sie wirklich an die Liebesgeschichte geglaubt? - Zeuge: Ja. - Vors.: Aber weitere Ermittelungen haben Sie nicht angestellt?  Zeuge: Leutnant Matthäi war ja tot.

 

Wie sich der Vormund weiter informierte.

Staatsanwalt: Wenn Fräulein Christians Sie nun schmählich belogen hätte, so würde Ihr Urteil über Fräulein Zahn und die Dörte auf ganz falscher Grundlage aufgebaut sein. - Zeuge: Allerdings. - Vors.: Warum haben Sie sich nicht bei anderen Leuten erkundigt, z. B. bei der Oberschwester Kube, die mit den Verhältnissen in Kleppelsdorf ausgezeichnet bekannt war. Oberschwester Kube ist seit 20 Jahren in Lähn und hat gestern ein tadelloses Zeugnis über Fräulein Zahn gegeben. - Zeuge: Ich war   v o n   a n d e r e r   S e i t e   g e w a r n t   w o r d e n ,   a u f   d a s   Z e u g n i s   v o n   O b e r s c h w e s t e r   K u b e   e t w a s   z u   g e b e n .   Sie soll im Hause des Herrn Rohrbeck eine allzu vertraute Rolle gespielt haben. (Beweg. im Zuschauerraum)

 

Staatsanwalt: Wer hat Sie gewarnt? - Zeuge: So oft ich in Lähn war, von der Oberschwester Kube habe ich nie etwas gehört. - Vors.: Mit wem haben Sie in Lähn gesprochen? - Zeuge: Mit keinem Menschen. (Allgemeines Kopfschütteln im Saale) - Vors.: Als Vormund hätten Sie sich nicht einseitig auf die Ansichten einer ehemaligen Angestellten verlassen dürfen.

 

Ein Geschworener fragt den Zeugen, warum er sich über die Verlobungsgeschichte, an der kein wahres Wort sei, nicht bei der Familie des Leutnants Gewißheit geholt habe. - Zeuge: Ich habe von der ganzen Liebesaffäre erst Kenntnis bekommen, nachdem der Leutnant tot war, und hatte keine Veranlassung, mich hinterher noch zu informieren. - Vors.: Doch, Herr Vormund, Sie waren immer einseitig informiert. Ihr Mündel hat bis zum Tode des Vaters mit dessen Wissen und Willen unter Fräulein Zahn gestanden.

 

Staatsanwalt (zum Zeugen Vielhack): Wenn Sie nun erfahren, daß Ihre Informationen unrichtig waren, hätten Sie sich dann anders zu Fräulein Zahn gestellt? - Zeuge: Ich hatte gar nicht die Absicht, beide zu trennen. Hätte Fräulein Zahn das Kind in meinem Sinne erzogen, so hätte sie ewig in Kleppelsdorf bleiben können. Aber Frl. Zahn wollte mich rausgraulen. Es war meine Pflicht, so zu handeln, wie ich es für richtig hielt.

 

Die Konfirmation und der Vormund.

Vors.: Es ist nun zur Sprache gekommen, daß Sie bei der   K o n f i r m a t i o n   der Dörte nicht zugegen gewesen waren. - Zeuge: Mir war ja die Erziehung abgenommen, ich hatte also bei der Konfirmation nichts zu suchen. Ich war ausgeschaltet und nur noch Vermögensverwalter. Wenn ich zur Konfirmation gekommen wäre und mich an den Tisch gesetzt hätte, und ich hätte da vielleicht ein Loblied auf Fräulein Zahn gehört, - stellen Sie sich   d i e   Situation vor. (Heiterkeit im Zuschauerraum)

 

Vors.: Sie sollen keine Mittel bewilligt haben zur Beschaffung der Konfirmationskleider. - Zeuge: Ich habe mich auf den Standpunkt gestellt, die 18 000 Mark   m ü ß t e n   reichen. Extraausgaben habe ich rücksichtslos nicht bewilligt, sondern immer auf das Vormundschaftsgericht verwiesen. Ich durfte keinen Pfennig mehr bewilligen, weil ich sonst über das Testament hinausgegangen wäre.

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Herr Vielhack hat einmal dem Vormundschaftsgericht berichtet, wenn der Hausstand in Kleppelsdorf fünf Jahre so weitergeführt werde, so würde Dörte gezwungen sein, Kleppelsdorf zu verlassen, weil die Einnahmen die Ausgaben nicht deckten. - Zeuge: Das war meine Ueberzeugung. Im Gute ist schlecht gewirtschaftet worden. - Vors.: An der Wirtschaft im Gute ist Frl. Zahn nicht schuld. - Zeuge: Nachdem ich auf dem Gute die Buchführung eingeführt hatte, wurde festgestellt, daß in einem Jahre 2500 Liter Milch in die Wirtschaft gegangen sind, davon 1376 Liter in die Hauswirtschaft. Außerdem wurden zwei Schweine zu 5 Zentner in den Haushalt geliefert. - Staatsanwalt: Sie sagten ja selbst, daß Sie viel Eingewecktes im Schlosse gefunden haben, da sind doch die Schweine gut verbraucht worden. - Zeuge: Zwei Schweine von je 2 ½ Zentner sind für ein Landhaus wahrhaftig nicht zu viel. (Heiterkeit und Stimmung: Na also!)

 

Der Vormund und Grupen.

Die Vernehmung des Herrn Vielhack wendet sich nunmehr der Frage zu, wie er mit Grupen bekannt geworden sei. Zeuge: Ich habe Grupens Verlobungsanzeige bekommen. Bald war in Kleppelsdorf viel von „Onkel Peter“ die Rede. Im September 1920 erhielt ich von Grupen einen Brief, worin er mir seinen Besuch ankündigte, um sich mir   i n   m e i n e m   P r o z e ß   g e g e n   F r l .   Z a h n   z u r   V e r f ü g u n g   zu stellen. Er halte es für seine verwandtschaftliche Pflicht, gegen die Erziehung Dörtes durch Fräulein Zahn einzuschreiten. - Vors.: Die Erziehung Dörtes ging ihn doch herzlich wenig an. - Zeuge: Grupen erzählte mir weiter, daß Dörte in alle Liebeleien von Frl. Zahn eingeweiht sei. - Vors.: Haben Sie das geglaubt? Haben Sie etwas von den Liebeleien gehört? - Zeuge: Ich habe gehört, daß Dörte Bücher lese, die nicht für junge Mädchen geschrieben sind. Frl. Zahn soll auch eine Verlobung zurückgewiesen haben, um bei dem Kinde zu bleiben. - Vors.: Nun, das ist doch höchst ehrenvoll.

 

Zeuge: Grupen hielt die Erziehung Dörtes für unpraktisch. - Vors.: Grupen ist doch Maurerpolier, wie konnte er sich berufen fühlen, über die Erziehung zu urteilen? - Zeuge: Ich nahm an, daß er aus guter Familie sei. Er war ja Architekt.

 

Zeuge: Grupen erzählte mir, Frl. Zahn hätte zwei Eisen im Feuer. Sie unterhalte mit verheirateten Leuten Beziehungen. Mit wem, wollte er nur vor Gericht sagen. In der Bibliothek von Dörte sollten nach dem Urteil von Herrn Pingel   „ s e h r   b ö s e   B ü c h e r “   sein. Grupen behauptete ferner, er habe Frl. Zahn 3000 Mk. geborgt, um ihr Vertrauen zu erringen. Den Schuldschein hierüber habe Dörte unterschrieben. Er habe Frl. Zahn Geld gegeben, denn er sei ein reicher Mann und könne das Geld missen, wenn er es nicht wiederbekomme. Und dann erzählte er mir von einem Revers, den Dörte unterschrieben habe und durch den Frl. Zahn 10 000 Mk. Jahresrente ausgesetzt würden. Grupen habe der Dörte Vorhaltungen gemacht, daß sie den Revers unterschrieben habe, worauf sie sagte: „Ich unterschrieb ihn und werde ihn wiederholen, wenn ich majorenn bin.“ Er bat mich, von diesen Mitteilungen dem Frl. Zahn gegenüber zu schweigen, damit ich sie nicht mißtrauisch mache. Als Grupen wegging, sagte ich ihm:   „ E m p f e h l e n   S i e   m i c h   I h r e r   F r a u   G e m a h l i n . “ Darauf hat er nichts erwidert. Bei einer zweiten Unterredung erzählte Grupen von   T a n z s t u n d e n   in Kleppelsdorf, trotz des Verbotes, wodurch die Gesundheit der Dörte systematisch untergraben würde.

 

Staatsanwalt: Der Angeklagte hat gesagt, Frl. Zahn unterhalte ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, und er werde bei Gericht den Namen nennen. Will er das jetzt tun? - Angekl.: Darüber lehne ich eine Erklärung ab.

 

Staatsanwalt: Grupen hat sich als reicher Mann aufgespielt und gesagt, er könne das Geld, was er dem Frl. Zahn borge, missen. - Angekl.: Ich habe nur gesagt, daß ich das Geld entbehren könne. Ich verfügte damals über eine Viertelmillion mit meinem Grundbesitz. - Vors.: Sie haben aber erklärt, daß Ihre Frau Ihnen 60 - 70 000 Mk. mitgenommen habe.

 

Zeuge: Auf eine Frage   n a c h   s e i n e r   F r a u   erwiderte Fr., sie hätten sehr glücklich miteinander gelebt. Aber ihre Leidenschaft für die Bühne und ihre Leidenschaftlichkeit überhaupt sei so groß gewesen, daß er eingesehen habe, die Ehe würde doch über kurz oder lang in die Brüche gehen. Daher habe er schließlich zugestimmt und ihr noch 60 000 Mk. auf die Reise mitgegeben. Seine Frau hätte ihn geheiratet, weil er ein sehr reicher Mann sei und sie ihre Kinder versorgt wissen wollte.

 

Vors. (zum Angekl.): Ihre Frau ist mit Ihrem Einverständnis abgereist? - Angekl.: Nein. Wenn ich dem Zeugen eine andere Darstellung gegeben habe, so bitte ich, sich in meine Lage zu versetzen. Man braucht doch nicht über alles den Leuten Auskunft zu geben.

 

Zeuge: Grupen sagte mir damals, er hätte an einer Ehe genug. Er würde die Großmutter bei sich behalten, die Kinder hingen schwärmerisch an ihm. Die Ursel und die Irma stritten sich jeden Morgen, wer ihm den Kaffee besorgen solle.

 

Staatsanwalt (zum Zeugen Vielhack): Wunderten Sie sich nicht darüber, daß Ihnen der Angeklagte aus freien Stücken Intimitäten über seine Frau erzählte. Er war Ihnen ja fremd. - Zeuge: Ja, ich habe mich darüber gewundert, aber über das Vorleben der Frau Grupen habe ich schon früher von den Offizieren meines Regiments Verschiedenes gehört. - Angekl.: Mir war bekannt, daß meine Frau in Berliner Kreisen sich nicht des besten Rufes erfreute.

 

Die Vernehmung des Vormundes ist nun beendet.

 

Die eidesstattliche Versicherung.

Rechtsanwalt   D r .   P f e i f f e r   gibt nun Auskunft über den Prozeß, den Frl. Zahn gegen den Vormund Vielhack führte, und in dessen Verlaus die besondere Verstimmung der Damen Zahn und Dorothea Rohrbeck gegen Grupen deshalb Platz gegriffen hat, weil dieser in dem Prozeß plötzlich als Gegenzeuge gegen sie vom feindlichen Vormund genannt erschien, obwohl er sich bisher immer als freundlicher Helfer aufgespielt hatte. In dem Prozeß hat Frl. Zahn bekanntlich gegen den Vormund gesiegt. Die Schilderung des Zeugen läßt die große Hartnäckigkeit erkennen, mit welcher der Vormund den Prozeß führte. Die einzelnen juristischen Seiten dieser ganzen Prozessgeschichte interessieren im übrigen wenig. Die Damen wollten, nachdem sie Grupen als falsch erkannt, nichts mehr mit ihm zu tun haben. Grupen schrieb nun, die Damen sollten nach Hamburg kommen, er werde ihnen das Reisegeld schicken, und dann werde er alles klarstellen. Der Zeuge hatte den Eindruck, als wenn Grupen in der ganzen Sache nicht ehrlich gehandelt hätte. - Auf die Frage des Vorsitzenden bestreitet   G r u p e n ,   daß er sich dem Vormund als Gegenzeugen angeboten habe. - Zeuge Dr. Pfeiffer: Die Damen wollten nicht reisen, wollten auch Grupen nicht empfangen, sondern wollten, daß dieser nach Hirschberg zu mir komme, und das geschah auch am 9. Februar, wo Grupen dann die eidesstattliche Versicherung abgab, daß er zu Vielhack keine Aeußerung getan habe, die diesen berechtigte, ihn, Grupen, als Gegenzeugen gegen Frl. Zahn zu nennen. -   G r u p e n   bestreitet auch heute, daß er zum Vormund gesagt habe, daß Dorothea einen Revers zugunsten Frl. Zahn hinsichtlich einer Rente von 10 000 Mk. für diese unterschrieben habe, obwohl die Rede von einem solchen Revers gewesen sei.

 

Staatsanwalt: Hat der Angeklagte die eidesstattliche Erklärung deshalb abgegeben, weil er wußte, daß man ihn nicht länger im Hause Kleppelsdorf dulden werde, wenn er es nicht täte? - Grupen: Nein. - Vert. Justizrat Dr. Ablaß: Ist es richtig, daß sich Grupen die Erklärung so lange überlegte, weil er sich in einer gewissen Verlegenheit befand, aber jedenfalls   o h n e   die Absicht, sich den Aufenthalt in Kleppelsdorf zu sichern? - Grupen: Ja. Selbstverständlich war ich dann froh, daß die Sache endlich geklärt war.

 

Frl. Zahn: Es war die Rede davon, daß auch Frau Eckert eine solche eidesstattliche Versicherung abgeben solle, man hatte auch sie in Verdacht, und Grupen äußerte das auch von ihr und auch von seiner Frau, daß eine von ihnen Vielhack die anstößigen Mitteilungen gemacht haben könne. Ueber das Verbleiben von Grupen in Kleppelsdorf haben wir uns zwar gewundert, aber wie hielte ihn doch nun nicht mehr für schuldig, daß er falsches Spiel gespielt.

 

Die Kognakflasche.

Hauptm.   T s c h u n k e   vom Reichswehrministerium in Berlin hat bei seiner Schwester gehört, wie die anwesende Dorothea Rohrbeck ihre Furcht vor dem Angeklagten äußerte, und zwar nach der Fahrt von Kleppelsdorf nach Berlin. Dorothea erzählte auch, daß Grupen eine Flasche mit Kognak der Großmutter gegeben habe, die verdächtig war.

 

Verteidiger Dr. Mamroth: Da ich der Presse sogar die Nachricht verbreitet worden ist, daß der Angeklagte wegen Giftmordversuches an seiner Schwiegermutter angeklagt sei, so bitte ich um die Feststellung, daß es sich hier um ein ganz harmloses Getränk handelte. - Vors.: Nach der Untersuchung handelt es sich um ein Getränk, das etwas Bittermandelöl enthält, aber zur Vergiftung keineswegs geeignet ist. - Staatsanwalt: Die Anklagebehörde ist nie der Ansicht gewesen, daß es sich hier um einen Giftmordversuch handelt, sie erwähnt die Sache nur, um zu zeigen,   w e l c h e   F u r c h t   d i e   D a m e n   in Kleppelsdorf vor dem Angeklagten hatten, daß sie ihm einen Giftmordversuch zutrauten. - Verteidiger Dr. Mamroth: Und uns beweist es, daß man selbst diese ganz harmlose Sache gegen den Angeklagten verwendet.

 

Nochmals die „sehr bösen Bücher“.

Rittergutsbesitzer   P i n g e l ,   der jetzige Besitzer von Kleppelsdorf, ein Verwandter der ermordeten Schloßherrin, bekundet, daß ihm der Angeklagte erzählt habe, er werde sich von seiner Frau scheiden lassen,   u m   F r ä u l e i n   Z a h n   z u   h e i r a t e n .   Fräulein Rohrbeck habe ihm erzählt, daß ihr Grupen sehr unsympathisch sei. Bald nach der Tat hat der Zeuge den Garten und Park des Schlosses von Kleppelsdorf untersucht, aber keine Spuren gefunden, die darauf hindeuten, daß von außen jemand in das Schloß eingedrungen sei. - Vors.: Was waren das für Bücher in der Bibliothek? - Zeuge: Moderne Romane, aber keine Bücher, die das geschlechtliche Gebiet berühren.

 

Gemeindevorsteher   D ö r i n g -   Kuttenberg kann nur aussagen, daß Dorothea vor dem Besuch Grupens große Angst gehabt hat. Bei Frau   R o h d e -   Erdmannsdorf hat sich Frau Eckert beklagt, daß ihr Dorothea durch Frl. Zahn entfremdet werde. Werkführer   B r ü c k n e r -   Lähn kann bekunden, daß Dorothea die Großmutter nicht leiden konnte. Rittergutsbesitzer   A l f r e d   R o h r b e c k   aus Zielenzig, ein Bruder des verstorbenen Rohrbeck, hat nur festgestellt, daß sich nach dem Morde in Park und Garten nichts Verdächtiges fand.

 

In Berlin bei Dressel.

Fräulein   S e i d e l   aus Berlin war eine Freundin der Dorothea Rohrbeck und war mit ihr zusammen, als diese mit dem Angeklagten auf der Durchreise nach Hamburg in Berlin war. Grupen, der sich in einem Gespräch mit Dorothea sehr abfällig über den Vormund Vielhack äußerte, führte die beiden jungen Damen zu Dressel zum Speisen, ging aber bald wieder aus dem Lokal, mit dem Vorgeben, er habe auf der Straße seine Frau gesehen und wolle ihr folgen. Er gab den Damen 150 Mk.; die Zeche betrug allerdings 156 Mk., so daß, wie die Zeugin zur allgemeinen Heiterkeit erzählte, die Damen noch 6 Mk. zuzahlen mußten, wofür sie aber kein Trinkgeld gaben. Grupen hatte ihnen nachher 100 Mark und Schokolade geschenkt. Am Abend hatten sich die Drei zu einem Besuch des Berliner Theaters verabredet, Grupen erschien sehr unpünktlich, bezahlte aber dann noch die Eintrittskarten. Der Angeklagte wollte die Zeugin, die damals die Handelshochschule besuchte,   a l s   P r i v a t s e k r e t ä r i n   m i t   e i n e m   m o n a t l i c h e n   G e h a l t   v o n   7 5 0   M a r k   m i t   n a c h   H a m b u r g   n e h m e n ,   worauf diese aber nicht einging. Sie hatte nicht den Eindruck, daß sich Dörte vor ihrem Onkel fürchtete. - Angekl.: Die Zeugin sollte nicht zu mir, sondern zu einem Bekannten in Stellung kommen. Von Dressel bin ich weggegangen, weil ich mich in meinem Anzug in dem feinen Lokal genierte. - Zeugin: Später schrieb mir Dörte: Sei froh, daß Du nicht mit nach Hamburg gefahren bist, Grupen hat mir auf der Fahrt einen Heiratsantrag gemacht.

 

Fräulein   M a g d a   M o h r ,   eine Schwester der Stütze Mohr aus Ottenbüttel, bekundet, daß sich Frau Eckert über ihre Enkelin Dörte beklagt hat. Frau Eckert sagte auch, der Vormund werde schon recht haben, wenn er sage, in Kleppelsdorf werde es noch ein Ende mit Schrecken nehmen. Grupen war im Orte gut bekannt, genoß einen guten Ruf und war sehr kinderlieb. Er hat nicht unsolide gelebt. - Vors.: Der Angeklagte hat doch sehr oft sein weibliches Dienstpersonal gewechselt und eigentlich doch jedem bei ihm ich Stellung befindlichen Mädchen die Heirat versprochen. - Die Zeugin kann hierüber nichts bekunden. - Im Wesentlichen die   g l e i c h e   A u s s a g e   macht die   M u t t e r   der beiden Mohr, Frau Hofbesitzer Mohr aus Ottenbüttel.

 

Hypnose?

Bemerkenswert ist die Aussage der Lyzeallehrerin Fräulein    K i e f e r t   aus Itzehoe, in deren Klasse die   U r s u l a   S c h a d e   von Michaelis 1920 bis Februar 1921 gegangen ist. Sie sagt aus: In einer Stunde, aber nicht bei mir, ist von der Hypnose gesprochen worden. Dabei sagte Ursula Schade:   i h r e   M u t t e r   k e n n e   e i n e n   M a n n ,   w e n n   d e r   j e m a n d   f e s t   a n s e h e ,   s o   m ü ß t e   d i e s e r   m a c h e n ,   w a s   d e r   M a n n   w o l l e .   Wenn er aber die Augen wegwende, dann sei es vorbei. Sie nannte auch die Straße, in der dieser Mann wohnen sollte, es war eine Querstraße von der Wohnung Grupens. Ursula erklärte, den Namen des Mannes dürfe sie nicht sagen. Das erste Mal sagte Ursula, sie selbst kenne auch den Mann, später jedoch, nur ihrer Mutter sei der Mann bekannt. Möglich sei allerdings, daß auch ein Magnetiseur gemeint sein konnte, der dort wohnte, aber die Daten von dessen Zuzug und der Aeußerung der Ursula seien unsicher. Ursula war ein körperlich zartes Wesen, sehr gut, aber auch sehr empfindlich. Sie gehörte zu den schwachen Schülerinnen, war aber sehr fleißig, und da sie von Hause tüchtig angehalten wurde, kam sie auch in der Schule mit. Sie war immer fröhlich und beteiligte sich auch an den Spielen der anderen Kinder.   I c h   h a l t e   e s   f ü r   u n m ö g l i c h ,   d a ß   d i e s e s   K i n d   j e m a n d   n i e d e r g e s c h o s s e n   h a t   o d e r   d a ß   s i e   d i e   H a n d h a b u n g   e i n e s   R e v o l v e r s   a u c h   n u r   k a n n t e .   Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Kind auch nur auf den Gedanken einer solchen Tat kommen konnte.   I r m a   ist körperlich kräftiger, sonst aber auch ein gutes Kind, soweit ich das beurteilen kann.

 

Hierauf wurde nach 9 Uhr die Weiterverhandlung auf Sonnabend vertagt.

 

*

Sitzung am Sonnabend.

Bei Eröffnung der Sonnabend-Sitzung teilte der Vorsitzende mit, daß am   M o n t a g   voraussichtlich während der ganzen Dauer der Verhandlung   d i e   O e f f e n t l i c h k e i t   a u s g e s c h l o s s e n   sein wird. Die für Montag ausgestellten Eintrittskarten sind für Mittwoch gültig.

 

Rechtsanwalt   D r .   P f e i f f e r   bekundet noch, die Postkarte gelesen zu haben, die Dorothea Rohrbeck auf der mit Grupen nach Berlin unternommenen Reise an Frl. Zahn gerichtet hat und die mit den Worten schließt: „Komme bald, sonst hänge ich mich.“ Der Zeuge habe sich sehr darüber gewundert, wie Dorothea Rohrbeck so aufgeregt schreiben konnte. - Frl.   Z a h n   erklärt sich bereit, die Karte dem Gericht einzureichen.

 

Justizrat Dr. Mamroth richtet an Frl. Seidel die Frage, ob Dörte in Berlin tatsächlich so verängstigt gewesen sei, wie die Zeugin behauptet habe, und wie sie sich die Karte erklären könne. - Zeugin: Dörte war sehr fröhlich, wenn Grupen nicht dabei war.

 

Frau Eckert als Zeugin.

Unter großer Spannung erfolgt jetzt die Vernehmung der 77 Jahre alten Frau Agnes Eckert, Schwiegermutter des Angeklagten. Die Vereidigung wird ausgesetzt.   F r a u   E c k e r t   erklärt, ihr Verhältnis zu dem verstorbenen Herrn Rohrbeck sei ein gutes gewesen, aber die Liebe der Dörte habe sie nicht gewonnen. Die Dörte habe mehr zu den Verwandten des Fräulein Zahn gehalten, als zu ihren eigenen Verwandten. Zwischen Frau Gertrud Schade, der Tochter der Zeugin aus zweiter Ehe, und Herrn Rohrbeck habe ein gutes Verhältnis bestanden. Als Frau Schade Witwe geworden war, habe Herr Rohrbeck sich mit ihr verlobt und eine Reise mit ihr nach Berlin unternommen, bald darauf aber das Verlobungsverhältnis gelöst. Der Tod meines Schwiegersohnes Schade wurde auf einen Unglücksfall auf der Jagd zurückgeführt, es hat aber auch eine   U n t e r s u c h u n g   g e g e n   d e n   S e i f e n f a b r i k a n t e n   S c h u l t z   aus Perleberg stattgefunden, der meiner Tochter Unterricht in der Buchführung erteilte, und mit ihr auch eine Reise gemacht hatte. Gertrud war sehr liebevoll zu mir. Die Bekanntschaft mit Grupen ist, wie mir meine Tochter erklärte, durch eine Heiratsanzeige zustande gekommen.

 

Angekl.: Ist es wahr, daß die Zeugin gesagt habe, wenn das Verhältnis der Tochter zu ihr nicht besser würde, würde sie sich das Leben nehmen.

 

Zeugin: Das ist mir gar nicht eingefallen. Ich habe nach der Verlobung meiner Tochter mit Grupen ihr 24 000 Mk. zur Verfügung gestellt, um sich eine Villa zu kaufen.

 

Staatsanwalt: Hatte Ihre Tochter nach dem Tode des Mannes nicht auch ein Verhältnis mit dem Stabsveterinär Reske?

 

Zeugin: Ja. Es ist ein Jammer, daß er gestorben ist, denn er meinte es sehr herzlich zu meiner Tochter.

 

Vors.: Was hielten Sie von Grupen?

 

Zeugin: Er hatte einen sehr netten Eindruck gemacht und wir haben es ihm hoch angerechnet, daß er meine Tochter mit ihren drei Kindern heiraten wollte. Die Hochzeit fand im September 1919 in Itzehoe statt. Ich wohnte in demselben Hause. Grupen war furchtbar wenig zu Hause, er befand sich viel auf Reisen. Das Verhältnis zwischen ihm und meiner Tochter war in der ersten Zeit gut. Später verschlechterte es sich, es gab allerlei Differenzen. Einmal rief mich sogar meine Tochter in der Nacht zu Hilfe, ich weiß aber nicht mehr, was vorgefallen war. Grupen wollte immer allein reisen. Zu den Kindern war er stets gut. Die Ursel war ein stillen, ruhiges Kind. Sie war traurig, als ihr Vater gestorben war. Als mir der Besuch von Dörte und Frl. Zahn angekündigt wurde, war ich sehr erfreut. Ich habe aber von dem Besuch nicht viel gehabt, denn Grupen drängte die Damen zur Fahrt nach Hamburg. In Ottenbüttel hatte Grupen meiner Tochter ein Pferd geschenkt, und Dörte und Frl. Zahn haben darauf geritten, und sind sehr vergnügt dabei gewesen.

 

Vors.: War Ihre Tochter Gertrud krebsleidend? - Zeugin: Nein. - Vors.: Der Angeklagte behauptet, er hätte Ihre Tochter nicht geheiratet, wenn er etwas von dem Leiden gewußt hätte. - Zeugin: Ich habe von dem Leiden keine Ahnung.

 

Vors.: Sie haben mal   B r i e f e   a n   d a s   A m t s g e r i c h t   L ä h n   geschrieben, worin Sie sich über die Erziehung der Dörte durch Frl. Zahn ungünstig aussprachen. - Zeugin: Ja! Der Angeklagte hat auf meine Anregung geschrieben. Diese Briefe sind nach dem Besuch Dörtes in Itzehoe dann aus Anregung des Angeklagten widerrufen worden, weil, wie dieser sagte, das Dörte schaden könnte. Später wurde   d i e s e r   Widerruf von der Großmutter   a b e r m a l s   w i d e r r u f e n   und zwar wieder auf Anraten des Angeklagten. Dieser Brief ist   g e g e n   i h r e   U e b e r z e u g u n g   geschrieben worden, sie hat es sehr bereut.

 

Vors.: Was ereignete sich in den Tagen des 17., 18. und 19. September? Wir kommen jetzt zu dem   V e r s c h w i n d e n   I h r e r   T o c h t e r .

 

Frau Eckert: Am 17. sollte ich eine Hypothek von 37 000 Mk. an Grupen übertragen. - Vors.: Warum denn? Zeugin: Das ist es eben, warum war ich denn so dumm? - Vors.: Sie hatten dem Angeklagten doch auch schon Generalvollmacht gegeben, ebenso wie Ihre Tochter. - Zeugin: Ja. Weil ich mit den Steuergeschichten usw. nicht Bescheid wußte.

 

Vors.: Was ereignete sich nun am 19. September? - Zeugin: Meine Tochter schrieb an diesem Tage und sagte am Nachmittag, sie fährt nach Kleppelsdorf.

 

Vors.: Hat Ihre Tochter einmal davon gesprochen, daß sie eine größere Reise unternehmen wollte? - Zeugin: Ja, sie sagte öfter, Deutschland gefällt mir nicht mehr, ich gehe nach Amerika, dann hole ich Euch nach. Die Zeugin hat das für Scherz gehalten. Die Reise nach Kleppelsdorf war ihr ganz unklar. Frau Grupen verabschiedete sich sehr flüchtig, so, als wenn sie nur wenige Tage weg wollte. Als der Angeklagte am Abend zurückkam, hat sie Grupen nicht mehr gesprochen, erst am nächsten Tage. Im Schlafzimmer stand ein Koffer mit Wäsche, der bahnlagernd nach Hamburg geschickt werden sollte. Zwei Tage darauf fuhr Grupen nach Kleppelsdorf, um, wie er angab, Dörte zu holen. Der Zeugin hat der Angeklagte nichts davon gesagt, daß seine Frau Abschiedsbriefe geschrieben, in denen sie sagt, daß sie nach Amerika geht.

 

Vors.: Angeklagter, konnten Sie denn Ihre Schwiegermutter nicht besser trösten, als Frl. Rohrbeck? - Angekl.: Ich wollte erst Nachforschungen anstellen, ehe ich der Frau Eckert etwas von dem Verschwinden ihrer Tochter sagte, während dieser Zeit sollte Dörte die Großmutter trösten.

 

Vors.: Glaubten sie denn, daß Ihre Tochter nach Amerika gegangen sei? - Zeugin: Ich glaubte, daß es eine fixe Idee von ihr gewesen sei.

 

Vors.: Haben Sie denn nie Nachforschungen angestellt?

 

Zeugin: Grupen sagte mir, er habe einen Detektiv in Hamburg mit den Nachforschungen beauftragt, der hat erforscht, daß es   F r a u   G r u p e n   g u t   g i n g e .   Außerdem erzählte er soviel Schlechtigkeiten von ihrer Tochter, daß sie schon selbst nicht mehr nachforschen wollte. Der Angeklagte hat ihr auch häßliche Bilder von ihrer Tochter gezeigt. Die Zeugin fährt weinend fort, daß sie damals gesagt hat:   „ A c h   G o t t ,   w a s   i s t   d e n n   a u s   m e i n e r   T o c h t e r   g e w o r d e n ? “   Angesehen hat sie die Bilder nicht. Einmal hat sie geschrieben an Schade, wo ihre Tochter wohl sein könnte? Diesen Brief hat ihr der Angeklagte verboten abzuschicken und geäußert: „Wenn Du diesen Brief abschickst, sind wir beide fertig!“ Die   F a h r t   i m   F e b r u a r   n a c h   K l e p p e l s d o r f   kam ihr überraschend. Sie richtete sich auf etwa acht Tage dort ein. Unterwegs hat ihr der Angeklagte gesagt, es wird wohl etwas länger dauern, sie solle nur sagen, es sei wegen des Umzugs in Itzehoe. Die Zeugin gibt dann an, daß sie die Koffer nach Kleppelsdorf selbst gepackt hat. Ursel ist an den Koffer nicht herangekommen. Die Zeugin hat auch nicht gesehen, daß Ursel etwa in der Unterbindetasche etwas auffälliges gehabt hat.

 

Vors.: Hat die Ursel mit einem Revolver einmal geschossen? - Zeugin: Nein. Ich habe aber einen Revolver und Patronen im Schreibtisch bei Grupen gesehen und daß er diesen Revolver dem Bruder übergeben hat wegen etwaiger Einbrecher. - Vors.: Haben Sie vor der Reise gesagt: In Kleppelsdorf werde es einmal ein Ende mit Schrecken geben?  Zeugin: Nicht daß ich wüßte. Ich erinnere mich nicht, das jemals gesagt zu haben. Frl. Mohr und Frau Mohr bekunden hierauf, daß diese Aeußerung von Frau Eckert getan worden sei. Die Zeugin entsinnt sich trotzdem nicht darauf. - Ein Geschworener ersucht, den Angeklagten selbst zu befragen, ob die Geschichte mit dem Detektiv zutreffe und ob er der Schwiegermutter erzählt habe, der Detektiv habe erforscht, die Tochter sei mit einem reichen Manne durchgegangen und es ginge ihr gut.

 

Angeklagter: Ich habe keinen Detektiv beauftragt. Ich habe das der Frau Eckert nur erzählt, weil ich die Schwiegermutter beruhigen wollte. (Bewegung.)

 

Ein Geschworener fragt weiter nach den unzüchtigen Photographien. Die Frage soll in nichtöffentlicher Sitzung beantwortet werden.

 

Vorsitzender: Welches Benehmen zeigte Ursel in Kleppelsdorf? - Frau Eckert: Sie war heiter, nur einmal weinte sie, als sie einen Brief, den sie an Frau Bartels geschrieben hatte, noch einmal schreiben sollte. Sie weiß nicht, wer der Ursel den Auftrag zum Schreiben des Briefes gegeben habe.

 

Vors.: Ist Ihnen am Tage vorher etwas an Ursel aufgefallen? - Frau Eckert: Es war mir merkwürdig, daß Ursel traurig war, wenn sie nicht mit dem Angeklagten zusammen war, sie hing mit großer Liebe an ihm,   s i e   w a r   w i e   g e b a n n t   a n   d e n   M a n n .   Daß das Verhältnis Ursels zu Dörte ein abneigendes war, hat die Zeugin nicht gemerkt; sie bestätigt aber, daß Ursel in der Nacht zum 14. Februar schlecht geträumt hat. Die Tür von der Rollstube zu dem Fremdenzimmer habe sie nicht verschlossen. Als wir oben mit Grupen zusammensaßen, war anfangs auch die Ursula dabei.

 

Die Vorgänge am Mordtage.

Frau Eckert: Am 14. Februar saß ich im sogenannten Winterwohnzimmer und häkelte. Grupen spielte mit der Mohr Mühle, Ursula saß auf dem Sofa und las. Dann war Ursula weg, ich habe ihr Weggehen nicht beobachtet. Dann spielte Frl. Mohr mit der Irma, während der Angeklagte mehrmals im Zimmer auf und ab ging. Er sprach auch mit dem im Nebenzimmer befindlichen Fräulein Zahn. Irmgard stand dann auf, um die Reste von einem Apfel, den sie gegessen hatte, wegzubringen. Auch der Angeklagte war aufgestanden und ich habe angenommen, daß er vielleicht der Irma den Ofen zeigen wollte, in den sie die Apfelreste werfen sollte.   D a n n   h a b e   i c h   e i n i g e   Z e i t   d e n   A n g e k l a g t e n   n i c h t   i m   Z i m m e r   g e s e h e n ,   v i e l l e i c h t   b i n   i c h   a u c h   e t w a s   e i n g e n i c k t .   Ich habe ihn nicht das Zimmer verlassen sehen oder hören. Die Zeit, in der ich den Angeklagten nicht beobachtet habe, würde nach meiner Ansicht genügen, die Tat unten zu verüben.   U r s u l a   t r a u e   i c h   a u f   k e i n e n   F a l l   d i e   T a t   z u .   Ich halte es sogar für vollständig ausgeschlossen, daß die körperlich sehr schwache Ursel, die nicht einmal eine schwere Kanne heben konnte, die Tat überhaupt ausführen konnte.

 

Vorsitzender: Aber bei Ihren früheren Vernehmungen, besonders in Kleppelsdorf, haben Sie doch erklärt, daß Sie beschwören könnten, der Angeklagte habe überhaupt nicht das Zimmer oben verlassen, auch nicht auf Minuten.

 

Zeugin: Damals glaubte ich noch nicht, daß die furchtbare Tat, wie ich beim Lokaltermin erfahren, in so wenigen Minuten ausgeführt sein kann. Ich nahm an, daß es sich um eine Viertelstunde handeln müßte. Nachträglich bin ich an der Zuverlässigkeit meiner Wahrnehmung in Zweifel geraten und halte jetzt die Behauptung aufrecht, daß ich Grupen ein paar Minuten aus den Augen verloren hatte.

 

Auf Antrag des Verteidigers   D r .   A b l a ß   wird ein von der Zeugin an Wilhelm Grupen gerichteter Brief vom 15. Februar verlesen, in dem es u. a. heißt:

 

Ein furchtbares Unglück kam über uns. Ursel hat aus Peters Schreibtisch den Revolver mitgenommen und gestern nachmittag die Dörte und sich selbst erschossen. Ist das nicht entsetzlich? Damit nicht genug, hat man Peter verhaftet, da man der Ursel das nicht zutraut. In der Zeit des Unglücks waren wir mit Irma oben im Wohnzimmer, war wie beide beschwören können. Also muß sich ja seine Unschuld herausstellen.

 

Die Zeugin verneint die Frage des Verteidigers Dr. Ablaß, ob sie sich in den kritischen Momenten in einem hypnotisierten Zustande befunden hätte, und fügte hinzu, sie sei überhaupt nicht zu hypnotisieren.

 

Die Vernehmung der Frau Eckert geht fort.

 

 

 

Dienstag, den 13. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Der Doppelmord auf Schloß Kleppelsdorf.

 

Weitere Zeugenvernehmung.

Hirschberg, 12. Dezember.

Sonnabend nachmittag ist die Vernehmung der Frau Eckert, der Schwiegermutter des Angeklagten, soweit ihre Aussagen für die öffentliche Sitzung geeignet sind, zu Ende geführt worden. Ihre Bekundungen brachten noch mancherlei bemerkenswerte Einzelheiten. Am Montag sollte währen des ganzen Tages die Oeffentlichkeit ausgeschlossen bleiben. Die Verhandlung war aber zunächst wieder öffentlich und brachte einige interessante Aussagen. Bestätigt wurde weiter die Angst Dörtes vor dem Angeklagten, und bestätigt wurde auch die bereits von dem Vorsitzenden bekundete Auffassung, daß die Verlobung Dörtes mit Leutnant Matthäi lediglich eine Mädchenschwärmerei war. Die bedeutsame Aussage von Frau Eckert, daß Grupen das Zimmer in den Minuten vor der Mordtat verlassen hat, wird, nachdem sie selbst bereits von ihrer Schläfrigkeit gesprochen, durch die Aussage von Rittergutsbesitzer Lux über ein zur Prüfung der Beobachtungsfähigkeit der Beteiligten vorgenommenes Experiment in bemerkenswerter Weise beleuchtet. Im Anschluß daran machte Gaswerksdirektor   W r o b e l   auf Grund eines praktischen Versuchs beachtenswerte Aussagen über die Beeinflussungsfähigkeit der drei Zeugen, die für den Aufenthalt Grupens in den kritischen Minuten in Frage kommen, der Frau Eckert, der Stütze Mohr und der kleinen Irma. Zum Schluß der Vormittagssitzung bekundeten die beiden Untersuchungsrichter Näheres über Grupens Verhalten in der Voruntersuchung. Beide Untersuchungsrichter sind auf Grund des ihnen vorliegenden Materials zu der Ueberzeugung von der Schuld des Angeklagten gekommen. Montag nachmittag wird unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt.

 

Aus der weiteren

Vernehmung der Frau Eckert

am Sonnabend Nachmittag tragen wir im Einzelnen noch nach:

 

Fr. Eckert: Der Angekl. hat, als er am Abend des Mordtages abgeführt wurde, zu mir gesagt: „Wenn Du sagst, daß ich im Zimmer war, bin ich morgen wieder frei.“ Auch hat er gesagt: „Wenn Ihr bei Eurer Aussage bleibt, bin ich morgen wieder frei.“ Mir ist nichts davon bekannt, daß Wertpapiere der Frau Grupen in Hamburg von dem Angeklagten abgehoben worden sind.

 

Die Zeugin bekundet weiter, daß im Laufe des Nachmittags am Mordtage der Angeklagte geäußert hat: Weißt Du auch, daß Du jetzt Herrin von Kleppelsdorf bist? Hier wird noch einmal Oberlandjäger   K l o p s c h -   Lähn gehört, der erklärt, daß er im Laufe des Nachmittags dir Frau Eckert gefragt habe, wer nun den schönen Besitz erbe, worauf er die Antwort erhielt: Der Bruder des verstorbenen Herrn Rohrbeck und ich. Ich habe gefragt, um im Interesse der Untersuchung Einblick in die Familienverhältnisse zu erhalten. Frau Eckert kann sich auf dieses Gespräch nicht mehr erinnern, während der Angeklagte behauptet, diese Antwort auf die Frage des Landjägers sei die Bemerkung, die er getan haben sollte. Oberlandjäger Klopsch erklärt aber, daß der Angeklagte nicht anwesend war, als er die Frage an Frau Eckert richtete.

 

Ueber das Verschwinden der Frau Grupen

macht die Zeugin folgende Angaben: Der 19. September war ein Sonntag. Meine Tochter saß vormittags am Schreibtisch. Nach dem Kaffeetrinken sagte sie mir, daß sie nach Kleppelsdorf fahre. Damit hatte sie mich nicht überraschend, denn schon vorher war über diese Absicht gesprochen worden. - Vors.: Hat Ihre Tochter früher irgend etwas von einer   l ä n g e r e n   Reise gesagt? - Zeugin: Ja, sie sagte, in Deutschland gefalle es ihr nicht mehr, sie gehe nach Amerika. Wenn es ihr dort gefalle, hole sie uns nach. Ich habe das für Scherz gehalten. - Vors.: Wie verabschiedete sich denn Ihre Tochter? - Zeugin: Ganz flüchtig, gar nicht herzlich. Auch von den Kindern verabschiedete sie sich wie sonst und nicht, als ob sie eine längere Reise vorhabe. - Vors.: Hatte sie Schmuck und Ringe mitgenommen? - Zeugin: Darauf habe ich nicht geachtet. Meine Tochter hatte nur einen Handkoffer bei sich. - Vors.: Hat sie sich vor ihrer Abreise Kleider machen lassen? - Zeugin: Nein, sie hat sich nur vier Kleider modernisieren lassen. - Vors.: Wann kam der Angeklagte zurück? - Zeugin: An demselben Tage. Er hat aber erst am nächsten Tage mit mir gesprochen.

 

Schmucksachen und Kleider

Vors.: Hat der Angeklagte gearbeitet und die Haushaltskosten bestritten? - Zeugin: Der Angeklagte sprach viel von seiner Bautätigkeit, auch von einem Kompagnon. Meinen   S c h m u c k   wollte er in Dänemark verkaufen. Tatsächlich hat er ihn   v e r s e t z t   und mir gegenüber behauptet, den Schmuck habe seine Frau nach Amerika mitgenommen. Die Silbersachen meiner Tochter wollte er bei einer Hamburger Bank in Sicherheit bringen. Ich habe ihm dabei geholfen, es zu verpacken. Aber er hat das Silber versetzt. Die Saloneinrichtung, die meine Tochter vor der Verheiratung mit Grupen besaß, ist von den Eheleuten gemeinsam verkauft worden. Grupen hat nach dem Verschwinden seiner Frau gesagt, er verfüge über ein Vermögen von einer Viertelmillion. Ursel und Irma seien ihm das Liebste auf der Welt. Er hat ein Testament gemacht, und die Kinder als seine Erben eingesetzt. Drei Finderringe seiner Frau hat er zu einem Goldarbeiter gebracht, um sie verändern zu lassen. Auch die   g o l d e n e   A r m b a m d u h r   s e i n e r   F r a u   hat er zum Umarbeiten zu einem Goldarbeiter getragen, und als er von mir später nach dem Verbleib der Uhr gefragt wurde, habe er geantwortet: „Denke Dir, das goldene Armband ist dem Goldarbeiter aus dem Arbeitszimmer   g e s t o h l e n   worden!“ (Heiterkeit im Zuhörerraum) Der von der Frau Grupen zurückgelassene   K o f f e r ,   der nach einem an den Knecht Raske (Roske?) gerichteten Zettel schmutzige Wäsche enthielt und nach Hamburg in eine Waschanstalt geschafft werden sollte, ist von der Zeugin vierzehn Tage nach der Abreise der Frau Grupen geöffnet worden. In dem Koffer befanden sich die   K l e i d e r ,   die sich Frau Grupen hatte umändern lassen,   s e h r   s c h ö n e s   S c h u h z e u g ,   ein alter Schmuckkasten ohne wesentlichen Inhalt und   s a n d e r e   Wäsche. - Vors.: Hat der Angeklagte nicht davon gesprochen, daß von der Hamburger Güterexpedition nach dem Koffer gefragt worden sei? - Zeugin: Ja, er hat gesagt, er gibt hundert Mark, wenn er erfahre, wer nach dem Koffer gefragt habe.

 

Vors.: Hat der Angeklagte zu Ihnen gesagt, seine Frau habe sich nach Lübeck abgemeldet? - Zeugin: Das hat er mir erzählt.

 

Vors.: Hat der Angeklagte, als er schon in der Untersuchungshaft saß, Ihnen nicht einen Brief geschrieben, in dem er Ihnen eine strafbare Handlung vorwarf? - Zeugin: Ja, es handelte sich um Wäsche meiner Tochter und um meine eigene Wäsche. Er behauptete, ich hätte beim Aussortieren Wäsche, die meiner Tochter gehöre, an mich genommen. - Vors.: Wollte er Ihnen mit diesem Briefe drohen und Sie einschüchtern, daß Sie gewisse Aussagen nicht machen? - Zeugin: Das weiß ich nicht.

 

Angekl.: Die Zeugin hat mir eine eidesstattliche Versicherung zugehen lassen, daß sie ein Anrecht auf die gesamte Wäsche habe. - Zeugin: Ich weiß nicht, daß ich eine solche eidesstattliche Versicherung abgegeben habe.

 

Vors.: Ich muß eine Zwischenfrage stellen: Was ist die kleine Irma für ein Kind? - Zeugin: Irma ist   w i e   j e d e s   K i n d .   Sie hatte mir einmal beim Staubwischen   5 0   M a r k   e n t w e n d e t   und sich dafür Verschiedenes gekauft. Sie hat wegen dieser Unredlichkeit fürchterliche Hiebe erhalten, sowohl von ihrem Vater wie von mir. Seitdem ist nichts mehr vorgekommen. - Angekl.: Irma hat oft gesagt, sie habe keine Schularbeiten auf.  Zeugin: Davon ist mir nichts bekannt.

 

Vert. Dr. Ablaß (zur Zeugin): Es wird behauptet, daß Ihre Tochter das ganze Vermögen des Pflegekindes Ruth Reske zu ihren Gunsten beiseite geschafft habe. - Zeugin (entrüstet): Meine Tochter hat nicht einen Schritt getan, um die Ruth Reske um ihr Vermögen zu bringen.

 

Aus dem Absteigequartier

Der nächste Zeuge, Schneidermeister August   W a r n i n g   aus Hamburg soll u. a. Aussagen über das Verschwinden der Frau Grupen machen können. - Vors.: In Hamburg wurde einmal die Leiche einer Frau angeschwemmt, die einen schweren Schnitt durch den Hals hatte. Ein Dienstmädchen soll Ihnen gesagt haben, daß sie die Leiche kenne. - Zeuge: Ich weiß davon nichts, kenne auch den Namen des Dienstmädchens nicht. Ich weiß nur, daß Grupen in meinem Hause sein Absteigequartier hatte. - Vors.: Wissen Sie, ob Grupen einmal einen langen Gummischlauch mit in sein Absteigequartier mitgebracht hat? Es wird behauptet, daß er damit die Damen vergiften wollte. - Zeuge: Davon ist mir nichts bekannt.

 

Frau Elise   W a r n i n g ,   die Frau des Vorzeugen, kann nichts Wesentliches bekunden. Grupen hat einmal bei ihr für Frl. Zahn und Dorothea Rohrbeck ein Zimmer gemietet. Am andern Tage hat Grupen durch einen Dienstmann einen Brief an die Damen gesandt und ihnen mitgeteilt, daß er in einer dringenden Geldangelegenheit schnell abreisen mußte. Frl. Zahn hat darauf gesagt: „Das ist komisch.“ Als Frl. Zahn fragte, was für das Quartier zu bezahlen wäre, habe ich geantwortet, daß Grupen das Zimmer gemietet und auch bezahlt habe.

 

Vert. Dr. Mamroth: Ist es richtig, daß Grupen Ihnen gesagt hat, eine der Damen esse sehr gern Hamburger Räucheraal, Sie möchten ihr daher zum Abendbrot Räucheraal bringen? - Zeugin: Ja. - Ueber das Auffinden der Frauenleiche in einem Hamburger Wasserloch hat die Zeugin von anderer Seite nur ein Gerücht gehört.

 

Der Staatsanwalt behauptet, Grupen habe noch andere Wohnungen in Hamburg gehabt. - Angeklagter: Das bestreite ich entschieden. - Staatsanwalt: Wir werden die Zeugen darüber hören. - Vert. Dr. Ablaß (zur Zeugin): Ist Grupen einmal mit   d e r   k l e i n e n   U r s u l a   bei Ihnen gewesen? - Zeugin: Ja, er sagt mir, die Ursula sei krank, und sie hat auf dem Sofa schlafen müssen. Einen Gasschlauch habe ich bei Grupen nicht gesehen.

 

Eine Bitte an die Presse.

Der Vorsitzende bemerkt, daß in diesem Prozeß eine große Menge Schreiben und Telegramme mit allerlei Behauptungen bei den Behörden einlaufen. Auch bei Frau   R e i c h s p r ä s i d e n t   E b e r t   ist ein Schreiben eingegangen, von dem eine Abschrift bei den Akten ist.

 

Oberstaatsanwalt Dr. Reiffenrath bittet im Interesse aller Prozeßbeteiligten die Presse, Eindrücke irgendwelcher persönlicher Art nicht zu veröffentlichen, insbesondere nicht über die Persönlichkeit des Angeklagten. Artikel, wie „Peter Grupen“ und „Hypnose und Verbrechen“ im Boten, brächten auf falsche Gedanken. Wir haben den Wunsch, daß die Presse nur über Tatsachen und über den Gang der Verhandlungen berichte.

 

Justizrat Dr. Ablaß äußert sich als Verteidiger in ähnlichem Sinne. Für einen Strafprozeß ist die Stimmung das Gefährlichste, was es gibt. Stimmungsberichte bringen etwas heraus, was dem Angeklagten derartig nachteilig sein kann, daß er sagt: Ich möchte nicht mehr versuchen, mein Recht zu wahren. Wenn die gelesenste Hirschberger Zeitung immer schreibt: „Der Doppelmord in Kleppelsdorf“, so gibt es keinen Leser, der nicht sagt: Hier ist ein Doppelmord begangen worden. Ob ein Doppelmord vorliegt, das ist aber doch erst die Frage, über die wir am Schlusse des Prozesses Gewißheit haben werden. Die Presse sollte den Standpunkt der Objektivität nicht verlassen und alles vermeiden, was Stimmung   g e g e n   gen Angeklagten macht.

 

Der Vorsitzende erklärt, daß er sich den Ausführungen des Staatsanwalts und des Verteidigers anschließe.

 

Hierauf wird die Verhandlung bis Montag Vormittag vertagt.

 

*

Die Sitzung am Montag.

Die Montagssitzung eröffnet der Vorsitzende, Oberlandesgerichtsrat   K r i n k e ,   mit einigen geschäftlichen Mitteilungen, worauf in zunächst öffentlicher Sitzung die Zeugenvernehmung wieder aufgenommen wurde.

 

Oberstaatsanwalt   D r .   R e i f e n r a t h   richtet vor dem Zeugenaufruf an den Angeklagten die Frage, ob es richtig sei, daß seine verschwundene Frau am 5. Juni 1882   i n   B e r l i n   geboren sei. - Angekl.: In Berlin? Das kann stimmen.

 

Nochmals die Kognakflasche und anderes.

Frau Oberst   S e m e r a k   gibt Auskunft über eine Unterredung, die sie im Januar d. J. mit Dorothea Rohrbeck gehabt hatte. Fräulein Rohrbeck hat ihr erzählt, daß sie den Inhalt einer Kognakflasche untersuchen lassen wollte. Als die Zeugin nach dem Grunde fragte, antwortete Dörte: „Ich fürchte, daß Grupen mir nach dem Leben trachtet.“ Nach der Ursache zu dieser Befürchtung befragt, erzählte Dörte die Alsterpartie. Grupen habe damals durchaus keinen Spaß gemacht, als er sein Ruder fortwarf. Die Zeugin bekundet weiter, es sei unwahr, daß Frl. Zahn das Verhältnis Dörtes mit dem Leutnant Matthäi begünstigt habe; es habe sich dabei überhaupt nur um eine Mädchenschwärmerei gehandelt.

 

Rittergutsbesitzer   L u x :   Es fiel mir auf, daß Frau Eckert, als wir nach dem Morge in dem Winterzimmer saßen, wo am 14. Februar Mühle gespielt wurde, am Ofen saß, einnickte und wieder aufwachte. Ich kam auf die Idee, festzustellen, ob es der Frau Eckert auffalle, wenn jemand die Tür öffne und das Zimmer verlasse. Ich ging durch das Billardzimmer hinab bis zum Fremdenzimmer. Nach etwa 50 Sekunden kam ich zurück und hatte   n i c h t   den Eindruck, daß Frau Eckert meine Abwesenheit bemerkt hätte. - Vors.: Wie ist der Charakter der kleinen Irmgard Schade, die Sie in Pflege genommen haben? - Zeuge: Ich habe viel Freude an dem Kinde. Es ist geradezu empörend, daß dem Kinde wegen einer einfachen Lüge Eigenschaften beigemessen werden, die es tatsächlich gar nicht hat. - Vert. Dr. Mamroth: Kannten Sie die Mutter der Irma Schade? - Zeuge: Bei einem Besuch gewann ich den Eindruck, in einem sehr geordneten Hauswesen zu sein. Meine Frau hat mir einmal von der Angelegenheit des Fabrikbesitzers Schultz erzählt, sonst ist mir über Frau Schade nichts bekannt geworden. - Staatsanwalt: Hatten Sie den Eindruck, daß die Mutter sehr an den Kindern hing? - Zeuge: Ja, den Eindruck bestätigte der geordnete Zustand der Sachen der Kinder.

 

Frau Hotelbesitzer   M e i s t e r e r n s t   aus Altona: Im September 1920 wünschte Frau Grupen bei ihr ein Zimmer. Da das Hotel aber besetzt war, ging Frau Grupen fort und ließ eine Pelzjacke zurück, die Pelzjacke ist nach einigen Wochen von Grupen abgeholt worden. Grupen selbst bestellte auch im September, nachdem seine Frau dagewesen war, ein Zimmer mit zwei Betten. Beim Oberkellner meldete er sich als „Architekt Peter Grupen mit Nichte“ an. Die Zeugin beauftragte den Oberkellner, dem Grupen, wenn er wiederkomme, zu sagen, daß die Nichte ein besonderes Zimmer haben müsse, weil es sich um ein noch nicht sechzehnjähriges Mädchen handelte. - Vert. Dr. Mamroth: Wollte nicht Grupen das Zimmer nur für einen Tag haben, damit Frl. Rohrbeck sich von der Nachtreise ausruhe, während er Besorgungen erledige? - Zeugin: Das weiß ich nicht.

 

„Desto besser kann ich schießen.“

Gutsverwalter   S c h ö p k e   aus Buckow bei Berlin hatte mit Grupen eine Unterredung, als er mit Dörte der Großmutter Eckert einen Besuch abstattete. Grupen rühmte sich ein guter Schütze zu sein, der wiederholt Schießpreise bekommen habe. Als ihn der Zeuge darauf hinwies, daß er nur einen Arm habe, bemerkte Grupen:   „ D e s t o   b e s s e r   k a n n   i c h    s c h i e ß e n . “   Dörte habe sich auf den Besuch der Großmutter gefreut, es sei ihr aber unangenehm gewesen, daß Grupen mitgekommen war. Zeuge hat die Ursula in Kleppelsdorf kennen gelernt. Ursel habe einen scheuen Eindruck gemacht, sei aber für freundliche Worte durchaus zugänglich gewesen. Zeuge weiß auch, daß Frl. Zahn gesagt hat: „Es ist furchtbar, daß dieser Mann (Grupen) in unserem Hause ist!“

 

Die Unterbindetasche?

 Eine Schülerin, die auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft mehrere Tage Ursulas Unterbindetasche mit dem Revolver und den Patronen getragen hat, sagt aus, daß sie dabei beim Gehen und bei häuslichen Verrichtungen sehr behindert worden sei.

 

Beeinflussungsexperimente?

Gaswerksdirektor   W r o b e l   hat im Auftrage des Staatsanwalts festzustellen versucht, ob die Stütze   M o h r ,   Frau   E c k e r t   und die kleine   I r m a   leicht oder schwer zu beeinflussen sind, ob sie unter dem Einfluß des Angeklagten stehen und wie ihre Aussagen bezüglich des Verlassens des Zimmers durch Grupen zu bewerten sind. Die Versuche wurden im Winterwohnzimmer an dem bekannten Tische, an dem Mühle gespielt worden war, vorgenommen. Sowohl die Irma wie Frau Eckert haben im Zustande suggestiver Beeinflussung nicht bemerkt, daß der den Versuchen beiwohnende Oberstaatsanwalt das Zimmer verließ. Die Stütze Mohr ist zwar, wie die übrigen Beteiligten, mit den Experimenten des Zeugen wohl einverstanden gewesen, hat aber den Versuchen Widerstand entgegengesetzt; sie war nicht dazu zu gewesen, die Brillantnadel auf der Krawatte des Zeugen fest anzusehen, sie sah vielmehr immer vorbei. Es mußte daher bei ihr von den Beeinflussungsversuchen Abstand genommen werden. Frl. Mohr hat damals dem Zeugen gegenüber ganz entschieden bestritten, daß Frl. Zahn beim Mühlespiel durch das Zimmer gegangen sei, dagegen hat sie wiederhold die Aeußerungen Grupens wiedergegeben: „Es ist gut, daß wir zusammen waren und daß Ihr wißt, daß ich das Zimmer nicht verlassen habe.“ Zum Schluß schildert der Zeuge ein an Dorothea Rohrbeck bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung vorgenommenes Experiment auf dem Gebiete der Wachsuggestion.

 

Die Untersuchungsrichter.

Nach einer kurzen Pause wird Landgerichtsrat   P i e t s c h   vernommen, der eine kurze Zeit die Vernehmungen vorgenommen hat. Der Zeuge bekundet, daß Grupen gesagt habe, er hätte bei dem Auffinden der Leichen die Schußwaffe aufgehoben, gesichert und auf den Tisch gelegt. - Der Angeklagte bemerkt hierzu, daß er sich zunächst infolge der Aufregung nicht mehr genau auf das Auffinden der Waffe erinnern konnte. Erst später nach gründlicher Prüfung und auf wiederholtes Befragen habe er erklärt, wenn er den Revolver aufgehoben habe, dann habe er auch möglicherweise den Sicherheitsflügel umgelegt. Eine bestimmte Erklärung hierüber habe er aber nicht abgegeben und auch nicht abgeben können. An den Zeugen richtet der Vorsitzende die Frage, ob er bei der Vernehmung des Angeklagten den Eindruck hatte, daß dieser die Absicht hegte, den Gang der Untersuchung zu erschweren, oder ob er bestrebt war, die Sache aufzuklären. Der Zeuge erklärt hierzu, daß der Angeklagte damals auf die Frage, wo seine Frau sei, keine Antwort gegeben und den Zeugen vielmehr dabei sehr scharf angesehen und erklärt habe: Ich kann darüber nur in der Hauptversammlung Auskunft geben. Ich fürchte, mit meiner Auskunft meiner Frau und anderen Personen Ungelegenheiten zu bereiten. Ich hatte den Eindruck, daß der Angeklagte etwas zu verheimlichen hatte und verheimlichen wollte. Es schien, als ob sich der Angekl. auf mich stürzen wollte. Ferner hat der Angekl. bestritten, mit den beiden Dienstmädchen intim verkehrt zu haben. - Der Angeklagte bestreitet, die Absicht gehabt zu haben, sich auf den Zeugen zu stürzen. - Dem Zeugen Pietsch ist noch aufgefallen, daß der Angeklagte die aus dem Gefängnis gesandten Briefe mit einer sehr schönen, regelmäßigen Schrift geschrieben hat. Grupen behauptet hierzu, daß er im Gefängnis die Briefe viel sorgfältiger schreiben konnte, weil er mehr Zeit hatte. Auf Befragen des Verteidigers Dr. Ablaß erklärt der Zeuge   P i e t s c h   noch, daß er auf Grund des vorgelegten Materials den Angeklagten für schuldig gehalten habe.

 

Der nächste Zeuge ist der Geheimrat   D u b i e l ,   der die Untersuchung in der Hauptsache geführt hatte. Auch er ist auf Grund des vorliegenden Materials zu der Ueberzeugung von der Schuld des Angeklagten sowohl bezüglich des Mordes als auch des Sittlichkeitsverbrechens gekommen. Der Angeklagte war bei seinen Vernehmungen sehr gesprächig, aber sehr vorsichtig und er hütete sich, sich festzulegen. Der Zeuge bekundet dann, daß er nach der Tat eine Zusammenkunft der Stütze Mohr mit dem Bruder des Angeklagten, Wilhelm Grupen, verhindern wollte, beide hätten sich aber trotzdem getroffen. Ob und was sie aber für ihre Aussagen vereinbart haben, kann der Zeuge nicht angeben.

 

Mittagspause.

 

 

 

Mittwoch, den 14. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Kleppelsdorfer Mordprozeß.

 

Spiritistische Gerüchte über Frau Grupen.

Hirschberg, 13. Dezember.

Montag nachmittag wurde unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt. Vorher war die Vernehmung des Untersuchungsrichters zu Ende geführt worden. Der Angeklagte verlor bei dieser Gelegenheit einen Augenblick die Ruhe, mit der er bisher in starker Selbstbeherrschung dem Gang der für alle Prozeßbeteiligten gleich anstrengenden Verhandlung gefolgt war. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und gebrauchte dabei zum ersten Male in all den Tagen die Wendung: „Ich bin unschuldig.“ Am heutigen Dienstag wurde zunächst weiter unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt. Frau Grupens angebliche anormale Veranlagung, die nach des Angeklagten Behauptung das eheliche Verhältnis unhaltbar gemacht haben soll, war dabei Gegenstand der Beweisaufnahme. Im weiteren Verlauf der Sitzung gab der Vorsitzende Aufklärung über den Ursprung der seit Sonnabend in der Stadt umlaufenden Gerüchte, daß die   v e r s c h w u n d e n e   F r a u   G r u p e n   s i c h   i n   d e r   W e s t s c h w e i z   a u f h a l t e .   Nach der Mitteilung des Vorsitzenden befand sich unter den vielen Zuschriften, die bei ihm täglich eingehen, auch ein Schreiben der Breslauer Staatsanwaltschaft, wonach sich bei ihr ein Herr Eichler gemeldet habe, der Auskunft über den Aufenthalt der vermißten Frau Grupen geben könne. Frau Grupen soll sich in Turni (Westschweiz) aufhalten. Auf Veranlassung der Hirschberger Staatsanwaltschaft ist Eichler in Breslau polizeilich vernommen worden, wobei sich herausstellte, daß das Gerücht über den Aufenthalt der Frau Grupen   d a s   E r g e b n i s   e i n e r   s p i r i t i s t i s c h e n   S i t z u n g   i s t .   Der Gerichtshof hat unter diesen Umständen davon abgesehen, Herrn Eichler als Zeugen nach Hirschberg zu laden.

 

Aus den weiteren Aussagen des   U n t e r s u c h u n g s r i c h t e r s   D u b i e l   heben wir hervor: Als Grupen seinem Bruder Wilhelm gegenüberstand, weinte er und vermochte nicht zu sprechen. Ich hatte den Eindruck, daß Wilhelm Grupens Frau glaubte, ihr Mann würde auch verhaftet werden. Auf Veranlassung des Angeklagten habe ich die Stütze Mohr garüber vernommen, was sie von der „Ueberraschung“ (Ursulas Brief an Großmutti) wisse. Mir war es aufgefallen, daß die Mohr bei ihrer ersten Vernehmung nichts gesagt hatte von dem Briefe, der bei Ursula, als sie im Sterben lag, gefunden worden ist. Auf meine Frage, was sie von dem Briefe wisse, antwortete die Mohr ganz gleichgültig: „Ach so, der Brief.“

 

Verteidiger Dr. Mamroth: Schlossen Sie aus diesem Vorgange, daß der Angeklagte, der Sie zu der Vernehmung der Mohr über diesen Punkt veranlaßt hat, bemüht gewesen ist, die Ermittelungen zu fördern? - Zeuge: Meines Erachtens handelte es sich hier um einen Umstand, den der Angeklagte zu seinen Gunsten festgestellt wissen sollte. - Verteidiger Dr. Mamroth: Meinen Sie, daß die Mohr, die geneigt sein soll, für den Angeklagten Günstiges zu sagen, den Brief absichtlich verschwiegen hat? - Zeuge: Das weiß ich nicht, ich wunderte mich aber darüber, daß die Mohr einen so wichtigen Umstand nicht von selbst erwähnt hat.

 

„Ich bin unschuldig.“

Angeklagter (erregt): Obwohl mir der Staatsanwalt gesagt hat, er sei fest überzeugt, daß ich den Brief an Großmutti geschrieben habe, habe ich den Untersuchungsrichter auf den Brief aufmerksam gemacht und ihn ersucht, die Mohr darüber zu vernehmen. Der Herr Staatsanwalt bringt den Brief mit meiner Schuld vage in Verbindung. Meine Schuldfrage steht nicht fest und (der Angeklagte schlägt heftig mit der Faust auf den Tisch) ich behaupte: ich bin unschuldig. - Staatsanwalt: Ich bitte festzustellen, daß ein Widerspruch besteht zwischen den Erklärungen, die der Angeklagte am Sonnabend bezüglich der Briefe Ursulas an Frau Barthel gab, und seinen Aussagen über diesen Punkt bei der Vernehmung durch den Untersuchungsrichter. Am Sonnabend sagte der Angeklagte, er habe die Ursula nicht veranlaßt, an Frau Barthel zu schreiben. In der Voruntersuchung behauptete er das Gegenteil.

 

Der Vorsitzende stellt aus den Untersuchungsakten folgende Niederschrift fest: „Dem Angeschuldigten wurde der bei Ursula vorgefundene Brief an Großmutti und sein eigenes Schreiben an seinen Bruder Wilhelm Grupen vorgelegt, um die Uebereinstimmung der Schriftzüge festzustellen. Er erklärte: Ich habe den Brief an Großmutti nicht geschrieben, er ist meiner Ueberzeugung nach von Ursula geschrieben. Zwecks Schriftvergleichung wurde ihm der Brief der Ursula an Frau Barthels vorgelegt. Er erklärte: Ich hatte sie beauftragt, an Frau Barthels und deren Tochter in Itzehoe je einen freundlichen Brief zu schreiben. Ursula schrieb den einen Teil des Briefes an Frau Barthels, den anderen an die Tochter. Ich riß beide Seiten des Briefes auseinander und befahl Ursula an Frau Barthels und an die Tochter je einen Brief zu schreiben. Ursula schrieb einen zweiten Brief an Frau Barthels und benutzte den alten als Konzept. Der erste Brief muß in meiner schwarzen Hose stecken.

 

Der Angeklagte bemerkte hierauf, er gebe zu, die Ursula zu dem Briefe an Frau Barthels   v e r a n l a ß t ,   aber nicht   b e a u f t r a g t   zu haben.

 

Staatsanwalt (zu Frau Eckert): Der Angeklagte behauptete doch am Sonnabend,   S i e   hätten die Briefe an Frau Barthel veranlaßt. - Frau Eckert: Ich bin immer vorgeschoben worden.

 

Ein Geschworener: Ist festgestellt, daß die Haustüren dauernd verschlossen waren, besonders am Mordtage? - Frl. Zahn: Wir hielten beide Haustüren unter Verschluß. Die Tür in das sogenannte Eßzimmer war offen, die Verandatür war verschlossen. - Angeklagter: War die Tür nach dem kleinen Hof verschlossen? - Frl. Hirsch: Die Eingangstür vom kleinen Hof zum Küchenflur war stets verschlossen, ebenso die Tür vom Küchenflur zur Rollstube.

 

Auf Antrag des Staatsanwalts wird nunmehr die

 

Oeffentlichkeit ausgeschlossen.

 

Im Einverständnis mit den Prozeßbeteiligten bleiben die Pressevertreter im Gerichtssaal.

 

Die Beweisaufnahme wendet sich dem angeblichen Sittlichkeitsverbrechen an Grupens Stieftochter Ursula zu. Hierüber wird zunächst Frau   E c k e r t   vernommen. Die Ursula klagte eines Tages über Schmerzen, der Angeklagte erzählte ihr davon und fuhr mit dem Kinde zu einem Arzt. Grupen gab ihr als Ursache des Leidens eine harmlose Angelegenheit an. Ein Gehilfe des Angeklagten behandelte dann das Kind unter Grupens Leitung. Frau Eckert hat das damals als lobenswert empfunden, zumal niemand anders da war.

 

Die kleine Ruth   R e s k e ,   jetzt in Berlin-Zehlendorf bei den Großeltern, eine Pflegetochter der Frau Grupen, berichtet, daß die Frau des Angeklagten einmal von Amerika sprach und zu ihrem Mann sagte: „Wenn Du artig bist, Peter, nehme ich Dich mit.“ Die Ruth, offenbar ein sehr gewecktes Kind, erklärte heute, daß sie diese Aeußerung für Scherz gehalten habe.

 

Es erscheint dann ein damals 19 Jahre altes   D i e n s t m ä d c h e n   des Angeklagten. Ihr hat Grupen die Ehe versprochen, schon wie seine Frau noch bei ihm war. Die Zeugin hatte den Angeklagten gern und trat in engere Beziehungen zu ihm. Von einem Vergehen Grupens an seiner Stieftochter oder einer anormalen Handlung der Mutter der Ursula gegenüber weiß die Zeugin nichts.

 

Weiterhin werden noch einige Mädchen vernommen, die sich durch Eheversprechungen des Angeklagten verleiten ließen, mit ihm in nähere Beziehungen zu treten. Eins dieser Mädchen war in ähnlicher Art wie der Angeklagte und die kleine Ursula erkrankt. Ueber den Zusammenhand dieser Erkrankungen wurden gutachterliche Aeußerungen nicht abgegeben.

 

Um 8 ½ Uhr wird die Verhandlung auf Dienstag ½ 10 Uhr vertagt.

 

*

Dienstag-Sitzung.

Am Dienstag wurde zunächst in nichtöffentlicher Sitzung weiter verhandelt. Eine intime Freundin der verschwundenen Frau Grupen bekundet, daß der Angeklagte einmal zu seiner Frau gesagt habe: Durch Scheidung gehen wir nicht auseinander,   n u r   d i e   W a f f e   k a n n   u n s   t r e n n e n !   Der Angeklagte habe damit einen   S e l b s t m o r d   durch Erschießen gemeint: die Zeugin sei aber fest überzeugt, daß er Komödie spielte. Das Verhältnis zwischen den Eheleuten sei überhaupt nicht so gewesen, wie es nach außen hin schien, und wie es hätte sein sollen. Hinter verschlossenen Türen wird auch dann   W i l h e l m   G r u p e n ,   der Bruder des Angeklagten vernommen, der einen anormalen Vorgang zwischen der   F r a u   des Angeklagten und der   U r s u l a   beobachtet haben will.

 

Die   m e d i z i n i s c h e n   S a c h v e r s t ä n d i g e n   sprachen sich in ihrem Gutachten sehr zurückhaltend über die Wahrscheinlichkeit des dem Angeklagten zur Last gelegten Sittlichkeitsverbrechens aus. Die Möglichkeit eines intimen Verkehrs Ursulas mit dem Angeklagten wurde zugelassen, weil ein solcher Verkehr sich im Rahmen der Diagnose befindet.

 

Der Angeklagte erklärte sich mit dem Antrage eines Sachverständigen, von ihm eine Blutsprobe zur Feststellung einer gewissen Krankheit zu entnehmen, einverstanden.

 

Mittagspause.  Um ½ 4 Uhr wird die Oeffentlichkeit wieder hergestellt.

 

 

 

Donnerstag, den 15. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

4 Seiten ziemlich hell, aber Sonderausgabe zu dunkel mit Durchschimmern der Rückseite

Die Tragödie auf Schloß Kleppelsdorf.

 

Das Verschwinden der Frau Grupen.

Hirschberg, 14. Dezember.

 

In der Nacht zum Sonntag hofft man, das Urteil fällen zu können. Ob das Programm inne gehalten werden kann, steht freilich noch dahin. Es sind noch eine große Zahl Zeugen zu vernehmen, und die Sachverständigen, deren eine stattliche Zahl an der Gerichtsstätte versammelt ist, werden für ihre Ausführungen auch längere Zeit beanspruchen. Die Echtheit der Briefe, die Lage der Patronenhülsen, die Bahn der Geschosse, die Art der Wunden, die Frage der hypnotischen und suggestiven Beeinflussung und noch manches andere mehr bedarf noch der Klärung durch Gutachten. Einen vollen Tag, wenn nicht mehr, dürfte die Vorbereitung und Durchführung der Plädoyers erfordern.

 

Die Verhandlung selbst zeichnet sich trotz der Ueberanstrengung, die sie für alle Beteiligten bedeutet, auch heute noch wie am ersten Tage durch die ruhige und sachliche Form der Wahrheitsermittelung vorteilhaft von manchen Verhandlungen in jenen Zeiten aus, als Vertreter der Anklagebehörden ihre vornehmste Aufgabe in der Verfolgung politisch unbequemer Personen erblickten. Oberlandesgerichtsrat Krinke, klar und klug in seiner Fragestellung, manchmal nicht ohne Ironie und Humor, aber stets von gütiger Milde, die auch bei den peinlichsten Fragen die Befangenheit der Zeuginnen rasch zu bannen versteht, erweist sich immer mehr als Verhandlungsführer großen Schlages. Er ist von unerschütterlicher Geduld, und nur, wenn Zeugen, und noch obendrein solche, die vor Gericht zu verkehren gewohnt sind, ihre Aussagen in den Bart murmeln, klingt durch seine Ermahnungen, deutlich zu sprechen, ein Unterton der Unzufriedenheit durch.

 

Dienstag nachmittag ist unter gewaltigem Andrange des Publikums die Oeffentlichkeit der Verhandlung wieder hergestellt worden. Es kamen Dienstag und Mittwoch zunächst die Zeugen, die über das Verschwinden der Frau Grupen etwas zu bekunden wissen, zur Vernehmung.

 

Apothekenbesitzer Otto   S c h a d e -   Berlin (Vater des ersten Mannes der verschwundenen Frau Grupen): Ostern 1920 stellte mir meine Schwiegertochter Gertrud den Angeklagten als ihren Ehemann vor. Grupen machte einen günstigen Eindruck auf mich und nannte mich „Vater“. Auch erklärte er mir, daß er eine bessere Frau als Trude nicht hätte finden können. Wenige Tage nach dem 19. September fragte der Angeklagte bei mir telephonisch an, ob er mich im Wartesaal des Potsdamer Bahnhofs sprechen könnte. Ich war einverstanden. Als Grupen kam, richtete er an mich die Frage: „Hast Du Nachricht von Trude?“ Auf meine verneinende Antwort sagte er: „Denke Dir, sie ist fort nach Amerika!“ Ich ersuchte ihn, weiter zu erzählen, sobald meine Frau gekommen sei. Da wehrte er ab, und als meine Frau früher als erwartet kam, war er   s e h r   b e s t ü r z t .   Grupen äußerte, er habe seiner Frau ein angenehmes Leben bereiten, ihr ein Reitpferd kaufen wollen und für den Haushalt 50 000 Mk. hergegeben. 80 000 Mk. hätte er auf der Bank, in kurzer Zeit würde er Millionär sein. Meine Schwiegertochter hat zu mir niemals davon gesprochen, daß sie   n a c h   A m e r i k a   gehen wolle. Zur   B ü h n e   hatte sie ein gewisses Talent, aber es praktisch zu betätigen, ist nie ihre Absicht gewesen.

 

Vors.: Hat der Angeklagte Nachforschungen nach seiner Frau angestellt? - Zeuge: Der Angeklagte sagte mir, er hätte einen Detektiv mit Ermittelungen beauftrag, über den Erfolg hat er mir nichts mitgeteilt. Die Abschiedsbriefe seiner Frau hat er mir gezeigt. Ich erklärte ihm   s o f o r t ,   daß   T r u d e   u n m ö g l i c h   d i e s e   B r i e f e   g e s c h r i e b e n   haben könne. Eine solche   G e m ü t s r o h e i t   kann ich Trude nicht zutrauten. (Der Vorsitzende ersucht den Zeugen Wilhelm Grupen den Saal zu verlassen, weil er morgen nochmals eingehend vernommen werden soll.) Das Verhältnis meiner Schwiegertochter mit dem Fabrikbesitzer   S c h u l t z   ist uns bekannt geworden; wir haben ihr, als sie uns um Verzeihung bat, um des Familienfriedens willen, verzeihen. Das Verhältnis mit Schultz hatte sie erst nach dem Tode meines Sohnes.

 

Frau Margarethe   S c h a d e ,   die Gattin des Vorzeugen, hat den Angeklagten bei seinem ersten Besuch als sehr zurückhaltend kennen gelernt. Vor der Zusammenkunft auf dem Potsdamer Bahnhof hatte Grupen telegraphisch bei uns angefragt, ob seine Frau bei uns wäre. Die   A b s c h i e d s b r i e f e ,   die er uns zeigte, kamen mir   m e r k w ü r d i g   k ü h l   vor. Wenn meine Schwiegertochter wirklich nach Amerika gegangen sein sollte, so kann sie es nur in   g e i s t i g e r   U m n a c h t u n g   getan haben, denn sie hing sehr an ihren Kindern. - Vorsitzender: Sie waren bei der Beerdigung in Kleppelsdorf. Was haben Sie dort der   M a r i e   M o h r   weggenommen? - Zeugin: Einen Muff und einen Pelzkragen, um beides der kleinen Irma zu geben. Der Muff war Eigentum meiner Schwiegertochter, bezüglich des Pelzkragens kann ich das nicht bestimmt behaupten. Ueber die Glaubwürdigkeit und Aufrichtigkeit der kleinen Irma kann die Zeugin, ebenso wie ihr Ehemann, aus eigener Erfahrung, nichts Nachteiliges sagen. Die   R u t h   R e s k e   habe ihr gegenüber darüber geklagt, daß der Vater (Grupen) sie geschlagen habe, wenn sie mal etwas nicht nach seinem Willen ausgeführt hatte; auch hätte sie schwer arbeiten müssen. Die Reise, die Ruth mit dem Vater nach Berlin gemacht habe, sei ihr (Ruth) schrecklich gewesen, weil der Vater sich mir viel Damen eingelassen habe.

 

Bürovorsteher Johann   G i l b -   Itzehoe hatte auf Wunsch des Angeklagten die in einem Kuvert verschlossenen Abschiedsbriefe seiner Frau entgegengenommen. Der Angeklagte sei sehr niedergeschlagen gewesen, obwohl er noch nicht wußte, was in den Briefen stand. Der Zeuge bestätigt, daß die Besitzung Grupens in Ottenbüttel ein einsames Häuschen sei, etwa 200 Meter von der Dorfstraße.

 

Der „geknickte Ehemann“.

Rechtsanwalt und Notar   R e i n e c k e -   Itzehoe: Ich habe die notariellen Akten über die Uebertragung von Hypotheken der Frau Eckert und der Frau Grupen an den Angeklagten aufgenommen, desgleichen über die Gütertrennung. Die Akte erfolgten am 17. und 18. September. An dem Wesen der Frau Grupen ist mir nichts aufgefallen. Als mir mein Bürovorsteher das Kuvert mit den Abschiedsbriefen der Frau Grupen übergab, fiel mir auf, daß kein Abschiedsbrief an den Angeklagten dabei war. Als ich Grupen von dem Inhalt der Briefe Kenntnis gegeben hatte, machte er auf mich den Eindruck eines   „ g e k n i c k t e n   E h e m a n n e s “ .    Da ich es für unmöglich hielt, daß Frau Grupen mit 72 000 Mk., die sie nach Angabe des Angeklagten mitgenommen haben soll, bei dem schlechten Valutastande nach Amerika kommen kann, gab ich dem Angeklagten den Rat, sofort Nachforschungen anzustellen, damit die Frau nicht etwa im Sumpf untergehe. „Sie müssen“, sagte ich zu Grupen, „alle Hebel in Bewegung setzen, um auf die Spur Ihrer Frau zu kommen. Erkundigen Sie sich bei den Schiffsgesellschaften, fragen Sie auch bei dem Fabrikbesitzer Schultz an, ob er etwas von dem Aufenthalt Ihrer Frau wisse.“ Nach vierzehn Tagen beauftrage mich Grupen mit der Einleitung der Ehescheidungsklage. Als ich im Februar von dem Morde in Kleppelsdorf las, da machte ich mir meine   e i g e n e n   G e d a n k e n   und   l e g t e   m e i n   M a n d a t   f ü r   G r u p e n   n i e d e r .   Ich wurde dann Abwesenheitspfleger der verschwundenen Frau Grupen und habe als solcher u. a. das von dem Angeklagten verpfändete Silber eingelöst.

 

Vors.: Angeklagter, haben Sie die Ratschläge des Zeugen befolgt? - Angekl.: Ich war in Berlin. - Vors.: Ich frage, ob Sie in Hamburg, wie es Ihnen der Zeuge geraten hat, bei der Dampfergesellschaft waren? - Angekl.: Ich war in Berlin. Der Zeuge hatte mir auch gesagt, ich solle mich nach der Abreise des Schultz erkundigen, der doch vielleicht mit meiner Frau durchgegangen war. Ich habe dann Frau Schade gefragt. - Vors.: Frau Schade, hat der Angeklagte Sie nach Schultz gefragt? - Fr. Schade: Er hat mich nur gefragt, ob der Schultz damals allein mir meinem Sohn auf der Jagd war, als er verunglückte.

 

Vors.: Was haben Sie sonst noch unternommen, um Ihre Frau zu finden? - Angekl.: Ich habe Herrn Rechtsanwalt Reinecke gebeten, sich bei der Polizei zu erkundigen. - Zeuge: Ich habe bei der Polizei telephonisch angefragt und den Bescheid bekommen, sie sei nach Lübeck abgemeldet.

 

Vors.: Und was haben Sie sonst getan, um Ihre Frau zu finden? - Angekl. (schweigt).  Vors.: Wollten Sie denn nun von Ihrer Frau nichts mehr wissen? - Angekl.:   N e i n .  

 

Vert. Dr.   M a m r o t h   stellt fest, daß der Angeklagte von den anempfohlenen Maßnahmen nur unterlassen habe, die Schifffahrtsgesellschaften zu befragen. Die Aussprache mit den Berliner Verwandten habe der Zeuge anempfohlen und der Angekl. befolgt. - Vors.: Der Herr Zeuge hat uns geschildert, daß Sie vollkommen geknickt waren. - Zeuge: Helle Tränen hat er geweint. - Vors. (fortfahrend): Und hier vor Gericht sagten Sie eben, daß Sie von Ihrer Frau nichts mehr wissen sollten - das ist doch ein Widerspruch. - Angekl.:   D a n n   i s t   d a s   e b e n   e i n   W i d e r s p r u c h .

 

Vors.: Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Geschworenen aus diesem Widerspruch Schlüsse ziehen können. - Angeklagter (nervös): Man weiß eben nicht, was das für eine Frau war - und ich wünsche keinem - -

 

Weg ist das Geld!

Staatsanwalt: Ist Ihnen bekannt, daß der Angeklagte vom Gefängnis aus noch immer mit der Generalvollmacht über das Vermögen der Frau Eckert verfügte? - Angekl.: Dann muß man eben x = 0 setzen, sonst stimmts nicht. - Staatsanw.: Das Vermögen der Frau Eckert soll dich (103 000?) Mark betragen haben. Wo ist das Geld? - Vors.: Weg! (Heiterkeit) -

 

Angekl.: Frau Eckert hat nichts gehabt. Die 109 000 Mark in Wertpapieren gehörten meiner Frau und nicht Frau Eckert. Ueber dieses Geld hat meine Frau zum größten Teil verfügt, oder es ausgegeben. - Vors.: Der Angekl. hat diesen Standpunkt allerdings immer eingenommen.

 

Bankier   G u l d a c k e r -   Itzehoe: Am 18. September ist Frau Grupen in meinem Geschäft gewesen. Da ich nicht anwesend war, hinterließ sie, daß sie am Montag, den 20. September, wiederkommen wollte. Etwa eine Woche nach dem Verschwinden der Frau Grupen ist der Angeklagte in großer Erregung zu mir gekommen und hat erzählt, daß seine Frau verschwunden sei und daß er sie in Berlin gesucht habe. Bei einer späteren Gelegenheit hat mir Grupen gesagt, seine Frau sei zu einer Freundin gefahren. Ueber Grupens persönlichen und geschäftlichen Ruf ist mir Nachteiliges nicht bekannt geworden. Daß Frau Eckert kein Geld hatte, um die von dem Angeklagten versetzten Brillanten einzulösen, ist dem Zeugen nicht bekannt.

 

Was die Kellinghusener sagen.

Amtgerichtsrat   L e m m e   aus Kellinghusen (wo Frau Schade eine Zeitlang gelebt hat) stellt der kleinen Ursula ein ähnliches gutes Zeugnis aus, wie die Lyzeallehrerin. Ursula sei ein zartes Kind gewesen, habe kaum einen Revolver halten können.

 

Vert. Dr. Ablaß: Wie langen haben Sie die Ursula gekannt? - Zeuge: Ich? Ich habe sie nicht gekannt. Ich weiß das nur von meiner Frau und die hat es von anderen Damen.

 

Dr. Ablaß: Haben Sie nicht eine Eingabe gemacht, der Angeklagte habe sich viel mit Maurerarbeiten beschäftigt und es sei die Vermutung aufgetaucht, daß er die Leiche seiner verschwundenen Frau eingemauert habe. - Zeuge: Ja, das sagen die Leute so.

 

Vert. Dr. Ablaß: Haben Sie nicht auch berichtet, bei einem Umzuge habe Grupen einen Schrank vom Wagen gestoßen, damit seine Frau erschlagen werde. - Zeuge: Ja, meine Frau sagte mir, die Leute sagten, Frau Haffner hätte erzählt, sie hätte bei dem Umzuge nach Itzehoe mitgeholfen. Als sie sich im Zimmer befand, habe sie plötzlich von der Straße her den Schrei einer weiblichen Person gehört. Sie sei zunächst an die Tür gestürzt, habe diese aber   v e r s c h l o s s e n   vorgefunden. Dann sei sie an das Fenster geeilt und habe gesehen, daß von dem vor dem Hause stehenden Möbelwagen ein Schrank gefallen war. Durch das Herablassen des Schranks   h ä t t e   F r a u   G r u p e n   s c h w e r   v e r l e t z t   w e r d e n   k ö n n e n .   Der Frau Haffner sei es aufgefallen, daß, als sie auf den Schrei zu Hilfe eilen wollte, die Tür verschlossen gewesen sei. - Vors.: Aus eigener Kenntnis wissen Sie also nichts? - Zeuge: Neun! - Vors.: Dann verzichten wir wohl auf den Zeugen?

 

Ein Schuß ins Kleppelsdorfer Herrenzimmer.

Der Vorsitzende teilt mit, daß ein bei ihm soeben eingegangenes Schreiben ihn veranlasse, an   F r l .   Z a h n   einige Fragen zu richten. In dem Schreiben wird behauptet, daß einmal   d u r c h s   F e n s t e r   a u f   D o r o t h e a   R o h r b e c k   g e s c h o s s e n   worden sei.

 

Frl. Zahn: Im Oktober 1919 - der Angeklagte war damals in Kleppelsdorf - wurde abends um ½ 10 Uhr durch das offene Fenster des Herrenzimmers geschossen. Es war ein Schrotschuß. Wir haben es uns damals nicht erklären können und nahmen an, daß der Schuß mehr dem Herrn Bauer gelten sollte.  - Vors.: Ist es richtig, daß Frl. Dörte durch den Schuß verletzt worden ist? - Zeugin: Dörte saß ja gar nicht in dem Zimmer, sie saß zwei Zimmer weiter und spielte Klavier. - Vors.: In dem Schreiben wird unterstellt, daß der Angeklagte den Schuß abgegeben habe. Dörte soll dem Frl. Semerak erzählt haben, sie sei an der Nase verletzt worden. - Staatsanwalt: Der Fall ist schon in der Voruntersuchung bekannt geworden.

 

Der Koffer.

Hierauf wird der Knecht Otto   R o s k e -   Ottenbüttel vernommen. Am 19. September habe er in Itzehoe das Gespann mit Grupen, seiner Frau und dem Dienstmädchen Kläschen gesehen. Als er um ½ 12 Uhr nachts nach Hause kam, habe er von der Kläschen den Zettel erhalten mit dem Auftrage der Frau Grupen, den im Schlafzimmer befindlichen Koffer mit schmutziger Wäsche zur Bahn zu schaffen. Grupen habe gesagt, der Koffer soll nicht fortgeschickt werden, wir hätten andere Beschäftigung. - Staatsanwalt: Ich stelle fest, daß der Angeklagte keinen Auftrag gegeben hat, den Koffer fortzuschaffen. - Vert. Dr. Ablaß: Der Koffer konnte nicht fortgeschafft werden, weil der Wagen, der die Kinder zur Schule brachte, zu klein war und für ein anderes Gespann andere Beschäftigung vorlag.

 

Ein   B e i s i t z e r   (zum Zeugen): Sie haben also den Koffer mit einem anderen Wagen nicht fortgeschafft, weil Sie hierzu keinen Auftrag von Grupen hatten? - Zeuge: Ja. - Ein Geschworener: Konnte Grupen das Pferd selbst ausspannen? - Angekl.: Ich bin allein imstande, die Gurte zu lösen. - Zeuge   R o s k e   bestätigt, daß Grupen die Pferde allein ausspannen könne.

 

Der Abschiedsbrief und die Kassette.

Dienstmädchen   G n i w a k o s k i   macht Bekundungen über das Auffinden des in der Toilette gefundenen   A b s c h i e d s b r i e f e s   der Frau Grupen an Frau Eckert. Auf dem zerknüllten Briefentwurf haben auch die Worte gestanden: „Liebe Dörte, sei stets gut zu Deiner Großmutter.“ Die Zeugin hat auch bei dem Oeffnen der Geldkassette durch Grupen mitgeholfen. Als die Kassette aufsprang. sei Grupen blaß gewesen, aber erst am nächste Tage habe er davon gesprochen, daß in der Kassette   6 0  0 0 0   M a r k   f e h l t e n .   Die Kläschen habe ihr erzählt, Grupen hätte ihr, als er vom Notar aus Itzehoe zurückkam, gesagt, seine Frau sei nach Amerika verschwunden. Aber früher schon habe Grupen zu Kläschen geäußert, seine Frau sei krank und würde nach Ansicht des Arztes   n u r   e i n   o d e r   z w e i   J a h r e   l e b e n .

 

Dienstmädchen   K l ä s c h e n :   Bei der Abfahrt nach Itzehoe am 19. September, dem Tage, an dem Frau Grupen verschwunden ist, sind die Eheleute fröhlich und vergnügt gewesen. Ich fuhr mit, um in Itzehoe ins Vereinshaus zu gehen. Dort sollte ich um 8 Uhr sein, und ich hätte noch Zeit gehabt, mit zum Bahnhof zu fahren.   F r a u   G r u p e n   h a t t e   e i n e n   Z e l t b a h n m a n t el   m i t .   Nachdem ich Grupen den in der Toilette gefundenen Zettel gegeben hatte, fuhr er mit dem aus der Kassette genommenen Kuvert zum Notar und bei seiner Rückkehr sagte er:   „ M e i n e   F r a u   i s t   w e g ,   i c h   b i n   f r e i ! “   - Vors.: Hatten die Eheleute manchmal Streit gehabt? - Zeugin: Ja, in der letzten Zeit. Einmal hat Grupen seine Frau „Frauenzimmer“ geschimpft, weil sie die Frau seines Bruders Wilhelm nicht grüßen wollte. - Vors.: Hat Frau Eckert nicht zu Frau Grupen gesagt: Mir ist so Angst, daß du reisest! - Zeugin: Ja, Frau Grupen sagte aber: habe keine Bange, ich komme bald wieder. Dau weißt ja,   d a ß   i c h   n i c h t   l a n g e   o h n e   m e i n e n   M a n n   l e b e n   k a n n . - Die Zeugin hat auch gehört, daß Grupen, als seine Frau einmal von einer längeren Reise sprach, sagte: Spukt Dir Amerika schon wieder im Kopf?

 

Zwischen den beiden Mädchen und dem Staatsanwalt entspinnt sich eine längere Aussprache darüber, ob sie nicht, wie sie früher bekundet haben, den Eindruck hatten, daß der Briefentwurf absichtlich auf die Toilette gelegt worden ist, damit er dort gefunden werden solle, und ob die Mädchen nicht   a b s i c h t l i c h   z u r   O e f f n u n g   d e r   K a s s e t t e   h i n z u g e z o g e n   worden sind, damit sie als Zeugen über den Inhalt der Kassette dienen könnten. Die Mädchen vermögen über die Eindrücke keine klare Auskunft zu geben. Beide wissen nicht, wer ihnen, als sie nachts mit Roske nach Hause zurückkehrten, das Tor aufgemacht hat. Die Kläschen bekundet, daß sie den Zettel am Sonntag, den 19. September,   v o r   d e r   A b f a h r t   der Frau Grupen gefunden hat, während sie früher erklärt hat, ihn erst am nächsten Tage, also am Montag, gefunden zu haben.

 

Kriminaloberwachtmeister   J a r c h o w -   Itzehoe bekundet: Die Kläschen habe bei ihrer ersten Vernehmung erklärt, sie habe den Eindruck gehabt, daß der zerknüllte Abschiedsbrief absichtlich so in der Toilette niedergelegt worden sei, um bald gefunden zu werden.

 

Pastor   T u s c h e -   Patschkau gibt Auskunft über den Charakter der kleinen   I r m g a r d   S c h a d e .   Irmgard habe ihm im Religionsunterricht stets Freude gemacht und er habe Veranlassung gehabt, sie vor anderen Kindern zu loben. Nicht ein einziges Mal habe er sie auf einer Lüge ertappt. Es habe ihn aufs tiefste empört, als er hörte, daß Irma als Lügnerin hingestellt werde.

 

Frau Grupens Glück.

D r .   M ü n z   aus Itzehoe: Zwischen Frau Grupen und ihren Kindern hat ein herzliches Verhältnis geherrscht. Frau Grupen ist eine gebildete, liebenswürdige Frau gewesen, die ihren Haushalt sehr in Ordnung gehalten hat und selbst schwere Arbeit nicht scheute. Sie hat sogar im Garten Bäume gefällt. Um ihre Kinder war sie sehr besorgt, besonders um die Ursel, die ein langaufgeschossenes, mageres, blutarmes Kind war. Die Kinder hingen mit gleicher Liebe an ihrer Mutter. Sie waren stets fröhlich und artig. Bei einem Besuch traf ich die damalige Frau Schade weinend an. Sie sagte mir: „Soeben habe ich ein Telegramm erhalten, daß mein Verlobter (Stabsveterinär Reske) an Influenza gestorben ist.“ Bei einem späteren Besuch empfing mich Frau Schade mit den Worten: „Sie sind Zeuge meines Unglücks gewesen; nun sollen Sie auch Zeuge meines Glücks sein - und stellte mir Grupen als ihren Verlobten vor. Anfangs wunderte ich mich darüber wegen des Mißverhältnisses der Jahre, aber ich hatte den Eindruck, daß sie aus Edelmut gehandelt hatte, weil Grupen im Kriege den einen Arm verloren hat. Ueber den Ruf, den Frau Grupen bei den Offizieren in Perleberg genossen haben soll, ist dem Zeugen damals nichts bekannt geworden. - Ich halte es für ganz ausgeschlossen, daß Frau Schade ihre Kinder länger als höchstens 14 Tage hätte verlassen können.

 

Vors.: Halten Sie es für möglich, daß Frau Schade das mit der Ursel gemacht hat, was hier behauptet worden ist. - Zeuge: Das möchte ich stark bezweifeln. Sie war eine lebhafte, aber edle Frau. - Vert. Dr. Ablaß. Halten Sie die Frau für fähig, die Tochter ihres Verlobten, die Ruth Reske, um ihr Vermögen zu bringen? - Zeuge: Nein.

 

Geheimrat Moll (zum Zeugen): Können Sie aus Ihrer Erfahrung bestätigen, daß Frauen, die in ihrem Liebesleben sehr temperamentvoll sind, doch brave Frauen und gute Mütter sein können? - Zeuge: Das möchte ich voll unterschreiben. Eine Frau kann heftig in ihren Liebesbeteuerungen, aber trotzdem reinen Herzens sein.

 

Vert. Dr. Mamroth: Können Sie aus Ihrer Erfahrung bestätigen, daß Männer zwischen 25 und 27 Jahren von gesunder Konstitution, und sinnlicher Veranlagung, vor denen sozusagen kein Mädchen sicher ist, doch recht brave und nützlich Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sein können? - Zeuge: Das möchte ich nicht ohne weiteres unterschreiben. Wenn es sich um jüngere Männer unter 25 Jahren handelt, möchte ich auch diese Frage bejahen. Im allgemeinen sind die Männer ja polygam veranlagt.

 

Hierauf wurde die Sitzung auf Mittwoch Vormittag ½ 10 Uhr vertagt.

 

*

Die Sitzung am Mittwoch.

 

Die Schneiderin   E h l e r s -   Itzehoe kennt Frau Grupen seit Juni 1920. Sie hat für Frau Grupen ein Dirndlkleid angefertigt, Anfang September aus vier alten Kleidern neue angefertigt und ein Kostüm umgearbeitet, auch eine rote Bluse geliefert. Neue Stoffe hat sie zu den Kleidern nicht verarbeitet. - Staatsanwalt: Ich bitte, die Zeugin Frau Mohr zu befragen, wie sie zu ihrer Bekundung gekommen ist, Frau Grupen habe sich vor ihrem Verschwinden vier   n e u e   Kleider machen lassen. - Auf die entsprechende Frage des Vorsitzenden erklärt Zeugin   F r a u   M o h r :   Ich hatte Fräulein Ehlers so verstanden, daß sie neue Kostüme gearbeitet habe.

 

Die nächste Zeugin, Frau Luzie   H a f f n e r   macht Bekundungen über das Eheleben des Angeklagten. Zehn Tage, nachdem Grupen mit seiner Frau die Zeugin besucht hatte, wobei das Ehepaar einen zufriedenen Eindruck machte, hat die Zeugin in Itzehoe einen Gegenbesuch gemacht. Da ist sie furchtbar enttäuscht gewesen. Frau Grupen ärgerte sich schwer über die Unpünktlichkeit ihres Ehemannes. Sie hatte auch bei großen Unpünktlichkeiten Befürchtungen, daß ihm ein Unglück zugestoßen sein könnte. da er nur einen Arm hat. Grupen habe auch einmal nach Ottenbüttel fahren und sich dort erschießen wollen. Die Frau habe ihn deshalb in sein Zimmer eingeschlossen, Grupen aber habe die   T ü r   e i n g e s c h l a g e n .   Den   V o r f a l l   m i t   d e m   S c h r a n k   beim Umzuge nach Itzehoe stellt die Zeugin als harmlos dar: sie habe nicht den Eindruck gehabt, daß Grupen etwas Böses im Schilde führte.

 

Vors.: Hat Frau Grupen Ihnen erzählt, daß sie mit ihrem Mann eine nachträgliche Hochzeitsreise nach Amerika machen wolle, und zwar zu einem reichen Onkel des Angeklagten?

 

Zeugin: Ja. - Frl. Zahn: Der Angeklagte hat mir beim Besuch in Itzehoe erzählt, er habe ich Amerika einen sehr reichen Onkel, der ihn besonders im Erbe bevorzugt hätte. Der Angeklagte wollte spätestens im Juni 1921 abreisen. Seine Frau wollte er mitnehmen, und er fragte mich und Frl. Dörte, ob wir ihn begleiten wollten. Daß er mit seiner Frau nach Amerika fahren wolle, hielt ich für Ernst, die Aufforderung an Dörte und mich, ihn zu begleiten, für Spaß.

 

Zeugin   H a f f n e r :   Grupen hat in Ottenbüttel viel   a u f   V ö g e l   g e s c h o s s e n .   Die Ottenbüttler behaupten, Grupen habe seine Frau in einen Keller eingemauert.

 

Zeuge   B o o s -   Tempelhof, Bruder der Frau Eckert, sagt aus, er habe geglaubt, daß zwischen den Grupenschen Eheleuten ein gutes Einvernehmen herrsche. Frau Grupen habe ihren Mann sehr geliebt, der Angeklagte war ruhiger. Als ich hörte, Frau Grupen sei mit 70 000 Mark nach Amerika gegangen, sagte ich mir, daß mit tausend Dollar in Amerika nichts anzufangen sei und daß der Sachverhalt ein anderer sein müsse. Ich schrieb meiner Schwester, sie möchte alles tun, um das Verschwinden der Frau Grupen aufzuklären. Meine Schwester antwortet mir: „Peter besorgt alles.“ Es wundert mich auch, daß der Angeklagte, obwohl er die Ehescheidung beantragt hatte, verwandtschaftliche Besuche in Kleppelsdorf machte. Der   B r u d e r   des Angeklagte habe in Ottenbüttel auf ihn, den Zeugen, einen   u n h e i m l i c h e n   E i n d r u c k   gemacht, so daß der Zeuge annahm, Wilhelm Grupen wisse von der Tat in Kleppelsdorf mehr als sein Bruder Peter. - Ein Geschworener: Kann der Zeuge aussagen, welcher der beiden Brüder der willensstärkere ist? - Zeuge: Nein.

 

Auch dem Kindermädchen die Ehe versprochen.

Die Zeugin   G n i w a k o w s k y   wird auf ihren Wunsch nochmals vernommen, weil sie in ihrer gestrigen Aussage etwas vergessen habe. Das Verhältnis mit der Kläschen hatte der Angeklagte schon vor dem Verschwinden seiner Frau. Als Kläschen aber erfuhr, daß Grupen   a u c h   s e i n e m   K i n d e r m ä d c h e n   C h a r l o t t e   M ü l l e r   d i e   E h e   v e r s p r o c h e n   hatte, habe sie ihn zur Rede gestellt. Darauf sei es zu einer Auseinandersetzung zwischen Grupen und der Müller gekommen, wobei diese ihm um den Hals gefallen sei. Auch dies sei passiert, als Frau Grupen noch nicht weg war.

 

Staatsanwalt: Hat Grupen die Kläschen schon so behandelt, als wäre es sein Frau, sodaß Frau Grupen sich darüber geärgert hat? - Zeugin: Das weiß ich nicht.

 

Vors. (zum Angeklagten): Nun, was sagen Sie zu diesen Dingen? Von der Charlotte Müller haben wir bisher überhaupt noch nichts gehört.

 

Angekl.:   V o n   d i e s e n   V o r g ä n g e n   h a b e   i c h   n i c h t s   b e m e r k t .   (Heiterkeit bei den Zuhörern.)

 

Vert. Dr. Ablaß: Ist die Zeugin draußen im Flur von anderen Zeugen auf die jetzt bekundeten Vorgänge aufmerksam gemacht worden? Man kämpft hier anscheinend gegen dunkle Mächte. Vielleicht genügt es, daß ich an das Gewissen der Zeugin appeliere.

 

Vors.: Ich weiß nicht, wie wir Gespräche unter den Zeugen verhindern können. Ich bin aber bereit, die Zeugen darauf aufmerksam zu machen, daß sie möglichst wenig über diesen Fall untereinander sprechen. Von verschiedenen Zeugen liegen mir schriftliche Anträge vor, nochmals vernommen zu werden, weil sie glauben, etwas vergessen zu haben. Ich habe die Leute, da es sich um Unwesentliches handelte, beruhigen können: nur in einem Falle wird dem Antrage auf nochmalige Vernehmung stattgegeben.

 

Oberstaatsanwalt Reifenrath: Die Staatsanwaltschaft muß unter allen Umständen Wert darauf legen, daß jeder Zeuge, dem nachträglich etwas einfällt, dies uneingeschüchtert hier zur Kenntnis bringt. Es kommt nicht darauf an, den Täter aus der Schlinge zu ziehen, sondern ihn zu ermitteln und ihn zu überführen.

 

Vert. Dr. Ablaß: Auf der Verteidigerbank sitzen keine Menschen, die die Absicht haben, einen Angeklagten aus der Schlinge zu ziehen.

 

Vors.: Das nehme ich als ganz selbstverständlich an.

 

Vert. Dr. Mamroth: Es ist nicht die Aufgabe des Verfahrens, den Angeklagten zu überführen, sondern die Wahrheit festzustellen.

 

Vors. (zur Zeugin Kläschen): Was hat Ihnen der Angekl. erzählt, als er vom Notar aus Itzehoe kam? - Zeugin: Er sagte, seine Frau wäre weg. - Vors.: Hat er nicht gesagt: „Nun können wir heiraten?“ - Zeugin: Soviel ich weiß: nein!

 

Dann wird der Bruder des Angekl.   H e i n r i c h   G r u p e n   vernommen, der erklärt, von seinem Zeugnisverweigerungsrecht keinen Gebrauch machen zu wollen. Es wird ein Brief verlesen, den der Zeuge am 25. Oktober 1920 an den Angeklagten gesandt hat. In dem Briefe wird der Angeklagte von dem Zeugen aufgefordert, seinen Verpflichtungen gegenüber der Mutter nachzukommen, die er bei der Uebernahme des elterlichen Hauses übernommen hat. Ueber den Inhalt des Briefes selbst wird der Zeuge am Nachmittag ausführlich vernommen werden.

 

Frau Grupen und Herr Schultz.

Der nächste Zeuge ist Herr   v .   T o b o l t ,   Direktor der landwirtschaftlichen Schule in Perleberg. Er gehörte mit zu einem Freundeskreis, zu dem auch der Apothekenbesitzer Schade und dessen Frau, die spätere Frau Grupen, gehörte. Als 1911 Herr Schade auf der Jagd  tödlich verunglückt war, nahm sich der Fabrikbesitzer   S c h u l t z,   der auch mit zu diesem Freundeskreis gehörte, der Frau Schade an. Er führte ihr die Bücher und stand ihr bei, doch gewann er ihr Vertrauen offenbar mehr, als erlaubt war. Die andern Herrschaften brachen infolgedessen den Verkehr mit Frau Schade und Herrn Schultz ab, dem auch nahegelegt war,   a u s   d e r   L o g e   a u s z u t r e t e n .   Bald darauf zog Frau Schade nach Berlin und Herr Schultz mit seiner Frau nach Frankfurt a. M. Ob Frau Schade mit Herrn Schultz eine Reise unternommen hat, weiß der Zeuge nicht. Nach seiner Kenntnis ist das Verhältnis zwischen der Frau Schade und Herrn Schultz   e r s t   n a c h   d e m   T o d e   d e s   H e r r n   S c h a d e   e n t s t a n d e n .

 

Frau Zahntechniker   S t u b b e   aus Itzehoe war Nachbarin von Grupen. Sie war der Ansicht, daß die Ehe zwischen dem Angeklagten und seiner Frau anfangs sehr glücklich war. Frau Grupen hielt offenbar viel von ihrem Manne, dem sie auch viel zu Gefallen getan hat. Ob das auch von seitens des Angeklagten der Fall war, weiß die Zeugin nicht anzugeben. Frau Grupen war sehr fleißig, sie hat gearbeitet wie ein Mann. Die Familie zog viel um, sodaß es sehr viel Arbeit gab.

 

Frl.   W e s t e r m a n n   aus Itzehoe hatte den Eindruck, daß die ihr gut bekannte Frau Eckert stark inter dem Einfluß des Angeklagten stand. Bei Grupen war ein furchtbar unruhiger Haushalt durch die vielen Umzüge. Der Zeugin ist der Angeklagte unheimlich vorgekommen, doch kann sie für diese Ansicht keine bestimmte Begründung angeben. Als Frau Grupen verschwunden war, hatte die Zeugin gleich Verdacht gegen den Angeklagten. Als sie später nach der Kleppelsdorfer Sache diesen Verdacht gegen Frau Eckert äußerte, sagte diese: warum haben Sie das nicht früher gesagt! Die Umzüge erschienen der Zeugin mitunter wenig begründet, so der letzte Umzug von Itzehoe nach Ottenbüttel.

 

Frau Margarete   D i s t e l   aus Rostock bei Kellinghusen war eine gute Freundin der Frau Grupen, die sie als tüchtige Hausfrau und gute Mutter schilderte. Sie hatte die Empfindung, daß die beiden Eheleute nicht ui einander paßten. Bei einem Besuch der Zeugin benahm sich der Angeklagte auch nicht passend, er widersprach fortgesetzt seiner Frau, als wenn er sie reizen wollte. 

 

Von einer Amerikareise hat Frau Grupen nie gesprochen, im Gegenteil hatte sie erklärt, sie ließe sich Kleider machen, da sie im Winter 1921/22 in Gesellschaft gehen wollte. Eine dramatische Begabung hatte Frau Grupen, das zeigte sie bei ihren Vorträgen, aber von ihrer Absicht zur Bühne zu gehen, ist der Zeugin nichts bekannt. Frau Grupen liebte Schmuck und trug alle Tage ihre wertvollen Ringe.

 

Die Zeugin hält es für unmöglich, daß Frau Grupen ihren Kindern etwas Unanständiges zugemutet hätte. Frau Grupen soll eine edle Frau gewesen sein.

 

Zeuge Heinrich   S c h m i d t -   Ottenbüttel: Grupen war mein Nachbar. Er sagte mir, er könne mal mein Schwiegersohn werden. Da habe ich ihm geantwortet: „Dazu gehört erstens die Ehescheidung von Ihrer Frau, zweitens die Zuneigung meiner Tochter, drittens Klarheit über Ihre Gegenwart und Zukunft.“ - Vors.: „Da haben Sie ihm die richtige Antwort gegeben.“ - Zeuge (fortfahrend): Grupen hat mir später im Vertrauen gesagt, daß seine Frau im Auslande sei; er hätte sie schon gesucht, aber nicht gefunden. Das Geld, das die Frau mitgenommen habe, könne er verschmerzen. Frau Grupen, mit der ich viel verkehrt habe, kann ich nichts Schlimmes nachsagen. Aber auch der Angeklagte ist in Ottenbüttel gut beleumundet. - Staatsanwalt: Haben Sie nicht bei der polizeilichen Vernehmung erklärt, Grupen sei in sittlicher Beziehung nicht einwandsfrei und habe bei jeder Gelegenheit Frauenzimmer um sich? - Zeuge bestreitet, dies gesagt zu haben.

 

Bei Frau   R e r h ä u s e r   in Hamburg hat der Angeklagte gewohnt. Er sagte dort, daß er sich reich verheiraten wolle, und im Dezember teilte er mit, daß seine Frau nach Amerika gegangen sei. Die Zeugin hat ihm gegenüber gleich zum Ausdruck gebracht, sie könne es nicht glauben, daß Frau Grupen, von der sie die beste Meinung hatte, ihre Kinder verlasse.

 

Was Grupen für Geschäfte machte.

Frau   W o l g a r t -   Hamburg, eine frühere Verlobte des Angeklagten: Grupen hatte ein unruhiges Leben. Heute wollt er dies, morgen das. Einmal wollte er ein   L u f t s c h a u k e l g e s c h ä f t   errichten. Zu diesem Zweck hatte er sich mit der Hand in der Uhr (Uhr in der Hand) vor eine Luftschaukel gestellt, um festzustellen, wieviel der Besitzer in zwei Minuten einnehme. Auch einen   M i t t a g s t i s c h   wollte er anfangen. Er kaufte   a l t e   R ä d e r   durch Zeitungsinserate und verkaufte sie wieder. Von der Kleiderverwertungsstelle bezog er   K l e i d e r   und veräußerte sie ebenfalls. Er sagte, er wolle den   D o k t o r   m a c h e n   und eine   V i l l a   k a u f e n .

 

Vors.: Hatte er denn die Mittel dazu? - Zeugin: Er sagte, er bekäme   E r w e r b s l o s e n u n t e r s t ü t z u n g   und habe bei den Eltern ein Sparkassenbuch über 2000 Mk. Auch ein   P f e r d e g e s c h ä f t   hat er einmal gemacht, und als ihm sein Vater sagte, daß man dabei leicht hereinfallen könne, antwortete er: Da müßte ich nicht Peter Grupen heißen. Einen   R e v o l v e r   hatte er in der Schublade verwahrt. - Staatsanwalt: Wie kam denn der Angeklagte zu den Kleidern aus der Kleiderverwertungsstelle. das muß doch ein unlauteres Geschäft gewesen sein?

 

Zeugin: Unter falschen Angaben   u n d   m i t   S c h o k o l a d e   hat er in der Kleiderverwertungsstelle von der Verkäuferin bekommen, was man sonst nur gegen Bezugsschein erhält. Eines Tages überraschte er mich durch die Mitteilung, daß er sich mit Frau Schade verlobt hätte. Da habe ich ihm den Ring zurückgegeben, und da er ihn nicht annehmen wollte, den Rind in die Tasche von seines Vaters Mantel gesteckt.

 

Vors.: Hatte er nicht einen   e i g e n e n   M a n t e l ? -   Zeugin:   N e i n ,   er kam im Mantel seines Vaters. Seinen eigenen Mantel hatte er im Pfandhaus   v e r s e t z t .   - Staatsanwalt: Die Verlobung mit Ihnen machte er also im Paletot des Vater. - Zeugin: Ja. - Vors.: Also als Sie noch seine Verlobte waren, teilte Ihnen Grupen mit, daß er sich mit Frau Schade verlobt habe? - Zeugin: Ja, er sagte mir, das Verhältnis mit Frau Schade sei nicht ohne Folgen geblieben. Er müsse die Dame heiraten. Und ich solle zurückstehen. Er wollte monatlich eine Entschädigung für die Anschaffungen zahlen, die ich in Erwartung der Heirat gemacht hatte, ich erhielt aber nur einmal 100 Mark. Nach einigen Monaten telephonierte er mich an, und sagte, ich solle noch zu ihm halten, denn seine Frau sei krank und   w ü r d e   n i c h t   l a n g e   l e b e n .

 

Vors. (zum Angeklagten): Bestätigt es sich, daß Sie mit Frau Schade sich verlobten, während Sie mit der Zeugin noch verlobt waren? - Angekl.: Darüber will ich keine Angaben machen. - Vors.: Wollen Sie nicht der Wahrheit die Ehre geben und den Grund sagen, warum Sie sich mit Frau Schade verlobten? - Angekl.: Im Interesse der Zeugin und im Interesse meiner Frau gebe ich darüber keine Erklärung ab.

 

Der von der Verteidigung geladene Zeuge Karl   F r i t z l a r   soll darüber Auskunft geben, ob Frau Eckert zu ihm gesagt habe, Grupen sei unschuldig an dem Kleppelsdorfer Morde. Eher halte es Frau Eckert für möglich, daß ihn bei dem Verschwinden seiner Frau eine Schuld treffe. - Zeuge: Darauf kann ich mich nicht entsinne.

 

Hierauf tritt die Mittagspause bis ½ 4 Uhr ein. 

 

 

 

Freitag, den 16. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Das Drama auf Schloß Kleppelsdorf.

 

Der Revolver.

Hirschberg, 15. Dezember

 

Die Zeugenvernehmung ist auch am Mittwoch noch nicht zu Ende geführt worden. Zunächst wurde noch weiter über das Verschwinden der Frau Grupen und allerhand Geschäfte verhandelt. Am späteren Abend wurde der Bruder des Angeklagten, Wilhelm Grupen, vernommen und über die angebliche Entwendung der Selbstladepistole durch die kleine Ursula Klarheit zu schaffen versucht. Die Aussagen der beiden Brüder, des Angeklagten und des Zeugen, gingen dabei nicht unwesentlich auseinander. Man entsinnt sich, daß der Angeklagte kurz vor der Abreise nach Kleppelsdorf seinem Bruder, während die kleine Ursel dabei stand, den Mechanismus der Waffe erklärt haben und den Revolver dann in eine unverschlossene Schublade seines Schreibtisches gelegt haben will. Später, so hatte der Angeklagte weiter bekundet, sei er mit seinem Bruder in das Zimmer zurückgekehrt und da habe die kleine Ursel am Schreibtisch gestanden. Wilhelm Grupen dagegen erklärte gestern,   a l l e i n   in das Zimmer zurückgekehrt zu sein und das   K i n d   m i t   d e r   W a f f e   i n   d e r   H a n d   getroffen zu haben. Er habe der Ursel die Waffe abgenommen und sie dabei ernstlich verwarnt. Demgegenüber blieb der Angeklagte dabei, mit im Zimmer gewesen zu sein und den Revolver nicht in der Hand des Kindes gesehen zu haben.

 

In der Nachmittagssitzung am Mittwoch wurde die Beweisaufnahme mit der Vernehmung des Kriminal-Oberwachtmeisters   J a r c h o w -   Hamburg fortgesetzt. Der Zeuge hat sich an den Nachforschungen nach Frau Grupen beteiligt und festgestellt, daß für Frau Grupen Pässe oder sonstige Auswandererpapiere nirgends ausgefertigt worden sind. Die Auswanderung nach Nordamerika ist noch heute sehr schwierig, und auch Auswanderer nach Südamerika unterliegen einer sehr strengen Kontrolle. Der Zeuge hält es für ausgeschlossen, daß Frau Grupen auf normale Weise nach Amerika gekommen ist.

 

Zerbrochene Ringe.

Den Verkauf der Ringe von Frau Grupen hat der Angeklagte dem Zeugen anfangs verschwiegen, dann aber zugegeben, daß er sie einem Goldarbeiter, von dem er 5000 Mk. geliehen hatte, für 1000 Mk. Restschuld verkauft habe.   Z w e i   R i n g e   w a r e n   z e r b r o c h e n ,   so daß der Verdacht bestand, die Ringe wären   g e w a l t s a m   v o m   F i n g e r   g e z o g e n   worden. Nach dieser Richtung konnten Feststellungen nicht getroffen werden.

 

Kriminal-Oberwachtmeister   G i e s e -   Itzehoe: Frau Grupen hat sich laut Meldeamtsregister am 18. September 1920   n a c h   L ü b e c k   abgemeldet. Es konnte nicht ermittelt werden, ob sie die Abmeldung   s e l b s t   vollzogen hat. In Lübeck ist Frau Grupen   n i c h t   angemeldet worden. Die Möglichkeit, daß Frau Grupen mit einem gefälschten Paß nach Amerika gelangt ist, kann nicht von der Hand gewiesen werden, eine Wahrscheinlichkeit  liegt aber nicht vor. Nach dem Verschwinden der Frau Grupen hat Zeuge zunächst Ermittelungen bei Frau Mohr angestellt, die über den Angeklagten sehr günstig urteilte, bezüglich der Frau aber behauptete, daß sie sittlich nicht einwandsfrei sei. Der Gemeindevorsteher von Ottenbüttel hat über beide Eheleute günstig geurteilt.

 

Vorsitzender: Die Einzigen, die ungünstig über Frau Grupen geurteilt haben, waren also die Mohrs? - Zeuge: Jawohl.

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Ist irgend etwas darüber festgestellt worden, ob sich der Angeklagte jemals mit   H y p n o s e   beschäftigt hat? - Zeuge: Darüber wurde nichts ermittelt, es hat niemand etwas davon bemerkt.

 

Frau   S u d e n -   Hamburg, eine 76jährige Frau: Grupen hat mit meinem Neffen in einem Hamburger Lazarett gelegen und hat um die Hand meiner Nichte Bertha angehalten, der Vater war aber damit nicht einverstanden; Grupen sollte erst auf der Baugewerkschule sein Examen ablegen, und das Mädchen wäre auch noch zu jung. Nach vier Jahren, im November 1920, kam Grupen wieder zu uns. Wir hatten in der Zwischenzeit, und auch aus der Zeitung, gehört, daß Grupen mehrer Male verlobt war. Als er zu uns kam, sagte er zu mir: Seine Frau sei tot, die beiden Kinder gingen wieder zurück zur Familie, und er sei jetzt ein freier Mann, hätte auch so viel verdient, daß er nicht mehr zu arbeiten brauche. Grupen fragte nach meiner Nichte Bertha und verlangte wiederholt das Mädchen zu sprechen, was ich aber nicht zugab, er solle wiederkommen oder schreiben.

 

„Ich kann ohne Dich nicht leben!“

Frau Wilhelmine   K r u s e -   Haseldorf: Ich war mit Grupen verlobt und habe ihn viel mit Lebensmitteln unterstützt. Da Grupen mit einem anderen Mädchen ein Verhältnis anknüpfte, hob ich die Verlobung auf. Als ich mit meinem jetzigen Mann verlobt war, kam Grupen nach Haseldorf geradelt und traf mich auf der Straße. Er fragte mich, ob ich Verkehr habe. Ich sagte, daß ich mit Kruse, meinem jetzigen Mann verkehre. Da erwiderte er: „Den bekommst Du nicht. Du machst mich unglücklich, ohne Dich kann ich nicht leben“, zog einen   R e v o l v e r   und setzte ihn mir auf die Brust. Ich dachte, er wollte mich erschießen, siel ihm um den Hals und sagte aus Angst, daß ich wieder mit ihm verkehren wolle. Grupen verlangte, daß wir alle Wochen zusammen kämen; er würde für mich sorgen, ich solle nur in Stellung gehen, besonders nach Berlin, denn ich müßte mehr gebildet werden. Ich verkehrte aber nicht mit ihm, denn ich hatte Angst vor ihm und wollte auch Kruse treu bleiben. Grupen hat auch gewollt, daß ich   m e i n e   A u s s t e u e r   nach seiner Wohnung schaffe, auch fragte er   n a c h   m e i n e m   S p a r k a s s e n b u c h .   Da ich nicht mit ihm zusammen kam, schrieb er mir einen Brief, der meinen Mann veranlaßte, der Sache ein Ende zu machen. Ich gab Grupen seine Geschenke zurück, und mein Mann legte noch 60 Mk. dazu, und dann hat   G r u p e n   d i e   G e s c h e n k e   s e i n e r   n ä c h s t e n   B r a u t   g e s c h e n k t .   (Heiterkeit, auch bei Grupen.) Grupen besuchte uns darauf und versprach meinem Manne in die Hand, daß er von mir lassen wolle.

 

Angeklagter: Ich bitte die Zeugin zu fragen, ob es richtig ist, daß ich ihr bei Stellenwechsel und zur Bestreitung anderer Ausgaben Mittel gegeben habe. - Zeugin: Das ist richtig.

 

Zeuge Peter   K r u s e ,   der Ehemann der Zeugin, macht im Wesentlichen dieselbe Aussage. Die 60 Mk. waren für Grupens Auslagen für eine Bluse, Theater, Bahnfahrt etc. Grupen habe ihm gesagt, seine Braut könne jeden anderen heiraten, nur ihn, den Zeugen, nicht.

 

Der Staatsanwalt stellt fest, daß der Angeklagte bisher das Vorkommnis mit dem Revolver bestritten hat, es jetzt aber zugibt.

 

Dr.   B e i e r -   Lähn: Am Tage nach dem Morde hat mir Frau Eckert die Mitteilung von dem Verschwinden der Frau Grupen gemacht. Sie hat erst geglaubt, ihre Tochter sei nach Kleppelsdorf gefahren, dann habe ihr Grupen gesagt: nach Amerika, auf Grund eines Briefes, den sie aber nicht gelesen habe. Ich sagte zur Frau Eckert: „Wie konnten Sie sich, als Sie von dem Verschwinden Ihrer Tochter erfuhren, so ohne weiteres mit der Nachricht Ihres Schwiegersohnes zufrieden geben? Sie hätten doch selbst Nachforschungen anstellen sollen.“ Frau Eckert erklärte mir darauf, ihr Schwiegersohn hätte durch einen Hamburger Detektiv festgestellt, daß seine Frau auf ein Schiff gegangen und nach Amerika gefahren sei, und daß es ihr gut gehe. Frau Eckert erzählte, weiter ihr Schwiegersohn hätte ihr häßliche Briefe und Photographien von seiner Frau gezeigt, worauf sie ausgerufen habe: „Wenn das alles wahr ist, dann habe ich keine Tochter mehr!“

 

Sachverständiger Professor   M o l l :   Sind es die Bilder, von denen behauptet wird, sie wären   d u r c h s   S c h l ü s s e l l o c h   aufgenommen worden? - Angeklagter: Es sind die Bilder, die ich im kleinen Schreibtisch meiner Frau vorgefunden habe.

 

Zeuge (fortfahrend): Grupen hat sich nach Frau Eckerts Aussage   s c h l e c h t   ü b e r   D o r o t h e a   R o h r b e c k   geäußert und gesagt, es sei ein ganz verdorbenes Mädchen, die Liebschaften mit Offizieren habe. Ich hatte das Gefühl, daß Grupen Frau Eckert von ihrer Tochter und der Enkelin abbringen wollte. Die Offiziere, die mit Kleppelsdorf verkehrten, haben Dorothea immer als Kind behandelt. Von Grupen ist Dörte im Anfang sehr eingenommen gewesen, weil er in Hamburg sehr liebenswürdig gewesen sei, dann aber ist er ihr sehr unsympathisch geworden, besonders nachdem sie gehört hatte, daß er sich dem Vormund als Kronzeuge zur Verfügung gestellt hatte. Grupen habe unsaubere Hände und unsaubere Wäsche gehabt. Er renommierte mit seinem großen Architekturbüro in Hamburg, mit seiner Villa usw. Grupen hat Frl. Zahn Dörte gegenüber auf der Hamburger Fahrt schlecht zu machen gesucht, worüber diese sehr empört war, da Frl. Zahn ja der einzige Mensch sei, der es gut zu ihr meine; Grupen sagte auch zu ihr, daß Frl. Zahn   i h m   einen Heiratsantrag gemacht habe. Als ich mich, so sagte Dörte, darauf empört in eine andere Ecke des Abteils setzte, machte er   m i r   einen Heiratsantrag. Sie erzählte mir auch, sagt der Zeuge weiter, von ihrer Furcht nach der Alsterfahrt, wegen der Kognakflasche und war überzeugt, daß Grupen ihr nach dem Leben trachtete.

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Ist Frau Eckert, als sie mit Ihnen am Tage nach dem Morde sprach, dabei geblieben, daß   G r u p e n   n i c h t   a u s   d e m   Z i m m e r   gegangen sei? - Zeuge: Jawohl. Dörte schilderte mir auch, wie Grupen immer mit dem Gelde herumgeworfen habe.

 

Angeklagter: Ich weise es zurück, daß ich Dörte Rohrbeck in der hier bekundeten Weise schlecht gemacht haben soll. - Der Zeuge bleibt dabei, daß sich Frau Eckert in diesem Sinne zu ihm geäußert habe. - Verteidiger Dr. Ablaß: Kann das nicht auf Aeußerungen des Vormundes zurückzuführen sein. - Zeuge: Das weiß ich nicht.

 

Das Verhalten der Frau Eckert.

Frau   D r .   B e i e r   bekundet: Frau Eckert hat gesagt: „Wenn ich wüßte, daß meine Tochter tot ist, würde   i c h   G r u p e n   f a l l e n   l a s s e n . “   Sie bedauerte Grupen sehr, der   „ a r m e   P e t e r “   war ihr geradezu die Hauptsache. Als mein Mann sagte: „Aber die Dörte ist doch tot und die Ursel“, sagte Frau Eckert: „Ach, die Dörte hat mich nie gemocht!“ Ich hatte den Eindruck, als meinte Frau Eckert, sie könne, wenn sie erst wisse, daß ihre Tochter tot sei, dann kein Mitleid mehr mit Grupen haben. Am Abend des 15. Februar, als man zu Tisch ging, fragte Frau Eckert, ob die Herren vom Gericht auch bei Tisch seien. Als ich bejahte, sagte Frau Grupen:   „ A c h ,   d a n n   m u ß   i c h   s e h e n ,   d a ß   i c h   m i r   n i c h t s   m e r k e n   l a s s e . “   Mir ist ferner aufgefallen: als ich ins Zimmer trat, hatte Frl.   M o h r   die   I r m g a r d   auf dem Schoß, und als ich diese fragte, ob sie nicht doch wüßte, daß Grupen das Zimmer verlassen habe, sagte die Mohr: „Grupen hat das Zimmer nicht verlassen,   n i c h t   w a h r ,   I r m a ? “   Und immer wieder bei meinen Fragen nahm die Mohr das Wort   v o r   Irma, und einmal   s c h ü t t e l t e   sie sogar das Kind, um es zu einer Antwort zu bringen. Auch hat die Mohr von dem Augenblick, als Grupen verhaftet war, gegen Frl.   Z a h n   Stellung genommen, sie auch nicht mehr gegrüßt, auch mich nicht, wohl, weil ich den Kindern etwas nahe stand. Dörte hat mir erzählt, sie hatte den Eindruck, als wäre die Hamburger Reise gar nicht nötig gewesen, und als bei der Großmutter erzählt wurde, die Tante sei in ein Sanatorium, da hätten beide wohl ein bischen geweint, aber dann war alles wieder wie sonst, und sie seien gar nicht traurig gewesen. Dörte sagte auch, es sei ihr alles vorgekommen wie Theater.

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Hat Frau Eckert am 15. Februar gesagt, sie wisse ganz genau, daß Grupen das Zimmer nicht verlassen habe? - Zeugin: Ja.

 

Die 24 Jahre alte   H a r t j e ,   die bei dem Angeklagten in Stellung war, hat von ihm eine   g o l d e n e   A r m b a n d u h r   geschenkt erhalten, die sie noch besitzt. - Der Angeklagte gibt zu, daß es die Uhr seiner Frau sei.

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Hat Grupen Ihnen einmal einen Brief an Herrn Boos vorgelesen, worin Frau Eckert schrieb, sie habe nur noch Aerger auf der Welt; hier wie in Kleppelsdorf, das beste sei, sie nehme sich das Leben! - Zeugin: Ich glaube, nein. - Der Angeklagte richtet verschiedene Fragen an die Zeugin, ob sie sich an dies oder das erinnere, doch kann diese nichts Bestimmtes sagen.

 

Verteidiger Dr. Mamroth: Erinnern Sie sich, daß der Angeklagte Sie einmal gebeten, sich der Ursula anzunehmen, weil diese immer so traurig sei. - Vors.: War denn Ursula traurig? - Zeugin: Jawohl, aber auch wieder sehr vergnügt. Ich dachte anfänglich, sie sei traurig wegen

des Verschwindens der Mutter, was sich dann abschwächte.

 

Auf eine Frage von Geheimrat   L e s s e r   nach dem Schulbesuch der Kinder sagt die Zeugin, daß alle drei Kinder anfänglich nicht in die Schule gegangen seien, sie sollten aber dann einen Hauslehrer erhalten, und inzwischen besuchten sie die Dorfschule.

 

Ueber Holland.

Zeugin   H a r t j e :   Grupen kam Anfang Oktober (am 19. September verschwand Frau Grupen) zu meinem Vater und sagte, daß seine Frau tot sei, ich solle ihm den Haushalt führen. Grupen erzählte mir dann, daß seine Frau ihm mit einem Offizier ausgerückt sei, und zwar   ü b e r   H o l l a n d   nach Amerika, wo sie an Syphilis gestorben sei.

 

Vors.: So schnell soll das gegangen sein? - Zeugin: Grupen sagte mir, daran könne man in ein paar Tagen sterben. Eine Sterbeurkunde könne er nicht beschaffen, denn sie sei in Amerika unter falschem Namen aufgetreten.

 

Angekl.: Meine Frau kannte in Holland eine Frau Seifenfabrikant   D r a l l e .   - Verteidiger Dr. Mamroth: Der Angeklagte hat nur von der Möglichkeit gesprochen, daß seine Frau über Holland gefahren sei. - Vors.: Der Angeklagte hat hiervon aber noch gar nichts erwähnt. Haben Sie sich nach Ihrer Frau in Holland erkundigt? - Angekl.: Ich nicht, aber Frau Neugebauer. - Er gibt im Uebrigen zu, daß es stimmen könne, was die Zeugin gesagt hat.

 

Die Uhren und Ringe der Frau Grupen.

Auf die Frage eines Geschworenen nach den Uhren der Frau Grupen sagt der Angeklagte: Meine Frau hatte zwei goldene Armbanduhren und eine Nickeluhr.

 

Frau Eckert, die wieder in den Saal gerufen wird: Meine Tochter hatte meines Wissens   n u r   e i n e   goldene Armbanduhr, die sie auf Reisen wohl immer trug. Ob auch am Tage der Abreise, kann ich nicht sagen.

 

Es folgt eine weitere Auseinandersetzung über die   R i n g e   und die   P e l z s a c h e n   der Frau Grupen, die später als versetzt bei Pfandleihern aufgefunden wurden. Insbesondere verdichtet sich das Interesse um den   M a n t el   und den   P e l z k r a g e n ,   den Frau Grupen mit auf dem Wagen hatte, den sie aber angeblich im Wagen zurückgelassen hat. Der Angeklagte behauptet zuerst, die Gegenstände in seinen Schrank getan zu haben, zieht aber dann diese Aussage   h a l b   z u r ü c k .

 

Vors.: Angeklagter, Sie müssen die Wahrheit sagen, Sie können auch die Aussage ablehnen; wenn Sie aber widersprechende Aussagen machen, müssen Sie darauf gefaßt sein, daß die entsprechenden Schlüsse gezogen werden.

 

Beim Pfandleiher.

Pfandleiher   L a n g e -   Hamburg: Im März 1920 kam der Angeklagte, den ich vorher nicht kannte, das erste Mal zu mir. Er brachte Schmucksachen mit Brillanten zur Beleihung. Ich taxierte die Sachen auf 6000 Mark. Der Angeklagte war damit einverstanden und nahm Pfandschein und Geld. - Vors.: Hat er gesagt, daß er die Brillanten im Auftrage seiner Frau verpfände? - Zeuge: Nein. Später versetzte er bei mir einen Regenmantel und einen Pelzkragen, am 6. Dezember eine Menge Silber für 2300 Mark. - Vors.: Ist der Angeklagte vorher bei Ihnen gewesen wegen der Pfandscheine über die Brillanten? Er behauptet nämlich, seine Frau hätte die Pfandscheine mitgenommen, weshalb er die Pfänder sperren lassen wollte. - Zeuge: Nein. - Vors.: Hat der Angeklagte das Silber nur deshalb bei Ihnen gelassen, weil er die Absicht hatte, es in einer Bank zu deponieren, die aber geschlossen gewesen sei? - Zeuge: Das glaube ich nicht.

 

Angekl.: Ich habe damals bei dem Silber zum Ausdruck gebracht, daß es in den nächsten Tagen wieder abgeholt werden würde. Am Gelde konnte mir nichts lieben, denn ich hatte damals Geld genug.

 

Staatsanwalt (zum Zeugen): Davon ist keine Rede, daß Sie ihm das Geld für das Silber aufgedrängt hätten? - Zeuge: Nein. - Angekl.: Die Pfandscheine habe ich, nachdem ich sie vergeblich gesucht hatte, in meinem Schreibtisch vorgefunden. Ich habe sie kurz vor meiner letzten Reise nach Kleppelsdorf meinem Bruder übergeben. - Staatsanwalt: In der Voruntersuchung hat der Angeklagte die Auskunft über die Pfandscheine verweigert. - Angekl.: Weil ich das Versetzen nicht gern eingestehen wollte. Als mein Bruder die Pfandscheine der Staatsanwaltschaft ausgehändigt hatte, habe ich mich darüber nicht mehr ausgeschwiegen.

 

Frau Grupens Vermögen.

Rechtsanwalt und Notar   R e i n i c k e -   Itzehoe äußert sich über das von Frau Grupen hinterlassene Vermögen. Die Pfandscheine über die Brillanten und das Silber habe er eingelöst, der Pelzkragen und der Regenmantel waren verfallen. Aus dem in Ottenbüttel verkauften Mobiliar und der Wäsche der Frau Grupen wurden 29 000 Mark gelöst. Die Hypotheken gehörten nicht mehr der Frau Grupen, denn die hatte sie an den Angeklagten abgetreten. Ueber das Vermögen der Frau Eckert kann Zeuge näheres nicht angeben. - Staatsanwalt: Die von Frau Grupen gemieteten   S t a h l f ä c h e r   waren   l e e r !   - Vors. (zum Angeklagten): Was haben Sie in die Ehe eingebracht? - Angekl.: Nur meine persönlichen Sachen und die Sachen meines Vaters.

 

Uhrmacher August   H e i n e -   Hamburg: Ich habe den Angeklagten kennen gelernt, als er in Hamburg die Baugewerkschule besuchte. Er war aus das angewiesen, was er von seinem Vater bekam. Ich habe ihm damals öfter ausgeholfen, einmal mit 500 Mk., die er zur ersten Zahlung auf eine Lebensversicherung brauchte. Das war Weihnachten 1919, kurz vor seiner Verheiratung mit Frau Schade. Dann habe ich ihm 2000 Mk. geliehen, die er wie die früheren Darlehen zurückzahlte. Vier oder fünf Monate nach seiner Verheiratung lieh er sich 4000 Mk. Darauf brachte er mir drei goldne Ringe und einen Platinring. Zwei Ringe waren zerbrochen. Er sagte, ich solle die Ringe reparieren, er wolle sie einer Dame schenken, weil seine Frau nach Amerika verschwunden sei. Nach einiger Zeit kam er wieder und sagte, ich solle die Ringe behalten für die tausend Mark, die er mir von den 4000 Mark noch schuldete.

 

Vors.: Angeklagter, wozu brauchten Sie vor Weihnachten die 4000 Mark? Sie hatten sich doch am 24. Dezember 1920 bei der Perleberger Kreditbank gegen Verpfändung einer Hypothek für 25 000 Mark laufenden Kredit verschafft? - Angekl.: Die 4000 Mark brauchte ich zu geschäftlichen Besorgungen. - Vorsitzender: Was waren dies für geschäftliche Besorgungen? - Angekl.: Das kann ich heute nicht mehr sagen. - Der Zeuge bejaht die Frage des Staatsanwalts, ob die zerbrochenen Ringe nur durch große Gewalt entzwei gegangen sein können.

 

Zeuge Bautechniker   H a d j e   ist von dem Angeklagten angenommen worden, der angab, ein Baubüro zu haben oder errichten zu wollen. In Wirklichkeit hatte er aber kein Baubüro, sondern er hat nur einige Häuser gekauft, ausgebaut und dann weiterverkauft. Da der Zeuge im Baufach fast nichts zu tun hatte, führte er auch haus- und landwirtschaftliche Arbeiten aus. Sein Gehalt als Bautechniker hat er regelmäßig erhalten. - Vors.. Wie kommt das: Sie haben doch ebenso wie der Angeklagte die Baugewerkschule besucht und nennen sich nur Bautechniker, während der Angeklagte sich als Architekt bezeichnet? - Zeuge: Das weiß ich nicht. - Staatsanwalt: Haben Sie sich denn nicht gewundert, wovon der Angeklagte eigentlich lebt? - Zeuge: Ja, das war mir ein Rätsel.

 

Amtsgerichtsrat   L e m m e -   Kellinghusen berichtet als Grundbuchrichter über die Grundstückskäufe und -verkäufe, die die frühere Frau Schade in Rostock vorgenommen hat. Sie hat dort zwei Grundstücke gekauft und mit einigem Gewinn verkauft.

 

Wilhelm Grupen,

der Bruder des Angeklagten, wird als Zeuge aufgerufen. - Verteidiger Dr. Mamroth bittet, daß er sich zunächst einmal gegen die Geschworenen wendet, weil ein Zeuge oder eine Zeugin erklärt habe, Wilhelm Grupen habe ein unheimliches, stechendes Auge. - Der Zeuge berichtet zunächst über die Vermögensverhältnisse seines Bruders. Als dieser vom Militär entlassen wurde, dann die Baugewerksschule besuchte und auf der Vulkanwerft tätig war, hatte er kein Vermögen. Während der Schulzeit wurde er von mir mit Lebensmitteln und kleineren Geldbeträgen unterstützt. Als er die Schule verließ, bezog er Erwerbslosenunterstützung. Dann erzählte mir der Angeklagte, daß er einige gewinnbringende Geschäfte gemacht habe. Auch bei dem Verkauf des elterlichen Grundstücks wird er 17 bis 20 000 Mark verdient haben. Schließlich hat der Zeuge auch mit dem Angeklagten und noch mehreren Teilnehmern verschiedene Grundstücksgeschäfte gemacht, bei denen Gewinne erzielt worden sind. Bei den unsicheren Angaben des Zeugen ist es trotz aller Bemühungen schwer, über die einzelnen Geschäfte Klarheit zu bekommen. Tatsache ist aber, daß der Angeklagte als er im Gefängnis saß, dem Bruder eine Hypothek von 78 000 Mark überschreiben ließ. Früher hatte der Zeuge behauptet, daß er tatsächlich Forderungen in dieser Höhe an seinen Bruder hatte. Heute gibt er an, daß er nach sorgfältiger Ueberlegung doch zu der Erkenntnis gekommen sei, daß seine Forderung bei weitem nicht so hoch war. - Vors.: Warum mag Ihnen wohl Ihr Bruder die Hypothek übertragen haben? - Zeuge: Das weiß ich nicht. - Vors.: Ich weiß es auch nicht! (Heiterkeit.)

 

Vors.: Ihr Bruder hat Ihnen dann auch Generalvollmacht erteilt. Warum wohl? - Zeuge: Das ist mir auch aufgefallen. - Angekl.: Die Generalvollmacht habe ich meinem Bruder erteilt, weil wir gemeinsame Geschäfte machten und ich wegen meines Armes öfters leidend war und ich mich einer Operation unterziehen wollte. Da sollte mich mein Bruder vertreten.

 

Vors.: Als Ihr Bruder nach Kleppelsdorf fuhr, hat er Ihnen einen Brief übergeben. Was war in dem Briefe? - Zeuge: Drei Pfandscheine, die ich dann dem Gericht eingeschickt habe.

 

Der Revolver.

W i l h e l m   G r u p e n   sagt weiter aus: Als ich vor der Abreise meines Bruders nach Kleppelsdorf in Ottenbüttel war, übergab er mir einen Revolver zu meiner Sicherheit, das das Gehöft einsam liegt. - Vors.: Wie hat Ihnen der Angeklagte den  Revolver übergeben? - Zeuge: Er hat mir die Handhabung des Revolvers erklärt. - Vors.: War der Revolver geladen? - Zeuge: Ich kann nicht sagen, daß der Revolver geladen war, ich kann aber auch nicht sagen, daß er nicht geladen war. Bei der Handhabung des Revolvers war ich behilflich. Ich kannte aber die Handhabung des Revolvers nicht.

 

Vors.: Als alter Soldat kannten Sie sich mit dem Revolver nicht aus,   u n d   d i e   k l e i n e   U r s u l a   s o l l t e   e s   v e r s t e h e n ?   - Zeuge: Ich habe den Revolver dann nicht mehr in der Hand gehabt. - Vors.: Was hat der Angeklagte gemacht? - Zeuge zeigt vor, wie der Sicherungsflügel herumgedreht wird. - Vors.: Waren Patronen in dem Revolver? - Zeuge: Das weiß ich nicht. - Vors.: Aber Sie sollten doch den Revolver benutzen. - Zeuge: Ich hatte keine Angst und glaubte, ich würde ihn nicht nötig haben. - Vors.: Haben Sie die Erklärung des Angeklagten verstanden? - Zeuge: Nachdem ich jetzt das Ding wieder sehe, verstehe ich es.

 

Staatsanw.: Hat der Bruder geladen oder nicht? - Zeuge: Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob er geladen war oder nicht. - Staatsanw.: Hat der Bruder die Waffe gespannt? - Zeuge: Das weiß ich nicht, da ich mit dem Dinge nicht umzugehen verstehe. - Vors.: Ja, aber hätten Sie dann damit schießen können? - Zeuge: Ja, ich glaube doch.

 

Ein Geschworener: In diesen Angaben des Zeugen liegt doch ein   W i d e r s p r u c h .   - Vert. Dr. Mamroth: Ein Widerspruch ist hier nicht enthalten. - Zeuge: Ich wollte abends den Revolver noch einmal nachsehen. - Staatsanw.: War die Waffe   g e s i c h e r t ? -   Zeuge: Das weiß ich nicht.

 

Vert. Dr. Ablaß: Ist es richtig, daß der Angeklagte zu Ihnen gesagt hat: „Wir sind hier auf einem einsamen Hofe, und deshalb habe ich mir die Waffe zu unserem Schutze angeschafft?“ - Zeuge: Ja. - Vert. Dr. Ablaß: Hätten Sie sich die Waffe später angesehen? - Zeuge: Ja. Vert. Dr. Mamroth: Hätten Sie   d a m a l s   die Waffe gebrauchen können, und kennen nur heute, weil inzwischen lange Zeit vergangen ist, die Handhabung nicht mehr erklären? - Zeuge: Ja. - Vert.: Hätten Sie   d a m a l s   sofort schießen können? - Zeuge: In dem Augenblick, als mir die Waffe erklärt wurde, wußte ich damit umzugehen. - Staatsanw.: Weshalb wollten Sie sich dann die Waffe noch einmal abends ansehen? - Zeuge gibt keine Antwort.

 

Der   S t a a t s a n w a l t   beantragt nun, den Zeugen zu beauftragen,   d e n   R e v o l v e r   m i t   s c h a r f e n   P a t r o n e n   z u   l a d e n   u n d   z u   s i c h e r n .   - Vors.: Daß hier im Saale mit scharfen Patronen geladen wird, gestatte ich nicht. - Vert. Dr. Mamroth: Ich beantrage die Ablehnung, da damit nichts bewiesen wird. - Vors.: An sich wäre die Sache schon wichtig, da doch die kleine   U r s u l a   n u r   d a b e i   g e s t a n d e n   h a t   u n d   s c h o n   d e n   M e c h a n i s m u s   b e g r i f f e n   h a b e n   s o l l ?   - Vert. Dr. Mamroth: Die Ursula soll ja dann den Revolver auch selbst in der Hand gehabt haben. - Vors. (zum Angekl.): Wie war der Revolver? - Angekl.: Er war schußfertig, nur der Sicherungsflügel war herumzulegen.

 

Staatsanw.: Da der Zeuge behauptet, daß er heute noch nicht ohne Schwierigkeiten laden und sichern kann, beantrage ich, daß er dies hier vormacht.

 

Der   G e r i c h t s h o f   zieht sich zur   B e r a t u n g   zurück und verkündet dann den Beschluß, daß dem Antrag des Staatsanwalts stattgegeben wird. Der Zeuge zeigt dann die Handhabung des Ladens, Spannens, Sicherns und Entsicherns, was ihm auch gelingt. Der Staatsanwalt beantragt, morgen dieses Experiment mit Exerzierpatronen zu wiederholen, da das Sichern und Spannen mit Patronen schwieriger sei als ohne Patronen. (Grupen zeigt hierbei eine lächelnde Miene.)

 

Vors.: Was geschah nun mit dem Revolver? - Zeuge: Der Angeklagte legte ihn in das Schubfach des Schreibtisches zurück. - Vors.:   W a r   U r s u l a   d a b e i ?   - Zeuge:   J a .   U r s u l a   s t a n d   r e c h t s   v o n   u n s   u n d   g u c k t e   z u .   - Vors.: Hat sie die Manipulationen gesehen, die mit dem Revolver vorgenommen wurden? - Zeuge: Ja. - Vors.: Wurde das Schubfach, in das der Revolver gelegt wurde, verschlossen? - Zeuge: Das weiß ich nicht, ich glaube nicht. - Vors. (zum Angekl.): Wie war es? - Angekl.: Wahrscheinlich nicht, denn ich habe das Schubfach   f ü r   m e i n e n   B r u d e r   o f f e n   g e l a s s e n .  

 

Vors.: Was geschah weiter? - Zeuge: Ich ging hinaus und kam nochmals in das Zimmer.   D a   s t a n d   U r s u l a   a m   S c h r e i b t i s c h   u  n d   h a t t e   d e n   R e v o l v e r   i n   d e r  H a n d .   I c h   n a h m   i h r   d e n   R e v o l v e r   w e g   u n d   v e r w a r n t e   s i e .   - Vors.: Der Revolver war doch geladen? - Zeuge: Ich weiß nicht, ob er geladen war. - Vors.: Und dann? - Zeuge: Habe ich den Revolver wieder in das Schubfach gelegt. - Vors.: Haben Sie dann wenigstens das Fach verschlossen? - Zeuge: Nein, es ging nicht zu verschließen. - Vors.: War das nicht eine sehr große Unvorsichtigkeit, den Revolver wieder in das unverschlossene Fach zu legen, nachdem Sie gesehen hatten, daß ihn das Kind in der Hand gehabt hat? - Zeuge: Ich habe mir später auch Vorwürfe deshalb gemacht. Ich habe auch das Kind verwarnt.

 

Vors.:   D e r   A n g e k l a g t e   b e h a u p t e t ,   Sie seien zusammen in das Zimmer gekommen, und Ursula habe   n u r   a m   S c h r e i b t i s c h   g e s t a n d e n ,   a b e r   d i e   W a f f e   n i c h t   i n   d e r   H a n d   g e h a b t . - Zeuge: Nein, ich war allein im Zimmer mit der Ursula. - Vors. (zum Angeklagten): Wie war es? - Angekl.: Ich bin auch heute noch der Ansicht, daß wir zusammen in das Zimmer gekommen sind und Ursula die Waffe nicht in der Hand hatte. - Zeuge:   N e i n ,   U r s u l a   h a t t e   d i e   W a f f e   i n   d e r   H a n d .   Es ist aber möglich, daß   d e r   A n g e k l a g t e   h i n t e r   m i r   i n s   Z i m m e r   g e k o m m e n   i s t .   - Staatsanwalt: Haben Sie dann wenigstens nachgesehen, ob die Waffe geladen war oder nicht? - Zeuge: Nein, wir haben uns dann später aber große Vorwürfe deshalb gemacht.

 

Verteidiger Dr. Marmroth: Haben Sie vielleicht deshalb von weitere Vorsichtsmaßnahmen abgesehen, weil Sie annahmen, daß Grupen mit seiner Familie bald abreise? - Zeuge: Ja, der Vorfall war   w e n i g e   S t u n d e n   v o r   d e r   A b r e i s e .   - Vors.: Konnten Sie denn nicht den Revolver in ein anderes Fach legen? - Zeuge: Nein, die anderen Fächer waren verschlossen, weil mein Bruder seine Sachen darin hatte.

 

Verteidiger Dr. Mamroth: Wann haben Sie dann bemerkt, daß der Revolver nicht mehr da war? - Zeuge: Abends, da ich zu Bett ging. - Staatsanwalt: Nachdem Sie am Nachmittag den Revolver in der Hand des Kindes gesehen und abends sein Fehlen feststellten, haben Sie dann nicht wenigstens   s o f o r t   n a c h   K l e p p e l s d o r f   g e s c h r i e b e n ,   damit kein Unheil geschieht? - Zeuge:   N e i n ,   darüber habe ich mir auch Vorwürfe gemacht. Aber mein Bruder wollte in ein paar Tagen zurückkommen. - Vors.:   I n z w i s c h e n   k o n n t e   i n   K l e p p e l s d o r f   a l l e s   t o t g e s c h o s s e n   s e i n . 

 

Verteidiger Dr. Ablaß beantragt nun, durch den Angeklagten vorführen zu lassen, ob er mit einem Arm den Sicherungsflügel herumlegen kann. Grupen tritt aus der Anklagebank und zeigt dem Gerichtshof und den Geschworenen, daß er dies mir Leichtigkeit ausführen kann.

 

Ein Geschworener: Der Zeuge weiß nicht, ob der Revolver geladen war, und der Angeklagte hat behauptet, daß er einen Rahmen mit Patronen in den Revolver gesteckt hat. - Angekl.: Ja. Das habe ich mit Hilfe meines Bruders getan. - Ein Geschworener: Kann der Angeklagte mit einer Hand die Patronen einführen? - Ein anderer Geschworener: Hat der Zeuge die Patronen eingeführt? - Zeuge: Jawohl, ich bin dabei behilflich gewesen. - Vors. (zum Zeugen): Vorhin wußten Sie nicht, was Ihr Bruder mit dem Revolver gemacht hat, und jetzt sagen Sie: Ich habe die Patronen mit hineingetan. - Ein Geschworener: Wenn der Zeuge jetzt weiß, daß Patronen in den Revolver getan wurden, weiß er dann nicht, ob er geladen war? - Zeuge: Jetzt entsinne ich mich, daß wir Patronen hineingetan haben. - Geschworener: Und daß er geladen war? - Zeuge: Dessen erinnere ich mich nicht.

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Und daß der Revolver gespannt war? - Dem Zeugen wird das Spannen vorgemacht. - Zeuge: So viel ich mich erinnere, hat dies mein Bruder gemacht.

 

Die weitere Vernehmung des Zeugen wird dann auf Donnerstag früh ½ 10 Uhr vertagt.

 

*

Die Sitzung am Donnerstag.

Im Gerichtssaal ist heute die weiße Leinwand aufgespannt, auf der die bei der Leichenschau aufgenommenen   L i c h t b i l d e r   vorgeführt werden sollen.

 

Wilhelm Grupen,

der Bruder des Angeklagtem wird weiter vernommen. Der Zeuge hat im Ermittelungsverfahren erklärt, sein Bruder habe ihm 5000 Mark aus dem Erlös des väterlichen Hauses versprochen. Heute bestreitet er dies. Ueber das Verschwinden der Frau Grupen hat ihm sein Bruder nähere Umstände nicht mitgeteilt.

 

Geheimrat   M o l l :   Haben Sie einmal in Ottenbüttel in dem Zimmer geschlafen, in dem die Kinder Grupens schliefen? - Zeuge: Ja, auf der Chaiselongue. - Geheimrat   M o l l :   Der Angeklagte hat gestern behauptet, sein Bruder habe nicht im Zimmer der Kinder geschlafen.

 

Vors. (zum Zeugen): War Ursula bei der Erklärung des Revolvers zufällig da, oder hatte sie der Angeklagte gerufen? Zeuge: Ursula war schon vorher am Schreibtisch. -   I r m a   S c h a d e   behauptet, Wilhelm Grupen habe neben den Kindern im Bett geschlafen, auf das Liegesofa ist Ursula gebettet worden. - Zeugin   H a t j e   bestätigt diese Aussage. - Vors. (zum Zeugen): Sie haben gehört, daß Ihre Aussage im Widerspruch steht mit der Bekundung der kleinen Irma und der eidlichen Aussage des Frl. Hatje. - Zeuge: Ich bitte Frl.   M o h r   darüber zu vernehmen, daß ich auf der Chaiselongue geschlafen habe.

 

Vert. Dr. Mamroth: Ich weiß nicht, was diese Feststellung mit dem Prozeß zu tun hat. - Vors.: Zur Feststellung der Glaubwürdigkeit des Zeugen.

 

Heinrich Grupen,

des Angeklagten zweiter Bruder, ist nach dem Verschwinden der Frau Grupen mit seinem Bruder nicht mehr zusammengekommen, er kann daher keine Angaben über Frau Grupens Verschwinden machen. Er gibt zu, im März 1920 dem Angeklagten einen energischen Brief geschrieben zu haben, in dem er ihn an seine der Mutter und den Geschwistern gegenüber übernommenen Verpflichtungen erinnert, nachdem er das väterliche Haus verkauft hatte. Peter solle die Mutter nicht um die saueren Groschen bringen. Der Zeuge bekundet, sein Bruder habe ihm und den Geschwistern je 5000 Mark Abfindung aus dem Verkauf des väterlichen Hauses versprochen, außerdem wollte er der Mutter freie Wohnung gewähren und 60 Mk. monatlich zahlen. - Der Zeuge wird, ebenso wie sein Bruder Wilhelm, nicht vereidigt.

 

Grundstücksgeschäfte.

Der nächste Zeuge, Heinrich   M a a ß   aus Mehlbeck, ist mit dem Angeklagten im Frühjahr 1920 durch einen Makler in Beziehungen gekommen. Grupen hat vom Bruder des Zeugen ein Grundstück in Ottenbüttel gekauft. Der Kaufpreis von 78 900 Mark wurde durch Uebernahme von Hypotheken in Höhe von 37 000 Markt gelegt, für den Rest, soweit er nicht hypothekarisch eingetragen wurde, lieferte Grupen Vieh. Durch Vermittelung Grupens kaufte der Bruder des Zeugen auch eine Brandstelle in Itzehoe, auch wurde ein Grundstückstausch getätigt. Der Zeuge meint, daß Grupen bei den Grundstücksgeschäften nicht viel verdient habe. Bei einer Hypothekenvermittelung in Altona, an der sich auch Wilhelm Grupen beteiligte, habe Grupen etwa 6000 Mark verdient. Auf ein Haus in Altona hat der Zeuge vom Angeklagten eine Hypothek von 5000 Mark bekommen.

 

Vors.: Haben Sie mit dem Angeklagten nicht einmal über den   A n k a u f   v o n   K l e p p e l s d o r f   gesprochen. - Zeuge: Ja, ich habe mit Frau Eckert darüber gesprochen, die sagte, das Gut gehe wirtschaftlich zurück. Bei einer späteren Unterredung mit Grupen habe dieser gesagt, es wäre das beste, wenn Kleppelsdorf verkauft würde. Ich war bereit, mit Kleppelsdorf anzusehen, wollte aber nur als Vermittler auftreten.

 

Angekl.: Ich habe verschiedene Male über diesen Punkt mit dem Zeugen gesprochen und gesagt, daß der Vormund den Verkauf von Kleppelsdorf beabsichtigte; von einem Ankauf ist nicht die Rede gewesen. - Staatsanw.: Wie kommt der Angeklagte dazu, den Verkauf von Kleppelsdorf, der nie in Frage kam, zum Gegenstand von Besprechungen mit dem Zeugen zu machen? - Angekl.: Ich … …, daß der Vormund verschiedentlich mit dem Verkauf von Kleppelsdorf gedroht hat. - Staatsanwalt:   J a ,   g e d r o h t !

 

Als nächste Zeugen sollen zwei von der Staatsanwaltschaft geladene Einwohner von Mehrbeck vernommen werden. - Vert. Dr. Ablaß widerspricht der sofortigen Vernehmung dieser Zeugen unter Berufung auf § 245, Absatz 2 der Strafprozeßordnung, welcher lautet:

 

„Ist ein zu vernehmender Zeuge oder Sachverständiger dem Gegner des Antragstellers so spät namhaft gemacht, oder eine zu beweisende Tatsache so spät vorgebracht worden, daß es dem Gegner an der zur Einziehung von Erkundigungen erforderlichen Zeit gefehlt hat, so kann derselbe bis zum Schlusse der Beweisaufnahme   d i e   A u s s e t z u n g   d e r   H a u p t v e r h a n d l u n g   zum Zwecke der Erkundigung beantragen.“

 

Vors. (zu den Verteidigern): Bis wann wird die Vertagung beantragt? - Vert. Dr. Mamroth: Unsere Erkundigungen über die Zeugen können vierzehn Tage dauern. - Vors.: Die Erkundigungen können ja telegraphisch eingeholt werden. Der Vernehmung der Zeugen kann die Verteidigung übrigens nicht widersprechen, sie kann aber die Aussetzung der Hauptverhandlung beantragen. - Staatsanw.: Ich bitte, den Verteidigern Gelegenheit zu Erkundigungen bis zum Plädoyer zu geben und die Zeugen am Schlusse der Beweisaufnahme zu hören. - Vert. Dr. Ablaß: Wie lange unsere Erkundigungen dauern sollen, kann uns der Staatsanwalt nicht vorschreiben. - Staatsanwalt: Das Gericht hat über den Antrag der Verteidigung nach   f r e i e m   E r m e s s e n   zu entscheiden. Auf die beiden Zeugen   v e r z i c h t e   i c h   u n t e r    k e i n e n   U m s t ä n d e n .

 

Nach etwa einviertelstündiger Beratung des Gerichtshofes verkündet der Vorsitzende folgenden   B e s c h l u ß :

 

Der   A n t r a g   a u f   A u s s e t z u n g   d e r   H a u p t v e r h a n d l u n g   w i r d   a b g e l e h n t ,   weil es nach Lage der Sache irgendwelcher Erkundigungen nicht bedarf. Gegen die beiden Zeugen liegen keine Tatsachen vor, die Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit begründen könnten. Außerdem ist der Zeuge Maaß zugegen, der sich sofort auf die Bekundungen der Zeugen erklären kann.

 

Die Verteidiger verzichten auf das Angebot des Staatsanwalts, die von ihm vorgeschlagenen Zeugen nicht sofort zu vernehmen. Es wird daher Lehrer Johannes   W i t t m a k   aus Mehlbeck als Zeuge aufgerufen. Er gibt Auskunft über ein mit dem Zeugen Maaß geführtes Wirtshausgespräch, bei dem Maaß gesagt hat, er werde bald mal in einem größeren Unternehmen nach der Lausitz fahren. Von dem Kauf eines Gutes, das einem Mädchen gehört, habe Maaß nichts gesagt.

 

Kaufmann Jakob   W i c h :   Als mir der Kleppelsdorfer Mord bekannt wurde, fragte ich Maaß, ob Kleppelsdorf das Gut sei, das er kaufen wollte. Maaß hat dies bejaht.

 

Alsdann werden die zur Beurteilung vor

 

Grupens Charakter

 

geladenen Zeugen vernommen.

 

Gemüsehändler   H a a s e -   Altona kennt den Angeklagten von der Schulzeit her. Er behauptet, Grupen habe ihn bei der Vermittlung des von ihm, dem Zeugen, gekauften Grundstücks um 20 000 Mark betrogen. Der Kaufpreis sei auf 126 000 Mark festgesetzt gewesen, nachher stellte es sich aber heraus, daß Grupen auf das Haus eine Hypothek von 20 000 hatte eintragen lassen.

 

Vert. Dr. Ablaß: Der Kaufpreis betrug in Wirklichkeit 146 000 Mark. 126 000 Mark wurden im notariellen Kaufpreisvertrag nur genannt, um Stempelkosten zu sparen. - Zeuge: Soviel ich weiß, ist davon nicht die Rede gewesen. - Staatsanwalt: Sie glaubten, das Haus für 126 000 Mk. gekauft zu haben, mußten aber 146 000 Mk. zahlen. - Zeuge: Ja.

 

Gerichtssekretär Albert   L a m p e -   Altona: Nach dem Kaufvertrag ist das Grundstück für 126 000 Mk. verkauft worden. Grupen hat sich eine Hypothek über 20 000 Mk. eintragen lassen, von der Haase nichts wußte. Wenn Haase gewußt hätte, daß das Grundstück 146 000 Mk. kostete, hätte er es nicht gekauft. Ich habe den Eindruck, daß Grupen den Haase um 20 000 Mk. betrogen hat.

 

Klempnermeister Johannes   H o m a n n -   Ottenbüttel hat um Hause der Frau Eckert und der Frau Schade, später auch für Grupen gearbeitet. Ueber dessen Vermögensverhältnisse kann er nur angeben, daß Grupen seine Forderungen, bei denen es sich um kleinere Summen im Gesamtbetrage von 1000 bis 1200 Mk. handelte, stets prompt bezahlt hat. Grupen reiste sehr viel, woraus Zeuge schloß, daß er viele Geschäfte mache.

 

Verteidiger Dr. Mamroth: Erinnern Sie sich, daß der Angeklagte kurz vor dem Verschwinden der Frau Grupen eine Badeeinrichtung für sie bestellte, mit dem Bemerken, er wolle seiner Frau eine Freude machen? - Zeuge: Ja, er wollte die Badeeinrichtung haben, hat sie aber, nachdem die Frau verschwunden war, abbestellt.

 

Vors.: Ist der Ausbau des Hauses in Ottenbüttel vor dem Umzug der Familie Grupen nach Ottenbüttel erfolgt oder nachher? - Zeuge: Vorher.

 

Die weiteren Zeugen sagen teils ungünstig für Grupen aus, indem wieder seine „Geschäftstüchtigkeit“ erwiesen wird, teils günstig, indem sie seine Strebsamkeit und seinen Fleiß im Beruf und in der Baugewerkschule anerkennen.

 

Dann tritt die Mittagspause ein.

 

 

 

Sonnabend, den 17. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Der Mord von Kleppelsdorf.

 

Gutachten der Sachverständigen.

 

Hirschberg, 16. Dezember.

 

Die Hoffnung, noch in dieser Woche zum Schluß zu kommen, ist zu Schanden geworden. Man hatte geglaubt, am Donnerstag noch die Sachverständigen hören zu können, dann den Freitag zur Vorbereitung für die Plaidoyers freilassen, den Sonnabend dem Staatsanwalt und den Verteidigern einzuräumen und in der Nacht zur Urteilsfällung kommen zu können. Die Vernehmung der letzten Zeugen zog sich jedoch länger hin, als erwartet worden war, und so wird es wohl Freitag Abend werden, ehe sämtliche Gutachten erstattet worden sind. Der Sonnabend soll dann sitzungsfrei bleiben. Donnerstag in später Abendstunde entspann sich darüber eine längere Aussprache. Justizrat Mamroth und Geheimrat Moll, die nur mit einer zehntägigen Verhandlung gerechnet und andere Verpflichtungen haben, drängten auf Fortführung der Verhandlung, der Staatsanwalt aber beanspruchte für die Sichtung des gewaltigen Materials einen vollen Tag. Das Gericht erkannte diesen Wunsch als berechtigt an, und so wird es wohl Montag Abend werden, ehe die Geschworenen sich zurückziehen können.

 

Die Donnerstag und Freitag zunächst vernommenen Schreibsachverständigen, der bekannte Gerichtschemiker Dr. Jeserich und Professor Schneidemühl lassen keinen Zweifel darüber, daß nach ihrer festesten Ueberzeugung sowohl der Großmutti-Brief Ursels, in dem sich die Ursula als Täterin hinzustellen scheint, als auch die Abschiedsbriefe der Frau Schade echt sind, das heißt von der Hand Ursels und der verschwundenen Frau geschrieben sind.

 

Die Donnerstag-Nachmittagssitzung eröffnete der Vors. mit der Mittelung, daß soeben ein Telegramm der Polizeiverwaltung in Itzehoe eingegangen sei, wonach ein in Itzehoe wohnender Kolporteur gesehen haben will, wie Grupen seine Frau zwei Tage vor ihrem Verschwinden geschlagen und gewürgt habe. Das Gericht hat beschlossen, den Zeugen Sonnabend zu laden. Dann wird in der Vernehmung der

 

Leumundszeugen

 

fortgefahren.

 

Kunstgewerbeschullehrer   S p r e n g e r -   Hamburg hat von Grupen einen guten Eindruck gewonnen, ebenso von Frau Grupen, die ihm zu einem Besuch in Itzehoe eingeladen hatte.

 

Strafanstaltsinspektor   T s c h e n t k e -  Hirschberg: Der Angeklagte hat sich nach seiner Einlieferung in das Untersuchungsgefängnis ruhig und zuversichtlich benommen. Bei Gesprächen über die Tat, der er beschuldigt wird, hat Grupen stets seine Unschuld beteuert. Verbotener Mittel, sich mit der Außenwelt in Verbindung zu setzen, hat er nicht angewendet. Alle Gefängnisbeamten sind mir seinem Verhalten zufrieden gewesen. - Verteidiger Dr. Ablaß: Haben Sie die Ueberzeugung, daß Sie es bei dem Angeklagten mit einem Menschen zu tun haben, dem die Tat zuzutrauen ist? - Zeuge: Mich hierüber zu äußern, fühle ich mich nicht berufen. - Ein Geschworener: Haben Sie gehört, ob der Angeklagte mit seinem Bruder in der Sprechzeit Plattdeutsch gesprochen hat? - Zeuge: Ja, er hat Plattdeutsch gepsrochen, aber in einer Ausdrucksweise, die wir unbedingt verstehen konnten.

 

Strafanstalts-Oberwachtmeister   F u r c h e -   Hirschberg macht über das Verhalten Grupens in der Untersuchungshaft die gleichen Aussagen wie der Vorzeuge. Grupen habe sich den Beamten gegenüber zuvorkommend und bescheiden gezeigt. Zeuge habe mit Grupen in seiner Zelle über seine Jugend und Heimat gesprochen. Das sei Grupen manchmal so nahe gegangen, daß er weinte. - Vorsitzender: Der Angeklagte hat geweint, tun das andere Gefangene nicht auch? - Zeuge: Ja. Wenn ich Grupen sagte, er solle, falls er sich schuldig fühle, so vernünftig sein und seine Schuld zugeben, beteuerte er jedes Mal seine Unschuld. - Ueber die Besuche der Brüder Grupens im Gefängnis befragt, erklärte der Zeuge, daß er aus Menschlichkeit die Brüder über Nacht in seiner Wohnung aufgenommen habe, weil sie schlecht Unterkommen finden konnten. - Vorsitzender (erstaunt): Den Bruder eines unter schweren Verdacht stehenden Untersuchungsgefangenen haben Sie als Justizbeamter über Nacht bei sich behalten? Das ist doch recht eigenartig! Kennen Sie die Stütze Mohr? - Zeuge: Ich kenne sie nur von ihrem Aufenthalt als Zeugin im Gerichtsgebäude. - Ein Geschworener: Hat irgendein Mitglied der Familie Mohr in dem Hause, in dem Sie wohnen, Unterkunft gefunden? - Zeuge: Nein.

 

Steuerpraktikant   L a n g e -   Itzehoe hat den Angeklagten bei der Erledigung von Steuerangelegenheiten kennen gelernt; es waren Steuererklärungen der Frau Eckert und der Frau Schade zu berichtigen. Er hat ihm nach dem Verschwinden seiner Frau den Rat gegeben, die bekannte Geldkassette durch einen Schlag gegen den Boden zu öffnen. Die Mitteilung Grupens, daß seine Frau nach Amerika gegangen sei, hat der Zeuge wegen der strengen Paßkontrolle nicht geglaubt.

 

Staatsanwalt: Ueber Grupens Vermögensstand bitte ich, den Zeugen später als Sachverständigen zu hören. Nach meinen Feststellungen betrug das Vermögen, über das der Angeklagte als Generalbevollmächtigter seiner Schwiegermutter und seiner Frau verfügte und einschließlich seines eigenen Vermögens, am Tage nach seiner Verhaftung etwa 110 000 Mk. - Angeklagter: Ich werde nachweisen, daß ich über eine Viertelmillion verfüge und nichts vom Vermögen meiner Frau und meiner Schwiegermutter verschleudert habe.

 

Landgerichtsrat   D u b i e l   wird nochmals über den vom Angeklagten aus dem Gefängnis an seine Schwiegermutter zu Händen des Bankiers Guldacker in Itzehoe geschriebenen Brief vernommen. Der Zeuge erinnert sich, daß Grupen in diesem Briefe mit Gefängnis gedroht habe, wenn sie über Wäsche, die zu seinem Haushalt gehöre, verfüge. Er, der Zeuge, hatte aber nicht den Eindruck, daß Grupen mit diesem Briefe seine Schwiegermutter bestimmen wollte, zu seinen Gunsten auszusagen. - Angeklagter: Ich habe vom Gefängnis aus meinen Verwandten gegenüber zum Ausdruck gebracht, wenn sie mich nicht richtig anreden wollen, sollten sie das Briefschreiben lieber unterlassen.

 

Frau   E c k e r t   muß nun Angaben über den

 

Entwicklungsgang der kleinen Ursula

 

machen. Das Kind sei einige Wochen zu früh geboren worden. Es sei von Jugend auf lieb und gut und für alles sehr besorgt gewesen. Schon als Schülerin habe Ursula sehr auf Ordnung gehalten. In Itzehoe und Ottenbüttel sei sie öfters traurig gewesen und habe bei Tisch zu weinen angefangen.

 

Marie Mohr

wird darauf eingehend über Zahl und Inhalt der auf die Reise mitgenommenen Koffer vernommen. Ihre Aussagen sind sehr leise, oft gar nicht zu verstehen, und unsicher. Danach waren es ein großer und zwei kleine Koffer. Von den letzteren gehörte einer Herrn Grupen, einer Frau Eckert. In dem einen waren Lebensmittel für die Reise, und dieser Koffer ist auch geöffnet worden, die Zeugin hat hineingesehen, hat aber   w e d e r   R e v o l v e r   n o c h   P a t r o n e n   darin gesehen, was sie, wie sie zugibt, hätte sehen müssen, wenn sie darin gewesen wären. (Anfänglich sagt die Zeugin, auf die Frage des Vorsitzenden, sie   w i s s e   n i c h t ,   ob sie die Waffe hätte sehen müssen, wenn sie darin gewesen wäre.)

 

Verteidiger Dr. Ablaß: Ist es richtig, daß Sie jetzt mit jemand anderem versprochen sind? - Marie Mohr: Ja. - Die Zeugin will insbesondere nicht wissen, wer die Koffer gepackt hat. Auch auf die Frage, wer die Koffer vom Bahnhof nach dem Schlosse getragen und wo sie hingeschafft worden sind, gibt die Zeugin nur unsichere Auskunft.

 

Untersuchungsrichter   D u b i e l   gibt auf Veranlassung des Staatsanwalts Auskunft über das Verhalten der Zeugin bei ihrer Auskunft über das Verhalten der Zeugin bei ihrer Auskunft über gewisse bedenkliche Situationen. Auf seine frage, ob sie denn gar kein Schamgefühl habe, sagt sie: Nein! Später hat sie aber gesagt: Doch, ich habe mich geschämt.

 

Marie   M o h r   wird dann nochmals (im Nacheid) vereidigt, nach wiederholter dringender Ermahnung des Vorsitzenden.

 

Margarete   H a t j e   meldet sich zu einer Ergänzung ihrer Aussage. Grupen hat ihr gesagt, daß Dorothea ihm mehrere Heiratsanträge gemacht habe, er habe sie aber nicht gemocht. Ueber   W i l h e l m   G r u p e n   sagt die Zeugin, daß er früher, als er bei ihrem Vater Maurerpolier war, ein tadelloser Arbeiter war, dann aber einen weniger guten Ruf hatte, weil er immer mit dem Bruder Peter Geschäfte gemacht hatte und weil er viel Geld ausgab und nächtliche Feste feierte.

 

Vorsitzender: Kann diese Zeugin nun entlassen werden. - Staatsanwalt: Ich entlasse keinen Zeugen mehr.

 

Kommissarische Zeugenvernehmungen.

Es werden nun Aussagen von Zeugen verlesen, welche wegen Krankheit oder aus anderen Gründen nicht zur Verhandlung kommen konnten.

 

Frau Studienrat   B r o o k -   Itzehoe bekundete bei ihrer kommissarischen Vernehmung u. a.: Nach der Mitteilung einer Lyzeallehrerin, bei der Ursula Schade in den Unterricht ging, habe Ursula in der Religionsstunde einmal das Wort „Hypnose“ erwähnt. Ruth Reske oder Irma Schade sollen, wie Frau Eckert erzählte, einmal gesehen haben, wie Grupen über dem Bett Ursulas   s t r e i c h e l n d e   B e w e g u n g e n   machte.

 

Professor   D r .   H e i t m a n n -   Hamburg hat vor dem Hamburger Amtsgericht folgendes erklärt: Grupen war auf der Baugewerkschule ein fleißiger, vorwärtsstrebender Schüler, der die Abgangsprüfung mit „gut“ bestanden hat. Ueber seinen Lebenswandel ist mir nicht sbekannt. Was Grupen auf der Baugewerkschule gelernt hat, reicht nicht auf, daß der Angeklagte sich „Architekt“ nennen kann.

 

Aus dem Vernehmungsprotokoll der Frau Bauergutsbesitzer   P o p p -   Ottenbüttel geht hervor, daß die Zeugin sich nicht erinnern kann auf eine Aeußerung ihres Vaters, Grupen solle sich von den Kindern trennen, denn man könne nicht verlangen, daß er die Kinder einer treulosen Frau erziehe. Sie könne sich auch nicht erinnern, daß Grupen darauf ihrem Vater geantwortet habe, er habe die Kinder so lieb und könnte es nicht über das Herz bringen, die Kinder unter der Handlungsweise der Frau leiden zu lassen.

 

Frau Dorothea   B e r g m a n n -   Itzehoe erklärte dem vernehmenden Richter: Das Verhältnis zwischen den Grupenschen Eheleuten war normal, zwischen Grupen und den Kindern harmonisch. Grupen hat nach dem Verschwinden seiner Frau erzählt, daß Ursula rührend für ihn sorge. Wenn er abends nicht zu Hause sei, mache sie ihm etwas zu essen oder naschen zurecht und legen einen Zettel dazu: „Für Dich, lieber Vati!“ Bei einem Besuch im September v. J. war Grupen in heiterer Stimmung. Als ich ihn nach dem Befinden seiner Frau fragte, sagte er, sie wäre verreist; davon, daß sie ihn verlassen habe und nach Amerika gegangen ist, sagte er kein Wort. Auch bei einem einige Wochen später erfolgten Besuch sprach er nicht von seiner Frau, sondern nur davon, daß er die Hatje in sein Haus habe kommen lassen, die Tochter seines Lehrmeisters, zu dem er einmal gesagt habe, daß er sein Schwiegervater werden müsse. Als ihm gesagt wurde, man erzähle, daß seine Frau verschwunden sei, gab er dies zu, erklärte aber auf die Frage, was er für Nachforschungen angestellt habe, er sei nicht geneigt, dafür viel Geld auszugeben, denn die Frau habe ihm 70 000 Mk. mitgenommen. Ueberdies habe ihm der Notar Reinicke gesagt, er solle die Sache ein Jahr ruhen lassen und dann einen Aufruf in den Zeitungen veröffentlichen.

 

Geh. Rechnungsrat   N e u g e b a u e r -   Berlin und seine Ehefrau machten Bekundungen, aus denen hervorgeht, daß Frau Eckert und Frau Schade das Vermögen der Ruth Reske benachteiligt haben sollen.

 

Der Angeklagte erklärt, er habe zu den Vernehmungsprotokollen keine Angaben zu machen.

 

Es folgen die

 

Gutachten der Sachverständigen.

 

Bücherrevisor Walter   S c h ä r f f -   Brieg äußert sich über

 

Grupens Vermögenslage

 

folgendermaßen: Grupen hatte keine Buchführung, so daß ein klares Bild über die Vermögenslage nicht möglich ist. Der Sachverständige teilt sein Gutachten in drei Zeitabschnitte ein: erstens: was besaß Grupen bei seiner Verheiratung mit Frau Schade?, zweitens: was besaß er bis zum Verschwinden der Frau Schade?, drittens: über welche Mittel verfügte er in der Zeit zwischen dem Verschwinden und dem Vorfall in Kleppelsdorf?

 

Bis zu seiner Verheiratung mit Frau Schade besaß der Angeklagte nichts. Das greifbare Kapital, das seine Frau mitbrachte, war niedrig und die festliegenden Kapitalien der Frau konnten ihm in seinem Geschäft nicht nützen. Grupen hatte 9000 Mark aus seiner Beschäftigung beim Vater, eine einmalige Abfindung als Kriegsinvalide von 8000 Mk., außerdem verschiedene kleine Einnahmen, also etwa 17 000 bis 20 000 Mk. Diese Summe hatte er ausgegeben, denn zwei Zeugen haben einwandsfrei ausgesagt, daß er zurzeit der Verheiratung nichts hatte; er mußte sogar im Mantel seines Vaters um die Hand seiner Frau anhalten. Durch die Heirat fiel ihm kein größeres Barvermögen in die Hände. Für das Reichsnotopfer wurden die beiden Vermögen des Ehemannes und der Ehefrau am 31. Dezember 1919 (wenige Tage vorher hatte die Heirat stattgefunden), mit 31 000 Mk. veranlagt. In diesen 31 000 Mark liegen 7300 Mark Barvermögen, eine Summe, die bald aufgebraucht war. Schon im März 1920 sah Grupen sich genötigt, durch die Verpfändung des Brillantenschmucks der Fr. Eckert an Lange-Hamburg sich Geld zu verschaffen. Er erhielt 6000 Mk. Bald versetzte er auch ein oder zwei Pelzjacketts, wofür er nur kleine Beträge erhielt. Für das Silber bekam er 1700 Mark. Ostern 1920 erfolgte der Verkauf des väterlichen Grundstücks in Haseldorf, wodurch er 17 000 Mk. erübrigt haben soll. Das sind kleine Beträge, um Haushalts. und Geschäftsunkosten zu bestreiten. Wir wissen, daß Grupen viel unterwegs gewesen ist und manchmal auch von seiner Frau begleitet wurde, die Geschäftsunkosten müssen also groß gewesen sein. Andererseits haben wir gehört, daß der Haushalt ein sparsamer war. Bei den Grundstücksgeschäften handelte es sich nur um sehr wenige Transaktionen. Bei dem Verkauf des Grundstücks in Itzehoe, den er vornahm, um in Ottenbüttel das weniger wertvolle Gelände zu erhalten, ist der Gedanke nahe liegend, daß er da nach weiterem Kapitel gestrebt hat. Aber bei genauer Betrachtung handelt es sich nicht um einen Kauf, der ihm Barvermögen brachte, sondern um einen Tausch. Badgeld erhielt er bei dieser Transaktion, obwohl es sich im Objekte im Gesamtwert von 125 000 Mk. handelte, nicht.

 

Bis Ende Juli zehrte Grupen von insgesamt 32 000 Mk., die zuflossen dem Haushalt, dem Geschäftsbetriebe und dem Umbau des Ottenbüttler Grundstücks,. der allein 25 000 Mk. erfordert haben soll. Dazu kommt der Betrag, den er aus Wertpapieren erlöst haben soll und den er seiner Frau zur Bestreitung des Haushalts zur Verfügung gestellt haben will. Daß der Angeklagte gezwungen war, sich weitere Mittel zu verschaffen, beweist auch der Verkauf der Saloneinrichtung aus Itzehoe, wobei er 9000 Mark löste. Außerdem machte er verschiedene Geschäfte mit seinem Bruder und mit Maaß. Diese Geschäfte liefen ja in ziemlich hohe Beträge, aber die Einkünfte verteilten sich auf zwei bis drei Makler. Dabei dürfen wir auch nicht vergessen, daß die Vermittlergeschäfte ihre Abwicklung nach der Tragödie von Kleppelsdorf fanden. Aus dem Ottenbüttler Grundstück floß dem Angeklagten kurz vor seiner Abreise nach Kleppelsdorf der Betrag von 60 000 Mk. zu. Das ist das erste Mal gewesen, daß er einen solchen Betrag wirklich in Händen hatte. Es ist gesagt worden, daß Frau Grupen und Frau Eckert ihm zwei Hypotheken im Werte von 72 000 Mark abgetreten hätten, die er in der Kassette verwahrt haben will. Tatsächlich sind ihm aber nicht 72 000 Mk. zugeflossen, denn eine Zahlung hat nicht stattgefunden. Der Sachverständige schließt: Ich will die Frage, ob in der Kassette 60 000 oder 72 000 Mk. oder gar nicht darin war, nicht selbst entscheiden, das überlasse ich den Herren Geschworenen.

 

An das Gutachten knüpfte sich eine sehr   l e b h a f t e   A u s e i n a n d e r s e t z u n g   zwischen den Verteidigern und dem Sachverständigen, in die auch der Staatsanwalt wiederholt eingriff. Die Verteidiger bemängelten, daß das Gutachten von greifbaren Mitteln rede, während es sich über die Vermögenslage hätte äußern sollen. Der   S t a a t s a n w a l t   erklärte, daß er in seinem Plaidoyer die Vermögenslage Grupens auf Grund von dessen eigenen Angaben behandeln werde. Vert.   D r .   A b l a ß   protestierte gegen das Gutachten, das auf völlig verfehlter Grundlage beruhe und als Beweismittel nicht gelten könne.

 

Die Briefe.

D r .   J e s e r i c h -   Berlin hatte die Aufgaben, erstens: den   B r i e f   a n   G r o ß m u t t i   zu vergleichen mit   H a n d s c h r i f t e n   d e r   U r s u l a   S c h a d e ,   um festzustellen, ob dieser Brief von ihr herrühre oder ob er von einem Anderen, besonders dem Angeklagten, geschrieben sei; zweitens: festzustellen, ob das Wort „traurige“ in dem Briefe an Frau Bartel von Ursula selbst nachträglich hinzugefügt worden sei.

 

Der Großmutti-Brief

vom 9. Februar, in dem davon die Rede ist, daß Ursel die Waffe an sich genommen habe und Großmutter sich nicht mehr über Dörte ärgern solle, ist von den Sachverständigen mit einem unzweifelhaft von Ursula stammenden Briefe verglichen worden,   D r .   J e s e r i c h ,   der den Geschworenen bis in alle Einzelheiten seine Vergleiche darlegt, kommt zu dem Schluß,   d a ß   z w i s c h e n   d i e s e m   m i t   B l e i   g e s c h r i e b e n e n   G r o ß m u t t i - B r i e f e   u n d   d e m   m i t   T i n t e   g e s c h r i e b e n e n   e c h t e n   U r s u l a - B r i e f e   A b w e i c h u n g e n   w e s e n t l i c h e r   A r t   n i c h t   z u   f i n d e n   s i n d .   Im Großmutti-Brief sind, wie das bei flüchtiger Schrift sehr oft vorkommt, die Uebergänge mehr abgerundet, als die mit Tinte geschriebenen Briefe. Das sind die einzigen Momente, die als Unterschied gefunden worden sind. Sonst herrscht   U e b e r s t i m m u n g   b i s   i n s   K l e i n s t e .   Die Gesamtschrift gibt zu einer Annahme, daß der Brief   n i c h t   von Ursel geschrieben worden ist, keine Veranlassung. Andererseits sei die Möglichkeit einer Fälschung jedoch nicht ausgeschlossen, aber es sei kaum möglich, einen ganzen Brief in allen Einzelheiten so treu nachzubilden. Es spräche nichts für die Vermutung, daß der Brief nicht von Ursula geschrieben worden sei. Ein mathematischer Beweis, daß er tatsächlich von Ursel geschrieben worden sei, könne natürlich nicht geführt werden.

 

Vors.: Herr Sachverständiger, auf Grund Ihrer Erklärungen in der Voruntersuchung muß ich Sie fragen, ob der Brief nicht gewisse Aehnlichkeiten mit der Grupenschen Schrift aufweist.

 

D r .   J e s e r i c h :   Selbstverständlich, Aehnlichkeiten, wie sie zwischen   a l l e n   Schritten bestehen, man kann ein x nicht wie ein y schreiben. Mit der Grupenschen Schrift besteht eigentlich nur in der Abflachung des Uebergangs vom ersten zum zweiten Element der Buchstaben und im kleinen r eine Uebereinstimmung. Es spricht jedoch keinerlei Wahrscheinlichkeit dafür, daß Grupen den betreffenden Brief geschrieben hat. Wenn der Brief nachgeschrieben worden ist, so muß es ein Künstler im Malen gewesen sein, wie ich ihn in meiner dreiundvierzigjährigen Praxis nicht kennen gelernt habe. Ob auf dem

 

Brief an Frau Barthel,

(der ebenfalls vom 9. Februar datiert ist und in dem Ursula sehr vergnügt über das Leben in Kleppelsdorf berichtet) bei der Unterschrift „Ursel“   d a s   W o r t   „ t r a u r i g e “   v o n   a n d e r e r   H a n d   hinzugefügt worden ist, läßt sich   n i c h t   feststellen. Das Wort „traurige“ weist in allen Einzelheiten die Eigenart der Schrift Ursulas auf, doch kann ein aus so wenig Buchstaben bestehendes Wort nachgebildet worden sein und deshalb kann aus der Uebereinstimmung der Schriftzüge irgend ein Schluß   n i c h t   gezogen werden.   P o s i t i v   i s t   a b e r   f e s t g e s t e l l t   w o r d e n ,   d a ß   d a s   W o r t   „ t r a u r i g e “   n a c h t r ä g l i c h   h i n z u g e f ü g t   w o r d e n   i s t   und zwar mit gleichartiger Tinte und nachdem die ursprüngliche Schrift bereits getrocknet war, also mindestens 3 bis 4 Minuten nach Abschluß des Briefes. Ob Ursel das Wort geschrieben hat, kann ich nicht sagen. Es kann von ihr sein, kann aber auch nachgemacht worden sein.

 

Freitag vormittag ½ 10 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt.

 

*

Die Verhandlung am Freitag.

Zu Beginn der heutigen Sitzung teilt der Vorsitzende mit, daß der Beisitzer, Landgerichtsrat   H e r z o g ,   an Grippe erkrankt und an seine Stelle der Hilfsrichter, Assessor   H u b r i c h ,   getreten ist.

 

Dann setzt der Schriftsachverständige   D r .   J e s e r i c h   sein Gutachten fort, und zwar über die Frage, ob die

 

Abschiedsbriefe der Frau Grupen

 

echt sind. Die Untersuchung hat ergeben, daß die Schrift der Abschiedsbriefe mit älteren Briefen der Frau Grupen   v o l l k o m m e n   ü b e r e i n s t i m m t .   Der Sachverständige ist zu dem Schluß gekommen, daß an eine Nachbildung der Abschiedsbriefe nicht zu denken ist.

 

Vors.: Ist es möglich oder wahrscheinlich, daß der   A n g e k l a g t e   die Briefe nachgeahmt hat? -   D r .   J e s e r i c h :   Ich halte es weder für möglich noch für wahrscheinlich. - Eine psychologische Beurteilung der Briefe lehnt Dr. Jeserich ab.

 

Der zweite Schreibsachverständige.

Darauf erhält Professor Dr.   S c h n e i d e m ü h l -   Berlin das Wort zur Handschriftenbeurteilung: Der Fall, um den es sich handelt, stößt in weitesten Kreisen auf Vorurteil und Mißtrauen. Dieses Vorurteil und Mißtrauen muß zunächst zerstreut werden, sonst würde ich tauben Ohren predigen. Bei der wissenschaftlichen Handschriftenbeurteilung handelt es sich um die Lehre, aus der Handschrift auf den Charakter des Menschen zu schließen. Die   G r a p h o l o g i e   hat damit, wie vielfach angenommen wird, nichts zu tun. Der   G r o ß m u t t i - B r i e f   wies auf den ersten Blick einige Aehnlichkeiten mit der Schrift des Angeklagten auf, aber sehr bald änderte sich das vorläufige Urteil. Obwohl genügend Schriftproben des Angeklagten vorlagen, habe ich Wert darauf gelegt, den Angeklagten beim Abschreiben eines von ihm, dem Sachverständigen, entworfenen Schriftsatzes zu sehen und zu beobachten. Bei dieser Gelegenheit wurde Grupen gefragt, ob er sich mit okkultistischen Dingen befasse. Die Zögerung mit der Antwort erklärte sich der Sachverständige mit Unkenntnis des Angeklagten auf diesem Gebiete. Nach gegebener Definition des Begriffes „Okkultismus“ verneinte Grupen die Frage. Ich habe Grupen weiter gefragt, ob er sich mit Hypnose oder Suggestion beschäftigt, ob er solche Schriften gelesen oder solche Schaustellungen besucht habe. Grupen bejahte: als Baugewerksschüler habe er sich hypnotische und Suggestions-Vorstellungen angesehen. Vom Untersuchungsrichter ist mir die Frage zur Beantwortung vorgelegt worden: Ist anzunehmen, daß der Angeklagte den Brief an Großmutti geschrieben hat, oder ist anzunehmen, daß Ursula Schade ihn geschrieben hat? Auf der ganzen Welt gibt es nicht zwei Menschen, die die   g l e i c h e   Schrift schreiben, höchstens eine   ä h n l i c h e   Schrift. Wie die Gehirne der Menschen durchweg nicht gleichartig sind, so ist auch jede Handschrift verschieden. Bei aller Aehnlichkeit zweier Handschriften werden sich die Buchstabenbilder nicht so decken wie etwa die Typen aus dem Setzkasten. Der Sachverständige ist   z u   d e m   S c h l u ß   g e k o m m e n ,   d a ß   U r s u l a   d e n   B r i e f   a n   G r o ß m u t t i   g e s c h r i e b e n   h a t .   Auch unterliegt es für ihn keinem Zweifel, daß   F r a u   G r u p e n   i h r e   A b s c h i e d s b r i e f e   s e l b e r   g e s c h r i e b e n   hat. Nun die schwierigste Frage:

 

Liegt eine Beeinflussung der Schrift vor?

Dieser Brief der Ursula ist ganz ruhig geschrieben; die Schriftzüge sind dieselben bei den anderen Briefen der Ursula und weisen dieselben Eigentümlichkeiten auf, eine gleichmäßige und ruhige Schrift. Die Schrift eines niedergedrückten Menschen erscheint niedergedrückt, der seelische Zustand drückt sich auch noch in der Schrift aus. Bei einem Kinde wie Ursula, die sehr zart, weich und fremdem Einfluß leicht zugänglich war, hätte sich der seelische Zustand erst recht in der Handschrift ausdrücken müssen. Es kann daher diesem Kinde, als sie den Brief an Großmutti schrieb,   d e r   f u r c h t b a r e   I n h a l t   d i e s e s   B r i e f e s   n i c h t   z u m   B e w u ß t s e i n   g e k o m m e n   s e i n .   Bei einem Kinde, das die Absicht hat jemand Anderes und sich selbst zu erschießen,    m ü ß t e   sich diese damit verbundene seelische Erschütterung auch in der Schrift   a u s d r ü c k e n .

 

Auch in dem Abschiedsbriefe der Frau des Angeklagten findet sich keine Aenderung der Schriftzüge der Schreiberin, während sich die furchtbare Seelenerschütterung, die die Schreiberin bei der Absicht, Heimat, Mann und Kinder zu verlassen, gehabt haben muß, sich darin hätte ausdrücken müssen. Es müssen also auf Frau Grupen seelische Einwirkungen gewisser Art, die ihr ganzes Sinnen und Empfinden beeinflußten, stattgefunden haben, - welcher Art, weiß ich nicht. In anderen Briefen der Frau findet sich, daß sich die niedergedrückte Stimmung der Schreiberin in den Schriftzügen ausdrückte.   E s   m u ß   a l s o   e t w a s   i m   I n n e r n   d e r   F r a u   G r u p e n   d u r c h   f r e m d e n   E i n f l u ß   a u s g e s c h a l t e t   w o r d e n   s e i n .

 

Auf wiederholte Frage des Verteidigers   D r .   M a m r o t h   hält der Sachverständige sein Gutachten aufrecht.

 

Staatsanwalt: Herr Sachverständiger, wenn wir nun von einem späteren Sachverständigen hören sollten, daß tatsächlich ein solcher Einfluß auf die Frau ausgeübt worden ist, würde das noch eine Bestätigung Ihres Gutachtens sein? - Professor   S c h n e i d e m ü h l : Das würde allerdings meine Auffassung vollauf erklären.

 

Auf Fragen eines Geschworenen erklärte Professor Schneidemühl noch, daß sich auch in der einige Tage vor dem Verschwinden der Frau geschriebenen Abtretungsurkunde   k e i n e   M e r k m a l e   d e r   s e e l i s c h e n   E r r e g u n g   z e i g e n ,  so daß also auch damals die Schreiberin unter jenem Einfluß stand.

 

Verteidiger Dr.   M a m r o t h :  Aber der Inhalt der Briefe, in denen der Sachverständige besondere Merkmale einer seelischen Erschütterung erkennen will, ist durchaus harmloser Art, so daß sich aus dem Inhalt die angeblich niedergedrückte Stimmung der Schreiberin nicht ergibt. Die Tatsachen, aus denen der Sachverständige auf die seelische Niedergedrücktheit der Schreiberin schließt, schweben also völlig in der Luft.

 

Prof.   S c h n e i d e m ü h l   widerspricht dieser Auffassung. Wenn Jemand unter seelischer Verstimmung leidet, dann prägt sich dies auch in den Briefen aus, die an sich einen harmlosen Inhalt haben.

 

Verteidiger   D r .   A b l a ß   faßt das Gutachten des Sachverständigen zusammen. Erstens: die sechs Abschiedsbriefe zeige keine Zeichen seelischer Erregung, während die Merkmale da sein müßten, wenn diese Erregung nicht durch fremden Einfluß ausgeschaltet gewesen ist. Zweitens: in den anderen Briefen findet der Sachverständige die Merkmale der seelischen Verstimmungen, wenn er auch keine Tatsachen anführen kann, auf denen die seelische Erregung beruhen soll.

 

Die Auseinandersetzungen nehmen noch längere Zeit in Anspruch. Dabei fragt noch Verteidiger   D r .   M a m r o t h,   ob es nicht richtig sei, daß sich gerade Frauen auch beim Schreiben auf liniiertes Papier nicht an die Linien halten.

 

Professor   S c h n e i d e m ü h l :   Das Gegenteil ist richtig.

 

Verteidiger   D r .   A b l a ß :   Herr Sachverständiger, ist es nicht möglich, daß, wenn Jemand sich nach langen Kämpfen zu einem festen Entschluß durchgerungen hat, so daß eine eisige Ruhe über ihn kommt, er dann auch ohne Merkmale einer seelischen Erregung schreibt?

 

Professor   S c h n e i d e m ü h l :   Der Fall ist wohl denkbar, aber Frau Grupen gehörte wohl nicht zu den Personen, bei denen dies möglich war.

 

Weiter verbreitet sich Prof.   S c h n e i d e m ü h l   über

 

das Schreiben in Hypnose.

 

Er erzählt über interessierte Versuche, die von wissenschaftlicher Seite gemacht worden sind. Ein in Hypnose versetzter dänischer Student habe, als man ihm vorredete, Napoleon zu sein, dessen richtigen Namenszug geschrieben, dann die Schrift einer alten Frau und eines Kindes, als er diese vorstellen sollte. Der Sachverständige zeigt selbst an der Schreibtafel, wie er die Schriftzüge eines zwölfjährigen Kindes nachahmt, weil er sich sehr intensiv in dessen Gedankengang versetzt hat.

 

Dann erstattet Büchsenmachermeister   W a l t e r -   Löwenberg sein Gutachten, indem er zunächst über die Ergebnisse der

 

Schießversuche

 

berichtet. Er hat im Beisein des Kreismedizinalrates Dr. Peters mit der bei der Ursula gefundenen Pistole auf die verschiedensten Entfernungen, von 5 Zentimetern angefangen, auf Stoffe und Holz geschossen. Die durchschossenen Stoffe wurden vorgezeigt. Die Waffe war eine Walterpistole Modell 5, bei der die Hülsen der abgeschossenen Patronen nur nach rechts, bei Schüssen auf größere Entfernungen nach rechts   u n d   etwas nach hinten fallen können. Der Sachverständige zeigte dann auf der Zeichnung, wo bei den, auf Wunsch des Angeklagten im Mordzimmer vorgenommenen vielen Schießversuchen in jedem einzelnen Falle der Schütze stand, wie der die Pistole hielt und wo dann die Hülse der abgeschossenen Patrone lag.

 

Wie ist geschossen worden?

Der Sachverst. Walter hält es für   a u s g e s c h l o s s e n ,   d a ß   U r s u l a   S c h a d e   s i c h   s e l b s t   e r s c h o s s e n   h a t .   Nach seiner Ueberzeugung   h a t   d e r   T ä t e r ,   etwa in der Mitte des Zimmers stehend,   a u f   D o r o t h e a   R o h r b e c k   d e n   e r s t e n   S c h u ß   a b g e g e b e n ,   d e n   z w e i t e n   a u f   d i e   z u r   R o l l s t u b e n t ü r   f l ü c h t e n d e   U r s u l a   S c h a d e   und den   d r i t t e n   (einen sogenannten Fangschuß) wieder auf die noch atmende   D o r o t h e a   R o h r b e c k .   Daß auf Ursula   a u s   w e i t e r e r   E n t f e r n u n g   geschossen worden ist,   a l s   a u f   D ö r t e ,   ist aus der Tatsache zu folgern, daß das in die rechte Stirn eingedrungene Geschoß die   S c h ä d e l d e c k e   n i c h t   d u r c h s c h l a g e n   hat, sondern darunter stecken geblieben ist. Der Kopfschuß auf Dörte ist   a u s   k u r z e r   E n t f e r n u n g   abgefeuert worden.

 

Bei Schluß der Redaktion dauerte die Vernehmung des Sachverständigen noch fort.

 

 

 

Sonntag, den 18. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Beendigung der Beweisaufnahme.

Die Sachverständigen über die Selbstmord-Annahme.

Grupen lehnt alle Erklärungen ab.

 

Hirschberg, 17. Dezember.

 

Die Verhandlung geht ihrem Ende entgegen. In der Nacht zum Dienstag wird das Urteil erwartet. Am Freitag ist die Beweisaufnahme im wesentlichen abgeschlossen worden. Am Montag sollen, - während der Sonnabend für die Plaidoyers sitzungsfrei bleibt, - zunächst noch einige Vernehmungen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erfolgen und alsdann der Staatsanwalt und die Verteidiger zum Wort kommen.

 

Freitag war der Tag der Gutachter. Die Schießsachverständigen, die Aerzte, die die Leichen der beiden unglücklichen Opfer der Tragödie untersucht haben und schließlich die Psychologen erhielten der Reihe nach das Wort, und sie alle kamen, jeder von seinem besonderen eigenen Standpunkt aus, zu dem Ergebnis, daß ein Selbstmord der kleinen Ursula, der aus dem Großmutti-Briefe gelesen werden könnte, ausgeschlossen ist oder doch höchst unwahrscheinlich erscheint. Professor Moll aus Berlin, eine Weltautorität auf dem Gebiete der Seelenforschung, hält irgendwelche hypnotischen Einwirkungen für ausgeschlossen, betont aber um so stärker die suggestiven Beeinflussungen des willenstarken Angeklagten auf seine ganze Umgebung, und ergeht sich dabei in sehr feinen tiefgründigen Auslassungen über das Wesen der Suggestion und der zwingenden Macht von Willensmenschen auf schwache Personen. Der Angeklagte, der sich mit seinen stahlharten Nerven dem Ansturm der nahezu vierzehntägigen Verhandlung voll gewachsen gezeigt hat, verfolgte die Darlegungen mit gespannter Aufmerksamkeit, verweigert aber, seitdem er mittags für einen Augenblick seine Ruhe verloren hatte, jetzt jegliche Erklärung.

 

Im Einzelnen ist noch zu berichten:

 

Büchsenmachermeister   W a l t e r -   Löwenberg gibt weiter der Ansicht Ausdruck, daß der Täter etwa   i n   d e r   M i t t e   d e s   Z i m m e r s   gestanden haben müsse, sonst wären die Patronenhülsen nicht auf die dem Wintereßzimmer zu gelegene Seite gefallen. Alle in dem Mordzimmer vorgenommenen Schießversuche, auch die nach Anweisung des Angeklagten durchgeführten, stützen diese Ansicht. Nach der Art der Waffe und nach der Lage der Patronenhülsen ist der Sachverständige der festen Ueberzeugung, daß Dörte und Ursula von dritter Hand erschossen worden sind. Der Täter muß in der Nähe der Dörte gestanden haben.

 

Staatsanwalt: Wenn die Theorie des Selbstmordes der Ursula richtig wäre, müßten dann nicht die Hülsen in dem Teile des Zimmers gelegen haben, der an die Rollstube angrenzt?

 

Walter: Ja. Dort haben die Hülsen nicht gelegen, und aus diesem Teile des Zimmers hätten sie nicht so leicht verschleppt werden können, weil der Tatort vom Winteresszimmer aus betreten wurde.

 

Der Angeklagte, der vor der Tafel mit der Skizze des Mordzimmers steht, nimmt das Lineal zur Hand und erörtert die Möglichkeit, daß die Hülsen auch bei einem Selbstmord Ursulas an die Stellen gefallen sein können, wo sie gefunden wurden. Die Schußrichtung müsse eine andere gewesen sein, als der Sachverständige annehme. Der Vorsitzende unterbricht den heftig redenden Angeklagten mit der Bemerkung, er handele sich nicht um Schußrichtungen, sondern um den Standort des Täters.   D e r   A n g e k l a g t e   w i r f t   h i e r a u f   m i t   h o c h r o t e m   K o p f   e r r e g t   d a s   L i n e a l   a u f   d e n   T i s c h   u n d   b e g i b t   s i c h   w ü t e n d   i n   d i e   A n k l a g e b a n k ,   d e r e n   T ü r   e r   k r a c h e n d   h i n t e r   s i c h   z u s c h l ä g t .

 

Vorsitzender (zum Sachverständigen): Wäre nach Ihrer Annahme die dreizehnjährige Ursula überhaupt fähig gewesen, den Revolver so zu handhaben, daß sie sich selbst erschießen konnte?

 

Walter: Nach meinen Erfahrungen kann ein Mädchen durch bloßes Zusehen beim Erklären einer Waffe diese nicht gleich mit Sicherheit handhaben. Zudem waren, seit die Ursula den Revolver das letzte Mal gesehen, und dem Tage der Tat, sieben oder acht Tage verflossen. Weibliche Personen haben gegen Schußwaffen so große Antipathie, daß sie sich dieselben überhaupt nicht genau ansehen. Dann sind die drei Schüsse auch mit einer   T r e f f s i c h e r h e i t   abgegeben worden, die ein dreizehnjähriges Kind nicht haben kann. Revolver erfordern eine ganz besondere Schießfertigkeit. Bei den   S c h i e ß v e r s u c h e n   mit der Mordwaffe haben im Schießen geübte Personen auf ein Brett, das die Größe eines Kanzleibogens hatte, im ganzen nur vier- bis fünfmal getroffen, obwohl mit sechs Meter Distanz über 30 Schüsse abgefeuert wurden.

 

Kreismedizinalrat   D r .   P e t e r s :   Es ist auch zu beachten, daß die Waffe einen sehr starken Rückschlag hat.

 

Ein Geschworener: Will der Angeklagte darüber Auskunft geben, ob er im Felde als Maschinengewehrschütze, Gefechtsordonnanz, Bagagefahrer oder Bursche tätig gewesen ist?

 

Angeklagter (mit großer Heftigkeit):   I c h   l e h n e   j e d e   E r k l ä r u n g   i n   Z u k u n f t   a b .

 

Der Geschworene: Meine Frage hat einen besonderen Grund.

 

Vorsitzender: Es ist das Recht des Angeklagten, auf Erklärungen zu verzichten.

 

Verteidiger   D r .   A b l a ß   (zum Sachverständigen): Halten Sie es für möglich, daß ein Kind, wenn die Waffe geladen und gesichert warm den Sicherungsflügel umlegen konnte? -   W a l t e r :   Möglich wäre es schon, im vorliegenden Falle aber nicht wahrscheinlich. - Vorsitzender: Wenn ein Kind weiß, daß die Waffe geladen ist, dann wird es sich doch nicht noch ein Kästchen mit Patronen mitnehmen. - Sachverständiger: Das glaube ich auch nicht.

 

In der Nachmittagssitzung wird zunächst

 

der zweite Schießsachverständige,

 

Gewehrfabrikant   H e n s e l -   Breslau, vernommen. Er erklärt kurz, daß er sich dem Gutachten Walters in allen Punkten   a n s c h l i e ß e .   Auch er ist insbesondere der Ansicht, daß nach der Beschaffenheit der Waffe und der Lage der Patronen ein   S e l b s t m o r d   d e r   U r s u l a   S c h a d e   a u s g e s c h l o s s e n   sei.

 

Der Angeklagte schweigt auf die Frage des Vorsitzenden, ob er zu diesen Gutachten etwas zu bemerken habe.

 

Es folgen die

 

ärztlichen Gutachten.

 

Kreis-Medizinalrat   D r .   P e t e r s -   Löwenberg legt seinem Gutachten den von ihm festgestellten Leichenbefund zu Grunde. Vorher ersucht er den Vorsitzenden, an den Angeklagten die Frage zu richten, ob er wünsche, zu seinen Ausführungen Stellung zu nehmen und zu diesem Zweck aus der Anklagebank zu treten. - Angeklagter: Ich habe bereits gesagt, daß ich keine Erklärungen mehr abgebe.

 

Im Saale steht ein Modell mit dem roten Flanellkleide und der weißen, blutbefleckten Schürze der Dorothea Rohrbeck. Mittels eines Projektorapparates werden bei verdunkeltem Saal

 

Lichtbilder von den Leichen

 

der erschossenen Mädchen vorgeführt.

 

D r .   P e t e r s :   Alle die Schüsse sind aus mehr als 15 Zentimeter Entfernung abgegeben worden, damit ist die   M ö g l i c h k e i t   e i n e s   S e l b s t m o r d e s   der Ursula von vornherein ausgeschlossen. An dem Kleide der   D ö r t e   fand ich mehrere Schußlöcher, eines an der rechten Achselfalte, drei an der Brust. Das erste ist eine Einschußöffnung, die drei anderen Ausschußöffnungen, die sich dadurch erklären, daß das Kleid an der Brust Falten hatte. Am Halse und an der Brust habe ich mehrere Verletzungen festgestellt. Bei der   U r s u l a   fand ich eine Einschußöffnung an der rechten Augenbraue, außerdem ein im Gehirn steckengebliebenes Geschoß. Bei Dörte ist ein Geschoß unter der Stirnhaut gefunden worden. Ich habe schon damals dem Angeklagten gesagt, ob er mit der Waffe, die er aufgehoben haben will, etwas gemacht habe. Er antwortete mir: „Daß ich nicht wüßte.“ Nach dem Befund hat   D ö r t e   z u e r s t   d e n   B r u s t s c h u ß   erhalten, der durch den Hals in den hinteren Nasenrachenraum eindrang. Die Kugel (der Sachverständige zeigt sie den Geschworenen) lag in einem Blutgerinsel und war, weil sie nicht durch Knochen gegangen ist, nicht deformiert. Die Folge der Verletzungen waren starke Blutungen im Nacken. Wir fanden im Magen verschlucktes Blut und in der Lunge eingeatmetes Blut. Die   z w e i t e   Verletzung war erfolgt durch den   S c h u ß   i n   d e n   H i n t e r k o p f :   die Kugel hatte wichtige Teile des Gehirns verletzt. (Das etwas deformierte Geschoß wird den Geschworenen überreicht.) Welche von den Verletzungen zuerst erfolgte, läßt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen. Wäre der Schuß in den Hinterkopf der erste gewesen, so wäre sie sofort bewußtlos gewesen, so wäre sie zusammengesunken, und der Brust-Halsschuß hätte eine andere Richtung genommen, als der Schußkanal aufweist. Für die Annahme, daß der Brustschuß der erste Schuß war, spricht die starke Blutatmung und das Blutschlucken, denn der Bewußtlose schluckt nicht mehr. Die   U r s u l a   ist nach dem Schuß sofort handlungsunfähig gewesen; sie ist sofort zusammengesunken und hat keine geordneten Bewegungen mit der Hand mehr ausführen können. Bei der Ursel wurden am Hinterkopf Hautabschüfungen und eine Schwellung gefunden, die beweisen, daß sie bald nach dem Schuß gegen den Schrank gefallen ist. Es ist kein Zweifel, daß   U r s u l a   a n   d e r   S t e l l e ,   w o   s i e   a u f g e f u n d e n   w u r d e ,   d e n   t ö t l i c h e n   S c h u ß   e r h a l t e n   h a t .   Bei beiden Leichen konnten   k e i n e   Merkmale festgestellt werden, welche den Schluß zulassen, daß die Schüsse aus einer   g e r i n g e r e n   Entfernung als 5 Zentimeter abgegeben wurden. Bei den Einschußöffnungen waren weder   F l a m m e n w i r k u n g e n   n o c h   P u l v e r e i n s p r e n g u n g e n   zu sehen. Ursulas Augebrauen und möglicherweise auch die Wimpern am rechten Auge hätten versengt sein müssen, wenn der Schuß etwa aus fünf Zentimeter Entfernung abgefeuert worden wäre. Bei   D ö r t e   bestand von vornherein kein Zweifel, daß sie   v o n   f r e m d e r   H a n d   e r s c h o s s e n   worden ist; sie hätte sich nur   e i n e n   Schuß beibringen können, und außerdem hat die Waffe bei der Ursel gelegen. Selbstmörder haben das Bestreben, wenn sie sich in die Brust schießen, die betreffende Stelle von der Kleidung frei zu machen.

 

Gegen einen Selbstmord der Ursel sprechen

die Begleitumstände, nämlich der   F u n d o r t   d e r   P a t r o n e n h ü l s e n .   Ursula hat, als auf sie gezielt wurde, den   K o p f   e r s c h r e c k t   r ü c k w ä r t s   geneigt, wie der Verlauf des Schußkanals ergibt. Hätte sie   s i c h   s e l b s t   erschossen, müßte der   V e r l a u f   d e s   S c h u ß k a n a l s   e i n   a n d e r e r   sein. Der Täter hat auf sie geschossen, als er in   d e r   N ä h e   d e r   z u s a m m e n g e s u n k e n e n   D ö r t e   stand. - Der Sachverständige zeigte an einem Menschelschädel die Ein- und Ausschußöffnungen.

 

Kreis-Medizinalrat   D r .   S c h o l z -   Hirschberg pflichtet dem vorstehenden Gutachten bei. Auch nach seiner Ansicht handelt es sich   n i c h t   u m   N a c h s c h ü s s e .

 

Geheimrat   D r .   L e s s e r -   Breslau   h ä l t   d i e   M i t w i r k u n g   e i n e r   f r e m d e n   H a n d   f ü r   e r w i e s e n .   Es ist ausgeschlossen, daß Ursula den Revolver gesichert hat. - Vors.: Können Sie die Frage beantworten, ob das dreizehnjährige Mädchen in der Lage gewesen wäre, sich mit dem Revolver zu erschießen? - Geheimrat   L e s s e r :   Da drei Treffer und kein Fehlschuß festgestellt worden sind, müßte es das Mädchen sehr gut verstanden haben, mit der Waffe, die sehr schwierig zu handhaben ist, umzugehen.

 

Hypnose und Suggestion.

Geheimrat Prof. Dr.   M o l l -   Berlin: Ich habe die Aufgabe, mich über Hypnose und Willensbeeinflussung zu äußern. Ueber Hypnose bestehen vielfach ganz konfuse Anschauungen. Bei Hypnose werden Störungen willkürlicher Bewegungen bewirkt, aber ein schlafähnlicher Zustand, eine Störung des Bewußtseins tritt nicht ein. Erst beim   S o m n a m b u l i s m u s   kommt es zu gröberen Störungen des Bewußtseins. In diesem Falle ist es möglich, dem Medium einzureden, daß es eine Kartoffel für einen Apfel isst und Bewegungen eines Tieres macht. Veränderungen des Bewußtseins erfolgen nicht durch Hypnose, sondern durch   r e i n e   S u g g e s t i o n .   W a c h s u g g e s t i o n ,   wie sie in Gesellschaften vorgeführt wird, ist wieder etwas anderes. Da handelt es sich um Vorgänge, für die ein bekanntes Kinderspiel: „Wir wollen sehen, wer zuerst lacht“, ein typisches Beispiel ist. Auch wenn man zu einem jungen Mädchen sagt: „Sie werden ganz rot“ und es errötet, so ist dies ein Vorgang, der mit Hypnose nichts zu tun hat. Es gibt in der Geschichte eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, die auf ihre Umgebung einen großen suggestiven Einfluß ausübten: z. B. Napoleon I. Eine Persönlichkeit dieser Art dürfte der Angeklagte sein, der in der Tat auf seine Umgebung einen ganz außerordentlichen suggestiven Einfluß ausübte. Die Frage, ob   H y p n o s e   in diesem Prozeß eine Rolle spielt, ist dahin zu beantworten, daß dies zwar nicht ganz ausgeschlossen ist, daß aber eine größere Wahrscheinlichkeit hierfür   n i c h t   v o r l i e g t .   Verschiedene Zeugen haben ausgesagt, es sei ihnen nichts bekannt, daß der Angeklagte sich mit Hypnose beschäftigt habe. Grupen besaß aber einen   a u f f a l l e n d   g r o ß e n   E i n f l u ß   auf seine Umgebung, wofür bezeichnend ist, wie er seine Frau und Schwiegermutter beherrschte. Für einen normalen Menschen ist es keine Kleinigkeit, Frau und Schwiegermutter zu veranlassen, ihm Generalvollmacht zu erteilen und ihm ohne wahrnehmbare Gegenleistung ihr ganzes Geld abzutreten. Frau Eckert sagte auch, eigentlich sei ihre ganze Korrespondenz von ihm überwacht worden.

 

Aber auch auf anderem Gebiete hatte Grupen großen Einfluß: auf   s e x u e l l e m   Gebiete. Er hat   e i n   M ä d c h e n   n a c h   d e m   a n d e r e n   verführt,   a u ß e r   s e i n e r   F r a u   hatte er einmal   d r e i   G e l i e b t e   z u   g l e i c h e r   Z e i t   i m   H a u s e .   Das ist immerhin ein ziemlich gewagtes und seltenes Stück von Willensbeeinflußung. Allerdings muß man sich hier schon die Frage vorlegen, wie weit das sexuelle Moment bei der Suggestion in Frage kommt, und ob der Einfluß auf Ursula nicht bloß suggestiver, sondern erotischer Art war. Befand sie sich durch die Sexualität in vollständiger Abhängigkeit, im Zustande der

 

sexuellen Hörigkeit,

 

welche ein starkes suggestives Moment enthält, es aber durch die Sexualität hindurchführt? Beides begünstigt einander. Bei dieser sexuellen Hörigkeit ist eine Person der anderen wie ein Höriger ausgeliefert. Beispiele haben wir z. B. bei der Prostitution zu ihrem Zuhälter, aber ich kenne auch Beispiele davon in der besten Gesellschaft. Wie weit haben nun die Beziehungen zwischen Ursula und dem Angeklagten den Charakter der sexuellen Hörigkeit gezeigt? Mein Verdacht nach dieser Richtung war sehr groß, wegen der Verschiedenheit der Geschlechter und weil von mehreren Seiten gesagt worden ist, daß Ursula völlig im Banne des Vaters stand und ihm   s l a v i s c h   ergeben war. Und so kann ich mir seinen außerordentlichen Einfluß, den er nicht allein auf erwachsene Mädchen und die Frau, sondern auch auf die kleine Ursula hatte, durchaus vorstellen: als ein Gemisch von sexueller Hörigkeit und Suggestion. Grupen war aber auch in der Lage, seinen Einfluß auf andere Weise zu zeigen: durch   F u r c h t   infolge von   D r o h u n g .   Die kleine Reske sprach einmal davon, daß sie Prügel erwartete, und sagte:   „ W i r   d u r f t e n   j a   n i c h t s   s a g e n . “   Drohungen sind auch an anderer Stelle vorgekommen, z. B. bei dem Mädchen, dem er den Revolver auf die Brust setzte.

 

Der Angeklagte war von seltener Willensstärke und besaß die Mittel, seinen Willen auf andere wirken zu lassen; Suggestion, sexuelle Einwirkung und Drohung, und wenn wir dies festhalten, ergibt sich manches völlig leicht. Man hat die Frage aufgeworfen, ob der Brief Ursulas an Großmutti unter hypnotischem Einfluß geschrieben sein kann. Irgend ein Beweis hierfür liegt nicht vor. Geheimrat Moll verliest den Brief an Großmutti und fährt fort: Das ist kein Abschiedsbrief, kein Brief, wie ihn ein Kind, wie wir es hier durch die Aussagen kennen gelernt haben, aus freiem Antrieb schreibt. Auf den Charakter und Inhalt des Briefes kommt es an. Nichts von der Absicht eines Selbstmordes findet sich darin. Es liegt die Annahme mehr als nahe, daß der Angeklagte den Brief diktiert hat oder ihn die Ursula hat abschreiben lassen.   D e r   I n h a l t   d e s   B r i e f e s   i s t   e i n f a c h   e i n e   E n t s c h u l d i g u n g   f ü r   d e n   A n g e k l a g t e n   f ü r   d e n   F a l l ,   d a ß   d a s   V e r b r e c h e n   h e r a u s k o m m t .   Geheimrat Moll nennt ein Beispiel aus seiner und Prof. Jeserichs Praxis, wo sich der des Mordes Verdächtige durch eine bestimmte Angabe zu entlasten versuchte, sich aber in Wirklichkeit belastete. So soll auch   d i e s e r   B r i e f   n u r   z e i g e n ,   d a ß   G r u p e n   n i c h t   d e r   T ä t e r   ist. Ueber die Einfügung   „ t r a u r i g e “   braucht man kaum ein Wort zu verlieren. Es ist eine Kleinigkeit, ein Mädchen dahin zu bringen, einen Brief zu schreiben, dessen Inhalt sie gar nicht versteht, bei solchem großen Einfluß, wie ihn der Angeklagte auf Ursula hatte.

 

Die Suggestion zeigte sich auch in den Zeugenaussagen der Personen, die bekundeten, dauernd mit Grupen oben im Zimmer zusammengewesen zu sein. Daß Grupen zu ihnen nachher gesagt hat: „Ihr wißt doch, daß ich bei Euch oben war,“ und „Bleibt nur bei der Wahrheit“,   d a s   i s t   S u g g e s t i o n ,   die jeder kennt, der sich damit beschäftigt hat. Sie wissen selbst genau, was gemeint ist, wenn man sagt: „Bleibt bei der Wahrheit!“ wenn sie wissen, was Grupen als Wahrheit aufgefaßt wissen will.

 

Seit zwanzig Jahren ist ein wissenschaftliches Gebiet neu ausgebaut worden, das der   A u s s a g e n f o r s c h u n g ,   die festzustellen sucht, unter welchen Bedingungen eine Aussage richtig ist, den Wahrheitswillen des Zeugen vorausgesetzt. Diesen Wahrheitswillen nehmen wir hier zunächst an, denn es ist nicht meine Aufgabe, ihn bei den Zeugen irgendwie zu beleuchten. Die Wichtigkeit der Aussage hängt von dreierlei ab: 1. von der   W a h r n e h m u n g ,   2. von der   E r i n n e r u n g ,   und 3. von der Fähigkeit der   W i e d e r g a b e .   Die Wahrnehmung ist viel wichtiger als die Erinnerung, denn wir nehmen viele Dinge wahr, ohne uns dann an sie zu erinnern. Beispiel dafür ist die Aussage der Frau Eckert, die erst sagte, Grupen sei die ganze Zeit nicht heruntergegangen, und dann: wenn sie wisse, daß die Tat in so kurzer Zeit erfolgen konnte, dann könne sie sagen, er sei hinuntergegangen. Sie sagte uns nicht, was sie wahrgenommen hat, sondern was sie   e r s c h l o s s e n   hat. Gegen die Erinnerungsmöglichkeit scheint mir die Wahrnehmungsfähigkeit die Hauptrolle zu spielen. Die meisten Menschen, darunter auch viele Richter, überschätzen die Fähigkeit der Wahrnehmung ganz bedeutend. Daß die Personen oben im Wohnzimmer wissen sollen, ob der Angeklagte zeitweise hinausgegangen ist, stellt Ansprüche, die ein normaler Mensch gar nicht erfüllen kann. Redner gibt hierfür Beweise durch Beispiele, wo man auf das Hereinkommen und Hinauskommen von Personen einfach nicht achtet. Dieses Nichtachten war, so führt er fort, damals etwas ganz selbstverständliches für alle Beteiligten, weil es ihnen ganz gleichgültig war, da sie nicht wußten, daß die Feststellung einmal wichtig werden konnte.

 

Was Grupen der   M a r i e   M o h r   sagte: „Bleib bei der Wahrheit“ und: „Gut, daß ihr wißt, daß wir alle drei oben waren“ ist   e i n e   S u g g e s t i o n   w i e   i m   B r i e f e ,   wie sie charakteristischer gar nicht gegeben werden kann. Aber die Mohr gab noch eine ganze Reihe anderer Beweise, die charakteristisch sind für die Unzuverlässigkeit ihrer Wahrnehmung. Am 9. Dezember, als sie als Zeugin vernommen wurde, sagte sie, sie glaube Grupen alles, was er sage. Sie, die sich genau daran zu erinnern glaubt, daß Grupen keine Sekunde abwesend war, hat eine ganze Reihe von Tatsachen, die erwiesen sind, nicht beachtet: daß Frl. Zahn zweimal durchs Zimmer ging, daß sich Grupen mit Fräulein Zahn durch die Tür unterhielt, daß Dörte gerufen wurde. Sie selbst sagt zwar, sie hätte mit Grupen dauernd Mühle gespielt, hat dann aber zugegeben, daß es nicht dauernd war, daß sie auch gelesen hat und am Fenster gesessen hat. Es sind eine ganze Reihe Dinge, an die sich Frl. Mohr nicht erinnert, und sie kann es auch nicht genau, denn Grupen hat ja selbst zugegeben, daß er bis zur Tür des Schrankzimmers gegangen ist. Das hat sie nicht bemerkt, und das alles beweist die Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung.

 

Das Seelenleben der Ursel

haben wir kennen gelernt, so führt Geheimrat   M o l l   fort. Unter der Asche, so neben den Verhandlungen kann man es jetzt raunen hören, daß Ursula doch kein anständiges Kind, daß sie geschlechtlich infiziert war, an einer Krankheit, die der Vater nie hatte, daß sie geistig nicht in Ordnung war. Ich kenne diese Wege, - so wird allmählich ein Kind zur Verrückten gemacht. Ich habe mich bemüht, so viel wie möglich aus Ursulas Leben zu erfahren. Nichts aber habe ich erfahren über erbliche Belastung, nichts über Nervenerkrankung, wenn sie auch drei Wochen zu früh zur Welt kam, so ging es doch ganz normal zu, sie hatte beim Zahnen keine Krämpfe, lernte normal laufen, normal sprechen, sie lernte nicht besonders gut, kam aber regelmäßig mit. Für das Psychopathische bleibt nur das, daß sie betrübt war, und aus der Tragödie, von der wir hören, als die Oeffentlichkeit ausgeschlossen war, werden wir wohl den Schlüssel zu dieser Betrübtheit des Kindes haben. Auch was sonst von ihr gesagt wird, sie sei Männern nachgelaufen, sei nicht ganz intakt, ist durch nichts bestätigt worden. Geheimrat Moll ruft als Stütze dieser Ansicht das Zeugnis von Frl. Kliefoth den Geschworenen ins Gedächtnis zurück und fährt fort: eine psychische Erkrankung Ursulas lag nicht vor, sie war weder geistesschwach noch hysterisch noch etwa melancholisch. Wirkliche Melancholie hätte wohl einen Selbstmord erklären können, wenigstens hätte das aber auch keinen Anhalt ergeben. Weder die geistigen Umstände, noch daß sie ein schwaches Kind war, geben einen Anhalt dafür, daß das Kind hätte diese schwere Bluttat begehen, und sich dann selbst hätte töten können. Man bedenke, was es heißt, mit einem Revolver zu hantieren, wenn man nicht aus einer Offiziers- oder Jägerfamilie ist.   S e l b s t m o r d   d u r c h   E r s c h i e ß e n   ist auch   b e i m   w e i b l i c h e n   G e s c h l e c h t   e x t r e m   s e l t e n . Das beweist die Statistik, die hier höchstens 2 Prozent nennt. Und ganz extrem selten sind die Fälle, wo ein junges Mädchen, ein gutes Kind, zur Mörderin durch Erschießen wird, Vergiften ist da weit häufiger. Das Sichern und Entsichern des Revolvers erfordert schon eine verhältnismäßige Kraft. Natürlich konnte Ursula das lernen, wenn man es ihr methodisch beibrachte, aber davon ist ja hier nicht die Rede.

 

Nichts aus der Seele des Kindes weist auf diese Tat hin.

Wilhelm Grupens Aussagen sind schwer belastend für die Ursula, aber die ihr hierbei vorgeworfenen Handlungen passen zu ihr wie die Faust aufs Auge. Selbst wenn aus den Aussagen der kleinen Reske etwas zu Lasten der Mutter zutage treten sollte, so hat das für die Beurteilung der Ursula durch mich nicht die geringste Bedeutung.

 

Ein wichtiger Punkt sind noch die sechs

 

Abschiedsbriefe der Frau Grupen.

 

Ich habe mich sehr gewundert, daß   G r u p e n   k e i n e n   A b s c h i e d s b r i e f   b e k o m m e n   hat, denn es hätte doch nahe gelegen, daß sie auch an den Mann geschrieben hätte.   D a s   s i n d   n i c h t   A b s c h i e d s b r i e f e ,   d i e   e i n e   F r a u   s c h r e i b t ,   d i e   i h r e m   M a n n e   d u r c h g e h t ,   dazu nach Amerika, und   n i c h t   die Absicht hat, noch einmal zurückzukommen. Gegen die Kinder ist zu immer gut gewesen, und als sie diese für immer verließ, schreibt dann so eine Frau, die so etwas vorhat? Man kommt nicht zum Ziele, wenn man einfach sagt: aber sie hat sie doch geschrieben, also sind sie von ihr! Fast überall hier wird angenommen, daß der   B r i e f   a u f   d e r   T o i l e t t e   dort absichtlich hingelegt worden sei. Ich hatte die entgegengesetzte Empfindung, daß die Briefe auf der Toilette entworfen worden sind. Leider konnten wir über die Handschrift, wer die Briefe entworfen hat, nichts Näheres erfahren. Ich kann mir aber gut vorstellen, daß ein Mann, der großen Einfluß auf seine Frau hat, sehr wohl in der Lage ist, sei es durch Suggestion oder durch Täuschung, etwa einen schlechten Scherz, sie dazu zu bringen, solche Briefe zu schreiben, besonders wenn er eine Person von seltenem Einfluß auf seine Umgebung ist.

 

Ein   G e s c h w o r e n e r   stellt noch die Frage an Geheimrat Moll, ob der   s t e c h e n d e   B l i c k ,   den der Angeklagte nach Aussage von Dr. Moll habe, ein beachtlicher Faktor bei der Beeinflussung schwacher Charaktere oder Kinder sei. -   D r .   M o l l :   Dieser Ansicht bin ich.

 

Wilhelm Grupen.

Auf Veranlassung der Verteidigung erklärt   W i l h e l m   G r u p e n   noch auf die Bekundung des Fräulein Hatje, daß man ihr gesagt habe, Wilhelm Grupen habe in letzter Zeit größere Feste gefeiert: Es wurde nur der Geburtstag meiner Frau und meiner Kinder gefeiert und zwar in einfachster Weise, ohne jeden Alkohol. Auch habe er die Achtung seiner Mitmenschen genossen, wofür ein Beweis sei, daß er wie früher die Gemeindearbeiten erhielt und Kassierer im Kriegerverein war. Ebenfalls auf Veranlassung der Verteidigung kommt dann nochmals der   B r i e f   D ö r t e s   a n   F r ä u l e i n   Z a h n   zur Erörterung, worin Dörte schreibt: Komme bald, sonst hänge ich mich. Fräulein Zahn gibt hierzu noch einige Erklärungen.

 

Der   S t a a t s a n w a l t   bittet dann, Wilhelm Grupen nicht zu vereidigen, da nach seiner Ansicht dieser auch   b e i   d e m   V e r s c h w i n d e n   s e i n e r   S c h w ä g e r i n   d i e   H a n d   i m   S p i e l e   hat. Das Gericht beschließt, den Zeugen   n i c h t   z u   v e r e i d i g e n .

 

Auf Wunsch von Justizrat Dr. Ablaß erfolgt dann die Verlesung eines Artikels aus dem   B o t e n   vom 20. Februar d. J., und auf Wunsch des Staatsanwalts die Verlesung eines Artikels aus den   B r e s l .   N .   N a c h r .   vom 27. November d. J., welche beide auf den Mord Bezug haben.

 

Dann wird der Kolporteur   K l ä t t e   aus Itzehoe vernommen, der aussagt, daß er gesehen habe, wie wenige Tage vor dem Umzug nach Ottenbüttel der Angeklagte seine Frau, die zur Tür herauswollte, zurückgestoßen und die Hand zum Schlage erhoben habe. Dann wurde die Tür zugemacht, und er hörte aus dem Innern des Hauses einen Schrei.

 

Hierauf wurde die weitere Verhandlung   a u f   M o n t a g   ½ 10 Uhr vertagt, wo zunächst noch einige Zeugen, anfangs unter Ausschluß der Oeffentlichkeit, vernommen und dann gleich mit den   P l a i d o y e r s   begonnen werden soll, die ohne Pause, vielleicht aber auch mit teilweisem Ausschluß der Oeffentlichkeit, durchgeführt werden sollen. Das   U r t e i l   ist   i n   d e r   N a c h t   z u m   D i e n s t a g   zu erwarten.

 

 

 

Dienstag, den 20. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

Der letzte Verhandlungstag.

Schluß der Beweisaufnahme.

Beginn der Plaidoyers.

Der Staatsanwalt spricht.

 

Hirschberg, 19. Dezember

 

Der Beginn der Sitzung am Montag, dem Tage der Plaidoyers, brachte noch den Rest der Beweisaufnahme. Dabei wurde die Art der Krankheit Grupens und der Ursula festgestellt, und es wurden noch zwei Briefe verlesen, die jeder in seiner Art bezeichnend sind. Frau Eckert wurde vereidigt und die Schuldfragen festgestellt. Dann begann der Staatsanwalt seine Rede, deren Dauer nach Stunden zu bemessen ist. Ueber den Beginn des letzten Verhandlungstages ist zu berichten:

 

Die Krankheiten Grupens und Ursulas.

Die Beweisaufnahme schließt ab mit der Vernehmung des Privatdozenten Dr. Erich   K u s n i t z k y -   Breslau über das Ergebnis der Wassermannschen Blutuntersuchung bei dem Angeklagten und einer seiner Bräute. Die Untersuchung ist in beiden Fällen vollständig negativ ausgefallen; es wurden nirgends Krankheitsstoffe, die auf Syphilis deuten, vorgefunden. Daraus kann man schließen, daß bei dem Angeklagten keine Syphilis vorgelegen hat. Dagegen ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß der Angeklagte und Ursula Schade mit einer anderen, und zwar gleichartigen Geschlechtskrankheit behaftet waren.

 

Auf Antrag des Verteidigers Dr. Mamroth wird nochmals Geheimer Medizinalrat   D r .   L e s s e r -   Breslau über dasselbe Thema gehört. Der Sachverstädnige ist der Meinung, daß die Infektion der Ursula mit großer Wahrscheinlichkeit   d u r c h   d e n   A n g e k l a g t e n   erfolgt ist.

 

D r .   C h a u s s y -   Hirschberg hält die Möglichkeit einer Fehldiagnose des Herrn Dr. Meier, auf die sich das Gutachten des Herrn Dr. Kusnitzky stützt, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit für ausgeschlossen.

 

Briefe.

Es folgt auf Antrag der Verteidigung die Verlesung des   B r i e f e s ,   den Frau   G e r t r u d   S c h a d e   auf das Heiratsinserat Grupens geschrieben hat. In dem Briefe heißt es u. a., daß Frau Schade das Inserat als eine Schicksalswendung betrachte.

 

Auf Antrag des Staatsanwalts wird der Brief verlesen, den der   A n g e k l a g t e   am Tage seiner Verhaftung an seinen Bruder   W i l h e l m   geschrieben hat. Der Brief enthält u. a. den Satz: „Nun ist es mir klar, warum Ursel heimlich an der Schublade war, als wir ins Zimmer kamen.“

 

Das Gericht beschließt nunmehr, die   F r a u   E c k e r t   z u   v e r e i d i g e n .   Die Zeugin erklärt, daß sie alles, was sie gesagt habe, mit gutem Gewissen beschwören könne.

 

Damit ist die Beweisaufnahme beendet. Der Vorsitzende verliest hierauf

 

Die Schuldfragen:

1.   Ist der Angeklagte, Architekt Peter Grupen aus Ottenbüttel schuldig, am 14. Februar 1921 in Kleppelsdorf bei Lähn vorsätzlich einen Menschen, Dorothea Rohrbeck, getötet und die Tötung mit Ueberlegung angeführt zu haben?

 

2.   Ist der Angeklagte schuldig, durch eine fernere selbständige Handlung am 14. Februar 1921 vorsätzlich einen Menschen, Ursula Schade, getötet und die Tötung mit Ueberlegung ausgeführt zu haben?

 

3.   Ist der Angeklagte schuldig, durch eine fernere selbständige Handlung im Herbst 1920 in Ottenbüttel mit einer Person unter 14 Jahren, der Ursula Schade, unzüchtige Handlungen vorgenommen oder dieselbe zur Verübung oder Duldung unzüchtiger Handlungen verleitet zu haben?

 

4.   Ist der Angeklagte schuldig, durch eine fernere selbständige Handlung als Pflegevater mit seinem Pflegekinde unzüchtige Handlungen verübt zu haben?

 

Eine fünfte Schuldfrage bezieht sich auf unerlaubten Verkehr des Angeklagten mit Ursula.

 

Das Plaidoyer des Staatsanwalts.

Oberstaatsanwalt   D r .   R e i f e n r a t h   nimmt hierauf das Wort zu seinem Plaidoyer.

 

Wer die blutigen Kindergestalten der Dorothea Rohrbeck und Ursula Schade gesehen und wer wenige Tage später Tage später bei der Bestattung Dörte im weißen Kleide, das sie als höchstes begehrte, gesehen, den wird bis ins Innerste bewegt haben der Gedanke vom Werden und Vergehen, aber auch das Gefühl der Empörung und das Verlangen, die furchtbare Tat aufzuklären und zu sühnen.

 

Vieles ist in den Prozeß hineingetragen worden, um den Angeklagten richtig zu bewerten, um aus Nebenumständen zu erkennen, ob er die Persönlichkeit ist, die diese Straftaten begangen hat und der man die Straftaten zutrauen kann.

 

Grupen hatte den Verkauf seines Grundstücks in Ottenbüttel in die Wege geleitet, er stand vor der Möglichkeit, seine Wohnung zu haben. Daher drängte er am 5. Februar zur Reise nach Kleppelsdorf. Seiner Schwiegermutter war diese Reise im Winter nicht sympathisch. Aber Grupen ließ von seinem Plan nicht ab. Er meldete die Kinder ab und traf alle Anstalten für eine längere Reise. Frau Eckert machte ausdrücklich darauf aufmerksam, daß sie nicht ohne Einladung nach Kleppelsdorf gehen und nicht noch die Kinder mitnehmen könnte. Der Angeklagte beschwichtigte sie und sagte, er habe die Kleppelsdorfer auf den großen Besuch vorbereitet. Er hatte aber weiter nichts getan, als in einem Telegramm seinen Besuch mit der Großmutter anzukündigen. In Kleppelsdorf gab es großes Erstaunen darüber, daß statt des erwarteten Grupen und seiner Schwiegermutter auch noch die Kinder und noch eine Stütze kamen. Da man im Schloß Kleppelsdorf die Doppelrolle erkannt hatte, die Grupen in dem Prozeß gegen den Vormund spielte, suchte man Klarheit zu schaffen, und fuhr schon am nächsten Tage zum Rechtsanwalt Dr. Pfeiffer nach Hirschberg, um Grupens Ansprüche zu regeln. Der Angeklagte hat damals selbst erklärt, in einer Zwickmühle zu sein. Dörte Rohrbeck wird es unheimlich zu Mute. In ihrer Herzensangst geht sie zur Oberschwester Kube, die sich darüber gewundert hat, daß Grupen mit seinem saloppen Aussehen der Mann der Frau Schade ist. Ein großes Unheil kündet sich dumpf im Innern des Menschen an: Dorothea sagt zur Oberschwester: „Du liegst hier geborgen, mich aber graut´s, in mein Haus zu gehen.“ Fräulein Zahn und Dörte wunderten sich, daß Grupen keine Vorbereitungen zur Abfahrt traf, nachdem die geschäftlichen Angelegenheiten beim Rechtsanwalt Dr. Pfeiffer erledigt waren. Grupen aber mußte bleiben, weil der Zweck seiner Reise noch nicht erreicht war. Innere Erregung bemächtigte sich seiner, die er unterdrücken und nach außen hin vertuschen mußte. Daher tanzt er, tanzt mit allen, sogar mit der 74 Jahre alten Schwiegermutter. So kam der 14. Februar.

 

Der Staatsanwalt, von dem der Angeklagten nicht einen Blick wendet, schildert die Vorgänge kurz vor der Entdeckung der Bluttat. Grupen hatte das Bestreben, an jenem Vormittag, wo er mit Irma und der Mohr im Beisein der Großmutter Mühle spielte, bei seiner Umgebung, namentlich bei Frl. Zahn, den Glauben zu erwecken, daß er das   Z i m m e r   n i c h t   v e r l a s s e n   hat. Er knüpft mit der im Nebenzimmer rechnenden Erzieherin Zahn eine Unterhaltung über nichtssagende Dinge an, bringt ihr Apfelsinen zum Schälen und geht im Zimmer auf und ab. Es kommt

 

der Moment der Tat.

 

Irma wird vom Vater mit den Apfelschalen fortgeschickt. Der Vater folgt ihr bis zum Schrankzimmer; ob er weitergegangen ist, kann das Kind nicht sagen. Irma wird, als sie zurückkommt, von Frl. Zahn gerufen, um nach Dörte und Ursula zu sehen. Da hält Grupen das Kind noch einige Augenblicke zurück, zweifellos, weil er fürchtete, seine Opfer könnten ihr Leben noch nicht ausgehaucht haben, könnten noch nicht verstummt sein. Dann geht Irma hinunter, kehrt aber bald wieder zurück und meldet, Dörte und Ursula gerufen, jedoch keine Antwort erhalten zu haben. Fräulein Zahn schreitet in diesen Augenblicken durch das Zimmer des Angeklagten. Warum sah er sich bei dieser Gelegenheit Frl. Zahn außerordentlich scharf an? Weil er ihr ins Bewußtsein bringen wollte:   I c h   b i n   d a !

 

D a s   V e r b r e c h e n   w i r d   e n t d e c k t .   Grupen ist einer der ersten im Mordzimmer. Bald läuft er zurück und begegnet auf der Treppe Frl. Zahn. Mit ihr geht er wieder an den Schauplatz des Verbrechens und da bittet ihn Frl. Zahn vergeblich, ihr zu helfen, die Opfer aufs Bett zu legen. Wie bei allen Blutverbrechen, kann auch hier   d e r   T ä t e r   d i e   O p f e r   n i c h t   a n f a s s e n .   Erst nach dreimaliger Aufforderung tut er es mit sichtlicher Ueberwindung. Vorher hat er   d i e   P i s t o l e   aufgehoben, die bezeichnenderweise zur Linken der Ursula lag, während sie auf der rechten Seite hätte liegen müssen. Als der erste Arzt kam, hat Grupen die Dreistigkeit, ihn zu fragen: „Kann man der Ursula nicht etwas geben, daß sie noch etwas sagen kann?“ 

 

Der Staatsanwalt zählt alles auf, was Grupen sonst noch schwer belastet. Wenn Grupen, als der Landjäger erschien, jammerte und sich an die Kinder herandrängte, so mag es möglich sein, daß der Tod Ursulas ihn in einen gewissen Grad von Trauer versetzte. Aber wie kann jemand, der ein reines Gewissen hat, zu dem Landjäger bald nach der Entdeckung der Tat sagen: „Ich werde wohl   s c h o n   bewacht?“ Warum sagte Grupen, als er abgeführt wurde: „Wenn Ihr wißt, daß ich das   Z i m m e r   n i c h t   v e r l a s s e n   habe, bin ich morgen wieder frei.“ Die dicken Mauern des Mordzimmers sind dem Angeklagten zum größten Verhängnis geworden. Wenn Menschen schweigen, werden Steine reden. Und die Steine in dem quadratischen Zimmer sagen uns, daß die   P a t r o n e n h ü l s e n   nicht anders fallen konnten, daß

 

kein Selbstmord, sondern Mord

 

vorliegt.

 

Der Großmutti-Brief ist kein Abschiedsbrief, sondern ein eigener Anklagebrief für den Täter. Auch in den Abschiedsbriefen seiner Frau hat er Wert darauf gelegt, sich zu entlasten.

 

Der Angeklagte war ein Mensch von außerordentlich starkem Willen, der auf seine Umgebung einen sehr großen Einfluß ausübte, einmal durch die Suggestion und dann durch die sexuelle Hörigkeit, wie sie Professor Moll dargelegt hat. Die Ursula stand völlig in seinem Bann, und so veranlaßte er sie zum Schreiben des Briefes an Großmutti. Das Kind hatte, wie Professor Dr. Schneidemühl bekundete, kein Bewußtsein von dem Inhalt des Briefes. Es hat sich nicht feststellen lassen, wer das Wort „traurige“ in den Brief eingefügt hat; aber dieses Wort paßt zu dem sonstigen Inhalt des Briefes wie die Faust auf das Auge. Der Angeklagte hat, das ist unzweifelhaft, die Ursula zum Schreiben dieses Briefes veranlaßt, um Ursula als ein gemütskrankes Kind hinzustellen, dem man die Tat wohl zutrauen könnte.

 

Der Angeklagte hat aber noch andere Enttäuschungen in dieser Verhandlung erlebt: Die Aussagen der Zeugen, die mit ihm im Augenblick der Tat zusammen waren.   F r a u   E c k e r t   hat jetzt die Möglichkeit zugegeben, daß der Angeklagte das Zimmer verlassen hat, während sie früher sagte, sie könne beschwören, daß der Angeklagte nicht einen Augenblick das Zimmer verlassen hat. Aus dem Gutachten von Professor Moll ergibt sich, daß es sehr wohl möglich ist, daß jemand sich zunächst auf Wahrnehmungen nicht erinnert, sie später aber in das Gedächtnis zurückruft. Es ist kein Zweifel, daß die jetzigen   A u s s a g e n   d e r   F r a u   E c k e r t   und auch der   I r m g a r d , die ja jetzt nicht mehr unter dem Einfluß des Angeklagten stehen, richtig sind. Bei dem Zeugnis der   M o h r   ist zu beachten, daß sie damals während ihrer Wahrnehmungen vollständig unter dem Einfluß des Angeklagten stand. Sie hat auch sonst schlecht beobachtet. Sie las in einem Märchenbuche, und man weiß ja, wenn junge Mädchen sich mit Märchen beschäftigen, dann haben sie keinen Sinn für die Außenwelt. Sie hat daher nicht gesehen und gehört, wir Fräulein Zahn zweimal durch das Zimmer ging, um eine Schüssel zu holen, daß der Angeklagte mit der Irma bis zur Türe des Schrankzimmers ging, sie hat nicht beobachtet, daß dauernd Mühle gespielt und gerechnet wurde, daß der Angeklagte zweimal zu Frl. Zahn ins Zimmer ging und mit ihr sprach. Die Zeugin kann daher wohl der Meinung gewesen sein, daß das, was sie sagt, die Wahrheit ist, in Wirklichkeit ist es aber nicht die Wahrheit.

 

Der Staatsanwalt betont, daß nach den übereinstimmenden Gutachten der Sachverständigen ein Selbstmord der Ursula vollständig ausgeschlossen ist. Die Tat hat sich nach Ansicht des Staatsanwalts folgendermaßen abgespielt: Durch Ursula hat der Angeklagte die Dorothea, die sonst stets ein Zusammensein mit ihm vermied, nach dem unteren Zimmer gelockt. Dann ist der Angeklagte hinzugekommen, hat den ersten Schuß auf die Dörte, den zweiten auf die Ursula und den dritten, den Fangschuß, auf Dörte abgegeben. Das beweisen die Gutachten der Sachverständigen und die Lage der Patronen.   D i e s e   T a t s a c h e n   s i n d   K e u l e n s c h l ä g e ,   die den Angeklagten zerschmetterten.

 

(Bei Schluß der Redaktion dauert das Plaidoyer noch fort.)

 

 

 

Dienstag, den 20. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

 

1921-12-20-sb

 

 

 

Mittwoch, den 21. Dezember 1921, „Der Bote aus dem Riesengebirge“

 

Die Verteidigung im Mordprozeß.

Ueberzeugt von der Unschuld Grupens.

 

Hirschberg, 20. Dezember

 

Der Prozeß ist in der Nacht zu Dienstag   n i c h t   z u   E n d e   g e g a n g e n ,   wie anfänglich angenommen worden war, denn die Reden der beiden Verteidiger schöpften das gesamte Material so …lich aus, daß die erste Rede etwa 5 ½ Stunden und die zweite 4 Stunden in Anspruch nahm. So mußte in der Nacht um 2 Uhr die Verhandlung noch einmal vertagt werden. Man wird sich der Ansicht nicht verschließen können, daß hier für den Angeklagten geleistet worden ist, was irgend geleistet werden konnte. Ob die Geschworenen sich in ausreichender Zahl den Ansichten der Verteidigung anschließen werden, bleibt natürlich abzuwarten. Heute Dienstag, hat zunächst der Staatsanwalt abermals in längeren Ausführungen gesprochen, denen die beiden Verteidiger antworten werden. Auch dann findet möglicherweise noch mal Rede und Gegenrede statt, und die Beratung der Geschworenen dürfte ebenfalls erheblich Zeit in Anspruch nehmen, so daß das Urteil möglicherweise erst am späten Nachmittag zu erwarten ist.

 

Ueber die Reden der Verteidiger berichten wir folgendes:

 

Fortsetzung der Rede des Staatsanwalts.

Der   S t a a t s a n w a l t   geht in seiner weiteren Rede kurz auf Grupens Persönlichkeit und Vermögensverhältnisse ein. Bezeichnend dafür, wie Grupen hoch hinaus wollte, ist die Tatsache, daß er sich den Titel „Architekt“ beilegte, der ihm nicht zusteht. In seinen Liebesverhältnissen spielte der Revolver einmal eine charakteristische Rolle, - ein Beweis, wie Grupen vor keinem Mittel zurückschreckte, andere unter seinen Willen zu zwingen. Von Hause aus war Grupen fast mittellos. In Hamburg bezog er Erwerbslosenunterstützung, er versetzte seinen Mantel und lieh sich einen von dem Vater seiner damaligen Braut. Sein höchstes Bestreben war, reich zu heiraten, um zu Geld zu kommen. Darum ließ er sich sofort nach der Verheiratung mit Frau Schade von dieser und von seiner Schwiegermutter Generalvollmacht geben; das Vermögen seiner Frau genügte ihm nicht, er wollte auch das der Schwiegermutter haben. Wenige Monate, nachdem sich Grupen auf diese Weise in den Besitz von Vermögen gesetzt hatte, verschwand seine Frau. In diesem Prozeß kommt es nicht darauf an, das Verschwinden der Frau Grupen abschließend zu behandeln, sondern es nur zur Charakterisierung des Angeklagten heranzuziehen.   F r a u   G r u p e n   i s t   s e h r   w a h r s c h e i n l i c h   d u r c h   d i e   H a n d   d e s   A n g e k l a g t e n   z u m   e w i g e n   S c h w e i g e n   g e b r a c h t   w o r d e n .   Wenn es in den sogenannten Abschiedsbriefen der Frau Grupen heißt: „Du darfst nicht denken, daß Peter die Veranlassung war“ und „Nimm dir den Onkel Peter zum Beispiel, der sehr, sehr viel verloren hat“ - so handelt es sich auch hier um von dem Angeklagten selbst diktierte Entschuldigungen, die aber in Wirklichkeit Anschuldigungen gegen ihn sind. Mit den Abschiedsbriefen der Frau hat der Angeklagte die erste Probe darauf gemacht, wie derartige Briefe wirken, ob sie den beabsichtigten Erfolg haben, den Verdacht vom Täter abzulenken. Nach der Verheiratung mit Frau Gertrud Schade spielte sich Grupen als der große Mann auf. Trotzdem sah er sich gezwungen, den Pelzkragen seiner Schwiegermutter und den Regenmantel seiner Frau in Hamburg für 150 Mark zu versetzen. Grupen hat überhaupt immer nur über das Allernotwendigste verfügt. Als ihn im Sommer 1920 Frl. Zahn mit Dörte in Itzehoe besuchte, prahlte er mit seinen überreichen Mitteln, aus denen er für Dörte Zuschüsse gewähren wolle. Nicht lange Zeit darnach versetzte er das Silber, verkaufte er die Ringe seiner Frau. Bemerkenswert ist das Doppelspiel, das der Angeklagte in dem Verhältnis zwischen Frl. Zahn und dem Vormund gespielt hat. Dieses Doppelspiel beleuchtet grell die Unaufrichtigkeit und Unwahrhaftigkeit des Angeklagten, der wegen der vor dem Notar Dr. Pfeiffer abgegebenen falschen eidesstattlichen Versicherung noch zur Verantwortung gezogen werden wird.

 

Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit

behandelt der Staatsanwalt den zweiten Teil der Anklage, Grupens Sittlichkeitsverbrechen. Skrupellos hat der Angeklagte Mädchenunschuld und Frauenehre beiseite geworfen. Aber er hätte sich bemühen müssen, zu erfahren, woher die häßliche Krankheit Ursulas gekommen ist; er tat es aber nicht, weil er wußte, daß er die Schuld an der Krankheit hatte. Die Geschworenen werden den Angeklagten des Sittlichkeitsverbrechens, das ihm zur Last gelegt wird, schuldig sprechen müssen.

 

Der Staatsanwalt erinnert am Schluß seiner vierstündigen Rede an die Mordprozesse Ellsel, Süßmuth und …Bei diesen Verbrechen ist Habgier die Triebfeder gewesen, und   H a b g i e r ,   der Wille, frei schalten und walten zu können, ist auch das Motiv der Tat des Angeklagten. Nachdem er sich nicht durch Heirat in den Besitz des schönen Gutes Kleppelsdorf setzen konnte, nachdem es ihm nicht gelungen war, wenigstens die Bewirtschaftung des Gutes zu erlangen, schritt er zur Gewalt. Dorothea Rohrbeck mußte sterben und mit ihr die Zeugin der Tat, die kleine Ursula. In der Verteidigung hat der Angeklagte mit seinen Anwälten, den berühmtesten der Provinz, gewetteifert, jedem Angriff zu begegnen. Aber Punkt für Punkt ist er durch Tatsachen überführt, durch Tatsachen widerlegt worden. Und wenn er einmal etwas kleinlaut wurde und Fragen nicht beantwortete, da hatte man das Gefühl: hier gibt es einen kläglichen Rückzug. Unaufrichtig, wie er sich in seinem Vorleben gezeigt hat, ist er auch in der Verhandlung gewesen. Er hat sich bemüht, alles zu verändern und zu entstellen, was ihn belasten könnte. Er hat es sogar fertig gebracht, als sein Verteidiger sagte: „Hier geht es um den Kopf des Angeklagten!“ zu lächeln. Zu einem solchen Lächeln gehört eine unendliche Dreistigkeit, ganz gleichgültig, ob man schuldig oder unschuldig ist. Chate…, der große Menschenkenner, sagt: „Ich muß mirs niederschreiben, daß einer lächeln kann und wieder lächeln und doch ein Schurke sein.“   N u r   d e r   A n g e k l a g t e   k o n n t e   e i n e n   d e r a r t i g e n   M o r d   b e g e h e n .   Ich bitte den Angeklagten im vollen Umfange der Anklage schuldig zu sprechen.

 

Bald nach kurzer Mittagspause nahm

 

Justizrat Dr. Ablaß,

 

der erste Verteidiger Grupens, das Wort: Die wahre Beredsamkeit besteht darin, nur das zu sagen, war zur Sache gehört. Hatte der Staatsanwalt dieses Lächeln bemerkt, dann mußte er das damals zur Sprache bringen, um dem Angeklagten Gelegenheit zu geben, sich dazu zu äußern. Es gibt dich auch ein Lächeln des Zornes, des … und der Verachtung. Ich kann als Verteidiger nicht dulden, daß hier etwas vorgebracht wird, das nicht Gegenstand der Verhandlung war.

 

Der Staatsanwalt hat ferner gesagt, daß der Angeklagte sich die beiden besten Verteidiger Schlesiens gewählt habe, er wollte damit den Anschein erwecken, daß der Angeklagte eine besonders gerissene Verteidigung nötig habe. Diese Bezeichnung des Staatsanwalts muß ich für meine Person entschieden ablehnen. Ich habe die Verteidigung übernommen, nicht um der Gerechtigkeit in den Arm zu fallen, sondern um mitzuwirken am Finden der Wahrheit. Ich habe niemals eine Anklagte gefunden, die sich so wenig auf Tatsachenmaterial stützte wie in diesem Falle. Aber wir haben hier weniger zu kämpfen gegen die Tatsachen, als   g e g e n   d i e   ö f f e n t l i c h e   M e i n u n g .   Das ist das Furchtbarste und Entsetzlichste in dieser ganzen Sache. Man spricht hier viel von Suggestion, aber das Furchtbarste ist die   M a s s e n s u g g e s t i o n .   Wenige Tage nach dem Morde brachte das hier gelesenste Blatt einen Artikel, der Grupen direkt als überführten Mörder bezeichnete. Sie, meine Herren Geschworenen, sollen erst das Urteil sprechen, aber die öffentliche Meinung hat schon ein Vorurteil gesprochen. Es ist hier, als ob die Verteidigung gegen ein dunkles Phantom kämpfte, als ob wir Hiebe in die Luft führten.

 

Wie weit dieses Vorurteil geht, haben wir gesehen bei der Vernehmung des Untersuchungsrichters   D u b i e l ,   der sagte, daß er den Angeklagten für schuldig erachte, und das er von allen Seiten von Leuten umgeben war, die ihn für schuldig hielten. Da ist seine Art der Vernehmung begreiflich, daß er jedes Wort erwog oder daß er sich die Erklärung für die Hauptverhandlung aufsparte.

 

Dann kritisierte der Verteidiger die Aeußerung des Landgerichtsrats Pietsch, daß der Angeklagte sich wie ein wildes Raubtier auf ihn habe stürzen wollen, und das Verhalten des Rechtsanwalts   R e i n e c k e ,   der die Vertretung von Frau Eckert und die Abwesenheitspflege für Frau Schade übernahm, als er noch das Mandat des Angeklagten hatte.

 

Der Angeklagte kämpfte einen schwere Kampf,   w e i l   m a n   i h m   n i c h t   g l a u b t .   Als die Geschworenenbank gebildet wurde, haben wir dahin gestrebt, daß Männer aus allen Schichten des Volkes und mit scharfer Intelligenz bestimmt wurden, in der Hoffnung, daß sie sich eifrig an der Suche nach der Wahrheit beteiligen würden. Aber man hatte oft in der Verhandlung die Auffassung, als ob man vielfach auf eine   A b a r t   des Scharfsinns, den   S p ü r s i n n ,   stoße, der sich nur nach einer Richtung hin betätigt, - im vorliegenden Falle nur in der Richtung, die Schuld des Angeklagten zu beweisen, und alle anderen Spuren, die ihn nicht belasten, beiseite läßt.

 

Befreien wir uns von der Massensuggestion, die zu dem größten Trauerspiel der Welt geführt hat, als das Volk in Jerusalem schrie:   K r e u z i g e   i h n !   Wir haben im Weltkriege die Massensuggestion der Welt gegen uns gesehen, die hervorgerufen wurde durch die   M a c h t   d e r   P r e s s e .   V o n   d e r   P r e s s e   ging solche   S u g g e s t i o n   d e r   ö f f e n t l i c h e n   M e i n u n g   aus, die wir zu unserem Leidwesen an uns erfahren haben. Jetzt soll aber hier die Stunde der nüchternen Vernunft beginnen, jetzt soll die Schranke fallen, die sich anscheinend zwischen uns und den Geschworenen ausgerichtet hat.

 

Justizrat Dr. Ablaß schildert zunächst den   K l e p p e l s d o r f e r   P e r s o n e n k r e i s   und kommt dabei auf   F r l .   Z a h n   zu sprechen. Ich kann ihren Standpunkt in der Vormundschaftssache verstehen und zweifle nicht an ihrer Wahrheitsliebe, denn ich werde mich später selbst auf ihre Aussagen stützen müssen. Andererseits verstehe ich aber auch den Standpunkt des   V o r m u n d e s ,   der seine Aufgabe als Vermögensverwalter eines altpreußischen Offiziers zu lösen suchte und Einfachheit und Sparsamkeit zum Ziele hatte. Seine Ansicht, daß sich jeder jetzt einschränken müsse, ist mir besonders sympathisch. Der Vormundschaftsrichter, Amtsgerichtsrat   T h o m a s ,   ist ein Richter von anerkannter Pflichttreue, großem Willen und Unabhängigkeit sowie großem Takt, der sicher nach bestem Wissen und Gewissen als der mit den Verhältnissen Vertraute sich der Ansicht des Vormundes angeschlossen hat. Welche von den Parteien Recht hatte, will ich nicht entscheiden, aber es ist Tatsache, daß zwischen Fräulein Zahn und dem Vormund ein erbitterter Rechtsstreit bestand. Zwischen diesen Parteien gab es keine Verständigung.

 

Auf der anderen Seite stand der   P e r s o n e n k r e i s   v o n   I t z e h o e   u n d   O t t e n b ü t t e l .   Da ist zunächst die   F r a u   d e s   A n g e k l a g t e n ,   die verwitwete Schade. Sie war nicht die „edle Frau“, als die sie der Staatsanwalt hingestellt hat. Das Ehepaar Neugebauer hat erklärt, daß Frau Ecker und Frau Schade versucht haben, die kleine Ruth Reske, das Pflegekind der Frau Schade, um ihr Vermögen zu bringen, während der Angeklagte auf jedes Erziehungsgeld verzichtet und versucht hat, dem Kinde wenigstens einen Teil der geringen Habe zu retten. Sogar aus dem Gefängnis hat er der Ruth noch 5000 Mk. angewiesen. Man sagt, der Ruf der Frau Schade sei nicht gut gewesen. Ich will auf diese Gerüchte nichts geben, aber dann, meine Herren Geschworenen, dürfen Sie auch nicht auf die Gerüchte geben, die gegen den Angeklagten vorgebracht werden. Dann schildert der Verteidiger den

 

Charakter des Angeklagten

 

und schildert dessen Lebenslauf, aus dem hervorgeht, daß er doch das sonst immer als löblich anerkannte Streben hatte, durch eisernen Fleiß und fortgesetztes Lernen sich fortzubilden und aus den einfachen Verhältnissen, aus denen er stammte, emporzukommen. Die Ehe mit seiner Frau muß zunächst recht glücklich gewesen sein, später ist es dann zu Differenzen gekommen, an denen aber der Angeklagte nicht allein Schuld trägt. Zu den Kindern, die Frau Grupen mit in die Ehe brachte, ist der Angeklagte gut gewesen. Macht das ein Schurke, als welchen der Staatsanwalt den Angeklagten hinstellt, daß er jeden Abend mit den Kindern betet?

 

In nichtöffentlicher Sitzung

gibt der Verteidiger das   L i e b e s l e b e n   d e s   A n g e k l a g t e n   rücksichtslos preis. Er schildert die verschiedenen Verhältnisse, die der Angeklagte teilweise zu gleicher Zeit unterhielt, oder in einer Weise löste, die sich nicht beschönigen läßt. Er leuchtet in das Eheleben des Angeklagten hinein und führt Tatsachen an, die es ihm glaublich erscheinen lassen, daß die Frau an der Zerrüttung des Ehelebens die Schuld trug. Aber man könne nicht ohne weiteres die Schuld der Frau ablehnen und sie dem Angeklagten zuschieben. Der Angeklagte habe sich gewiß bei seinen vielfachen Beziehungen nicht einwandfrei benommen. Aber pervers sei er nicht. Im übrigen sei ein schwerwiegender Anlaß vorhanden, an der Zuverlässigkeit des als Sachverständiger vernommenen behandelnden Arztes zu zweifeln. Der Sachverständige muß sich, nach Annahme der anderen Sachverständigen und des Staatsanwalts in einem wichtigen Punkt geirrt haben. Hat er sich aber da geirrt, so sind auch andere Irrtümer möglich. Dann ergeben sich Rätsel, und die Geschworenen sind nicht dazu da, Rätsel zu raten. Er habe den Antrag auf mildernde Umstände nicht gestellt, weil die Verteidigung den Angeklagten für unschuldig halte.

 

Nach Wiederherstellung der Oeffentlichkeit setzte Justizrat   D r .   A b l a ß   sein Plaidoyer bei Lampenlicht - die elektrische Beleuchtung versagte plötzlich. - fort.

 

Der Staatsanwalt hat alles zusammengestellt, was ihm zur Ueberführung des Angeklagten dienlich erschien, ohne dabei die Zeitfolge innezuhalten. Ich habe mich in diesem Prozeß der Riesenaufgabe unterzogen, alle Tatsachen zeitlich richtig zusammenzustellen. Und als ich das getan hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und das, was von der Staatsanwaltschaft als schwerstes Belastungsmoment angeführt wird, erscheint als völlig untergeordneter Vorgang.

 

Grupens Bereitwilligkeit, dem Frl. Zahn Zuschüsse für Dörte zu zahlen, ist nur eine gewisse Wichtigtuerei. Wenn Frau Eckert ihrem Schwiegersohn Hypotheken abgetreten hat, ohne Gegenwert zu erhalten, so ist dies auf dem Lande ein nicht seltener Vorgang in allen den Fällen, wo alte Eltern von ihren Kindern mit Unterhalt und Wohnung bis zum Lebensende versorgt werden. Die Idee, daß Frau Grupen ein willenloses Werkzeug in der Hand des Angeklagten gewesen sei, ist eine Hypothese, die Geschworenen dürfen aber auf Hypothesen ihr Urteil nicht stützen. Die Staatsanwaltschaft hat es mit Recht unterlassen, gegen Grupen Anklage wegen des   V e r s c h w i n d e n s   s e i n e r   F r a u   zu erheben, denn sie sagft sich, wenn die Frau morgen auftaucht, bricht die Anklage in sich zusammen. Die Staatsanwaltschaft erkennt an, daß sie in diesem Punkte einen Beweis nicht führen kann, aber sie sagt sich, wenn wir Grupen die Schuld an dem Verschwinden seiner Frau auch nicht beweisen können, so wird er doch stark verdächtig erscheinen, und gelingt es uns, ihn stark verdächtig erscheinen zu lassen, so muß dies psychologisch wirken. Das ist aber etwas, wogegen ich kämpfe. Die Staatsanwaltschaft sagt, die Geschworenen brauchten sich mit Beweisen in der Angelegenheit der Frau Grupen nicht zu befassen. Aber ich frage, wenn man zu der Ueberzeugung kommt, daß der   G r o ß m u t t i - B r i e f   unter dem Einfluß des Angeklagten geschrieben ist, so können die Geschworenen auch annehmen, daß Frau Grupen ihre Abschiedsbriefe unter dem Einfluß ihres Mannes geschrieben hat. Der in der Toilette gefundene zerknüllte   E n t w u r f   d e s   A b s c h i e d s b r i e f e s   der Frau Grupen soll vom Angeklagten dorthin gelegt worden sein. Der Entwurf wurde gefunden, noch ehe die Frau fort war. Zu glauben, daß der Angeklagte das Papier wirklich dorthin gelegt hat, ist sinnlos; denn zweifellos hätte er es erst nach der Abreise seiner Frau fortgeworfen, weil durch das vorzeitige Auffinden des Zettels der Plan des Angeklagten vereitelt worden wäre. Es ist lediglich ein Zufall, daß trotz des baldigen Auffinden des Abschiedsbriefes die Auslandsreise der Frau Grupen nicht verhindert worden ist.

 

Alle acht Abschiedsbriefe der Frau Grupen sind streng individuell geschrieben, nicht einer gleicht dem anderen. Die Staatsanwaltschaft beruft sich für die Richtigkeit der Behauptung, daß die Briefe unter Grupens Einfluß zustande gekommen seien, aus das Gutachten der Sachverständigen. Ich habe vor den Sachverständigen den größten Respekt, aber die Wissenschaft, auf die sie ihre Gutachten stützen, ist wandelbar. Wie sieht es mit dem Gutachten der Sachverständigen für Suggestion aus, wenn der Angeklagte mit seiner Frau über das Verschwinden einig gewesen ist, wenn die Frau in Erkenntnis ihrer Schuld, in dem Vorsatz, ein neues Leben zu beginnen, mit dem Einverständnis des Mannes wirklich nach Amerika ausgewandert ist? Wo bleiben die Gutachten, wenn das, was sich an jenem Sonntag nachmittag in Itzehoe ereignete, der adäquate Entschluß eines freien Willens gewesen ist? Gegen den Angeklagten muß auch Dörtes Karte aus Berlin herhalten, die Fräulein Zahn bittet, bald nachzukommen, „sonst hänge ich mich“. Dörte ist damals in vergnügtester Stimmung gewesen; sie hat mit ihrer Freundin in Berlin Dressel und Kranzler besucht, sie hatte nicht die geringste Spur von verzweifelter Stimmung an den Tag gelegt. Warum hat sich der Angeklagte überhaupt in die Kleppelsdorfer Angelegenheit eingemischt? Ist es nicht möglich, daß er sich angesichts der Zwistigkeiten mit dem Vormund, angesichts der schlechten Wirtschaft auf dem Gute und der Geldknappheit der Erzieherin sagte, den mißlichen Verhältnissen macht am besten der Verkauf des Gutes ein Ende. Der Angeklagte war stark in Grundstücksgeschäften, und er hatte einen ungeheuer reichen Mann, den Maas, hinter sich. Er konnte also den Verkauf bewerkstelligen, ohne selber das Gut zu kaufen.

 

D r .   A b l a ß   geht nun ausführlich auf die

 

Ereignisse des 14. Februar

 

ein. Den Großmutti-Brief, der auch eine Grundlage der Anklage bildet, würde der Angeklagte nicht aus der Hand gegeben haben, er würde ihn behalten haben, um ihn im gegebenen Augenblick in die Tasche der Ursula zu praktizieren. Wir haben aber gehört, daß Ursula den Brief wiederholt der Mohr gegeben und wiederholt zurückverlangt hat. Unwahr ist die Behauptung, Ursula habe der Mohr den Brief gegeben mit den Worten: „Das ist eine   f r e u d i g e   Ueberraschung für Großmutter!“ Es ist erwiesen, daß Ursula nur gesagt hat: „Das ist eine   U e b e r r a s c h u n g ! „   Das „freudige“ ist eine Einschaltung der Anklage. Die Sachverständigen meinen, dieser Brief würde anders aussehen, wenn Ursula ihn als Selbstmörderin geschrieben hätte. Ich aber bin der Ansicht; ein Kind ist nicht fähig, wie ein Erwachsener seine Stimmung zu Papier zu bringen.

 

Der Verteidiger wendet sich mit ganz besonderer Entschiedenheit gegen die Behauptung der Staatsanwaltschaft, daß Grupen zurzeit der Tat   d a s   Z i m m e r   v e r l a s s e n   habe. Die Zeugnisse der kleinen Irma und der Frau Eckert erkennt der Verteidiger nicht an. Ihm kommt dabei der Gedanke, daß bei Irma eine Erinnerungstäuschung vorliegt infolge der suggestiven Experimente des Direktor Wrobel.

 

Aus den Einzelheiten beim Auffinden der Leichen wird zu Ungunsten des Angeklagten angeführt, er habe sich erst nach dreimaliger Aufforderung von Fräulein Zahn dazu verstanden, die tote Dörte aufs Bett zu legen. Eine Augen- und Ohrenzeugin hat nur   e i n e   Aufforderung gehört, ganz abgesehen davon, daß feststeht, daß der Angeklagte sich um die mit dem Tode ringende Ursula, sein Kind, bemüht hat.

 

Bezüglich der   P a t r o n e n h ü l s e n   gehört ein starker Glaube dazu, den Sachverständigen zu folgen in dem Urteil, daß die Hülsen nicht verschleppt worden sind. Die Hülsen sind unmöglich an der Stelle gefunden worden, wo sie hingefallen waren, denn die Hausbewohner und dann verschiedene andere Personen haben das kleine Zimmer betreten, ohne an die Hülsen zu denken.

 

Der Verteidiger tritt hierauf den Ausführungen des Staatsanwalts entgegen, daß der Täter aus Habsucht gehandelt habe. Grupen hätte nie der Erbe von Kleppelsdorf werden können, was er tatsächlich nicht geworden ist, obschon Dörte Rohrbeck nicht mehr lebt. Auch als Erbe der Frau Eckert wäre er niemals in Betracht gekommen.

 

Niemand wird glauben, daß es möglich ist, das Verbrechen in 59 Sekunden auszuführen. Gerade der Angeklagte hätte sich zweifellos gesagt: in einem Hause, wo ich bekannt bin, in einem Hause, wo ich jeden Augenblick jemand begegnen kann, wäre es hirnverbrannt, am hellen Tage eine solche Tat zu vollführen.

 

D r .   A b l a ß   schließt seine fünfeinhalbstündigen Ausführungen wie folgt: Glauben Sie mir, meine Herren Geschworenen, daß es mir nicht leicht fällt, eine   S e l b s t m o r d   d e r   k l e i n e n   U r s u l a   n i c h t   v o n   d e r   H a n d   z u   w e i s e n .   Für mich gibt es nur die Erklärung: das unglückliche Kind hat im Augenblick tiefster seelischer Depression - nicht im Irrsinn - den Entschluß gefaßt, aus dem Leben zu scheiden. Es war wohl nach den Umständen eine anormale Tat, die aber aus den anormalen Verhältnissen erklärt werden kann. Mir jedenfalls   f e h l e n   d i e   U n t e r l a g e n   d a f ü r ,   d a ß   d e r   A n g e k l a g t e   d i e   T a t   g e t a n   h a b e n   m u ß .   Wenn ich Ihnen, meine Herren Geschworenen, das Votum empfehle, die Schuldfrage wegen Mordes zu   v e r n e i n e n ,   so seien Sie dessen sicher, daß ich es nicht tue, um einen Triumph vor der Oeffentlichkeit zu erringen. Ich verachte die Oeffentlichkeit - das wissen Sie aus meiner Wirksamkeit. Ich habe hier ausgehalten wie ein Soldat auf treuer Wacht. Mag Ihr Urteil ausfallen, wie es wolle: ich verlasse diesen Saal hocherhobenen Hauptes. Ich weiß, daß mein Gewissen rein ist, daß ich nichts getan habe, dessen ich mich zu schämen brauche. Darum sehe ich Ihrem Urteil mit der Ruhe des gefestigten Mannes entgegen, der ruhig seinen Schlaf aufsuchen kann, denn er hat sich nichts vorzuwerfen. Im Schoße der Gerechtigkeit liegt das Schwert, in der Hand hält sie die Wage. Ich vertraue, daß die schwarzen Kugeln der Belastung im Sinne der Anklage die eine Wagschale emporschnellen lassen werden, daß aber die Schale mit den weißen Kugeln der Entlastung sich zugunsten des Angeklagten senken wird. Wenn aber beide Schalen gleichstehen sollten, dann haben Sie kein Recht, einen Schuldspruch zu fällen, noch weniger haben Sie das Recht, das Zünglein an der Wage zu dirigieren. Befreien Sie sich von allem, was in den letzten zwei Wochen von außen auf Sie eingestürmt ist. Lassen Sie nur Ihr Gewissen Ihren Richter sein, dann habe ich die Ueberzeugung: Sie haben keinen Fehlspruch getan, wenn Ihr Urteil lautet: